Donnerstag, 8. Oktober 2026

Oscar de Muriel "Die Schatten von Edinburgh"

Eigentlich könnte es Frey nicht noch schlechter treffen, auf Grund von "Personalstrukturen" verliert er seinen geliebten Job beim CID, gerade als Jack the Ripper sein Unwesen auf Londons Straße triebt. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm. Seine Verlobte verlässt ihn und dann wird er noch nach Edinburgh strafversetzt. Der Mord an einem Violinisten hält die Menschen in Atem und er soll dem dortigen Inspector zuarbeiten. Als Engländer einem Schotten zuarbeiten? Die Fronten sind schnell geklärt. 
Während die beiden versuchen, sich aneinander zu gewöhnen, nehmen die schlechten Nachrichten kein Ende und so riskieren die beiden schnell Kopf und Kragen und ihre Karriere, um den Mörder zu fassen zu kriegen.

Die Reihe um Frey und McGray ist bereits knapp zehn Jahre alt und man merkt es dem Stil an. Es fehlt das heute grundsätzlich Hektische, ohne das ein Krimi kaum mehr auszukommen scheint. Die beiden Protagonisten sind wirkliche Typen mit Ecken und Kanten und ihren eigenen Problemen, wie es Wallander vorgemacht hat.
Es ist eine Mischung aus Sherlock Holmes, Jack the Ripper und einer sehr starken eigenen Idee, die der Autor dezidiert verfolgt. Über viele Seiten erläutert er Einzelheiten über den Geigenbau, Musik und auch den historischen Kontext, sodass man als Leser komplett in die Szenerie eintauchen kann.
De Muriel hat eine wundervolle Erzählstimme und schafft es, dass die Figuren alle einzeln wirken und so eine Bandbreite an Typen neben den Protagonisten die Handlung vorantreiben.
Die Auflösung muss man allerdings mögen, auch wenn sie schlüssig ist. Ich persönlich mag diese Art von Enden nicht  so gerne, auch wenn sie so das größte Überraschungsmoment bieten.

4,5 von 5 Ermittlungen

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Kamome Shirahama "Atelier of Witch Hat 7"

Wer ist der Meister und vor allem, wer entscheidet, wer bei wem bleibt?
Quiffrey erwacht nach seinen schweren Verletzungen und sieht sich seinem alten Meister und seinem Freund gegenüber. Denn die beiden vermuten, dass Quiffrey gerade Coco nicht zum Besten anleiten will. Die Krempenhüte rücken mehr und mehr ins Geschehen, denn sie sind eng mit Quiffreys Vergangenheit verknüpft. Seine Brille wird zunehmend unerlässlich für ihn und so ist es ihm gar nicht recht, dass Orugio ihm mehr und mehr auf die Spur kommt. Cocos Entscheidung wird auch längst nicht von allen unterstützt ...

Missgunst und Skepsis sind die Weggefährten ein jeder Beziehung, doch in diesem Band zeigt gerade Quiffrey, was es bedeutet niemandem zu trauen. Es ist zeitweilig schwer zu ertragen, dass er so gar keinem im seinem Leben zu vertrauen scheint. Alles basiert auf Täuschung und Distanz, wodurch sich die Frage ergibt, was er für ein Lehrer und ob er in seiner Funktion gut sein kann.
Die zwischenmenschlichen Beziehung und auch das Gefühl von Ausnutzen stehen hier im Raum und zeigen den Lesern, dass auch Hexen und Magier manchmal mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie wir.
Ein trauriger Band, der ein wenig von Coco abschweift und die Personen um sie herum beleuchtet.

4 von 5 Ateliers

Dienstag, 6. Oktober 2026

Dennis Gastmann "Orientexpress"

Für viele ist Reisen ein ganz besonderes Lebensgefühl.
Man trifft fremde Länder, andere Kulturen und im ersten Augenblick merkwürdige Sitten.
Der Journalist Dennis Gastmann ist die Strecke des berühmten Orientexpresses gefahren. Von Deutschland bis nach Istanbul, mit ein, zwei kleinen Umwegen.
Im Zentrum steht hierbei nicht der Zug ansich sondern vielmehr das Gefühl "Unterwegs zu sein". Er besucht die Pariser Fashion Week, trifft in Venedig die deutsche Delegation und sucht sich meist eigenwillige Airbnbs heraus, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Was mal besser und mal schlechter gelingt.
Auf dreihundert Seiten lernen wir Land und Leute kennen, blicken auf Grenzen und Gemeinsamkeiten, was der Autor immer informativ und manchmal auch witzig verpackt. Er spart dabei aber auch nicht an Missgeschicken, denn eine Reise verläuft selten ohne und zeigt, wie er als Journalist die Welt sieht. 
Seine Reise ist eine Bestandsaufnahme des heutigen Europas, welches sich sehr von dem Agatha Christies unterscheidet. Hier und da zieht er Vergleiche, zum Reisen in der damaligen Zeit ansich und im Besonderen bei den kulturellen Unterschieden. 
Seinen Anekdoten von der Reise zu lauschen, ist wie ein kleiner Urlaub, den man nicht selber plant, wobei, so heißt es auch mehrfach in dem Buch, man kann keine Reise planen, es geschieht immer etwas, womit man nicht rechnet.

4 von 5 Zügen

Mittwoch, 30. September 2026

Kai Focke "Das kleine Fantastik-Panoptikum"


Es war einmal eine kleine Kurzgeschichte. Die fühlte sich in der Welt der Romane ganz allein. So viele Zeichen schwirrten um sie herum, dass sie sich kaum durchsetzen konnte. Doch ihr Inhalt hatte Gewicht. Ein Autor fand sie und gab ihr in seinem Panoptikum ein Zuhause. Umgeben von vielen anderen Geschichten, die sich oftmals als Schmunzelphantastik bezeichnen, wurde sie auf dem großen Büchermarkt losgelassen und freut sich jetzt auf ihre Leser.


Die Kurzgeschichte fristet in Deutschland immer noch ein Schattendasein. Es wird gesagt, die Menschen wollen in Welten eintauchen und sich dorrt eine Zeitlang trieben lassen. Nichts, bis auf die Länge, was eine Kurzgeschichte nicht bieten kann.
Zudem ist sie universell einsetzbar, was den Leser des Panoptikums auffallen dürfte.

Dieser Sammelband entsteht aus den Miniaturen der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar. So vielfältig die Themen waren, so vielseitig sind die Genres und Geschichten.
In den kurzen und knackigen Erzählungen des Sammelbands treffen wir auf Genres wie Science Fiction, Märchen und Schmunzelphantastik.

Und wo verschiedene Genres aufeinander treffen, tummeln sich auch zahlreiche Kreaturen. Menschen, die man vermeintlich im Alltag treffen könnte, und Wesen, denen man nicht einmal im Mondschein begegnen will.

Doch alle Geschichten haben eins gemeinsam: Sie sind alle unterhaltsam. Nicht eine Erzählungen möchte man überspringen, nicht ein Wort auslassen, denn der Autor schafft es, die Worte dicht zu setzen. Keins ist zu viel und nicht eins ist zu wenig.

Wer Kai Focke bereits kennt, weiß um seine Fähigkeiten. Neben seinem ausgeprägten Humor, seiner Liebe fürs Detail und Genauigkeit im Aufbau von Geschichten, ist seine Paradedisziplin die Pointe. Selten habe ich von einem Autor so viele kurze Texte gelesen, bei denen nahezu jede Pointe sitzt. Dabei ist sie mal humorvoll, mal ernst, mal hintersinnig und auch mal nachdenklich. All diese Kunstfertigkeiten setzt er ein, um seine eigenen Erzählungen erstrahlen zu lassen.

Zudem hat er zu jedem Genre kleine Einleitung verfasst, die die Charakteristika und Schreibtechniken des jeweiligen beleuchten.

Eine Sammlung, die auf jeden Nachttisch gehört! Aber Vorsicht: Niemals das Buch unbeaufsichtigt lassen, sonst hat die Wohnung im Anschluss mehr Mitbewohner, wenn die Wesen aus dem Buch in die Realität schlüpfen.

5 von 5 Schmunzelkeksen


P.S.: Und schon gar nicht Kreide herumliegen lassen!

Dienstag, 29. September 2026

Emma Zecka "Die Chroniken von All Hallows Village - Der Aufbruch"

Eine Hexe, eine Fledermaus, ein Geist und ein Skelett dürfen nicht mehr an ihren Wohnorten bleiben und müssen in einunddreißig Tagen ein neues Zuhause finden. Wie und wo sie es finden, wissen sie nicht und auch nicht, ob sie die Suche gemeinsam bestreiten sollen.
Denn die Wesen sind sich untereinander nicht grün und obwohl man anfangs eine gewisse Logik in der gemeinsamen Wanderung sieht, ist es doch so, dass die Differenzen zu groß scheinen, um sie zu überwinden.

Wann begegnet man anderen, denen man vertrauen kann oder muss?
Wie geht man Kompromisse ein?
Wie legt man seine Vorurteile beiseite?
Wie kann man mit anderen wachsen?

In der Geschichte, in der um es die Suche nach einem neuen Zuhause geht, spielt noch viel mehr eine große Rolle. Unterschiedliche Lebewesen müssen miteinander klar kommen, mutig sein und Vertrauen entwickeln. Alles Werte, die die Autorin kindgerecht in einer spannenden Geschichte zusammenführt. Die zahlreichen Perspektivwechsel ermöglichen es dem Leser, sich in die einzelnen Figuren hineinzuversetzen und die unterschiedlichen Blickwinkel einer Situation zu betrachten.
Ein spannendes Buch für Kinder ab zwölf Jahren über Freundschaft und Halloween. Die Altersangabe ist in meinen Augen angemessen, wenn das Kind schon viel gelesen hat; die zahlreichen Perspektivwechsel entfalten erst dann die gewünschte Wirkung.

4 von 5 Kürbissen

Montag, 28. September 2026

Julia C. Werner "Wie eine Welle im Sand"

Eigentlich wollte Pauline im Winter auf einer Finca auf Mallorca entspannen. Die letzten Jahre waren furchtbar und haben sie in ihrer Meinung bestätigt, dass sich niemand für sie interessiert. Da kommt es nicht von ungefähr, dass ihre Freundin ihr rät, sich auf der Insel neu zu erfinden.
Als ob das Schicksal den Wink verstanden hat, steht schon einige Tage später ein Mann am Strand und verwickelt Pauline in ein Gespräch. Zwischen Yoga-Übungen, Shoppingtouren und Abenden vor dem Kamin versucht Pauline jemand zu werden, der sie gar nicht ist.

Was als leichte Unterhaltung beginnt, entwickelt sich schnell zu einer tiefgründigeren Geschichte.
Wann muss man funktionieren?
Wie viel muss man aushalten?
Wie entscheidet man, was richtig für einen ist?

Neben den Yoga-Übungen spielen auch Mantras eine zentrale Rolle. Kann man seine Einstellung zum Leben ändern und was muss die Umgebung leisten, damit der Wechsel gelingt?
Probleme pflastern in diesem Roman das Leben der Protagonisten und der Nebenfiguren und zeigen auf, dass jeder mit seinem Schmerz allein ist, aber auch, dass niemandem etwas in den Schoß fällt.
Der Wechsel von Trauer und Missmut hin zu Glück und Zufriedenheit ist ein steiniger Weg, der nur mit langem Atem beschritten werden kann.
Anhand zahlreicher Beispiele zeigt das Buch, dass man jede Handlung eines Menschen missverstehen kann, wenn man sich nicht über seine Beweggründe im Klaren ist.

4 von 5 Geheimnissen

Freitag, 25. September 2026

Edmund Crispin "Heiliger Bimbam"

Tolnbridge, ein kleines verschlafenes Dorf in England, sollte dem Oxfordprofessor Gervase Fen als Urlaubsort dienen. Doch es kommt anders.
Der Organist wird ermordet und spontan beschließt Fen einen Freund von sich einzuladen, dass er diesen ebenso in Gefahr bringt, weiß Fen zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Denn während sich alle um den toten Organisten bemühen, stirbt ein weiterer Mensch. Ob dies das Ende war?

Eigentlich mag ich englische Krimiklassiker, aber zumindest dieser Band war so gar nicht my cup of tea.
Die eingestreuten Literaturtipps, die damals noch mehr Lesern bekannt waren als heute, sind noch nette Ideen gewesen, die anderen sind teilweise fragwürdig.

Erschienen ist das Buch erstmalig 1945, was sehr deutlich in der Beziehung zwischen Engländern und Deutschen dargestellt wird. Hier ist vieles schwarz und weiß und der Hass dominiert die Logik. Es nimmt viel von der Dynamik des Krimis, weil viel Energie auf diesen Disput gelegt wird.
Daneben nehmen Hexenkult und Beschwörungen viel Raum ein, als Stilmittel sicherlich gut gewählt, aber ebenso überlagern diese Darstellungen den eigentlichen Fall.

Als Zeitdokument gesehen ist es ein Krimi, in dem viel Politisches reinspielt, doch die vermeintliche Aufzählungen anderer großer Krimiautoren zu Beginn lässt einen ganz anderen Fall erwarten.

3 von 5 Ermittlungen

Donnerstag, 24. September 2026

Autoreninterview Anette Schaumlöffel

Hallo zusammen,
heute stelle ich euch eine Autorin vor, die sich der Utopie verschrieben hat. 


Wie bist zum Schreiben gekommen?
Ich habe schon als kleines Kind Bücher geliebt und wahnsinnig gern gelesen. Da ergab es sich von selbst, das ich mir selber Geschichten ausgedacht und aufgeschrieben habe. In der Mittel- und Oberstufe waren das kurze Geschichten, Gedichte, manchmal komödiantische Dialoge.
Als ich im Studium dann erlebt habe, wie mein damaliger Freund einen Roman geschrieben hat, dachte ich: Wenn der das kann, dann schaffe ich das auch. Und so habe ich mit meinem ersten Fantasy-Roman parallel zu meinem Einstieg in die Arbeitswelt begonnen.
Mein Geld verdiene ich übrigens tatsächlich mit Schreiben, aber das sind dann Sachtexte:
Gebrauchsanleitungen, Handbücher, bei meinem aktuellen Arbeitgeber auch Texte für UI (Software-Texte) und Marketing.
Mein erster Roman ist 2004 unter dem Titel „Die vergessenen Götter“ bei Blanvalet erschienen. Leider mit einem wirklich kitschigen Cover und mit Null Werbung für mich als unbekannte Autorin. Also kein wirklicher Erfolg. Und da ich keine Fortsetzung schreiben wollte und mein zweiter Roman nach Jahren des Schreibens und Umschreibens ein eher seltsames Buch wurde, konnte ich an meinen ersten Verlagsvertrag nicht anknüpfen. Aber das Schreiben von Romanen hat es mir seither angetan und ich habe nicht mehr damit aufgehört.

Bist du eher Team Utopie oder Dystopie? Was sind deine Gedanken zu den beiden Genres?
Inzwischen bin ich voll Team Utopie. Die Dystopien haben viel dazu beigetragen, dass wir die Gefahren sehen können, die auf uns zukommen. Sie haben nur leider nicht dazu geführt, dass wir uns wirksam dagegen zusammenschließen und wehren. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Die vielzitierten TechBros haben sich aus den Dystopien den Teil herausgepickt, vor dem die Schreibenden warnen wollten. Als ich vor Kurzem „1984“ von Orwell gelesen habe, ist mir klar geworden, dass Musk sich seinen Grok und vor allem das Grokipedia genau da abgeschaut hat: Beim Ministerium für Wahrheit, wo man die historischen Fakten einfach so lange umschreibt, bis es keine Quelle mehr gibt, mit der man das Gegenteil beweisen könnte. Von der vielfältigen Überwachung und Kunstproduktion der
KI mal ganz abgesehen.
Ich führe einen Großteil der Passivität und Teilnahmslosigkeit der Menschen in unserer aktuellen Welt darauf zurück, dass uns Ideen fehlen, wie es besser sein könnte. Dafür könnten Utopien sorgen. Wir scheinen ganz vergessen zu haben, dass die Welt eben nicht „schon immer“ so war. Jedes der Prinzipien und Systeme, in denen wir leben, hat sich jemand überlegt und dann sind andere gefolgt. Bis es sich so etabliert hat, dass man den Kindern beigebracht hat, dass so ein Leben auszusehen hat. Dabei ist uns das Wissen verlorengegangen, dass wir uns auch etwas anderes ausdenken können. Und sogar sollten, wenn die aktuellen Ideen uns wie jetzt in die falsche Richtung führen.
Am liebsten möchte ich Utopien schreiben, die den Lesenden mit ihrer Andersartigkeit Lust machen, sich für etwas Gutes und Schönes einzusetzen. Wenn ich mir nur anschaue, wie oft die Idee, Deutschland könne einen erheblichen Anteil seines Energiebedarfs durch Solar- und Windenergie decken, als utopische Spinnerei abgetan worden ist! Und trotzdem haben Menschen daran festgehalten. Genau diese Energie brauchen wir an allen Ecken und Enden.
Und an diesem Beispiel sehen wir auch, dass die Entmutigung guter Ideen oft aus verstecktem Eigeninteresse stammt. Also mehr träumen und mehr ausprobieren, anstatt auf die Unkenrufe zu hören.

Und was fasziniert dich an der Phantastik im Allgemeinen?
Die Phantastik ist eine großartige Spielwiese für Themen aller Art. Ehrlich gesagt finde ich viele Bücher der sogenannten „guten“ Literatur langweilig. Außerdem sind die Geschichten, die darin erzählt werden, oft bedrückend und fokussieren sich auf die Probleme und die tragischen Seiten der menschlichen Existenz. Obwohl das vielleicht nur ein Vorurteil ist: Ich lese nur „gute Bücher“, wenn ich dazu gezwungen werde.
Phantastische Geschichten können die erzählte Welt genau so anpassen, das darin eine Geschichte erzählt werden kann, die ein spezielles Thema besonders gut herausstellt. Schau dir Becky Chambers an, die in ihrem „Langen Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ so viele unterschiedliche Biologien, Kulturen und Lebensarten auffächert, die alle gelernt haben, gut miteinander auszukommen oder den „Planet der Habenichtse“, wo Ursula K. Le Guin erlebbar durchspielt, wie sich eine Gesellschaft ohne Hierarchie für eine Person anfühlt, die darin aufwächst. Und auch, wie sonderbar aus dieser Perspektive eine auf Hierarchie, Besitz und Konsum aufgebaute Gesellschaft wie unsere wirken muss.
Außerdem liebe ich es, dass ich in der Phantastik Abenteuer erleben kann, seltsame Wesen kennenlernen, neue Gedanken denken, das Unbekannte erforschen, das Bekannte neu werten. Es liegt eine fröhliche Freiheit darin, sich einfach was ausdenken zu können.
Das hat bestimmt auch was mit unserem Geschichtenerzähler-Erbe zu tun: In Kulturen, die Schrift nicht zur Wissensvermittlung verwenden, dienen Stories dazu, oft sehr spezifisches Wissen zu speichern. Dazu müssen die Geschichten spannend sein, grotesk, übertrieben, besonders, denn dann merkt man sie sich besser. Schon die Sagas der alten Wikinger waren mehr Fantasygeschichten als Tatsachenberichte, wie ja auch die homerischen Stoffe und die Epen um König Artur.

Woher nimmst du die Ideen für deine Texte?
Aus Themen, die mich beschäftigen. In der letzten Zeit sind das Probleme, denen wir als Menschheit gegenüber stehen, allen voran die Klimakrise. Aber auch Fragen wie: Was ist unser Wesen? Wie können wir ein besseres Leben schaffen? Wie verhindern wir, dass die  Falschen an die Macht kommen (oder wie kriegen wir sie da weg, falls sie schon da sind)? Da arbeitet dann meine Fantasie, um Auswege und Lösungen zu finden und daraus entsteht dann eine Geschichte. Ich bin sehr breit interessiert und darum gibt es immer wieder Einsprengsel, in denen sich Informationen und Ideen wiederfinden, die aus Büchern kommen, die ich gelesen habe, oder auch nur von Schnipseln aus Social Media.

Warum beschäftigst du dich mit Anthropologie?
Ich bin in den 80er-Jahren aufgewachsen, einer Zeit, in der (in der westlichen Welt) der Egoismus des Menschen als Selbstverständlichkeit galt. Damit wollte ich mich nicht abfinden. Seither bin ich auf der Suche nach Informationen über „die Natur des Menschen“, falls es so etwas gibt. Zuerst habe ich viel über andere Tiere gelesen, da ging es oft um die evolutionäre Entwicklung von Empathie und Kooperation. Schließlich bin ich über irgendeine Fußnote (bei Sachbüchern, die ich gut finde, schaue ich gern zum Schluss noch das Literaturverzeichnis durch, da gibt es die besten Tipps zum Weiterlesen!) bei dem ersten spannenden Buch über ein anthropologisches Thema gelandet.
Inzwischen tröstet mich das Wissen, dass unser aktuelles Menschenbild auf einer Reihe von Missverständnissen und Verzerrungen beruht. Das hilft so erstmal nicht viel, weil es dennoch unsere Gesellschaft prägt, wenn uns immer wieder erzählt wird, dass wir egoistisch und im Kern gewalttätig sind und uns nicht zu trauen ist. Aber ich weiß inzwischen aus vielen Quellen, dass wir uns nur so weit ausbreiten konnten, weil wir Superspezialisten in Kooperation, Empathie und Anpassungsfähigkeit sind. Menschen haben in vielen, sehr unterschiedlichen Umständen gelebt und das zeigt doch auch, dass wir ungute Systeme auch verändern oder verlassen und uns was Besseres aufbauen könnten. Es entsetzt mich immer zu sehen, wie viele Menschen denken, es wäre „schon immer so gewesen“ wie in der Zeit, in der sie aufgewachsen sind. Das tötet jede Fantasie für die Auswege, die wir dringend brauchen.

Welche Texte liegen zur Zeit neben deinem Bett?
Ich fahre nächste Woche nach Halle, um mir die berühmte Schamanin von Bad Dürrenberg dort anzusehen, darum habe ich das Buch von Meller und Michel über sie angefangen. Mit meinem Bookclub lesen wir „Bitches, Witches und It-Girls“. Eine Freundin und ich haben uns verabredet, den „Neuromancer“ zu lesen, den habe ich aber noch nicht angefangen. Dann bin ich etwa in der Hälfte von „In Praise of Floods“ von James C. Scott, der ein sehr origineller und fächerübergreifender Denker war. Leider ist er letztes Jahr gestorben und dies ist sein letztes Buch. Auf den Kopfhörern habe ich jetzt (leider schon) den fünften Band von Terry Pratchetts Reihe über Tiffany Aching.

An welcher Geschichte arbeitest du aktuell?
Der Arbeitstitel ist „Asche steht für Anfang“ und das Thema hat mich aus einem Social- Media-Post angefallen. Das war eine Grafik, in der dargestellt war, dass 52 Prozent aller bebauten Fläche nur dazu dienen, die Tiere zu mästen, deren Fleisch wir essen. Da ich schon länger vorhabe, mal eine lupenreine Solarpunk-Geschichte zu schreiben (in der die Welt vorher nicht komplett vor die Hunde geht), habe ich dann darüber nachgedacht, was man mit all der Fläche anderes anstellen könnte. Und jetzt bin ich dabei, dazu eine möglichst spannende und unterhaltsame Near-Future Science Fiction-Geschichte zu schreiben.


Wer neugierig ist, kann hier mehr über Anette Schaumlöffel erfahren:

instagram.com/anetteschaumloeffel
anetteschaumloeffel.de

Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.

Julian Hannes Jarow "Der Mensch ist böse"

Liest man einen Krimi und klappt danach das Buch zu, ist man oftmals froh, dass es sich bei dem Text um Fiktion handelt.
Doch was passiert, wenn man ein Buch liest, dass sich mit wahren Verbrechen befasst?
True Crime ist heute in aller Munde, doch dieses Buch ist schon so lange auf dem Buchmarkt, dass es der Pionier dieses Genres sein könnte.
Der Autor, ein damaliger Youtube-Star, hat sich mit Verbrechen beschäftigt, die zum Teil bis zum Erscheinungsdatum des Buches nicht geklärt waren.
Er greift bekannte Fälle, wie den Entführungsfall um Maddie auf, aber auch den Ausbruch von Alcatraz schildert er in seinen dreizehn Fälle.
Entführung, Mord, Flucht, er hat sich der ganzen Bandbreite an Verbrechen bedient und zeigt, unterstützt von einem Profiler, wie Menschen ticken können, wenn sie so handeln.
Drohbriefe, ein Schiff dessen Besatzung verstorben ist oder gar ein Rächer, der es nur auf Verbrecher abgesehen hat, reihen sich in seine Darstellungen ein.

In einer ruhigen Sprache, die jedes reißerische Wort vermissen lässt, berichtet der Autor über die Fälle, stellt die Fakten zusammen und fügt etwaige Vermutungen hinzu. Zum Schluss rundet er den Beitrag durch sein individuelles Fazit ab.
Zu jedem Fall schreibt er eine thematische Zusammenfassung, die die Eckpunkte der jeweiligen Verbrechensart umfasst, um dem Leser einen Überblick zu verschaffen.

Das Buch liest sich anders als ein Krimi, da man weiß, dass es sich um echte Fälle handelt. Hier und da blitzt beim Autor die Empathie durch, gerade wenn es um die Verwandten der Opfer geht.
Man kann und will oftmals nicht glauben, dass Menschen zu so etwas fähig sind und gleichzeitig ist es interessant zu lesen, wozu die Psyche des Menschen fähig ist.

Ein Buch über die Hintergründe zu dem wohl beliebtesten Genre der Literatur.

4,5 von 5 Verbrechen

Montag, 21. September 2026

Catherina Lowell "Die Kapitel meines Herzens"

Samantha Whipple hat es nicht leicht. Als letzte Nachfahrin einer Autorinnenfamilie ist sie mit wenig Talent, dafür aber mit einer begnadeten Sturheit gesegnet. Frisch aus den USA in Oxford eingetroffen, will sie nach dem Tod ihres Vaters eins: Literatur studieren. Denn was er ihr über die Charlotte, Emily und Anne erzählt hat, kann noch nicht alles gewesen sein. Während sie sich langsam an ihren Tutor gewöhnt, tauchen Bücher aus der Bibliothek ihres Vaters auf, die allerdings vollständig verbrannt sein soll.
Immer häufiger stellt sie sich die Frage, wen kannte sie in ihrem Leben wirklich und was ist ihr eigentliches Erbe?

Verschiedene Zeitebenen, Textanalysen und zahlreiche Konflikte begegnen dem Leser auf 350 Seiten. Während die Geschichte um Sam recht schnell ersichtlich ist, bemüht sich die Autorin viel über die Bronte-Schwestern in dem Buch zu verarbeiten. Was schnell deutlich wird, ist die Tatsache, dass eine historische Einordnung fehlt. Gerade bei historischen Bücher ist es wichtig, dem Leser an die Hand zu geben, was wahr ist und was bei der Erstellung des Buches erdacht oder zurecht gebogen wurde. Das fehlt hier völlig und mindert sehr das Lesen, man weiß nicht, ob man den gelesenen Tatsachen trauen darf und jedes Detail will man auch nicht nachschlagen.

Gelungen finde ich die Einbettung der Thematik in ein Literaturstudium und auch die Beschreibung von Oxford und das dortige Regelwerk. Gerade dieses stützt die Protagonistin, die viele Jahre von ihrem Vater selbst unterrichtet wurde.

Viele Figuren bleiben blasser als es sein müsste und ein paar weitere Anekdoten aus der Uni hätten den Plot aufgewertet.

Ein Buch, das verdeutlicht, welche Last die folgenden Generationen der Literaten tragen.

3,5 von 5 Tagebüchern

Donnerstag, 17. September 2026

Kamome Shirahama "Atelier of Witch Hat 6"

Schwer verletzt und auch in ihrer Einstellung getrübt werden Quiffrey und seine Schülerinnen vor das Hexenauditorium zitiert. Doch Quiffrey hat im Kampf zu sehr gelitten, als dass er seine Schützlinge begleiten kann. Er wird ins Krankenhaus gebracht und die Mädchen müssen selbst versuchen, sich vor den drei Weisen und im Besonderen vor Beldaruth zu beweisen. Denn die letzte Prüfung hat nicht so geendet, wie es für die Ausbildung vorgesehen war. Doch wie kommen die vier Mädchen ohne Quiffrey zurecht? Es ist an der Zeit zusammenzurücken und Vorurteile beiseite zu legen, doch gerade auf dem Grund des Meeres werden alte Stimmen und Vorwürfe laut.

Nach der Action des fünften Bandes ist der sechste ein bisschen ruhiger angelegt. Die Verlagerung der Geschichte auf den Grund des Meeres bietet unheimlich viel für die Augen und lässt Bilder für sich sprechen. Man sollte meinen, dass die schwarz-weißen Zeichnungen dem Meer nicht gerecht werden, doch im Gegenteil. Gerade die Reduktion auf schwarz und weiß lässt in meinen Augen die Welt umso mehr auferstehen, da man sich auf die Details konzentriert. Man verfolgt die Linienführung, man schätzt die Kleinigkeiten und genießt die Darstellung.
Es gilt die nächste Aufgabe mit Bedacht und Kreativität zu bestehen und das merkt man dem Band an. Eine eher ruhige Episode, die aber trotzdem Fragen aufwirft und die Gesamthandlung sachte vorantreibt. 

4,5 von 5 Ateliers

Dienstag, 15. September 2026

Frida Matthes "Vom Glück und den Tagen dazwischen"

Emmi ist es leid.
Nachdem ihr letztes Date telefonisch nicht erreichbar ist, beschließt sie den Männern abzuschwören. Endgültig.
Ein für alle Mal.
Nichts als Ärger hatte sie mit den Männer und auch den Frauen in ihrer Umgebung geht es nicht besser. Von ihrer Vermieterin stirbt unerwartet der Mann und in seinen Unterlagen findet sich ein Kaufvertrag für ein Haus in Frankreich und ein Dauerauftrag an eine fremde Frau. Zusammen mit den beiden Freundinnen ihrer Vermieterin macht sich Emmi nach Frankreich auf, um das Rätsel zu lösen.
Dabei ahnt sie noch nicht, dass ihre statistischen Erhebungen zu den Männern einen entscheidenden Riss bekommen werden.

Das Buch ist wie ein Kaffeeklatsch. Jede der Frauen hat ihre ganz eigenen Probleme mit Männern und es sind auch nicht wenige. Auch untereinander kommt es zu Streitereien, wobei sich zeigt, dass Missverständnisse niemals gut sind.

Gerade die Autofahrt nach Frankreich führt dem Leser vor Augen, dass das Leben nicht selten ein Kompromiss ist. Wenn man immer seinen eigenen Kopf durchsetzen will, ist man schnell allein, so rücksichtsvoll andere auch sein können.

Im Zentrum des Buches stehen Verlust, Angst und der Wunsch aufzugeben. Was sich im ersten Moment traurig anhört, ist es letztlich aber nicht. Gerade durch die Gespräche der Frauen untereinander, eröffnen sich jede neue Ideen und auch der Wunsch, Dinge zu verändern. Natürlich hier mit Happy End.
Angereicht wird das Buch noch mit ein wenig Geschichte zum D-Day, welche in einer Schlüsselszene auch für die Frauen noch von Gewicht ist.

Ein Buch über das Zwischenmenschliche. Leicht und doch nachdenklich stimmend.


4 von 5 Reisen  

Montag, 14. September 2026

Anna Moretti "Effi liest"

Effi gilt als schwierig. Allerdings heißt das in den 1840er Jahren in Deutschland nicht viel. Anstelle im Mädchenpension zu lernen, wie man sich als zukünftige Ehefrau zu verhalten hat, ist sie immer in der Nähe, wenn es Unruhe gibt. So ist das Maß voll, als sie am Fluss ein "gefährliches" Buch findet und bestreitet, etwas damit zu tun zu haben.
Kurzerhand fliegt sie aus dem Pensionat und so ist es an ihrem Vater und ihrer Tante, sie für die Gesellschaft zu formen. Was allerdings kein leichtes Unterfangen ist. Schon auf der Zugfahrt nach Hause unterhält sie sich mit einem jungen Arzt darüber, ob Männer und Frauen sich das gleiche Wissen aneignen dürfen, denn das besagte "gefährliche" Buch lässt Effi nicht mehr los.

Man mag es kaum glauben, dass die Grundlage dieser Geschichte erst gute einhundertsiebzig Jahre her ist. Wie die Autorin im Nachwort erläutert sind mehrere Personen (z.B. Sigmund Freud) historisch und die Grundidee ist nahe dem, wie Frauen zu dieser Zeit gesehen wurden. Sie sollten lediglich Ehefrauen sein und alleinstehende Frauen, wie die erste Bibliothekarin, wurden argwöhnisch beäugt. Hysterie war das Wort und der vermeintliche Gemütszustand der Frau zu dieser Zeit. Dazu das Hin und Her, die Missverständnisse durch die aufstrebende Medizin, all das schlägt sich in diesem Roman nieder.

Der Roman lässt sich trotz des zuweilen schwierigen Hintergrunds flüssig lesen und man fiebert sowohl mit Effi als auch mit dem jungen Arzt Max mit. Dessen Briefe an seinen Bruder zeigen wunderschön seine Gedanken und später auch seine aufkommenden Zweifel. 

Lediglich die Figur des Vaters bleibt ein wenig blass, doch seine Aufgeschlossenheit zur Bildung seiner Tochter macht ihn sehr sympathisch.

In meinen Augen ist es ein gutes Werk, um sich mit dem Thema Bildung, Medizin und Frauen in der Gesellschaft zu beschäftigen.

5 von 5 Büchern

Samstag, 12. September 2026

Sophie Stein "Der neunte Kreis"

Ond ist straffällig geworden. Doch in der Zukunft geht man nicht mehr ins Gefängnis, sondern man wird therapiert. Eine Stunde. Dann ist man resozialisiert. So heißt es. Was Ond und Vasu danach blüht, gleicht einem Höllentrip, denn mit einer Stunde ist es nicht getan.
Erinnerungen, Bilder, Handlungen, alles ist überlagert. Alles ist verschwommen. Was ist real? Was ist die Hölle?

Das Buch in einem Beitrag zusammenzufassen ist äußerst schwer. Durch die verschiedenen Ebenen, die mal ernst, mal tragisch, aber auch mal lustig, dann aber auch unheimlich verstörend wirken, wird man als Leser wie bei einer Achterbahn immer wieder durchgeschüttelt. Glaubt man, den roten Faden gefunden zu haben, wechselt die Szenerie und man muss sich neu orientieren und das fällt zunehmend schwerer.
Erzählstränge wechseln sich mit Briefen und Tagebucheinträgen ab und der Vergleich mit Dantes "Göttlicher Komödie" wird immer verständlicher.
Ironie, Sarkasmus, Kritik und Zukunftsvisionen, das alles findet man auf gut dreihundert Seiten, wenn man nicht zu zart besaitet ist. Denn das Buch fordert, den Geist, das Verständnis und auch die Anpassungsfähigkeit beim Denken. Nie ist man sicher, nie ist der Weg gradlinig.
Die Autorin schüttelt den Geist des Lesers kräftig durch und regt ihn zum Denken an.
Wie kann die Zukunft aussehen?
Wie gehen wir damit um?
Was passiert mit Menschen, die anders denken?
Sie wirft sehr viele Fragen auf, auch wenn mir die Umsetzung an vielen Stellen zu heftig ist.
Aber vielleicht braucht es gerade intensive Bilder, um den Geist zu schärfen? Vielleicht braucht es den berühmten Finger auf der Wunde, um gehört zu werden.

Sicherlich ist es kein Buch, was man nebenbei liest und auch kein Buch für jeden. Doch wer sich mit Ideen auseinandersetzen will, sollte dieses Buch zur Hand nehmen, so verstörend es zuweilen auch ist.

3,5 von 5 Kreisen

Donnerstag, 10. September 2026

Sarah Fischer "Zeilen ans Meer"

Kann ein Abschied auch ein Anfang sein?
Lenas Work & Travel-Jahr in Australien neigt sich dem Ende, als sie eine Flaschenpost schreibt und ins Meer wirft. Sie kehrt nach Deutschland zurück, beginnt ein Erwachsenenleben abseits ihrer Träume und findet sich schnell in einem Alltag wieder, der so gar nichts mit ihren Wünschen zu tun hat.

Jahre nachdem die Flasche im Meer gelandet ist, schreibt ihr der australische Surfer Sam zurück. Was erst ein kultureller Austausch ist, wird schnell mehr und es steht die Frage im Raum, kann man Gefühle für jemanden entwickeln, den man noch nie gesehen hat?

Briefromane gelten seit Dracula als schwer zu lesen, manchmal auch als eintönig und fad. Es fehle an Handlung, es fehle an Emotionen, es fehle an vielem, was "Show don't tell" ausmacht.

Die Autorin hat sich trotzdem für einen Briefroman entschieden, um der Hektik der heutigen Zeit zu entfliehen. Mal eben schnell eine random Info teilen, die in fünf Minuten schon wieder unwichtig ist.
Auf die Briefe muss man warten, man muss sich mehr Zeit nehmen, um sie zu schreiben. Gerade zu Beginn, wenn die beiden sich kennenlernen, werden Briefe bewusst nicht nur am Schreibtisch geschrieben, sondern an schönen Plätzen, welche auch schriftlich festgehalten werden.
Man wandert durch die Briefe am australischen Meer, man flaniert durch München. Es sind gerade diese Anfangssequenzen, die die Starrheit des Briefromans auflösen.
Doch je länger der Briefwechsel andauert, desto emotionaler wird er. Eine Krankheit hier, ein Unfall dort, die Schulter zum Anlehnen ist nicht da.

Und dauernd schwelt die Eifersucht.

Ein Buch, das zeigt, wie schwer eine Fernbeziehung sein kann und was sie alles kostet.

5 von 5 Briefen

Dienstag, 8. September 2026

Richard Mayer "Online. Vernetzt. Gläsern"

Robert ist dreizehn und seine Eltern lassen sich scheiden. Als ob das nicht genug ist, verlangt sein Vater zudem, dass seine Mutter die gemeinsame Wohnung verlässt und Robert bei ihm bleiben soll.
Aus Wut oder auch Verzweiflung beginnt Robert ein Online-Tagebuch. Schnell entwickeln sich daraus auch Gespräche mit anderen, u.a. einer Psychologie-Studentin. Immer wieder betont Robert, wie ungerecht die Situation ist und die Studentin versucht ihm klar zu machen, dass er vorsichtig sein soll, was er sich wünscht. Denn plötzlich landet sein Kopf auf der Tastatur und er befindet sich in der Zukunft.

Das Buch richtet sich an Jugendliche, die vielleicht genau diese Situation durchmachen. Durch den jugendlichen Protagonisten, das Onlinetagebuch und eine jugendkonforme Sprache ist der Autor sehr nah an seiner Zielgruppe.
Wer ist was, wann schuld?
Wer hat sich wie verändert?
Was hätte man anders machen können?
Warum lieben sich die Eltern nicht mehr?
Dies sind nur einige der Fragen, die auf den knapp einhundertfünfzig Seiten vorkommen.

Es geht aber nicht nur um Vergangenes sondern auch um Zukünftiges. Gerade der Zeitsprung zeigt, wie sehr Erfahrungen, auch gerade negative, die zukünftige Ich prägen und wie wichtig es sein kann, an Begebenheiten zu wachsen.
Der Autor nutzt die verschiedenen Personen, um die Entwicklung Roberts zu lenken und auch ein Für und Wider aufzuzeigen.
Sicherlich ist der Alltag komplexer, doch der Autor bricht die Problematik auf die wesentlichen Bestandteile herunter.

Ein Buch, das einen Einblick gewährt, wie man sich verhalten kann, aber definitiv nicht muss.

4 von 5 Tagebucheinträgen

Montag, 7. September 2026

Mina Giers "Witchmore - Hexerei kann tödlich sein"

Witchmore - Ein kleines Dorf, das nahezu abgeschnitten von der Welt und dem Handynetz ist. Ausgerechnet hierhin verschlägt es Elli, da sie ihre letzte lebende Verwandte erstmalig treffen soll. Allerdings durchkreuzt der Mörder Ellis Plan und so steht der Sheriff schon vor der Tür, als Elli bei ihrer Großmutter ankommt.
Viele Neuigkeiten stürzen auf Elli ein und mit so manchen Dinge, spricht die Katze wirklich mit ihr, steht sie erstmal richtig auf dem Kriegsfuß. Doch von Beginn an, stellen sich Rosie und Jack auf ihre Seite und auch der Sheriff scheint nicht übel zu sein.

Herbstzeit ist seit einigen Jahren auch Hexenzeit für mich. Wie gut, dass die Hexen neben der Fantasy auch das Krimigenre für sich entdeckt haben und man nicht immer zu Chunksters greifen muss, wenn man einen Hexentext lesen will.

Die Serie ist in den USA angesiedelt, nimmt aber auch zahlreiche, britische Hexenliteratur aufs Korn. Ein wildes Hin und Her zwischen Krimi und Fantasy lässt den Text zeitweise etwas unruhig wirken und auch der Kriminalfall ist sehr cosy aufgebaut. Regelmäßige Krimileser entlarven den Täter schon recht früh in diesem Buch.

Im Gegensatz zu einer anderen Krimiserie, die ebenfalls bei dem Verlag erscheint, gefällt mir der Witz bei Witchmore nicht so gut. Sicherlich ist es auch der Tatsache geschuldet, dass die andere Serie mehr vom britischen Humor lebt und trotzdem die andere Serie auch eine cosy crime Serie ist, die Witze tiefgründiger sind.
Die Welt rund um die Hexen und anderen Wesen wird im ersten Teil von Witchmore oftmals nur angerissen, vielleicht lernt man in den folgenden Bänden mehr über die einzelnen Dorfbewohner.

Wer American Diner und Zuckerguss mag, wird diese Reihe lieben, alle anderen sollten einen objektiven Blick auf den ersten Band werfen.

3,5 von 5 fliegenden Besen

Samstag, 5. September 2026

Kristyna Litten "Ivy und Bärlock Holmes. Fall 2: Das Dinosauriergeheimnis"

Bärlock Holmes hat sich in Bärona den Titel des besten Detektivs erarbeitet und er ist nicht der Einzige in der Familie, der eine feine Spürnase besitzt. Seine Enkelin Ivy ist ebenso auf einem guten Weg in die Fußstapfen ihres Opas zu treten.

Im zweiten Fall verschwindet ein Fossil. Gerade war es von der rasenden Reporterin Polly mit ihrer Drohne entdeckt worden und schon ist es wieder verschwunden. Doch wer könnte einen Vorteil davon haben? Gerade steht der großen Wissenschaftspreis vor der Tür und alle wollen glänzen. Ein Fall für Polly, Hoppler und natürlich Ivy und ihren Opa.

Bärlock Holmes schlägt eine wunderbare Brücke. Die Figur ist zum Bär geworden, die Weisheit des großen Detektives ist noch immer vorhanden, doch seine spitze Zunge wurde für das jüngere Publikum entschärft. Er erklärt geduldig, wie die Dinosaurier auf der Erde lebten und erhält in diesem Band Unterstützung von einigen Fachleuten. Die gelungene Comicumsetzung hilft, die Geschichte auch in den Bildern nachzuverfolgen und bietet somit den Einstieg zwischen Vorlesen und eigenem Lesen.

Die großen Bilder und verschiedene Rätsel bieten Unterhaltung für Klein und Groß und wecken den Spaß, Dingen auf den Grund zu gehen.

Ein wunderschönes Buch, sowohl inhaltlich als auch optisch.

In meinen Augen ist es ab fünf Jahren geeignet, wenn die Kinder schon einige Bücher gelesen haben. Es ist vom Wortschatz anspruchsvoller als der erste Band.

5 von 5 Dinos

Freitag, 4. September 2026

Elly Griffiths "Manche Schuld vergeht nie"

Eigentlich klang der Job ganz einfach.
Recherche zu Cain.
Feststellen, ob er mit den Morden etwas zu tun hat.
Und wenn ja, was dann?
Ali liebt ihren Job bei der Cold Case Abteilung, auch oder gerade weil, er mehr zu bieten hat als pure Schreibtischarbeit. Denn, um die Fälle zu lösen, reisen die Ermittler in die Vergangenheit und versuchen mit modernen Mittel neue Beweismittel zu sammeln. Zweimal sind sie durch die Zeit gereist, als sie den größten Sprung wagen: London 1850.
Doch während Ali in der Vergangenheit versucht, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, geschieht in der Gegenwart ein Mord und die gesamte Abteilung gerät unter Druck.

Man merkt beim Lesen, dass es sich um eine routinierte Autorin handelt.
Die Hinweise sitzen, der Handlungsstrang zieht sich am roten Faden entlang und sie liefert genügend Verdächtige, um den Text spannend zu gestalten.
Somit kann sie sich voll und ganz auf das Element der Zeitreise stützen. Unabhängig, ob man an Zeitreise glaubt und die tatsächliche Möglichkeit hierzu besteht, hebt dieses Element den Krimi von anderen ab. Die Szenenwechsel und auch die verschiedenen Sichtweisen auf die Welt machen den Krimi zu einem spannenden Erlebnis.
An den entsprechenden Passagen lässt die Autorin historische Fakten und moderne Einblicke auf die Vergangenheit einfließen, was das Buch zwischen Krimi und historischem Roman wechseln lässt. Die Figuren sind gut ausgearbeitet und zeigen Facetten der jeweiligen "Klassen" und auch deren Einstellung zu dem Projekt.

Einzig der Schluss kam mir ein wenig zu abrupt, auch wenn er schlüssig war.

Wer sich für einen gut durchdachten und kniffeligen Krimi interessiert, kommt hier absolut auf seine Kosten.

5 von 5 Zeitreisen

Montag, 31. August 2026

Spencer Johnson "Die Mäuse-Strategie für Manager"

Was ist zu tun, wenn der Käse aufgegessen ist?
In "Die Mäusestrategie" von Spencer Johnson geht es grundsätzlich um die Frage nach dem Käse, wobei dieser sinnbildlich für alles im Leben stehen kann. Zwei Zwergmenschen und zwei Mäuse werden in ein Labyrinth gesetzt. Zuerst finden sie das Käselager K, doch nach einiger Zeit ist hier kein Käse mehr vorhanden. Wie verhalten sich Mäuse und Zwergmenschen und was kann man aus der vermeintlich kleinen Geschichte für das Leben lernen?

Eingebettet ist diese Geschichte in ein Jahrestreffen von Ehemaligen. Michael erzählt seinen Mitschülern die Geschichte, die im seinem Berufsleben schon für so manche Überraschung gesorgt, denn jede dieser vier Figuren stellt einen Stereotyp dar. Während sich nach der Erzählung die Ehemaligen unterhalten, welche Figur sie aktuell sind und welche sie zukünftig sein möchten, stellt man sich als Leser auch die gleichen Fragen.

Psychologie muss nicht immer kompliziert formuliert sein. Das zeigt diese Geschichte. Vor allem zeigt sie auch, dass Stillstand nicht sein muss (immer die entsprechenden Umständen vorausgesetzt). Aus allen Zeilen, gerade nachdem Knobel sich aufmacht, sprüht der Drang nach Veränderung und der Gedanke, dass Angst meist das einzige Hemmnis ist. Natürlich liegt in der Kürze eine Wahrheit, die sicher oftmals gilt. Mit kleinen Sätzen, die zur Motivation dienlich sind, nimmt Knobel den aufgeschlossenen Leser an die Hand und zeigt, wie man sich ändern kann, wenn man es denn wirklich möchte. Der Weg ist da, man muss ihn nur gehen wollen/können.

Sicherlich sind viele Annahmen sehr schwarz-weiß gesehen, doch für Menschen, die im Job oder im Privaten etwas verändern wollen, bietet der Text gute Ansätze, um sich auf die Reise zu machen.

Leicht formuliert bergen die Aussagen trotzdem einen großen Schatz an Weisheiten.

Auf den Käse, fertig, los.

4,5 von 5 Käsestücken

Sonntag, 30. August 2026

Andreas Gruber "Der fünfte Erzengel - fünfzehn unheimliche Geschichten"

So begeistert ich von Andreas Grubers Kurzgeschichten war, so hat es fast vier Jahre gedauert, bis ich den nächsten Sammelband vom Ebook-Reader entstaubt habe. Woran lag es? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Am ehesten würde ich vermuten, dass ich mich nach dem Tod meines Vaters nicht mit Erzengeln beschäftigen und ich andererseits die Bücher in der Reihenfolge weiterlesen wollte. Und danach hat der SUB sie unter sich begraben. Beim Formatieren meines Ebook-Readers habe ich die Sammlungen wiedergefunden und die Erzengel-Anthologie in Angriff genommen. 

Auch mit etwas Abstand zu den früheren Rezensionen muss ich sagen, dass mir die Aufmachung der Anthologien immer noch sehr gut gefällt. Die Einleitungen in die Geschichten zeigen, wie viel und welche Gedanken der Autor sich bei seinen Geschichten macht. Man erfährt, wo die Geschichten zuerst erschienen und wie viel autobiografisch sein soll. Denn, und daraus macht Gruber keinen Hehl, Kreativität entsteht selten im einsamen Kämmerlein. Da kann sie höchstens wachsen. Die Ideen kommen von außen und gerade die unheimlichen gären, bis sie sich niederschreiben lassen. Dabei spielt er sowohl mit alltäglichen Szenen als auch mit Dingen, die ein Leser im eigenen Leben eher selten erlebt.

Die Geschichten setzen sich im Kopf fest, Bilder entstehen, wo man Szenerien nur angedeutet werden, es entspinnt sich ein Kopfkino, das den Leser kaum loslässt. Eine wahre Kunst.

In den 15 Geschichten reist der Leser oftmals nach Wien, aber auch mal in der Zeit zurück. Der Autor nimmt uns mit nach Tokio und in Restaurants, in denen wir nicht speisen wollen. Wie schon in den vorigen Zusammenstellungen gelingt es Andreas Gruber sich auch bei ähnlichen Settings nicht zu wiederholen und den Schauer über die Schulter krabbeln zu lassen.

Wie ich auch schon bei der ersten Rezension meinte, es ist nahezu erstaunlich, wie derselbe Autor so unterschiedliche Geschichten schreiben und mit einem einzigen Thema so gut unterhalten kann.

Drei weitere Anthologien warten noch auf dem Ebook-Reader und eins sei abschließend gesagt:

Für zarte Nerven sind diese Geschichten nichts.

5 von 5 Anthologien

John Hendrix "Die Weltenerschaffer"

Tolkien und Lewis. Diese beide Namen fallen immer, wenn es um die Begründung der modernen Fantastik geht. Beide haben die Schrecken des ersten Weltkrieges erlebt und kamen gezeichnet zurück. Was sie darüber hinaus verband, kann man in der Graphic Novel "Die Weltenerschaffer" lesen. Der familiäre Hintergrund, die Jugend, die Zeit im Krieg, ihre Arbeit in Oxford und darüber hinaus ihre Freundschaft. Und die Inklings.

John Hendrix konzentriert sich neben den beiden Lebensläufen auch darauf, wie die beiden ihre Welten konstruierten und vor allem, was sie zu den Texten beeinflusste. Beide waren geprägt von der nordischen Mythologie, von Märchen und anderen Fabelwesen. Beide wussten im Kraft der Worte und dass es immer auch Dinge gibt, die hinter dem Gesagten stehen.

Der Autor verbindet in seiner Graphic Novel diese beiden Elemente, indem er sich abwechselnd zeigt. Neben Tolkien und Lewis treten ein Löwe und ein Zauberer auf, um die Literaturgeschichte zu beleuchten. Mittels kleiner Portale wird man aus der Geschichte geführt, um den Leser für die Brillanz der beiden Autoren zu schärfen. Beide hatten ihre Art, den Leser in ihre Welt zu ziehen und wie sie sich in ihrer kreativen Schaffenszeit unterstützt haben ist beachtlich. Doch John Hendrix lässt auch die dunklen Stunden der beiden aus und rundet so sein Werk ab.

Sowohl optisch als auch inhaltlich ein wunderschönes Werk, was so vieles zeigt. Wie sehr beeinflusst das Leben einen Autor? Wie wichtig ist Zuspruch? Wie können sich Autoren untereinander unterstützen?
Ein Buch, das auch Kenner von Lewis und Tolkien begeistern dürfte.

5 von 5 fantastischen Welten

Samstag, 29. August 2026

Lucy Jane Wood "Uncharmed"

Andromeda Wildwood - oder kurz Annie - führt das perfekte Leben. Sie hat coole Freundinnen, ihre eigene Bäckerei ist beliebt, sie ist wunderschön und - alles ist ein Traum in rosa.
Doch das alles hat seinen Preis. Jeden Abend muss sie ein folgenschweres Bad nehmen, um am nächsten Tag wieder vollkommen perfekt zu sein.
Als sie zur Mentorin von Maeve berufen wird, ändert sich ihr Leben folgenschwer. Denn diese junge Hexe ist so ganz anders als andere Hexen in dem Zirkel und von ihr geht eine unglaubliche Gefahr aus. Kurzum landen die beiden in einer abgeschiedenen Welt, nur um sich zu fragen, wer hier wem etwas beibringen muss.

Wer schon das erste Buch "Rewitched" gelesen hat, muss sich bei diesem Band ein wenig umstellen.
Zu Anfang ist alles rosa und ich meine, wirklich rosa. Von Kleidung, über Möbel, über Törtchen, schlicht alles. Es scheint so, als würde perfekt mit rosa einher gehen. Doch mit der fortschreitenden Handlung und den aufkommenden Problemen verlässt Annie ihre rosa Welt. Was zu vielen starken Emotionen führt. Denn der Grund, warum Annie Perfektionismus anstrebt, dürfte vielen Leserinnen bekannt vorkommen und hier verlassen wir die heile Welt. Von der zuckerwattriger Welt ist fast nichts mehr übrig und die Autorin schafft hier grandios den Wechsel zur Ernsthaftigkeit.

Das Buch führt die Leserinnen durch nahezu jede Emotion, wobei einige Szenen sehr klischeehaft und vorhersehbar sind. Nichtsdestotrotz zeigt es, wie schwierig Zwischenmenschliches sein kann und das Perfekt nicht ein Lebensziel sein sollte.

4 von 5 Zaubertränken

Dienstag, 25. August 2026

Kathryn Taylor "Dunmor Castle 1"

Lexie ist hin und her gerissen. Einerseits freut sie sich, dass sie alleine ein Schloss zur Renovierung begutachten darf, andererseits taucht ausgerechnet dort der Konkurrent ihres Chefs auf und stellt sich als Sohn des Schlossbesitzers heraus.
Während Lexie versucht, auf ihre Professionalität zu achten, sind es gerade einige Dorfbewohner, die ihr das Leben schwer. Und als ob das alles noch nicht genug wäre, hat sie zunehmend den Eindruck, Déjà-vus zu erleben.

Dunmor Castle ist als Dilogie angelegt, was auch einige Dinge im Aufbau der Geschichte erklärt. Vielfach wirkt der Text und die Handlung ein wenig in die Länge gezogen, wobei es auch schlicht das Dorfleben ansich sein kann, was durch zahlreiche Wiederholungen und Vorwürfe den Leser madig machen kann. Fortwährend ist Lexie in einer Art Verteidigungsposition und öffnet sich gerade den Menschen, die im ersten Augenblick nicht der richtige Umgang für sie sind. 

Der Text spielt hierbei mit verschiedenen Genres. Ein bisschen Krimi, eine Prise Dramatik, ein wenig Anziehung.
Man merkt, dass das Dorfleben ein kleines Universum für sich ist und dass man es schwer hat dazuzugehören.

Der erste Band endet mit einem großartigen Cliffhanger, doch leider hat mich die Story nicht so überzeugt, um nach dem zweiten Band zu greifen.


3 von 5 Schlössern 

Mittwoch, 19. August 2026

H. Kreklow "Graf Rucola"

Eigentlich könnte das Leben so leicht sein. Ein kleines, gemütliches Hotel. Jeden Tag mit der Familie zusammenarbeiten. Ab und zu kommen ein paar Gäste in das vegetarische Restaurant des Hotel Pumpkin Head. Wie gesagt, eigentlich.
Denn genau genommen ist in diesem Comic nichts leicht.
Die Familie entstammt ein alten Adelsgeschlecht der Vampire - ja Vampire - und tut sich schwer mit dem modernen Firlefanz, was sich Kundenservice schimpft.
Und schließlich sind sie ja Vampire. Man hat einen Ruf zu verlieren.

Der Comic ist nicht so sehr zum Schenkel klopfen, wie es im ersten Moment den Anschein hat. Es geht auch um ernstere Themen wie Ausgrenzung, Tod und Vorurteile. Doch gerade die Mischung schafft es, dass die traurigeren Themen nicht so schwer wiegen und man vornehmlich schmunzelnd durch die Seiten blättert. In schwarz-weiß gehalten wirkt der Comic auf eine gewisse Weise edel, löst aber auch an den richtigen Stellen einen leichten Schauer aus. 
Eine gute Mischung auf achtzig Seiten und man wird Vampire danach mit ganz anderen Augen sehen.

4 von 5 Rucolablättern

Dienstag, 18. August 2026

Alba Speroni "Lange schlafen"

"Geschichten zum Wochenende"
Der Untertitel dieses Bandes drückt genau das aus, was diese Sammlung möchte: Sie möchte in Ruhe gelesen werden. Ohne Hast und ohne Eile, nicht mal eben schnell im Bus oder zwischen zwei Terminen. Der Lesende soll sich bei den vierundzwanzig Texten hinsetzen, die Seele für einen Moment baumeln lassen und sich an den literarischen Möglichkeiten erfreuen.
Denn die Zusammenstellung ist mit Bedacht gewählt. Es reihen sich nicht schlicht vierundzwanzig Erzählungen aneinander.
Auch beziehen sich nicht alle Geschichten auf die Ruhe des Schlafes.
Es geht um das Gefühl, das Gefühl vom Wochenende. Vermeintlich nichts muss, alles kann. Und so ist es auch mit der Auswahl.
Da reiht sich ein kurzer Text von Thomas Mann neben ein Gedicht von Kurt Tucholsky. Man liest ein unglaublich interessantes Interview mit Nick Cave, um dann von Elke Heidenreich zu erfahren, wann das Sonntagskleid verschwand.
So reihen sich Erzählungen zum Schmunzeln, an solche zum Seufzen, an solche bei denen man eine einzelne Träne verdrücken muss.
Eine wunderschöne, stimmungsvolle Auswahl, die das Gefühl vom Wochenende und seine gewisse Leichtigkeit in die Arbeitswoche trägt.

5 von 5 Wochenenden

Danke an den Kanon Verlag für das Rezensionsexemplar.

Montag, 17. August 2026

FiL "Worte über Orte"

Man stelle sich einen Autor vor, der auf Lesereise gehen will. Doch leider ist er zu unbedeutend, als dass ihn große Städte hören wollen. So werden die Stationen kleiner und somit auch die Städte eher zu Dörfern, bis er seinen Durchbruch erlangt und ganze Städte zerlegt.
Klingt seltsam? Ist es zumeist auch.
Zwischen den einzelnen Kapiteln macht er Wortspiele über Städte, gerne auch mehrfach, trifft auf der Lesereise Angela Merkel und Außerirdische und spätestens hier war ich raus.

Ich glaube Witz, und das sagt der Autor auch selbst, ist eine der schwersten Arten eine Geschichte zu erzählen. Ist es zu intellektuell, wird es nicht gelesen, ist es zu flach, auch wieder nicht.
Die Idee einer völlig verkorksten Lesereise und auch die Wortgebilde um die Städte sind schon wirklich gelungen, doch hier war mir der Humor zu derb. Vieles wiederholt sich und wird, natürlich geplant, bis aufs Letzte karikiert.
Man kann die Erzählung leider nicht getrennt von dem Humor betrachten, dafür ist er zu präsent. Schade, denn das Thema gefiel mir, nur die Umsetzung nicht.

3 von 5 Worten

Samstag, 15. August 2026

Jess Kidd "Mord in der Pension Möwennest"

Eigentlich hatte Nora der Welt abgeschworen und sich ein Leben im Kloster eingerichtet. Doch als ihre Freundin Frieda, ehemalige Novizin, verschwindet und Nora keine Briefe mehr von ihr erhält, macht sie sich auf zu der letzten bekannten Adresse: Pension Möwennest, Gore-on-Sea. Ein kleiner Ort am Meer, der von seinem Freizeitpark lebt und in dem seltsame Dinge vor sich gehen.
Alle bestehen darauf, dass Frieda von jetzt auf gleich verschwand, doch dann gibt es eine Leiche und Nora ist mittendrin.

1954, einige Jahre nach dem Krieg ist England noch sehr davon gezeichnet. Lebensmittel sind knapp oder teuer, Wohlstand haben die wenigsten und man muss mit dem zurecht kommen, was das Leben einem bietet. Inmitten dieser Grundstimmung siedelt die Autorin eine Gemeinschaft an, wie sie unterschiedlicher nicht sein kann. Alle haben ihr Päckchen zu tragen und sind mehr oder weniger in der Pension gestrandet. Jess Kidd verwebt die einzelnen Figuren und ihre jeweiligen Geschichten zu einem großen Ganzen, um hieraus den Todesfall zu ersinnen. Denn ob es Mord ist, bleibt lange Zeit ungewiss und die örtliche Polizei brennt nicht darauf, einen daraus zu machen.
Nora, die als ehemalige Nonne schon mit vielem konfrontiert war, nimmt hier den Posten der Ermittlerin ein und führt die Leser durch eine Gemeinschaft, die durch Lug und Trug gekennzeichnet ist. Als Charakter ist sie sehr vielschichtig angelegt und zeichnet sich durch ihre Empathie und Geduld aus. Strategisch geht sie vor und nimmt den Leser an Orte mit, die vermeintlich nichts mit dem Fall zu tun haben, oder vielleicht doch?

Ein spannender Krimi, der auch geschichtlich einiges zu berichten hat.

5 von 5 Möwen

Freitag, 14. August 2026

Makoto Yukimura "Vinland Saga 6"

Neben "Atelier of Witch Hat" ist über Umwege auch eine zweite Mangaserie bei mir auf dem SUB eingezogen. Während AoWH sich mit Zauberei, Büchern und verschiedenen Welten auseinandersetzt, mutet die "Vinland Saga" fast wie ein Gesschichtsbuch im Mangaformat an.

Jeder braucht einen Moment der Erweckung, um sich aus seinem Starrsinn zu lösen.
Nach Ragnars Tod steht Knut zum ersten Mal ohne einen Beschützer da und muss sich selbst behaupten. Diese stille Person, so schicksalsergeben wie sie vorher war, entwächst ihrer Trauer durch das Gespräch mit einem betrunkenen Pater. Plötzlich ist alles anders und der Wunsch, sich seinem Schicksal zu ergeben, rückt in weite Ferne. Im Gegenteil, Knut bietet seinen Gegner die Stirn und versucht sie hinter sich zu sammeln. Ein Plan, der Askeladd, Thorkell und Thorfinn verstört und ihren Zwist radikal unterbricht.

Wozu können Menschen fähig sein, wenn sie für etwas brennen? Immer wieder bin ich erstaunt, wie es der Autor schafft, innerhalb der Geschichte solch verschiedene Situationen zu erschaffen. Obwohl es sich immer um die gleichen Personen, auf einem beschränkten Raum und in einem vermeintlich kleinen Zeitrahmen handelt, dreht er wieder und wieder an den Stellschrauben, sodass man sich als Leser ranhalten muss, um die Allianzen im Überblick zu behalten.
Natürlich ist hierbei nicht alles erfunden, in der Geschichte haben Verbündete immer wieder gewechselt, siehe zum Beispiel die Geschichte von England und Frankreich.
Doch es in 220 Seiten je Mangaband realistisch unterzubringen, ist schon eine Kunst für sich.

Die Emotionen wechseln von Band zu Band und es bleibt abzuwarten, wie sich die Serie weiter entwickelt.

4,5 von 5 Drachenköpfen

Dienstag, 11. August 2026

Claudia Sammer "Ein zögerndes Blau"

Was passiert, wenn man seine Heimat verlassen muss?
Leon und Teres müssen dem Krieg entfliehen und landen im einem Land, dass ihnen unbekannt ist. Ihre Namen müssen sie ablegen und auch sonst bleibt ihnen nichts von ihrer Vergangenheit. Doch gerade ohne diese fassen sie kaum Fuß im Jetzt. Sie treiben in ihrem Leben dahin, kommen nie an und sind gezeichnet.
Kann ihr Leben in die richtige Bahn gelangen? Und was ist mit der folgenden Generation? Kann sie bestehen, wenn die Eltern solche Probleme haben?


Das Buch wird durch eine extreme Melancholie geprägt. Man spürt die Hilflosigkeit und auch die Gedanken, nichts an der Situation ändern zu können, aber ist das so?

Viele Entscheidungen sind bewusst getroffen und sind nicht durch die Schuld des Krieges genährt. Doch was kann man subjektiv ändern und was bleibt objektiv nicht veränderbar?

Als Gedankenanstoß ein gutes Buch, aber in seiner Umsetzung ist es mir zu einseitig.

3,5 von 5 Flüchtlingen

C240042C "Flucht.Punkt"

Was ist es, was die Menschen zusammenhält und was lässt sie auseinanderdriften?
Die Welt in ein paar Jahrzehnten.
Während Kanada und Amerika den technischen Fortschritt feiern, wendet sich Europa einer neuen, allumfassenden Religion zu.
Wie kam es dazu, dass sich die beiden Kontinente so unterschiedlich entwickelten?

Hauptsächlich aus der Perspektive von Jason, Derya, Marie und Jan wird erzählt, wie zum einen die Spiegelung entwickelt und zum anderen der Wunsch nach einem allumfassenden Glauben genährt wurde. Denn allen war in der Ausgangslage klar, so wie die Welt jetzt ist, kann sie nicht bleiben. Klimaerwärmung, Hass, Völkerwanderungen und politische Dispute, all das galt es zu lösen und für die Menschen ein neues Gefühl von Zusammenhalt und Stärke zu generieren. 

Doch wie bündelt man die Interessen von Millionen von Menschen? Und wie garantiert man, dass die Entwicklungen so weitergeführt werden, wie man sie einst geplant hatte?

Die Kapitel sind kurz gehalten und wechseln sowohl zwischen den Protagonisten als auch in den einem Zeitrahmen von sechzig Jahren hin und her. Was sich im ersten Moment sehr kompliziert anhört, greift mit jedem weiteren Kapitel weiter ineinander. Die Handlung und die Konsequenzen breiten sich wie ein Fächer vor dem Leser aus und mit jeder Seite erkennt man: Auch ein guter Ursprungsgedanke kann instrumentalisiert werden. Sobald die Schöpfer sich mit anderen zu einer Arbeitsgemeinschaft verbinden, verändert sich die Idee, wird beeinflusst und weicht von dem ursprünglichen Konzept ab.

Man muss das Buch mit Konzentration und voller Aufmerksamkeit lesen, will man allen Querverbindungen des Autoren gerecht werden. Wie beim einem großen Puzzle verstreut er die Informationen und Gedanken über die knapp 300 Seiten und zeigt, dass es nicht so einfach ist, Gutes zu tun. Ein Plan kann scheitern trotz der besten Voraussetzungen.

Ein Buch, das wachrüttelt und zeigt, dass es in der globalisierten Welt keine einfachen Lösungen mehr gibt!


5 von 5 Pergamenten

Montag, 10. August 2026

Makoto Yukimura "Vinland Saga 5"

Neben "Atelier of Witch Hat" ist über Umwege auch eine zweite Mangaserie bei mir auf dem SUB eingezogen. Während AoWH sich mit Zauberei, Büchern und verschiedenen Welten auseinandersetzt, mutet die "Vinland Saga" fast wie ein Geschichtsbuch im Mangaformat an.

Der fünfte Band ist wohl der bisher brutalste Band der Reihe. Im Zentrum steht immer noch der Konflikt um das Königkind und welche Vorteile sich die jeweiligen kriegerischen Parteien sich von ihm erwarten. Dabei sind Allianzen nicht dazu gedacht, auf ewig zu halten.
Gerade als es für Askeladd eng wird, zeigt er allen sein wahres, verräterisches Gesicht. Über Jahre hat er sich verstellt und den Retter in der vermeintlichen Not gespielt, doch damit ist es nun vorbei.

Und als ob das alles noch nicht genug ist, taucht gerade jetzt Thorkell auf und will ihm an den Kragen. Doch er hat den rachsüchtigen Thorfinn vergessen. Dieser konnte sich einige Zeit in sein Schicksal fügen, doch vergessen konnte und wollte er seines Vaters Mord nicht.

Spielte in den vorigen Bänden die Geschichte Englands und die Glaubensunterschiede eine Rolle, so ist es in diesem Band die Artus Sage, welcher in der Handlung Raum gegeben wird. Vermeintlich eingestreut, so ist aus dem Glossar ersichtlich, dass Askeladd ein Nachfahr sein soll. Eine Wendung, die seinen Größenwahn erklärt und zugleich unterstreicht.

Brutal und zugleich verwirrend beschreiben diesen Band am besten. Gerade weil es zwischen die Nordmänner zu zahlreichen Kämpfen kommt, ist man beim Lesen zeitweilig überfordert und frustriert. Die ähnliche Kleidung, das Aussehen und das Schwarz-Weiß tragen nicht dazu bei, die Truppen zu unterscheiden und so muss man etwas raten, wer nach den Kämpfen tot ist. Gleichfalls finde ich den Raub des Königskindes ein wenig in die Länge gezogen.


4 von 5 Drachenköpfen

Donnerstag, 6. August 2026

Alice Hoffmann "Die Schwestern vom Buchladen"

Isabel und Sophie haben Jahre nicht miteinander gesprochen, als Isabel eine Karte mit dem schlichten Wort "Hilfe" bekommt. Trotz all ihrer Zweifel, Ängste und auch ein bisschen Wut setzt sie sich sofort ins Auto und fährt zu ihrer Schwester.
Die Situation vor Ort ist eine ganz andere als gedacht und doch sind alle Gefühle mit einer Heftigkeit wieder da, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätte.

Auf 46 Seiten erzählt die Autorin Alice Hoffmann die Geschichte von zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Natürlich gibt es zahlreiche solcher Geschichten, doch diese Erzählung zeichnet sich durch ihre Dichte und ihre Gefühle aus.

Atmosphärisch erzählt, mit den notwendigen Details gespickt, passiert in der Handlung alles recht schnell. Doch der angenehme Schreibstil und das Wissen um Beziehungen und deren Wechselwirkung auf das jeweilige Gemüt lassen den Text in die Seele fließen. Denn jeder Mensch hat den einen Menschen, den er sich wieder in seinem Leben wünscht.
Ein Buch über Neuanfänge, Beziehungen und das Wesentliche.

5 von 5 Buchläden

Mittwoch, 5. August 2026

Margaret Frazer "Die Novizin. Mord im Jahr des Herrn 1431"

Oxfordshire, anno domini 1431.
Warum Frauen ins Kloster gehen und vor allem, warum sie dort bleiben wollen, hat auch schon zu dieser Zeit sehr unterschiedliche Gründe. Thomasine ist im Kloster sehr glücklich, auch wenn die Aufgaben sie ihrer Meinung nach zu sehr vom Beten abhalten. Gerne würde sie den lieben langen Tag beten. Doch unvermittelt gastiert ihre Ziehtante im Kloster und will sie "aus dem Fängen" des Klosters befreien. Schwester Frevisse, die sich um die Gäste des Klosters kümmert, sieht sich einer Frau gegenüber, für die der Ausdruck toben erfunden sein könnte. Sie wütet, beschimpft, bis sie erschöpft zusammenbricht. Während Thomasine neben dem Bett ihrer Tante betet, überschlagen sich die Ereignisse: Drei Tote und Thomasine ist in den Augen des Coroners die Mörderin.
Schwester Frevisse muss sich auf einmal nicht nur um die Gäste bemühen, sondern auch darum den Ruf des Klosters zu schützen.

Historische Krimis funktionieren ein wenig anders als Krimis, die in der Gegenwart spielen. Die Autorin kann nicht voraussetzen, dass sich der Leser in der Zeit auskennt. So muss sie im Vorfeld festlegen, welche Dinge sie nutzen und erklären will und welche als gegeben vorausgesetzt wird. Das Setting in Oxforshire, die Beschreibung des Klosters und die nach und nach einfließenden Erklärungen des Tagesablaufs sind gut gestaltet. Auch wird gut beschrieben, wie ein Kloster sein Geld generiert und was die Aufgaben der einzelnen sind. Der allgemeine geschichtliche Hintergrund bleibt ein wenig diffus, spielt aber auch für die Handlung nur eine untergeordnete Rolle. Der Krimi ist in meinen Augen solide. Gestaltet als klassisches Katz-und-Maus-Spiel wechseln die Motive, die Gelegenheiten und die Zeitpunkte freudig durcheinander, bis sich zum Schluss ein klärendes Bild ergibt.

Die Figur der Ermittlerin Frevisse ist für mich allerdings zu schwach gezeichnet. Da sie als Protagonistin fungiert, wechselt die Autorin viel zu häufig zu Novizin Thomasine und auch Schwester Claire. Schwester Frevisse schon zu diesem Zeitpunkt mit Miss Marple zu vergleichen, ist weit zu hoch gegriffen. Es ist schon möglich, dass sie sich zu so einem Charakter entwickelt, das müssen die Folgebände zeigen.

3,5 von 5 Klöstern

Samstag, 1. August 2026

Antoine Laurain "Fehlerhaft und wunderbar"

Benjamin kommt aus der Schule nach Hause und bringt eine schlechte Note im Diktat mit. Seine Eltern können es sich nicht vorstellen, wie ihr Sohn so eine schlechte Note bekommen kann und veranstalten ein weiteres Diktat. Mit vermeintlich schlechtem Ausgang. Bei den Erläuterungen und den Recherchen wird viel gelacht und der kurz bevorstehende Auszug des Vaters rückt im weite Ferne. Die Leichtigkeit und das Miteinander scheinen zurückgekehrt, doch das ist erst der Anfang.

Ich mag es, wenn Erzählungen einen wahren Kern haben. So setzt der Autor den berühmten Schriftsteller Prosper Mérimée, welchen man durch Carmen kennen könnte, neben den drei Protagonisten ins Zentrum der Geschichte. Denn sein Diktat ist es, welches die Erzählung trägt und ihr eine historische Tiefe gibt.

Die Erzählperspektive begleitet in dieser kurzen Geschichte viele Charaktere. Mal ist Benjamin, mal sind es seine Eltern und dann ist es der Mamas väterlicher Freund Jacques. Viele Ideen rund um Kultur, Lebensideen und Wünsche bekommt der Leser auf den 144 Seiten präsentiert, sodass die Erzählung freudig und eigentlich ohne große Konflikte vorangetrieben wird.

Und das ist die Stärke des Textes. So sehr sich einige mit dem Dictée de Mérimée abmühen, so freundschaftlich und zugetan sind die Gespräche. Sie bieten eine gewisse Leichtigkeit, die anderen Texten mit solcher Tiefe fehlt.

Ein Hoch auf die Kunst und ihre vielseitigen Daseinsformen.

5 von 5 Schreibfehlern

Freitag, 31. Juli 2026

Carsten Henn "Schascha und der Buchspazierer"

Eine Geschichte wirkt nicht nur durch ihren Inhalt sondern auch über ihre Erzählperspektive. Gedanken und Emotionen können besser mitgeteilt werden, wenn man den Charakter als Figur begleitet und nicht nur von außen auf ihn schaut.
Wie unterschiedlich eine Erzählung durch einen Perspektivwechsel wirken kann, sieht man bei "Der Buchspazierer" und "Schascha und der Buchspazierer".
Carsten Henn hat mit "Die goldene Schreibmaschine" gezeigt, dass er neben Krimis auch gute Kinderbücher schreiben kann.

Während "Der Buchspazierer" die Geschichte von Carl und seinen Wegen zu den Kunden erzählt, schlüpfen wir bei "Schascha" in die Kinderperspektive. Schascha hat über Abende hinweg den alten Mann mit seinem Rucksack beobachtet und fasst sich eines Tages ein Herz, um ihn anzusprechen. Seine zunächst ruppige Art schreckt sie nicht ab und so lernt sie all die Leser kennen, die man aus dem Buchspazierer kennen- und lieben gelernt hat. Da ich das Buch schon vor einiger Zeit gelesen habe, sind mir die Details nicht mehr gänzlich in Erinnerung, aber die Geschichte an sich ist dieselbe, aber für ein unterschiedliches Publikum.

Bei dieser Kinderausgabe stimmt auch einfach alles.
Die Geschichte, die schon vorher das Herz berührt hat, wurde vom Autor so bearbeitet, dass sie die Themen, die für Kinder wichtig sind, ansprechen. Was bedeutet es, anders zu sein als andere Kinder? Wie lebt es sich, wenn die Mutter schon früh gestorben ist? Wie schafft man es, sich als Kind zu behaupten?

Die vielen Charaktere sind dabei für die Leser Spiegelbilder und zeigen Eigenschaften, die entweder erstrebenswert und zu überdenken sind. Die Spaziergänge von Carl und Schascha bilden die Grundlage einer Freundschaft, die aus weit mehr Personen besteht.

Zugleich zeigt der Text auch, dass auch kleinere Menschen schon ganz viel erreichen können, wenn Erwachsene sie auch einmal lassen.

Ein Mut-Mach-Buch für alle kleinen und auch großen Leseratten und Bücherwürmer, für die Lesen ein wichtiger Baustein ist.

Wunderschön bebildert ist es ein Buch, was in jedes (Kinder)regal gehört.

5 von 5 Spaziergängen

Donnerstag, 30. Juli 2026

Autoreninterview R. M. Amerein

Hallo zusammen,
heute stelle ich euch eine Autorin vor, die schon seit ihrer Kindheit schreibt und uns heute in ihre eigenen Welten entführt. 

(Foto: R. M. Amerein (privat), Grafik: Maximilian Wust)

Zuletzt wurde dein Sammelband »Roboter - Die Keld-Chroniken« erneut veröffentlicht. Wie kam es zu der Neuveröffentlichung und wie unterscheidet sie sich von der ersten Ausgabe?
Es handelt sich bei den Robotern um eine Trilogie. Die ersten beiden Teile wurden zunächst beim Atlantis-Verlag rausgebracht. Nachdem ich die Rechte zurückerhalten habe, beschloss ich, die Trilogie direkt als Sammelband zu veröffentlichen. Unter anderem traf ich diese Entscheidung, um weitere Wartezeiten auf den dritten Band zu vermeiden und um die Trilogie auch neuen Lesenden schneller zugänglich zu machen.

Inhaltlich unterscheidet sich die Geschichte nicht zu den Ausgaben des Atlantis-Verlags, mal abgesehen natürlich vom dritten Band, der vorher ja noch nicht erschienen war. Timo Kümmel hat schon die Coverbilder der ersten beiden Teile illustriert und für den Sammelband etwas an den Farben und der Schriftart gedreht. Das Cover des zweiten Bands ist auf der Rückseite der Printausgabe zu finden, außerdem sind Teilelemente der Illustrationen als Kapitelzierden ins Taschenbuch gewandert.

Worum geht es in den Chroniken?
Die Sonne des Planeten Keld erkrankte vor langer Zeit. Um sie herum hat sich ein schwarzer Ring gebildet, der sich immer weiter verdunkelte. Bald konnte keine Solarenergie mehr genutzt werden, was zu einer völlig neuen Weltordnung führte. Nicht nur für die Menschen, sondern auch für sämtliche Roboter und künstliche Intelligenzen, die zu dem Zeitpunkt bereits ein fester Teil der Gemeinschaft waren. Ihre Existenzen waren wie die eines natürlichen Lebewesens anerkannt. Nun schalteten sie sich ab, da ihnen die Energiezufuhr fehlte – es war ein reines Massensterben.

Die Menschen suchten nach Lösungen, sie wieder zu aktivieren. Letztlich baute man sie so um, dass sie ihre Energie aus Biomasse ziehen können. Außerdem wurde ein Koexistenz-Vertrag erarbeitet, damit der Planet dadurch keinen Kollaps erleidet und auch die Menschen geschützt wurden. Man hoffte, es würde nur eine vorübergehende Lösung sein und die Sonne wieder gesunden.

Zu dem Zeitpunkt, an dem die Handlung ansetzt, sind seit diesen Ereignissen schon viele Jahrzehnte vergangen. Die Menschen sind in ein urtümlicheres Leben zurückgekehrt und die Roboter haben sich in Kasten aufgeteilt, um verschiedene Aufgaben für die Gemeinschaft zu erfüllen. An die Lösung des Sonnenproblems glaubt aber so gut wie niemand mehr.

Riesige Biotope sollen die Biosphäre des Planeten am Leben erhalten. Dort gelten strenge Regeln. In eine dieser Anlagen geht der Robotersöldner Smoke und bekommt von der Forscherkaste den Auftrag, ein Menschenkind namens Kaia zu finden. Kurz nachdem er es aufgespürt hat, wird das Biotop angegriffen, und erneut droht sich die Weltordnung zu verändern.

Einen Überarbeitungsprozess stelle ich mir schwierig vor. Wie planst du einen solchen und was ist der Unterschied zu einem neuen Text?
Bei einem neuen Text schreibe ich meistens einfach drauf los. Es geht vor allem darum, ein Grundgerüst zu haben, an dem ich später ordentlich feilen kann – und muss. Dazu sind mehrere Durchgänge nötig und bei jedem konzentriere ich mich auf etwas anderes: Stil und Formulierungen, Beschreibungen, inhaltliche Patzer, Füllwörter etc. Die Überarbeitungsphase ist sehr anstrengend, doch sie lohnt sich. Am Ende kann ich manchmal kaum glauben, dass der Text von mir ist – ohne jetzt eingebildet klingen zu wollen. Aber es ist superfaszinierend, wie viel man aus der Rohfassung rausholen kann.

Wenn du ein neues Projekt anfängst, wie sehr strukturierst du es? Ist vieles von Anfang an festgelegt oder lässt du dich auch ab und zu treiben?
Das ist tatsächlich von Buch zu Buch unterschiedlich. Meistens habe ich aber zumindest das Worldbuilding grob ausgearbeitet und ein paar Ideen, wohin die Geschichte gehen könnte. Ich lasse genug Raum für die Charaktere und spontane Entwicklungen. So kam es schon öfter vor, dass ich selbst völlig überrascht von einem Plot-Twist war und mit den Protagonisten zusammen nach Lösungen suchen musste.

Was bedeutet Schreiben für dich?
Schreiben ist für mich überlebenswichtig. Habe ich einen Tag nicht geschrieben, werde ich ganz unruhig. Es ist seit meiner Kindheit eine der wichtigsten Formen, mich auszudrücken und meiner Fantasie und Kreativität Raum zu geben. Mittlerweile verarbeite ich auch vieles durch das Schreiben, sei es Privates oder das Weltgeschehen.

Es bedeutet mir die Welt, wenn ich durch meine Geschichten andere Menschen berühre, ihnen die Möglichkeit gebe, abzutauchen und mitzufiebern. Das ist der Hauptgrund, aus dem ich nicht mehr für die Schublade schreibe und meinen Traum wahrwerden ließ.

Wie beeinflussen deine anderen Hobbies das Schreiben?
Ich bin eine Person, die sich für ziemlich viel begeistern kann. Das spiegelt sich auch in meinen Geschichten wider, da ich einige Themengebiete dort einfließen lasse. Das Schreiben hat mich aber auch schon dazu gebracht, Dinge, die ich längst mal ausprobieren wollte, endlich anzugehen. Manchmal erst aus Recherchezwecken, aber ich bin teilweise auch bei den Hobbys geblieben. Ich glaube, mein Hobby-Konstrukt baut aufeinander auf und greift gut ineinander – zumindest meistens. Hin und wieder blockiere ich mich mit meinen ganzen Interessen allerdings, wodurch dann z. B. das Schreiben zu kurz kommen kann.

Woran arbeitest du zur Zeit?
Ich habe dieses Jahr den Auftakt zu einer neuen Reihe beendet. Dinosaurier spielen eine große Rolle und ich bewege mich in dieser Welt mal wieder im Bereich der Science Fantasy. Ich weiß noch nicht genau, wann die Reihe erscheinen wird und wie viele Bände sie umfassen wird, aber ich hoffe, bald mehr dazu berichten zu können.

Wer neugierig ist, kann hier mehr über R. M. Amerein erfahren:
instagram.com/rm_amerein/
tintenfass.info/ueber-mich/

Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.

Mittwoch, 29. Juli 2026

Hans Peter Roentgen "Sherlock, Watson und eine KI, die fremdgeht"

Sherlock und Watson.
Bekannt, aber doch ganz anders. Denn es ist nicht "der" Sherlock, obwohl er auch ein Detektiv ist. Und es ist nicht "der" Watson, denn er ist kein Mensch und zudem Sherlocks Butler.
In einem Institut verschwinden Daten, einer Frau wurde zuvor gekündigt, jetzt ist sie tot.
Warum? Das ist die Aufgabe von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Polizisten in dieser alternativen Welt um Sherlock und Watson. Doch bei diesen Unstimmigkeiten bleibt es nicht und der Leser wird zunehmend auf eine falsche Fährte gelockt, die wenig Böses auslässt.

Wie würde eine Welt von Sherlock aussehen, wenn man sie aus dem viktorianischen Setting nimmt und sie in eine andere Welt platziert? Hans Peter Roentgen wagte den Versuch. Neben dem Setting änderte er ebenfalls das Genre und wechselt von der klassischen Detektivgeschichte in einen Noir Crime. Dieser Wechsel trägt sehr zum Stil bei und verschärft auch die Unterschiede zu den klassischen Texten.

Doch die Charaktere und das Setting sind nur die eine Seite der Medaille, wenn es um eine gute Geschichte geht. Eingespeiste Gehirne, Humanoide, die als Personal sehr dem der viktorianischen Zeit gleichen, Aufruhr im Staat und nahezu vollständige Überwachung erinnern an bekannte Dystopien.

Er zeigt, dass Charaktere aus ihrer Zeit wachsen können, wenn man sie richtig adaptiert und doch bleibt es eine Geschmacksfrage, wie einem der Transfer gefällt.

An manchen Stellen habe ich gestutzt und mir etwas mehr Klarheit gewünscht, denn auf knapp 280 Seiten fährt der Autor schon sehr viel auf, was das Buch ein bisschen überfrachtet.

Der Kerngedanke über die KI und auch der Umgang mit dem Sherlock der Zukunft sind gut gelöst. Sie lassen die Geschichte noch ein wenig nachhallen, denn vieles scheint nicht unwahrscheinlich.

3,5 von 5 Detektiven