Mittwoch, 19. August 2026

H. Kreklow "Graf Rucola"

Eigentlich könnte das Leben so leicht sein. Ein kleines, gemütliches Hotel. Jeden Tag mit der Familie zusammenarbeiten. Ab und zu kommen ein paar Gäste in das vegetarische Restaurant des Hotel Pumpkin Head. Wie gesagt, eigentlich.
Denn genau genommen ist in diesem Comic nichts leicht.
Die Familie entstammt ein alten Adelsgeschlecht der Vampire - ja Vampire - und tut sich schwer mit dem modernen Firlefanz, was sich Kundenservice schimpft.
Und schließlich sind sie ja Vampire. Man hat einen Ruf zu verlieren.

Der Comic ist nicht so sehr zum Schenkel klopfen, wie es im ersten Moment den Anschein hat. Es geht auch um ernstere Themen wie Ausgrenzung, Tod und Vorurteile. Doch gerade die Mischung schafft es, dass die traurigeren Themen nicht so schwer wiegen und man vornehmlich schmunzelnd durch die Seiten blättert. In schwarz-weiß gehalten wirkt der Comic auf eine gewisse Weise edel, löst aber auch an den richtigen Stellen einen leichten Schauer aus. 
Eine gute Mischung auf achtzig Seiten und man wird Vampire danach mit ganz anderen Augen sehen.

4 von 5 Rucolablättern

Dienstag, 18. August 2026

Alba Speroni "Lange schlafen"

"Geschichten zum Wochenende"
Der Untertitel dieses Bandes drückt genau das aus, was diese Sammlung möchte: Sie möchte in Ruhe gelesen werden. Ohne Hast und ohne Eile, nicht mal eben schnell im Bus oder zwischen zwei Terminen. Der Lesende soll sich bei den vierundzwanzig Texten hinsetzen, die Seele für einen Moment baumeln lassen und sich an den literarischen Möglichkeiten erfreuen.
Denn die Zusammenstellung ist mit Bedacht gewählt. Es reihen sich nicht schlicht vierundzwanzig Erzählungen aneinander.
Auch beziehen sich nicht alle Geschichten auf die Ruhe des Schlafes.
Es geht um das Gefühl, das Gefühl vom Wochenende. Vermeintlich nichts muss, alles kann. Und so ist es auch mit der Auswahl.
Da reiht sich ein kurzer Text von Thomas Mann neben ein Gedicht von Kurt Tucholsky. Man liest ein unglaublich interessantes Interview mit Nick Cave, um dann von Elke Heidenreich zu erfahren, wann das Sonntagskleid verschwand.
So reihen sich Erzählungen zum Schmunzeln, an solche zum Seufzen, an solche bei denen man eine einzelne Träne verdrücken muss.
Eine wunderschöne, stimmungsvolle Auswahl, die das Gefühl vom Wochenende und seine gewisse Leichtigkeit in die Arbeitswoche trägt.

5 von 5 Wochenenden

Danke an den Kanon Verlag für das Rezensionsexemplar.

Montag, 17. August 2026

FiL "Worte über Orte"

Man stelle sich einen Autor vor, der auf Lesereise gehen will. Doch leider ist er zu unbedeutend, als dass ihn große Städte hören wollen. So werden die Stationen kleiner und somit auch die Städte eher zu Dörfern, bis er seinen Durchbruch erlangt und ganze Städte zerlegt.
Klingt seltsam? Ist es zumeist auch.
Zwischen den einzelnen Kapiteln macht er Wortspiele über Städte, gerne auch mehrfach, trifft auf der Lesereise Angela Merkel und Außerirdische und spätestens hier war ich raus.

Ich glaube Witz, und das sagt der Autor auch selbst, ist eine der schwersten Arten eine Geschichte zu erzählen. Ist es zu intellektuell, wird es nicht gelesen, ist es zu flach, auch wieder nicht.
Die Idee einer völlig verkorksten Lesereise und auch die Wortgebilde um die Städte sind schon wirklich gelungen, doch hier war mir der Humor zu derb. Vieles wiederholt sich und wird, natürlich geplant, bis aufs Letzte karikiert.
Man kann die Erzählung leider nicht getrennt von dem Humor betrachten, dafür ist er zu präsent. Schade, denn das Thema gefiel mir, nur die Umsetzung nicht.

3 von 5 Worten

Samstag, 15. August 2026

Jess Kidd "Mord in der Pension Möwennest"

Eigentlich hatte Nora der Welt abgeschworen und sich ein Leben im Kloster eingerichtet. Doch als ihre Freundin Frieda, ehemalige Novizin, verschwindet und Nora keine Briefe mehr von ihr erhält, macht sie sich auf zu der letzten bekannten Adresse: Pension Möwennest, Gore-on-Sea. Ein kleiner Ort am Meer, der von seinem Freizeitpark lebt und in dem seltsame Dinge vor sich gehen.
Alle bestehen darauf, dass Frieda von jetzt auf gleich verschwand, doch dann gibt es eine Leiche und Nora ist mittendrin.

1954, einige Jahre nach dem Krieg ist England noch sehr davon gezeichnet. Lebensmittel sind knapp oder teuer, Wohlstand haben die wenigsten und man muss mit dem zurecht kommen, was das Leben einem bietet. Inmitten dieser Grundstimmung siedelt die Autorin eine Gemeinschaft an, wie sie unterschiedlicher nicht sein kann. Alle haben ihr Päckchen zu tragen und sind mehr oder weniger in der Pension gestrandet. Jess Kidd verwebt die einzelnen Figuren und ihre jeweiligen Geschichten zu einem großen Ganzen, um hieraus den Todesfall zu ersinnen. Denn ob es Mord ist, bleibt lange Zeit ungewiss und die örtliche Polizei brennt nicht darauf, einen daraus zu machen.
Nora, die als ehemalige Nonne schon mit vielem konfrontiert war, nimmt hier den Posten der Ermittlerin ein und führt die Leser durch eine Gemeinschaft, die durch Lug und Trug gekennzeichnet ist. Als Charakter ist sie sehr vielschichtig angelegt und zeichnet sich durch ihre Empathie und Geduld aus. Strategisch geht sie vor und nimmt den Leser an Orte mit, die vermeintlich nichts mit dem Fall zu tun haben, oder vielleicht doch?

Ein spannender Krimi, der auch geschichtlich einiges zu berichten hat.

5 von 5 Möwen

Freitag, 14. August 2026

Makoto Yukimura "Vinland Saga 6"

Neben "Atelier of Witch Hat" ist über Umwege auch eine zweite Mangaserie bei mir auf dem SUB eingezogen. Während AoWH sich mit Zauberei, Büchern und verschiedenen Welten auseinandersetzt, mutet die "Vinland Saga" fast wie ein Gesschichtsbuch im Mangaformat an.

Jeder braucht einen Moment der Erweckung, um sich aus seinem Starrsinn zu lösen.
Nach Ragnars Tod steht Knut zum ersten Mal ohne einen Beschützer da und muss sich selbst behaupten. Diese stille Person, so schicksalsergeben wie sie vorher war, entwächst ihrer Trauer durch das Gespräch mit einem betrunkenen Pater. Plötzlich ist alles anders und der Wunsch, sich seinem Schicksal zu ergeben, rückt in weite Ferne. Im Gegenteil, Knut bietet seinen Gegner die Stirn und versucht sie hinter sich zu sammeln. Ein Plan, der Askeladd, Thorkell und Thorfinn verstört und ihren Zwist radikal unterbricht.

Wozu können Menschen fähig sein, wenn sie für etwas brennen? Immer wieder bin ich erstaunt, wie es der Autor schafft, innerhalb der Geschichte solch verschiedene Situationen zu erschaffen. Obwohl es sich immer um die gleichen Personen, auf einem beschränkten Raum und in einem vermeintlich kleinen Zeitrahmen handelt, dreht er wieder und wieder an den Stellschrauben, sodass man sich als Leser ranhalten muss, um die Allianzen im Überblick zu behalten.
Natürlich ist hierbei nicht alles erfunden, in der Geschichte haben Verbündete immer wieder gewechselt, siehe zum Beispiel die Geschichte von England und Frankreich.
Doch es in 220 Seiten je Mangaband realistisch unterzubringen, ist schon eine Kunst für sich.

Die Emotionen wechseln von Band zu Band und es bleibt abzuwarten, wie sich die Serie weiter entwickelt.

4,5 von 5 Drachenköpfen

Dienstag, 11. August 2026

Claudia Sammer "Ein zögerndes Blau"

Was passiert, wenn man seine Heimat verlassen muss?
Leon und Teres müssen dem Krieg entfliehen und landen im einem Land, dass ihnen unbekannt ist. Ihre Namen müssen sie ablegen und auch sonst bleibt ihnen nichts von ihrer Vergangenheit. Doch gerade ohne diese fassen sie kaum Fuß im Jetzt. Sie treiben in ihrem Leben dahin, kommen nie an und sind gezeichnet.
Kann ihr Leben in die richtige Bahn gelangen? Und was ist mit der folgenden Generation? Kann sie bestehen, wenn die Eltern solche Probleme haben?


Das Buch wird durch eine extreme Melancholie geprägt. Man spürt die Hilflosigkeit und auch die Gedanken, nichts an der Situation ändern zu können, aber ist das so?

Viele Entscheidungen sind bewusst getroffen und sind nicht durch die Schuld des Krieges genährt. Doch was kann man subjektiv ändern und was bleibt objektiv nicht veränderbar?

Als Gedankenanstoß ein gutes Buch, aber in seiner Umsetzung ist es mir zu einseitig.

3,5 von 5 Flüchtlingen

C240042C "Flucht.Punkt"

Was ist es, was die Menschen zusammenhält und was lässt sie auseinanderdriften?
Die Welt in ein paar Jahrzehnten.
Während Kanada und Amerika den technischen Fortschritt feiern, wendet sich Europa einer neuen, allumfassenden Religion zu.
Wie kam es dazu, dass sich die beiden Kontinente so unterschiedlich entwickelten?

Hauptsächlich aus der Perspektive von Jason, Derya, Marie und Jan wird erzählt, wie zum einen die Spiegelung entwickelt und zum anderen der Wunsch nach einem allumfassenden Glauben genährt wurde. Denn allen war in der Ausgangslage klar, so wie die Welt jetzt ist, kann sie nicht bleiben. Klimaerwärmung, Hass, Völkerwanderungen und politische Dispute, all das galt es zu lösen und für die Menschen ein neues Gefühl von Zusammenhalt und Stärke zu generieren. 

Doch wie bündelt man die Interessen von Millionen von Menschen? Und wie garantiert man, dass die Entwicklungen so weitergeführt werden, wie man sie einst geplant hatte?

Die Kapitel sind kurz gehalten und wechseln sowohl zwischen den Protagonisten als auch in den einem Zeitrahmen von sechzig Jahren hin und her. Was sich im ersten Moment sehr kompliziert anhört, greift mit jedem weiteren Kapitel weiter ineinander. Die Handlung und die Konsequenzen breiten sich wie ein Fächer vor dem Leser aus und mit jeder Seite erkennt man: Auch ein guter Ursprungsgedanke kann instrumentalisiert werden. Sobald die Schöpfer sich mit anderen zu einer Arbeitsgemeinschaft verbinden, verändert sich die Idee, wird beeinflusst und weicht von dem ursprünglichen Konzept ab.

Man muss das Buch mit Konzentration und voller Aufmerksamkeit lesen, will man allen Querverbindungen des Autoren gerecht werden. Wie beim einem großen Puzzle verstreut er die Informationen und Gedanken über die knapp 300 Seiten und zeigt, dass es nicht so einfach ist, Gutes zu tun. Ein Plan kann scheitern trotz der besten Voraussetzungen.

Ein Buch, das wachrüttelt und zeigt, dass es in der globalisierten Welt keine einfachen Lösungen mehr gibt!


5 von 5 Pergamenten

Montag, 10. August 2026

Makoto Yukimura "Vinland Saga 5"

Neben "Atelier of Witch Hat" ist über Umwege auch eine zweite Mangaserie bei mir auf dem SUB eingezogen. Während AoWH sich mit Zauberei, Büchern und verschiedenen Welten auseinandersetzt, mutet die "Vinland Saga" fast wie ein Geschichtsbuch im Mangaformat an.

Der fünfte Band ist wohl der bisher brutalste Band der Reihe. Im Zentrum steht immer noch der Konflikt um das Königkind und welche Vorteile sich die jeweiligen kriegerischen Parteien sich von ihm erwarten. Dabei sind Allianzen nicht dazu gedacht, auf ewig zu halten.
Gerade als es für Askeladd eng wird, zeigt er allen sein wahres, verräterisches Gesicht. Über Jahre hat er sich verstellt und den Retter in der vermeintlichen Not gespielt, doch damit ist es nun vorbei.

Und als ob das alles noch nicht genug ist, taucht gerade jetzt Thorkell auf und will ihm an den Kragen. Doch er hat den rachsüchtigen Thorfinn vergessen. Dieser konnte sich einige Zeit in sein Schicksal fügen, doch vergessen konnte und wollte er seines Vaters Mord nicht.

Spielte in den vorigen Bänden die Geschichte Englands und die Glaubensunterschiede eine Rolle, so ist es in diesem Band die Artus Sage, welcher in der Handlung Raum gegeben wird. Vermeintlich eingestreut, so ist aus dem Glossar ersichtlich, dass Askeladd ein Nachfahr sein soll. Eine Wendung, die seinen Größenwahn erklärt und zugleich unterstreicht.

Brutal und zugleich verwirrend beschreiben diesen Band am besten. Gerade weil es zwischen die Nordmänner zu zahlreichen Kämpfen kommt, ist man beim Lesen zeitweilig überfordert und frustriert. Die ähnliche Kleidung, das Aussehen und das Schwarz-Weiß tragen nicht dazu bei, die Truppen zu unterscheiden und so muss man etwas raten, wer nach den Kämpfen tot ist. Gleichfalls finde ich den Raub des Königskindes ein wenig in die Länge gezogen.


4 von 5 Drachenköpfen

Donnerstag, 6. August 2026

Alice Hoffmann "Die Schwestern vom Buchladen"

Isabel und Sophie haben Jahre nicht miteinander gesprochen, als Isabel eine Karte mit dem schlichten Wort "Hilfe" bekommt. Trotz all ihrer Zweifel, Ängste und auch ein bisschen Wut setzt sie sich sofort ins Auto und fährt zu ihrer Schwester.
Die Situation vor Ort ist eine ganz andere als gedacht und doch sind alle Gefühle mit einer Heftigkeit wieder da, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätte.

Auf 46 Seiten erzählt die Autorin Alice Hoffmann die Geschichte von zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Natürlich gibt es zahlreiche solcher Geschichten, doch diese Erzählung zeichnet sich durch ihre Dichte und ihre Gefühle aus.

Atmosphärisch erzählt, mit den notwendigen Details gespickt, passiert in der Handlung alles recht schnell. Doch der angenehme Schreibstil und das Wissen um Beziehungen und deren Wechselwirkung auf das jeweilige Gemüt lassen den Text in die Seele fließen. Denn jeder Mensch hat den einen Menschen, den er sich wieder in seinem Leben wünscht.
Ein Buch über Neuanfänge, Beziehungen und das Wesentliche.

5 von 5 Buchläden

Mittwoch, 5. August 2026

Margaret Frazer "Die Novizin. Mord im Jahr des Herrn 1431"

Oxfordshire, anno domini 1431.
Warum Frauen ins Kloster gehen und vor allem, warum sie dort bleiben wollen, hat auch schon zu dieser Zeit sehr unterschiedliche Gründe. Thomasine ist im Kloster sehr glücklich, auch wenn die Aufgaben sie ihrer Meinung nach zu sehr vom Beten abhalten. Gerne würde sie den lieben langen Tag beten. Doch unvermittelt gastiert ihre Ziehtante im Kloster und will sie "aus dem Fängen" des Klosters befreien. Schwester Frevisse, die sich um die Gäste des Klosters kümmert, sieht sich einer Frau gegenüber, für die der Ausdruck toben erfunden sein könnte. Sie wütet, beschimpft, bis sie erschöpft zusammenbricht. Während Thomasine neben dem Bett ihrer Tante betet, überschlagen sich die Ereignisse: Drei Tote und Thomasine ist in den Augen des Coroners die Mörderin.
Schwester Frevisse muss sich auf einmal nicht nur um die Gäste bemühen, sondern auch darum den Ruf des Klosters zu schützen.

Historische Krimis funktionieren ein wenig anders als Krimis, die in der Gegenwart spielen. Die Autorin kann nicht voraussetzen, dass sich der Leser in der Zeit auskennt. So muss sie im Vorfeld festlegen, welche Dinge sie nutzen und erklären will und welche als gegeben vorausgesetzt wird. Das Setting in Oxforshire, die Beschreibung des Klosters und die nach und nach einfließenden Erklärungen des Tagesablaufs sind gut gestaltet. Auch wird gut beschrieben, wie ein Kloster sein Geld generiert und was die Aufgaben der einzelnen sind. Der allgemeine geschichtliche Hintergrund bleibt ein wenig diffus, spielt aber auch für die Handlung nur eine untergeordnete Rolle. Der Krimi ist in meinen Augen solide. Gestaltet als klassisches Katz-und-Maus-Spiel wechseln die Motive, die Gelegenheiten und die Zeitpunkte freudig durcheinander, bis sich zum Schluss ein klärendes Bild ergibt.

Die Figur der Ermittlerin Frevisse ist für mich allerdings zu schwach gezeichnet. Da sie als Protagonistin fungiert, wechselt die Autorin viel zu häufig zu Novizin Thomasine und auch Schwester Claire. Schwester Frevisse schon zu diesem Zeitpunkt mit Miss Marple zu vergleichen, ist weit zu hoch gegriffen. Es ist schon möglich, dass sie sich zu so einem Charakter entwickelt, das müssen die Folgebände zeigen.

3,5 von 5 Klöstern

Samstag, 1. August 2026

Antoine Laurain "Fehlerhaft und wunderbar"

Benjamin kommt aus der Schule nach Hause und bringt eine schlechte Note im Diktat mit. Seine Eltern können es sich nicht vorstellen, wie ihr Sohn so eine schlechte Note bekommen kann und veranstalten ein weiteres Diktat. Mit vermeintlich schlechtem Ausgang. Bei den Erläuterungen und den Recherchen wird viel gelacht und der kurz bevorstehende Auszug des Vaters rückt im weite Ferne. Die Leichtigkeit und das Miteinander scheinen zurückgekehrt, doch das ist erst der Anfang.

Ich mag es, wenn Erzählungen einen wahren Kern haben. So setzt der Autor den berühmten Schriftsteller Prosper Mérimée, welchen man durch Carmen kennen könnte, neben den drei Protagonisten ins Zentrum der Geschichte. Denn sein Diktat ist es, welches die Erzählung trägt und ihr eine historische Tiefe gibt.

Die Erzählperspektive begleitet in dieser kurzen Geschichte viele Charaktere. Mal ist Benjamin, mal sind es seine Eltern und dann ist es der Mamas väterlicher Freund Jacques. Viele Ideen rund um Kultur, Lebensideen und Wünsche bekommt der Leser auf den 144 Seiten präsentiert, sodass die Erzählung freudig und eigentlich ohne große Konflikte vorangetrieben wird.

Und das ist die Stärke des Textes. So sehr sich einige mit dem Dictée de Mérimée abmühen, so freundschaftlich und zugetan sind die Gespräche. Sie bieten eine gewisse Leichtigkeit, die anderen Texten mit solcher Tiefe fehlt.

Ein Hoch auf die Kunst und ihre vielseitigen Daseinsformen.

5 von 5 Schreibfehlern

Freitag, 31. Juli 2026

Carsten Henn "Schascha und der Buchspazierer"

Eine Geschichte wirkt nicht nur durch ihren Inhalt sondern auch über ihre Erzählperspektive. Gedanken und Emotionen können besser mitgeteilt werden, wenn man den Charakter als Figur begleitet und nicht nur von außen auf ihn schaut.
Wie unterschiedlich eine Erzählung durch einen Perspektivwechsel wirken kann, sieht man bei "Der Buchspazierer" und "Schascha und der Buchspazierer".
Carsten Henn hat mit "Die goldene Schreibmaschine" gezeigt, dass er neben Krimis auch gute Kinderbücher schreiben kann.

Während "Der Buchspazierer" die Geschichte von Carl und seinen Wegen zu den Kunden erzählt, schlüpfen wir bei "Schascha" in die Kinderperspektive. Schascha hat über Abende hinweg den alten Mann mit seinem Rucksack beobachtet und fasst sich eines Tages ein Herz, um ihn anzusprechen. Seine zunächst ruppige Art schreckt sie nicht ab und so lernt sie all die Leser kennen, die man aus dem Buchspazierer kennen- und lieben gelernt hat. Da ich das Buch schon vor einiger Zeit gelesen habe, sind mir die Details nicht mehr gänzlich in Erinnerung, aber die Geschichte an sich ist dieselbe, aber für ein unterschiedliches Publikum.

Bei dieser Kinderausgabe stimmt auch einfach alles.
Die Geschichte, die schon vorher das Herz berührt hat, wurde vom Autor so bearbeitet, dass sie die Themen, die für Kinder wichtig sind, ansprechen. Was bedeutet es, anders zu sein als andere Kinder? Wie lebt es sich, wenn die Mutter schon früh gestorben ist? Wie schafft man es, sich als Kind zu behaupten?

Die vielen Charaktere sind dabei für die Leser Spiegelbilder und zeigen Eigenschaften, die entweder erstrebenswert und zu überdenken sind. Die Spaziergänge von Carl und Schascha bilden die Grundlage einer Freundschaft, die aus weit mehr Personen besteht.

Zugleich zeigt der Text auch, dass auch kleinere Menschen schon ganz viel erreichen können, wenn Erwachsene sie auch einmal lassen.

Ein Mut-Mach-Buch für alle kleinen und auch großen Leseratten und Bücherwürmer, für die Lesen ein wichtiger Baustein ist.

Wunderschön bebildert ist es ein Buch, was in jedes (Kinder)regal gehört.

5 von 5 Spaziergängen

Donnerstag, 30. Juli 2026

Autoreninterview R. M. Amerein

Hallo zusammen,
heute stelle ich euch eine Autorin vor, die schon seit ihrer Kindheit schreibt und uns heute in ihre eigenen Welten entführt. 

(Foto: R. M. Amerein (privat), Grafik: Maximilian Wust)

Zuletzt wurde dein Sammelband »Roboter - Die Keld-Chroniken« erneut veröffentlicht. Wie kam es zu der Neuveröffentlichung und wie unterscheidet sie sich von der ersten Ausgabe?
Es handelt sich bei den Robotern um eine Trilogie. Die ersten beiden Teile wurden zunächst beim Atlantis-Verlag rausgebracht. Nachdem ich die Rechte zurückerhalten habe, beschloss ich, die Trilogie direkt als Sammelband zu veröffentlichen. Unter anderem traf ich diese Entscheidung, um weitere Wartezeiten auf den dritten Band zu vermeiden und um die Trilogie auch neuen Lesenden schneller zugänglich zu machen.

Inhaltlich unterscheidet sich die Geschichte nicht zu den Ausgaben des Atlantis-Verlags, mal abgesehen natürlich vom dritten Band, der vorher ja noch nicht erschienen war. Timo Kümmel hat schon die Coverbilder der ersten beiden Teile illustriert und für den Sammelband etwas an den Farben und der Schriftart gedreht. Das Cover des zweiten Bands ist auf der Rückseite der Printausgabe zu finden, außerdem sind Teilelemente der Illustrationen als Kapitelzierden ins Taschenbuch gewandert.

Worum geht es in den Chroniken?
Die Sonne des Planeten Keld erkrankte vor langer Zeit. Um sie herum hat sich ein schwarzer Ring gebildet, der sich immer weiter verdunkelte. Bald konnte keine Solarenergie mehr genutzt werden, was zu einer völlig neuen Weltordnung führte. Nicht nur für die Menschen, sondern auch für sämtliche Roboter und künstliche Intelligenzen, die zu dem Zeitpunkt bereits ein fester Teil der Gemeinschaft waren. Ihre Existenzen waren wie die eines natürlichen Lebewesens anerkannt. Nun schalteten sie sich ab, da ihnen die Energiezufuhr fehlte – es war ein reines Massensterben.

Die Menschen suchten nach Lösungen, sie wieder zu aktivieren. Letztlich baute man sie so um, dass sie ihre Energie aus Biomasse ziehen können. Außerdem wurde ein Koexistenz-Vertrag erarbeitet, damit der Planet dadurch keinen Kollaps erleidet und auch die Menschen geschützt wurden. Man hoffte, es würde nur eine vorübergehende Lösung sein und die Sonne wieder gesunden.

Zu dem Zeitpunkt, an dem die Handlung ansetzt, sind seit diesen Ereignissen schon viele Jahrzehnte vergangen. Die Menschen sind in ein urtümlicheres Leben zurückgekehrt und die Roboter haben sich in Kasten aufgeteilt, um verschiedene Aufgaben für die Gemeinschaft zu erfüllen. An die Lösung des Sonnenproblems glaubt aber so gut wie niemand mehr.

Riesige Biotope sollen die Biosphäre des Planeten am Leben erhalten. Dort gelten strenge Regeln. In eine dieser Anlagen geht der Robotersöldner Smoke und bekommt von der Forscherkaste den Auftrag, ein Menschenkind namens Kaia zu finden. Kurz nachdem er es aufgespürt hat, wird das Biotop angegriffen, und erneut droht sich die Weltordnung zu verändern.

Einen Überarbeitungsprozess stelle ich mir schwierig vor. Wie planst du einen solchen und was ist der Unterschied zu einem neuen Text?
Bei einem neuen Text schreibe ich meistens einfach drauf los. Es geht vor allem darum, ein Grundgerüst zu haben, an dem ich später ordentlich feilen kann – und muss. Dazu sind mehrere Durchgänge nötig und bei jedem konzentriere ich mich auf etwas anderes: Stil und Formulierungen, Beschreibungen, inhaltliche Patzer, Füllwörter etc. Die Überarbeitungsphase ist sehr anstrengend, doch sie lohnt sich. Am Ende kann ich manchmal kaum glauben, dass der Text von mir ist – ohne jetzt eingebildet klingen zu wollen. Aber es ist superfaszinierend, wie viel man aus der Rohfassung rausholen kann.

Wenn du ein neues Projekt anfängst, wie sehr strukturierst du es? Ist vieles von Anfang an festgelegt oder lässt du dich auch ab und zu treiben?
Das ist tatsächlich von Buch zu Buch unterschiedlich. Meistens habe ich aber zumindest das Worldbuilding grob ausgearbeitet und ein paar Ideen, wohin die Geschichte gehen könnte. Ich lasse genug Raum für die Charaktere und spontane Entwicklungen. So kam es schon öfter vor, dass ich selbst völlig überrascht von einem Plot-Twist war und mit den Protagonisten zusammen nach Lösungen suchen musste.

Was bedeutet Schreiben für dich?
Schreiben ist für mich überlebenswichtig. Habe ich einen Tag nicht geschrieben, werde ich ganz unruhig. Es ist seit meiner Kindheit eine der wichtigsten Formen, mich auszudrücken und meiner Fantasie und Kreativität Raum zu geben. Mittlerweile verarbeite ich auch vieles durch das Schreiben, sei es Privates oder das Weltgeschehen.

Es bedeutet mir die Welt, wenn ich durch meine Geschichten andere Menschen berühre, ihnen die Möglichkeit gebe, abzutauchen und mitzufiebern. Das ist der Hauptgrund, aus dem ich nicht mehr für die Schublade schreibe und meinen Traum wahrwerden ließ.

Wie beeinflussen deine anderen Hobbies das Schreiben?
Ich bin eine Person, die sich für ziemlich viel begeistern kann. Das spiegelt sich auch in meinen Geschichten wider, da ich einige Themengebiete dort einfließen lasse. Das Schreiben hat mich aber auch schon dazu gebracht, Dinge, die ich längst mal ausprobieren wollte, endlich anzugehen. Manchmal erst aus Recherchezwecken, aber ich bin teilweise auch bei den Hobbys geblieben. Ich glaube, mein Hobby-Konstrukt baut aufeinander auf und greift gut ineinander – zumindest meistens. Hin und wieder blockiere ich mich mit meinen ganzen Interessen allerdings, wodurch dann z. B. das Schreiben zu kurz kommen kann.

Woran arbeitest du zur Zeit?
Ich habe dieses Jahr den Auftakt zu einer neuen Reihe beendet. Dinosaurier spielen eine große Rolle und ich bewege mich in dieser Welt mal wieder im Bereich der Science Fantasy. Ich weiß noch nicht genau, wann die Reihe erscheinen wird und wie viele Bände sie umfassen wird, aber ich hoffe, bald mehr dazu berichten zu können.

Wer neugierig ist, kann hier mehr über R. M. Amerein erfahren:
instagram.com/rm_amerein/
tintenfass.info/ueber-mich/

Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.

Mittwoch, 29. Juli 2026

Hans Peter Roentgen "Sherlock, Watson und eine KI, die fremdgeht"

Sherlock und Watson.
Bekannt, aber doch ganz anders. Denn es ist nicht "der" Sherlock, obwohl er auch ein Detektiv ist. Und es ist nicht "der" Watson, denn er ist kein Mensch und zudem Sherlocks Butler.
In einem Institut verschwinden Daten, einer Frau wurde zuvor gekündigt, jetzt ist sie tot.
Warum? Das ist die Aufgabe von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Polizisten in dieser alternativen Welt um Sherlock und Watson. Doch bei diesen Unstimmigkeiten bleibt es nicht und der Leser wird zunehmend auf eine falsche Fährte gelockt, die wenig Böses auslässt.

Wie würde eine Welt von Sherlock aussehen, wenn man sie aus dem viktorianischen Setting nimmt und sie in eine andere Welt platziert? Hans Peter Roentgen wagte den Versuch. Neben dem Setting änderte er ebenfalls das Genre und wechselt von der klassischen Detektivgeschichte in einen Noir Crime. Dieser Wechsel trägt sehr zum Stil bei und verschärft auch die Unterschiede zu den klassischen Texten.

Doch die Charaktere und das Setting sind nur die eine Seite der Medaille, wenn es um eine gute Geschichte geht. Eingespeiste Gehirne, Humanoide, die als Personal sehr dem der viktorianischen Zeit gleichen, Aufruhr im Staat und nahezu vollständige Überwachung erinnern an bekannte Dystopien.

Er zeigt, dass Charaktere aus ihrer Zeit wachsen können, wenn man sie richtig adaptiert und doch bleibt es eine Geschmacksfrage, wie einem der Transfer gefällt.

An manchen Stellen habe ich gestutzt und mir etwas mehr Klarheit gewünscht, denn auf knapp 280 Seiten fährt der Autor schon sehr viel auf, was das Buch ein bisschen überfrachtet.

Der Kerngedanke über die KI und auch der Umgang mit dem Sherlock der Zukunft sind gut gelöst. Sie lassen die Geschichte noch ein wenig nachhallen, denn vieles scheint nicht unwahrscheinlich.

3,5 von 5 Detektiven 

Dienstag, 28. Juli 2026

Makoto Yukimura "Vinland Saga 4"

Neben "Atelier of Witch Hat" ist über Umwege auch ein zweite Mangaserie bei mir auf dem SUB eingezogen. Während AoWH sich mit Zauberei, Büchern und verschiedenen Welten auseinandersetzt, mutet die "Vinland Saga" fast wie ein Geschichtsbuch im Mangaformat an.

Der vierte Band schließt nahtlos an den dritten an. Auf der Suche nach dem entscheidenden Vorteil streicht Askeladd Richtung Wales und entdeckt dabei den Prinzen Knut und seinen Gefolgsmann Ragnar. Seltsam mutet der Prinz an und Askeladd sieht in ihm nicht den Führer, den andere in ihm erwarten. Doch während es oft so scheint, als wären die Dänen auf einer Seite, tun sich in Wales Abgründe auf. Es zeigt sich, niemand kennt den anderen richtig und Verrat ist nur eine Frage der Zeit und der daraus resultierenden Macht.

Neben den üblichen Konflikten spielen dieses Mal auch die Jahreszeiten eine bedeutende Rolle, denn was passiert, wenn Krieger hungern? Richtig, sie können nicht mehr richtig kämpfen. Christen werden als Menschen zweiter Klasse gesehen und so ist es an dem, dass sie sich für ein größeres Ziel zu opfern haben. Gegen ihren Willen.

In diesem Band geht es weniger um den Kampf ansich. Es dreht sich viel mehr um Politik und wie der Stärkere den Schwächeren ausbeutet. Gerissenheit wird groß geschrieben und man lernt, viele Probleme haben nichts mit der Nationalität sondern mit dem Ego, dass vereinzelte Protagonisten vor sich her tragen, zu tun.

Gerade dieser Band zeigt, wie wenig sich unsere Kulturen im Punkt von Vorteilsnahme und Egoismus geändert haben.

Für mich ist dies der bisher beste Band der Reihe.

5 von 5 Drachenköpfen

Samstag, 25. Juli 2026

Katharina Schendel "Cornwall Crimes - Das Rätsel von St. Florence"

Einige Meilen von London entfernt befindet sich die Abtei St. Florence. Eine beschauliche Zuflucht für Frauen, die ihr Leben der Heiligen Mordred widmen wollen. Doch der Frieden der Abtei wird nicht nur durch das Bellen des abteieigenen Hundes und das Gackern der eigenen Gans gestört. Vielmehr hat es der neue Reverend auf die drei Nonnen abgesehen. Bei einem Volksfest, auf dem sie ihren Melissengeist verkaufen, bricht eine Kundin nach einem Schluck zusammen und die Ruhe in der einsamen Abtei ist gestört. Als es zu dem ersten Toten kommt, vermutet auch die Polizei, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht und nimmt die Nonnen aufs Korn.

Mit seinen Vergleichen zu anderen Krimiklassikern erwartet man am Anfang eine andere Art Krimi, denn die Vergleiche beziehen sich auf Größen wie Agatha Christie und G. K. Chesterton.Daher betrübt es, wenn der Krimi sich als cosy crime entpuppt und wenig von den Rätseln der Klassiker hat.
Hat man den Gedanken überwunden, ist es ein guter cosy crime, der mit einem kleinen Dorf und zynischen Bewohnern daherkommt. Eingebettet in die englische Countryside sieht man förmlich die Szenerie vor dem geistigen Auge auferstehen und lässt sich in die Geschichte ziehen.
Ein Geist, ein Turm, abteieigene Tiere, die Stimmungen wahrnehmen, dazu drei Nonnen, die sich durch ihre Unterschiedlichkeit gut ergänzen. Abgerundet wird das Ganze durch einen Mann, der verwundet am Kloster auftauchen und von einer Verschwörung faselt.

Für Fans von M.C. Beaton eine gelungene Abwechslung.

3,5 von 5 Abteien

Dienstag, 21. Juli 2026

Tessa Hansen "Adalina und die Liebe zu den Büchern"

Viele der kleinen Dörfer in der süditalienischen Basilicata haben ein Problem: Sie sind einsam. Selten verirren sich Touristen in die Dörfer und somit wandert die Bevölkerung seit den 1970er Jahren ab. Besonders die Kinder leiden unter dieser Situation. Die Schulen werden kleiner oder schließen, die Eltern haben kaum Zeit, da viele in der Landwirtschaft tätig sind.
Als Adalina nach Jahren in Pisa zurückkommt, sieht sie den Stern ihrer Kindheit in der Garage stehen: das Bibliomotocarro. Neugierig forscht sie nach, warum es nicht mehr zum Einsatz kommt und es entspinnt sich eine Geschichte über Freundschaft, Bücherliebe und dem berühmten Ankommen im Leben.

Das "Bibliomotocarro" und sein Besitzer Antonio La Cava dürften einigen aus der Fernsehdokumentation "Wo Bücher die Welt bedeuten" bekannt sein. Im Nachwort erklärt die Autorin, dass sie den "echten" Antonio kennenlernen und auf seiner Tour begleiten durfte, was man ihrem Text an vielen Stellen anmerkt.
Realität und Fiktion verschwimmen an vielen Punkten in dem Buch und machen es so greifbar, dass man die Musik und das Kindergeschrei hört, wenn der Maestro in ein Dorf kommt.

Die Autorin webt die Geschichte von Adalina, sie hat früher selbst das Bibliomotocarro jede Woche herbeigesehnt, und das Tagebuch von Antonio La Cava zu einer wundervollen Erzählung. Adalina, selbst Autorin mit einer momentanen Schreibblockade, versucht durch ihre Vergangenheit zu einem neuen Plot zu gelangen und erklärt dem Leser dabei, wie man ein Buch schreibt. Ein kleiner Schreibratgeber für zwischendurch sozusagen.
Immer im Wechsel erfährt über das Tagebuch, wie der Wunsch nach einer fahrenden Bibliothek in Antonio reifte, und mit Adalina erlebt man, was es heißt im Alter seinen Traum ziehen lassen zu müssen.
Emotionen werden bei diesem Buch groß geschrieben, doch sie sind immer herzlich, ohne dabei kitschig zu werden.
Man fiebert mit allen Figuren mit und will eigentlich nicht, dass das Buch endet. Zu schön ist der Gedanke, dass Bücher so vielen Menschen Glück bescheren können.

Eine Ode an das Buch und die Freundschaft.

5 von 5 rollenden Bibliotheken

Samstag, 18. Juli 2026

Jo Fischler "Klein aber tot"

Der Schmierfink ist tot. Darüber ist in Knuffingen allerdings niemand wirklich traurig, denn besagter Schmierfink hat es sich mit fast allen verscherzt. Mit Beleidigungen und mehr warf der Tote um sich und die Anzahl der Verdächtigen ist enorm. Selbst die Mutter von Polizist Wunder gehört zu den Verdächtigten. Doch nach und nach verschwinden diese und der Ermittler weiß zunehmend nicht mehr, wie er seine Befragungen durchführen soll, wenn doch keiner mehr da ist.

Knuffingen, ein Ort im Miniatur Wunderland. Ein Setting, welches viele schon einmal gesehen haben dürften, wenn sie in Hamburg waren. Die vielen kleinen Welten, in denen Eisbahnen umherfahren und in denen kleine Szenen arrangiert sind. Nun eben dieser Mordfall. Er wird erzählt wie jeder andere und man muss sich immer wieder bewusst machen, dass man sich in dieser kleinen Welt befindet, da man es dem Schreibstil nicht anmerkt. Ein Ermittler, eine Bäckerei, ein Blumenladen, ein Anwesen und ein Chef, der nie da ist. Hört sich bekannt an? Eben. Knuffingen könnte überall sein und das macht die Protagonisten auch so sympathisch. 
Der Fall selbst ist gut aufgebaut und zeigt die vielen Facetten der menschlichen Natur: Neid, Eifersucht und Gier. Und er führt den Leser das ein oder andere Mal gut hinters Licht. 
Ein gelungener Kriminalfall, der die Kleinen ganz groß wirken lässt.

4 von 5 Schmierfinken

Mittwoch, 15. Juli 2026

Schwäbe_Pointecker (Hrsg) "Zu den Wurzeln - Eine Planthologie"

Leise rascheln die Blätter, als sich eine ganz besondere Anthologie auf meinem Ebook-Reader und auch in meinem Kopf verpflanzt.
"Zu den Wurzeln" ist eine Planthologie und, soweit mir es bekannt ist, die erste Anthologie, die sich nur mit Pflanzen beschäftigt.
Während im Solarpunk Pflanzen auch eine größere Rolle spielen können, hat der Verlag ohneohren bei dieser Geschichtensammlung die Pflanzen ins Zentrum gesetzt.

Mit sechzehn Erzählungen rund um Pflanzen auf der Erde, auf dem Mars, in der nahen oder auch in der ferner Zukunft, holen die Schreibenden die Leser*innen im Hier und Jetzt ab.
Es geht um die Kommunikation zwischen Pflanze und KI, es dreht sich um die Bewirtschaftung von Feldern nach vermehrten Sonnenstürmen und saurem Regen.
Zwei Erzählungen stellen sich die Frage, ob es ein Mischwesen zwischen Mensch und Pflanzen geben könnte und welche Krankheiten damit einhergehen würden.

Die jeweiligen Geschichten werden eingeleitet mit Content Notes und einer individuellen Themenübersicht. Die Autor*innen verwenden zudem in ihren Texten viele Arten der Neopronomen.
Jede*r soll sich von diesem wichtigen Thema angesprochen fühlen und mit den Texten auseinandersetzen können.

Ein großes Lob über Geschichtenauswahl hinaus gilt den Herausgeberinnen. Sie haben die Erzählungen so schön arrangiert, dass man beim Lesen jede Emotion mindestens einmal durchlebt, aber niemals in einer verharrt. Eine Kunst, die gerne keimen darf.
Die Themen sind dabei so ausgewählt, dass es wenig inhaltliche Doppelungen gibt und mir nur eine Erzählung nicht gefallen hat.

Meine absoluten Highlights waren "Alfie" und "Die Dalonie".
In meinen Augen dürfen mehr solcher Geschichten kultivieren werden.

5 von 5 Setzlingen

Samstag, 11. Juli 2026

Stefanie Neeb "Copenhagen Cinnamon 2"

Warum Freja ausgerechnet mit Nicolaj zusammenarbeiten soll, ist ihr schleierhaft. Auch was Mads in seinem besten Freund sieht. Aber gut, sie will ihrer besten Freundin Jonna helfen und so greift sie Mads beim Aufbau seiner Bar marketingtechnisch unter die Arme. Dass sie nebenbei noch das riesige Projekt in New York stemmen und ihre Eltern beeindrucken muss, erleichtert die Sache nicht. Doch immer wieder geht ihr Nicolaj auf die Nerven und doch als es hart auf hart kommt, ist es gerade er, auf den sie sich verlassen kann.

Enemies to Lovers gibt es inzwischen einig, doch sind es besondere Bücher, die herausstechen. Denn wie schon in ihrem ersten Band hat Stefanie Neeb das Gespür für Gefühle, Zwischentöne und Ängste. Sowohl Freja als auch Nicolaj haben es in ihrer Vergangenheit nicht leicht gehabt, was sich bis in die heutige Zeit bemerkbar macht. Beide verstecken sich hinter Masken, die die Autorin glaubhaft konzipiert hat und deren Gründe nicht jeder zu wissen braucht. Doch genau diese Unnahbarkeit ist es, die diese Geschichte in weiten Teilen trägt. Missverständnisse, Vorurteile, Neid, all die negativen Seiten, die sich die Menschen ausdenken können, werden hier reflektiert und ins Gegenteil verkehrt. Geheimnisse kann man lüften und Ängste eindämmen, wenn man sich traut und wieder lernt zu vertrauen.
Genau wie der erste Band steht neben der eigentlichen Geschichte eine zweite, die den Leser motivieren soll, sein Leben und das Negative zu überdenken. Vieles lässt sich klären und zu schönerem wachsen lassen, wenn man mutig ist und die Chance dafür bekommt.

4 von 5 Cocktails

Mittwoch, 8. Juli 2026

metropolcon Berlin


Fünf Tage Berlin und wenn ich in mein Handy gucke, gibt es nur einzelne Beweise dafür.Denn auch wenn man es nicht glaubt, man hat kaum Zeit für Fotos.
Man ist vertieft in Gespräche, man lauscht den Panels oder lässt sich in der Situation einfach mal treiben. Vier Tage am Stand des Weltenportals haben gezeigt, es gibt wahrlich Interesse an dem gedruckten Wort und einem Magazin gibt, das sich als Grenzgänger zwischen den Genres sieht.
Neben schon bekannten Gesichtern, war es schön, auch einmal mit Menschen zu sprechen, die man bisher nur online kannte.
Die Lokation ist ein gar zauberhafter Ort, der auch die kreativen Energien wieder aufgeladen hat. So viele Gedanken und Erinnerungen sprudeln durch meinen Kopf, dass ich es kaum schaffe, sie zu sortieren und ihnen ihre Berechtigung zu geben.
Nebenbei hat das Weltenportal auch sein fünften Geburtstag gefeiert. Passend dazu ist eine Zusammenstellung aus den ersten sieben Ausgaben erschienen, die man neben dem Magazin erwerben kann. Die nächste Con in Dreieich steht im Oktober an. Und ganz vielleicht gibt es dann auch ein eigenes Buchprojekt.
Danke für die schönen Gespräche und danke an Chris, dass ich mitmachen darf.

Dienstag, 30. Juni 2026

Romain Gary "Lady L."

Eigentlich sollte es eine gemütliche Geburtstagsfeier werden. Nur Lady L., ihr Sohn, dessen Kinder und ihre Urenkel. Doch wie immer ist auch Percy, ein langjähriger Verehrer Lady L.s dabei und liegt ihr mit der gewünschten Biographie in den Ohren. Doch so oft sie ihm diesen Wunsch in den Jahren zuvor ausgeschlagen hat, dieses Mal ist etwas anders. Sie kann nicht mehr zurückhalten, wie sie geworden ist, was sie ist. Und doch ist es so gar nicht das, was Percy zu hören wünschte.

Auf gerade einmal 176 Seiten erzählt der Autor eine fantastische Geschichte darüber, was es bedeutet den Schein zu waren.
Im späten 19. Jahrhundert beginnt diese sehr eigenwillige Geschichte und zeigt, wie man zu etwas werden konnte, wenn man nur genügend Biss hatte. Und den hatte Lady L. Sie wurde trainiert in Sprache, Kultur und all den anderen Fähigkeiten, um sich in einer Gesellschaft zu bewegen, die so ganz fern ab von der ihren war. 
Die Erzählung wechselt zwischen ihren Erinnerungen und Percys Reaktionen, was oftmals dem Leser ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert, denn welcher Engländer hört gerne einem Hochstapler zu.
Der Text hat schon einige Jahre auf dem Buckel und das merkt man dem Schreiben an. Lange Sätze, viele Erzählabschnitte mit wenig wörtlicher Rede sind so ganz anders als der heutige Schreibstil.
Man muss sich darauf einlassen, denn die Geschichte und der Schluss-Gag lohnen sich wirklich.

4 von 5 Lebensweisheiten

Freitag, 26. Juni 2026

Anja Saskia Beyer "Das kleine Café am Meer"

Der Freund hat die Tasche gepackt und am nächsten Tag läuft der Arbeitsvertrag aus. Es ist kein guter Abend für Hannah, als sie eine Nachricht von einer alten Freundin erhält, die auf Mallorca lebt. Kurzerhand kratzt Hannah ihre letzten Euros zusammen und bucht einen Flug, quasi in die Vergangenheit. Denn Lucia ist ihre Kindheitsfreundin. Das Mädchen, mit dem Hannah die Ferien auf Mallorca jahrelang verbrachte, bevor der Job ihr Leben übernahm. Während Hannah unter dem Trennungsschmerz leidet, hat Lucia ganz andere Sorgen, die auch etwas mit dem gutaussehenden Sam zu tun haben.

Schöne, malerische Strände, kleine verwunschene Orte.
Mallorca ist mehr als Ballermann und Saufen. 

Die Autorin verwebt die Geschichten der insgesamt vier Frauen so gekonnt und zeigt dabei auch, wie oft man einander im Leben begegnen kann, ohne sich wirklich zu sehen. Das Prinzip des Ich-kenne-einen-der-einen-kennt wird hier an manchen Stellen ein wenig überreizt, aber letztlich laufen alle Geschichten zusammen und bilden ein gelungenes Ende. Wobei mir hier gut gefällt, dass es nicht für alle rosig ausgeht. Denn so viele Zufälle in diesem Buch vermeintlich passieren, viele Dinge wie z.B. Neid und Missgunst sind so alltäglich, dass sie in einem Buch vorkommen müssen, denn sonst wäre zu viel Friede, Freude, Eierkuchen.

Eine Geschichte, die Mut macht und zeigt, dass es keinen festen Fahrplan für das Leben gibt und man durchaus sein Glück finden kann. Wenn man es zulässt und mit offenen Augen und Herzen durch das Leben geht.

4 von 5 Orangen

Donnerstag, 25. Juni 2026

Autoreninterview Bastian Martschink

Hallo zusammen.
Ein neuer Monat und dieses Mal geht es wieder in das Krimi-Genre. Mein heutiger Interviewpartner hat den klassischen Whodunnit überarbeitet und ... Ach lest selbst ...

(Foto: Bastian Martschink (privat), Grafik: Maximilian Wust)

Welches Buch hat den Ausschlag gegeben, dass du selber schreiben möchtest?
Ich habe wirklich unglaublich viele gute Bücher gelesen, aber ich könnte jetzt gar nicht dieses eine Buch nennen, von dem ich sagen würde: Genau das war der Auslöser, jetzt will ich auch schreiben.

Meine Leidenschaft fürs Schreiben war eigentlich schon sehr früh da. Im Studium ist sie dann durch die ganzen Bücher, die ich gelesen habe, noch mal stärker geworden. Ich muss da aber immer wieder zurückdenken an die Geschichten von Huckleberry Finn. Das ist natürlich ein ganz anderes Genre, und mein Finn hat mit dem Namen auch nichts zu tun. Aber ich fand Huckleberry Finn als Figur einfach cool: dieses Freiheitsgefühl, dieses Raus-in-die-große-Welt, dieses Quatschmachen und die Freundschaften. Top!

Welche drei Elemente sind wesentlich für dein Buchkonzept?
Leider kann ich hier nichts maximal Spektakuläres bieten. Ich habe keine komplett feste Vorstellung davon, wie am Ende alles aussehen muss. Ich lasse mich da gerne treiben, denn es muss sich für mich gut anfühlen. Ich schreibe das, worauf ich selbst richtig Lust habe, und hoffe dann natürlich, dass es anderen genauso geht.

Was mir aber wichtig ist: Am Ende muss es noch irgendwie scheppern. 😊 Ich mag es schon, wenn man am Ende hoffentlich überrascht wird. Das bekommt man nie im Leben bei allen Leserinnen und Lesern hin. Aber ich gebe mein Bestes. 😉

Wodurch ziehst du deine Inspiration?
Wodurch nicht? 😄

Ich habe keine bestimmten Orte, Vorbilder oder geheimnisvollen Inspirationsquellen. Ich spaziere durch die Welt und habe inzwischen natürlich einen ziemlich starken Fokus auf alles, was ich irgendwie für Thriller oder Krimis nutzen könnte.

Sobald ich etwas entdecke, notiere ich es mir direkt im Handy. Wenn ich dann über eine neue Buchidee nachdenke, schreibe ich alles aus diesen Notizen in mein OneNote, starre lange, lange drauf und hoffe, dass ich irgendwie eine sehr kreative Idee habe.

Wie kam es zu deiner Buchreihe um Finn Dever?
Lang, lang ist es her ... Ich habe die Reihe schon vor über fünfzehn Jahren angefangen zu planen, aber damals nie wirklich die Zeit gefunden, das Ganze auch umzusetzen. Vor ein paar Jahren habe ich dann aber tatsächlich angefangen zu schreiben, erstmal als Geschenk für meine Frau. Die hat mich danach motiviert, es doch einfach mal bei einem Verlag einzureichen. Und sie hat mir netterweise (und das meine ich wirklich absolut positiv, weil es sonst nie funktioniert hätte!) auch ziemlich knallhart gesagt, wo es im Manuskript noch hakt.

Der Rest war dann sicher auch eine Portion Glück. Es ist ja gar nicht so leicht, überhaupt sichtbar zu werden. Ich glaube, da draußen gibt es wahnsinnig viele tolle Bücher, die nie veröffentlicht werden, weil sie anhand von ein paar Seiten und einem Exposé vielleicht unterschätzt werden.

Wie schaffst du es, dir im Alltag die Zeit zum Schreiben zu nehmen?
Das Wichtigste ist und bleibt für mich die Familie. Die soll natürlich nicht zu kurz kommen, und deshalb muss sich alles andere irgendwie drumherum sortieren.

Das Schreiben funktioniert dann vor allem, weil ich sehr früh aufstehe und schreibe, bevor alle wach sind und der normale Familien- und Arbeitsalltag losgeht. Und ich habe aber auch einfach so viel Lust zu schreiben, dass ich mich wirklich jeden Tag hinsetze.

Das klappt sicher mal besser und mal schlechter. Aber ohne diese Leidenschaft (und damit auch so etwas wie Disziplin, auch wenn das immer direkt so mies negativ klingt 😊) würde es wahrscheinlich nicht gehen.

Arbeitest du gerade an einem neuen Fall für Finn Dever?
Es gibt einen Rohentwurf für Finn Dever 4, und ich finde die Geschichte wirklich klasse. Aber mit Band 3 ist die Trilogie abgeschlossen. Die großen Geheimnisse werden gelüftet, offene Fragen beantwortet und auch zwischenmenschlich wird sich einiges klären. 😉

Sollten die Verkaufszahlen explodieren, wird es sicherlich auch einen Band 4 geben, aber die Trilogie ist so für mich erstmal absolut rund.

Aber: Da ich Finn schon vor mehreren Jahren geschrieben habe, habe ich in den letzten Jahren bereits einen neuen Thriller fertiggestellt und versuche damit im Sommer mein Glück bei Verlagen.

Wie würdest du deinen Ermittler charakterisieren und welches Publikum sprichst du mit ihm an?
Ich habe versucht, einen Ermittler zu erschaffen, der etwas Neues mitbringt. Ich wollte keinen kaputten Typen mit tausend Problemen, sondern dass Finn eher locker, neugierig und sympathisch ist (falls jemand das nicht so wahrnehmt, lasse ich mich aber gerne korrigieren 😄). Gleichzeitig hat Finn die Fähigkeit, kurze Visionen aus der Vergangenheit zu sehen.

Dadurch wird er aber nicht zum Superhelden, denn er kann diese Fähigkeit nur selten einsetzen. Und selbst wenn er etwas sieht, weiß er dadurch noch lange nicht, wie ein Mensch wirklich tickt oder was jemand alles verbirgt. Für mich war wichtig, dass dadurch neue Ermittlungssituationen entstehen, überraschende Dinge mit ihm passieren, der Fall aber trotzdem ein Rätsel bleibt.

Ich hoffe, damit Leserinnen und Leser zu finden, die Wendungen, Miträtseln und Spannung mögen (oh Mann, klingt jetzt katastrophal generisch … ist aber so 😊). Und ich hoffe natürlich, dass ich rund um Finn auch noch eine faszinierende Welt erschaffen habe. Mit lockerem Charme, Humor, Neugier und einer kleinen Portion Coolness.

Wer neugierig ist, kann hier mehr über Bastian erfahren:
instagram.com/finn.dever.official
golkonda-verlag.com/bastian-martschink-finn-dever

Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.

Montag, 22. Juni 2026

Aurelia L. Night "Fabula Magicae 2"

Eigentlich wollte Mia gar nicht zurück, doch Liam hat nicht mit sich reden lassen. Sie muss in ihre Welt zurückkehren, doch dort ist nichts mehr so wie es einmal war. Sie galt als vermisst und ihre Eltern haben sich getrennt. Ein Hin und Her zwischen Hier und Dort, doch es ist, wie es ist: Mia muss zurück zu Liam, denn es gilt eine Welt zu retten … und auch Liam.

Während der Prolog dieses Mal auf einen anderen Blickwinkel der Bücherwelt deutet, ist es schon so, dass die Autorin die losen Fäden aus dem ersten Band gelungen auflöst. Neben der eigentlichen Geschichte rund um die Bücherwelt baut sie im zweiten Band die Liebesgeschichte stärker aus und auch die Nebenschauplätze werden gut gespielt. Stand im ersten Band hauptsächlich Narnia im Fokus finden sich in diesem Band auch andere Erzählungen, wie z.B. Märchen. Alles, was uns aus diesen Texten, wie z.B. Neid, Verrat oder der Wunsch nach Macht bekannt vorkommt, kommt in dem zweiten Band der Dilogie zu seinem Abschluss.


3 von 5 Reichen

Frank Goldammer "Strandopfer"

An der deutsch-polnischen Grenze wird eine Leiche gefunden. Doch was im ersten Moment wie ein Badeunfall aussieht, stellt sich bei genauerer Betrachtung als ein verdächtiger Todesfall heraus, denn im Rachen des Opfers findet sich ein geschliffener Bernstein. Während sich die polnische und deutsche Polizei noch über die Vorgehensweise streiten, wird klar, dass auch noch ein Kind verschwunden ist. Und das werden nicht die einzigen Verbrechen bleiben ...

Frank Goldammer versteht es mit Vorurteilen zu spielen. Arm - reich, deutsch - polnisch, Mann - Frau. In fast jede Beziehung bringt er eine Dynamik, die durch Vorwürfe und Informationszurückhaltung geprägt ist. Als Leser sind wir nah bei der deutschen Polizistin, die sich mit der Sprachbarriere zu ihren Kollegen und der Zurückhaltung von Informationen zurecht finden muss. Ihre privaten Probleme aus der Vergangenheit überlappen sich mit den Ermittlungen und der Autor zeigt auf, wie sehr Menschen zu manipulieren sind. Denn eins ist klar, ohne Informationen gibt es keine Ermittlungen und ohne Beobachtungen keine Darstellung, die halbwegs neutral ist.
Über vierhundert Seiten führt uns der Autor über verschiedene Pfade vermeintlich immer näher an die Lösung, um uns dann doch wieder in eine ganz andere Richtung zu lenken. Denn wie es bei Geheimnissen so ist, hat man erst eins geschaffen, folgen meist weitere und dies ist selten von Vorteil.
Ein Krimi, der neben seiner eigentlichen Handlung viel über die Geschichte von Deutschland, DDR und Polen erzählt und zeigt, dass die Vergangenheit oftmals sehr präsent ist.

4,5 von 5 Kriminalfällen

Samstag, 20. Juni 2026

Astrid Lindgren "Pippi - Das stärkste Mädchen der Welt"

Astrid Lindgren gilt bis heute als eine der Kinderbuchautorinnen - zu recht.
Denn mit ihren zumeist kleinen Heldinnen und Helden hat sie nicht nur die Kinderherzen im Sturm erobert, sie schafft es auch die Erwachsenen zu beeinflussen. Mit ihren vielen kleinen und großen Wahrheiten zeigt sie, dass wir Erwachsenen nicht nur vergessen haben, was es heißt, unbeschwert wie ein Kind zu sein, sondern uns in unseren Denkweisen auch gerne einmal verzetteln.

Das neue Buch ist in zehn Kapitel unterteilt, die zehn Charaktereigenschaften von Pippi zeigen. Jedes Kapitel ist mit einer kleinen Einleitung versehen, woraufhin eine Textpassage aus den originalen Pippi-Büchern folgt. Untermalt sind die Geschichten mit den allerersten Illustrationen von Ingrid Vang Nyman. Schlicht gehalten mit einer ausgewählten Anzahl an Farben legt das Buch wert auf eine schöne Umsetzung, doch viel wichtiger für die kleinen und großen Kinder sind die mutmachenden Eigenschaften. Wie kann man stark oder liebenswert sein?
Doch nicht nur Bilder und Texte findet man in dem Buch. Kleine Spiele, Bastel- oder auch Gesprächsideen runden das Buch wunderschön ab, denn Pippi hat für fast alles einen Rat, obwohl sie noch so jung ist.
Ein Buch für groß und klein, mit dem wichtigen Hinweis, alle Menschen sind etwas Besonderes.

5 von 5 starken Mädchen

Freitag, 19. Juni 2026

Aurelia L. Night "Fabula Magicae 1"

Als ihr Großvater stirbt, ist Mia am Boden zerstört.
Ihre Eltern sind ihr nicht nah und so will sie den Tod einfach nicht akzeptieren.
Doch beim Amtsgericht erhält sie bei der Eröffnung des Testaments ein Buch, das ihr Leben verändern wird.
Fortan lebt sie - im wahrsten Sinne des Wortes - in diesem Buch, bis sie flüchten muss.

Es handelt sich um den ersten Band einer Dilogie, die sich in die Tradition von Narnia, Tintenherz und Co. stellt.
Mia erwacht in einer Welt, die so ganz anders ist als die unsere und muss hier Abenteuer bestehen, um sich vom Kummer zu befreien und die Welt zu festigen.
Der Kampf zwischen Gut und Böse steht hier wie bei vielen Büchern dieses Genres im Mittelpunkt und wünscht sich oftmals, dass die Autorin ein wenig mehr von ihrer eigenen Kreativität eingebracht hätte. Oftmals wirkt es wie ein modernisiertes Narnia und nicht wie eine eigenständige Reihe.
Der Schreibstil zieht den Leser schnell in die Handlung und mit dem berühmten Cliffhanger endet der erste Band.

3 von 5 Reichen

Dienstag, 16. Juni 2026

Ben Kryst Tomasson "Sylter Neid"

Nach dem letzten Fall hatte Jonas seiner Frau Kari eigentlich das Versprechen abgenommen, dass sie sich in der Elternzeit nur um die kleine Tochter kümmern und die Finger von ihrer LKA-Tätigkeit lassen soll. Doch wie immer spricht wieder etwas dagegen, dieses Mal in Form ihrer Mutter. Ihr alter Studienkollege besitzt eine Schönheitsklinik auf Sylt und seit einiger Zeit verschwindet Botox aus verschlossenen Schränken. Schnell ist die Häkelmafia aktiviert und Kari fährt mit Lotte auf die Insel. Sehr zum Verdruss ihres Mannes. 

Wie schon in den früheren Büchern ist es auch dieses Mal erneut so, dass die Handlungsstränge von Jonas und Kari sich überschneiden und wie jedes Mal zittert man beim Lesen mit, ob sie auch im aktuellen Fall ihre Beziehung verheimlichen können.

Mit dem elften Band ist es wie ein nach Hause kommen. Man kennt die Charaktere und trotzdem schafft es der Autor sie fortwährend weiterzuentwickeln.

Auch bei den neuen Figuren ist es nie so, wie es im ersten Augenblick scheint und somit hat der Autor bei allen Beziehungen noch ein Ass im Ärmel. Während der Leser immer tiefer in die Geheimnisse eintaucht, erzeugt der Autor Gefahrensituationen, die nachvollziehbar und nicht so übertrieben sind, wie es bei Filmen oder Thriller oft der Fall ist.

Die Fachinformationen lesen sich fundiert und lassen den Leser somit auch jedes Mal in eine andere reiche Welt von Sylt eintauchen.

4 von 5 Injektionen

Freitag, 12. Juni 2026

Amy Bloom "Meine Zeit mit Eleanor"

Ein paar Tage vor Kriegsende, im April 1945, schleppt sich eine Frau nach der Beerdigung ihres Mannes in die Wohnung ihrer Freundin. Bei der Frau handelt es sich um Eleanor Roosevelt, die Freundin heißt Lorena Hickok. In Rückblenden erzählt Lorena ihr Leben vor Eleanor, während sie die Beileidsbekundungen zum Tod von Franklin D. Roosevelt sichten. Kennengelernt haben sie sich 1932 als Hickok in das Weiße Haus als Hausreporterin einzog. Schnell entdecken die beiden Damen die Harmonie zwischen sich und unternehmen auch private Ausflüge und mehr.

Das Buch "Meine Zeit mit Eleanor" ist ein Roman. Was sich zeitweilig wie ein historisches Sachbuch liest, ist eine Erzählung über das Leben zweier Frauen in den 1930er und 1940er Jahren in Amerika. Ein flüssiger Schreibstil, der als Tagebuch gegliedert ist, bringt den Text schnell näher. Beide Frauen haben vor ihrer Begegnung schon viel mitgemacht und es zeigt sich, wie gerade zu dieser Zeit die Sicht auf die Frau war. Um vieles wurde noch gekämpft, teils gemeinsam, teils gegeneinander.
Die Erzählung zeigt aber auch, wie es zwei Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensläufen schaffen, miteinander klar zu kommen und sich vielleicht gerade wegen ihrer Unterschiede sehr nah sein konnten.

Dadurch dass es sich um eine Erzählung handelt, ist es schwer, zu unterscheiden, was Realität z.B. F. D. Roosevelts Beziehungen und was Fiktion ist, hier die intensive Beziehung zwischen Eleanor und Lorena. Hier hätte ich ein Nachwort mit einer entsprechenden Einordnung gut gefunden.

Weitere historische Ereignisse spielen eher eine untergeordnete Rolle und werden nur erwähnt, wenn es die Erzählung berührt.
Ein nachdenklich stimmendes Buch, dass einen Einblick darüber gibt, wie menschliche Beziehungen funktionieren und warum dies nicht für alle gleich ist.


4 von 5 Tagebüchern 

Dienstag, 9. Juni 2026

Sarah Perry "Nach mir die Flut"

Immer ist John allein. Zuhause, im Antiquariat. Einfach immer. Eines Tages hält er es nicht mehr aus und beschließt seinen Bruder zu besuchen. Doch er kommt nie an. Auf der Fahrt hat er eine Panne und er muss sein Auto stehen lassen. An einem Haus will John um Hilfe bitten, doch stattdessen wird er wie ein verlorener Sohn aufgenommen. Denn er wurde bereits erwartet.

Immer wieder nehme ich mir vor, Kammerspiel-Bücher zu lieben und doch schaffe ich es nicht.
Dabei gibt sie die Autorin mit verschiedenen Erzählperspektiven, dem Einsatz eines Tagebuches und sehr unterschiedlichen Charakteren viel Mühe den Leser mit Eindrücken zu überraschen.
Doch gerade die Perspektivwechsel machten es mir schwer der Handlung zu folgen. John wird wie selbstverständlich in das Geschehen des Hauses eingebunden und doch hängen so viele Zweifel in der Luft, dass man sich wundert, dass die Geschichte so verläuft, wie sie verläuft.

Abseits dessen ist es eine angenehme Sprache und die Figuren sind individuell gestaltet.

3 von 5 Häusern

Samstag, 6. Juni 2026

Megan Hopkins "Starminster - Stadt in den Wolken"

Astrid lebt mit ihrer Mutter auf einem Hof. Wobei, so ganz stimmt das nicht, denn Astrid lebt in einem Rhabarber-Schuppen, den ihre Mutter immer hinter sich abschließt. Warum sie Astrid fortwährend einschließt, ist unklar, denn es ist Astrids größter Wunsch die Sterne zu sehen. Eines Abends wird sie von einer geheimnisvollen Frau abgeholt und nach Überlondon gebracht. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn ihre Mutter sucht sie und gleichzeitig soll sie die berühmte Schule Starminster besuchen, um das Fliegen zu lernen.

So ziemlich jede Geschichte, die in England spielt und mit Schulen und Magie zu tun hat, wird mit Harry Potter verglichen. Was gab es in der Serie schon, ist die neue Reihe zu ähnlich oder wodurch zeichnet sie sich aus?
Abgesehen von der Fähigkeit zu fliegen, was hier aber auch eher biologisch erklärt wird, gibt es kaum Parallelen. Natürlich ist das Setting eine Schule und der Unterricht ist eines der Kernthemen, doch spielen hier Themen wie Klimawandel und Ökosysteme eine wesentliche Rolle. 
Astrid kommt als neue Schülerin in eine Welt, die sich von ihrer alten in jeglicher Hinsicht unterscheidet. Die Weiten, die Menschen, die Gerüche, die Aufgaben, alles ist erstmal zu viel, da es sonst nur sie, ihre Mutter und den Rhabarber-Schuppen gab. 
Die Autorin schafft es, eine verunsicherte Protagonistin zu einer mutigen zu machen und so dem jugendlichen Publikum zu zeigen, wie man Stärken entwickelt und auch Freunde gewinnt. 
Die Alterseinschätzung ab elf Jahren finde ich zutreffend, da das Buch schon einen gewissen Wortschatz voraussetzt, um alle Anspielungen zu verstehen.

4 von 5 Schwingen 

Freitag, 5. Juni 2026

Julie Caplin "Ein Wiedersehen im Sommer"

Ein weiteres Mal geht es in das beschauliche Dorf Wilsgrave. Inzwischen ist der Sommer in dem kleinen Dorf eingezogen und trotzdem gibt es dunkle Wolken am Horizont. Denn Jack will nichts mehr von Bets wissen, so scheint es zumindest. Die Zeit in Bristol hat die beiden voneinander entfernt und doch ist es komisch, als Jack zurück in das Dorf zurückkehrt. Denn die Anziehung ist noch da und trotzdem sind die beiden nicht mehr dieselben wie zuvor.

Im zweiten Band der Country Escapes Reihe finden wir uns in dem beschaulichen Dorf Wilsgrave wieder. Es ist einige Zeit nach dem ersten Band vergangen und doch sind wir als Leser wieder schnell mitten im Dorfgeschehen. Die kleinen Cliquen, die Zugehörigkeiten, all das hat sich seit dem ersten Band nicht sonderlich verändert und doch ist das Gefüge durch die Rückkehr von Jack gestört. 

Es geht um das emotionale Wachsen, das für sich Einstehen und auch ganz viel darum, wie es ist, wenn man früh mit jemanden zusammenkommt. Ist man ein Individuum oder ist man nur Teil eines Paares? Ohne es zu psychologisch anzulegen, zeigt die Autorin anhand des Dorfgeschehens, wie es ist, wenn es kaum Geheimnisse gibt und jeder bei allem mitreden muss. Denn eigentlich ist man nicht allein und eigentlich kann man auch nichts entscheiden, denn alle reden mit. Genau das ist die Stärke dieses Bandes. Die Autorin zeigt, wie nah Zuneigung und Übergriffigkeit nebeneinander liegen und dass man nicht zu viel auf das Umfeld, sondern mehr auf das gute, alte Bauchgefühl hören sollte.

4 von 5 Sommerblumen

Donnerstag, 4. Juni 2026

Barbara Alderwood "Portley - Der letzte Bissen"

Die Ehe ist am Ende, als Jennifer sich entschließt mit ihrer Tochter Nelly zu ihrer Tante Anne nach Portley zurückzukehren. London den Rücken zu kehren fällt Jenny leicht, Nelly eher nicht. So sind die ersten Konflikte vorprogrammiert und neben Pasties gehen auch die Gefühle hoch.
Diese Meinungsverschiedenheiten sind aber nichts gegen den Toten, der an der Hafenmauer hinabsinkt, nachdem er von einer Pasty gekostet hat.
Zufall? Oder war der Streit zuvor die Ursache?

Cosy crimes haben sich in den letzten Jahren einen Platz in der Krimiszene gesichert.
Weit ab von den blutrünstigen Thrillern und auch etwas abgegrenzt von den klassischen Krimis bieten sie mit ihrem Fokus auf Atmosphäre, Gemütlichkeit und den Verbindungen zwischen den Charakteren eine dritte Gattung einen Mord zu erzählen.
Malerisch in Cornwall gelegen, mit einem Hauch von Geschichte und echten, handfesten Charakteren zeigt der ersten Band um "Portley" die Qualitäten auf, die es für einen guten cosy crime braucht.
Der Fall spielt eine nicht zu geringe Rolle und doch sind es andere Rätsel und das Erkunden der Charaktere was im wirklichen Fokus steht. 
Gelungene Dialoge, die eine oder andere tollpatschige Entscheidung und wir sind mittendrin im Geschehen. Eine Prise Lokalkolorit, Nostalgie und ein dummer Constable fertig sind die Zutaten für den Start einer neuen Reihe.

4 von 5 Detektivinnen

Mittwoch, 3. Juni 2026

Matthias Bürgel "Schrei nach Rache"

Vier deutsche Flughäfen, keine kleinen, ein Profiler, der eingeschränkt ist, und vier Leichen, die sich nur darin gleichen, dass sie übel zugerichtet wurden. Zumindest scheint es so. Denn wie so oft ist der erste Eindruck oftmals nicht der vollständige und trotz der guten Datensicherung sind es Kleinigkeiten, die den Fall verzwickt machen.
Falk Hagedorn sitzt nach einem dramatischen Fall im Rollstuhl. Endgültig. Somit ist seine aktive Zeit beim LKA vorbei und er hängt dieser Zeit nur in gewissen Momenten nostalgisch nach. Sein neuer Arbeitsbereich fordert ihn derweil voll und ganz, zumal auch seine Zukunft auf der Kippe steht ...

Bei Krimis oder in diesem Fall Thrillern finde ich es wichtig, dass das Buch richtig beworben wird. Denn ein Krimi ist kein Thriller und ein Thriller ist kein Krimi.
Somit geht man als Leser an die Texte auch mit unterschiedlichen Vorstellungen ran. Während ein Krimi oftmals als Puzzle fungiert, zeichnen sich Thriller durch Manipulation und einer gesteigerten Grausamkeit aus. So auch in diesem.
Die Menschen sterben in diesem Thriller nicht einfach nur, sie werden gequält und die Ideologie, die hinter den Morden steckt, ist nahezu perfide. Mit verschiedenen Figuren und deren jeweiligen Blickwinkel lässt der Autor den roten Faden immer wieder verschwinden, um ihn dann an einer ganz anderen Ecke erneut auftauchen zu lassen. Der Fall ist geprägt von Zeitdruck, emotionaler Befangenheit und zahlreichen Vorurteilen, denn nichts ist, wie es scheint. Spuren werden gelegt, um verwischt zu werden und gleichzeitig legt der Autor wert darauf, dass vieles erdacht und eben nicht der Alltag der Polizei ist.
Fühlt man sich gerade sicher, alles entdeckt zu haben, findet der Autor noch eine Möglichkeit, den Leser kalt zu erwischen, denn Rache ist das schlimmste Motiv von allen.

4 von 5 Erkenntnissen

Donnerstag, 28. Mai 2026

Autoreninterview Oliver Baier

Hallo zusammen.
Krimis und gerade jene mit Lokalkolorit liest man immer wieder gerne. So darf ich euch heute einen Autor vorstellen, dessen Krimi in Frankfurt am Main spielt.


(Foto: Oliver Baier (privat), Grafik: Maximilian Wust)

"Frankfurt Beats" wird jetzt ein Jahr. Wie hast du dieses Jahr erlebt?
Es war ein sehr aufregendes Jahr mit meinem Debüt. Ich habe viele wunderbare Menschen kennengelernt, die mir offen und interessiert begegnet sind. Eine große Überraschung war die Nominierung für den "Harzer Hammer", einen Preis, der ThrillerdebütantInnen verliehen wird. Für den Preis hat es am Ende nicht gerreicht, aber es hat sich schon sehr gut angefühlt. Kurz vor der Veröffentlichung war ich als Weinschreiber mit einem Residenzaufenthalt in Eltville - ein tolles Gefühl, als Autor wahrgenommen zu werden. Ich wurde für einen Bloggendenevent nach Bad Ragaz in die Schweiz eingeladen, was ich niemals erwartet hätte. Aber auch die vielen Lesungen an unterschiedlichen Orten und mit den unterschiedlichsten Erfahrungen haben in mir den großen Wunsch nach mehr ausgelöst. 

Warum meinst du ist Lokalkolorit für ein Buch so wichtig?
Generell handelt jedes Buch irgendwo und Atmosphäre einzufangen ist Teil des Leseerlebens. Mir war es aber wichtig ein Gefühl zu transportieren, welches über die Beschreibung klassischer Hotspots hinausgeht und auch Lesende zu begeistern, denen ein bisher unbekanntes Frankfurt dennoch zu einem Ort wird, der lebendig, ambivalent und in meinem Genre auch voller Spannung und Emotionen wirkt.

Erzähl doch einmal, wie kam es zu "Frankfurt Beats"?
Vor meinem Debüt habe ich schon einige Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlichen können und wollte nach einem Regiokrimi in einem Autorenkollektiv einen eigenen Roman schreiben. Zuerst war Milan da, eine Figur, die mir am Frankfurter Hauptbahnhof begegnet ist und den ich eine eigene Geschichte erzählen lassen wollte. Zunächst war ich sehr freundlich mit ihm, aber für den Thriller musste ich ihm leider einiges vor die Füße werfen. Frankfurt beschäftigt mich schon mein ganzes Leben, ich mag es in dieser Stadt zu sein und das zu beobachten, was passiert. Alle Kontraste treffen hier aufeinander, die Stadt kann international, aber auch ganz klein sein in verschiedenen Ecken.
Die Verlagssuche ist für Debütautoren eine große Herausforderung, die mein Verleger Gerd Fischer mit mir realisieren wollte und dann konnten die Beats bei mainbook erscheinen.

Wann nimmst du dir die Zeit zum Schreiben?
Da ich freiberuflich mehr als Vollzeit arbeite, kann ich dies, wie viele AutorenkollegInnen nur in den Abendstunden oder am Wochenende einrichten, aber das ist für mich absolute Qualitytime. Meine kleine Tochter hat außerdem viele Trainingszeiten, in denen ich warten muss und das in Cafés oder sogar bei McDonalds mit dem Schreiben überbrücken kann. Ich darf dabei nur die Abholzeiten nicht vergessen ...

Arbeitest du am einer Fortsetzung? Oder bist du eher an einem anderen Thema interessiert?
Aktuell arbeite ich an einer neuen Serie rund um ein Frankfurter Ermittlerteam. Es unterscheidet sich daher etwas von den Beats, bei denen keine Ermittelnden im Vordergrund stehen. Die Kulisse Frankfurt ist dabei aber auch wieder eine großartige Inspiration für mich. Generell sind aber die Beats für mich nicht unbedingt auserzählt. Mal schauen, ob es in dieser Richtung noch zu einer Fortsetzung kommt. An Ideen für andere Projekte mangelt es mir zum Glück bisher nicht.

Auf welchen Veranstaltungen kann man dich bis zur Frankfurter Buchmesse sehen?
Meine Zeit ist mit Schreiben gerade sehr ausgefüllt, da ich gerne den Weg mit einer Literaturagentur gehen möchte und da auch ein gut ausgearbeitetes Manuskript mit weiteren Teilen anbiete. Gerade komme ich aus Salzburg von der Criminale, einem Jahrestreffen des Syndikat e.V (der Autorenvereinigung deutschsprachiger KrimiautorInnen), bei der ich auch zu einer Jurytätigkeit für den renommierten Glauserpreis berufen worden bin. Aber auf der Frankfurter Buchmesse werde ich auf jeden Fall vertreten sein. Vielleicht ergibt sich ja noch bis dahin eine Lesung mit den Beats - da ich interessanterweise immer noch nicht in Frankfurt lesen konnte, verrückt, oder?

Mit welchem Autor könntest du dir eine Zusammenarbeit vorstellen?
Im Duo zu schreiben stelle ich mir sehr aufregend vor und vielleicht ergibt sich ja irgendwann die Möglichkeit dies zu tun. Ich habe so viele AutorInnen, die ich schätze und mit denen es eine große Ehre wäre gemeinsam zu schreiben. Teamarbeit ist mir ja in meinem therapeutischen Setting nicht fremd.
Aktuell habe ich aber mit meinem Soloprojekt genug zu tun und möchte mir damit erstmal einen eigenen Namen machen.

Wer neugierig ist, kann hier mehr über Oliver erfahren:
instagram.com/oliverbaier.autor
oliverbaier.eu

Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.

Tristan Palmgren "Marvel Heldinnen: Domino auf Abwegen"

Jede Geschichte hat einen Anfang und ein Ende. Gerade bei Helden und Heldinnen meint man schnell, es wäre immer schon alles so gewesen. Doch mitnichten.
Denn auch die Glorreichen haben dunkle Kapitel in ihrem Leben und von einem dieser erzählt das Buch. Vorab sei gesagt, dass ich anfangs dachte, dass es sich bei diesem Buch auch um einen Comic handelt und so war meine Enttäuschung anfangs groß, als ich mit diesem Roman begonnen habe.
Doch unabhängig der Umsetzung handelt es sich um eine spannende Erzählung, die auf mehreren Zeitebenen spielt. 
Wie wurde Domino zu dem Charakter, der sie heute ist? Was hat sie beeinflusst?
Diese Fragen sind es, die der Autor ergründet und der Figur Tiefe und Stärke gibt.
Der Wechsel zwischen den Zeitebenen, der Schreibstil und auch die Formung des Charakters zeigen, dass der Autor durchaus sein Handwerk versteht, doch trotz allem bleiben diese Figuren für mich Comics und ohne die entsprechende Bebilderung fehlt mir etwas.
Für Fans ist die Reihe sicherlich eine gute Ergänzung, für einen Einsteiger in das Marvel Universum ist sie eher ungeeignet.

3,5 von 5 Heldinnen

Mittwoch, 27. Mai 2026

Florian Wagner "Rente mit 40"

Während das eigentliche Renteneintrittsalter immer höher geschraubt wird, überlegen sich immer mehr Menschen bewusst früher in Rente zu gehen, um ihr Leben im Anschluss so zu gestalten, wie sie es möchten ohne an einen 9 to 5 Job gebunden zu sein. Doch der Weg dahin ist leichter gesagt als getan. Wie Florian Wagner in zahlreichen Interviews anführt, muss man sich als erstes bewusst machen, was man zum Leben braucht, denn um eher in Rente gehen zu können, braucht man Kapital und Kapital und Konsum gehen bekanntlich nicht Hand in Hand.
Mit mehreren Gesprächspartner erörtert er, dass Frugalismus bedeutet und dass Verzicht nicht immer negativ sein muss. Denn gerade das Verzichten ist ein wichtiger Baustein in der Erkenntnis, was man zum Leben benötigt und das sind nicht dreißig Paar Schuhe und zwanzig Handtaschen.

Unabhängig, dass ich das Ziel nicht mehr erreiche, sind die Gedanken einfach und gut im Alltag umzusetzen. Viele Dinge sind einem schon durchaus bewusst gewesen, doch gerade die Praxisfragen zum Schluss eines jeden Kapitels zeigen noch einmal genau, worum es gehen sollte. Allein schon, um zu sparen oder auch schlicht für das Alter vorzusorgen. Eine allgemein gültige Antwort gibt es nicht, jeder muss seinen Weg zwischen Frugalismus, Sparen und Konsum finden.
Dieses Buch ist ein guter Ratgeber für den Einstieg und das gedankliche Sortieren.

4 von 5 Finanzspritzen

Dienstag, 26. Mai 2026

Steffi von Wolff "Her mit dem schönen Leben"

Eigentlich war der Plan ganz einfach: Weg von Frankfurt und ab nach Hamburg. Für Nelly und Elisa ist es nach der Schule ein simpler Plan, doch es kommt natürlich alles anders. Denn die WGs sind zu teuer, zu unappetitlich oder man bekommt sie einfach bei dem massiven Andrang nicht. Eher ungewollt landen sie bei einem Schiff, welches kurzerhand zu einer Wohnung umfunktioniert wird, doch auch hier ist das Glück nicht von Dauer.

Alt gegen jung.
Reich gegen arm.
Lieb gegen Zicke.

Alles das und noch viel mehr begegnet den fünf Bewohnern des Schiffes. Denn auch wenn man erwachsen ist, lernt man nicht aus. In einer fremden Umgebung heißt es Leute einzuschätzen, sich selbst um alles kümmern und sich ggf. nicht mehr darauf zu verlassen, dass jemand hinter einem herräumt. Die Autorin schafft es, mit ihren fünf Charakteren einen Querschnitt durch die Jugendkultur aufzuzeigen und führt vor Augen, dass jeder, aber auch wirklich jeder, seine Probleme hat. Von Unsicherheit über Verwöhntheit bis hin zur Naivität zeigt sie, dass jeder Mensch auch andere braucht, um nicht aus der Bahn geworfen zu werden.
Die Geschichte ansich ist recht vorhersehbar, was aber nicht den Charme der Charaktere und die Neugier auf ihre Entwicklung hemmt. Doch gerade, weil man selbst nicht mehr in diesem Alter ist, wirken einige Probleme ein wenig aufgesetzt und man fragt sich, ob man auch einmal so war.

3,5 von 5 Hausbooten

Samstag, 23. Mai 2026

Bernhard Jaumann "Caravaggios Schatten"

Ein Ehemaligentreffen wird zum Auslöser einer Kette von Ereignissen, die vielleicht lieber im Dunklen geblieben wären. Rupert von Schleewitz hatte gerade sein altes Internat besucht, als sein Zimmergenosse ihn nach Potsdam einlädt. Eigentlich hat Rupert keine Lust, doch die Vehemenz des Wunsches lässt ihn anreisen. Während sie das Schloss Sanssouci besuchen, zieht sein Mitschüler ein Messer und attackiert "Der ungläubige Thomas", woraufhin die beiden Störenfriede festgenommen werden. Doch es bleibt nicht bei der Beschädigung. Beim Transport zum Restauration wird das Bild entführt und ein Streit über die Zuständigkeit entbricht, während Rupert seine Vergangenheit zu verdrängen versucht, als sein Angestellter Max diese aufwühlen will.

Eine Internatsgeschichte. Ein Artnapping. Eine Kunstexpertise. Eine Täuschungsgeschichte.
Wie schon in seinem ersten Krimi dieser Reihe hängt der Autor die Messlatte für diesen Krimi sehr hoch. Denn schlicht einen Handlungsstrang in sein Werk zu schreiben, wäre ihm offensichtlich zu simpel. So wählt er neben seiner detaillierten Beschreibung über die Entstehung des ungläubigen Thomas die anderen Schauplätze, um dem Leser neben einer gehörigen Portion Kunstgeschichte auch die Spannung eines Krimis zu präsentierten. Temporeich geht es hierbei durch Deutschland und auch in die angrenzende Schweiz, um dem Leser mit zahlreichen Hinweisen, Möglichkeiten und auch Finten nach dem berühmten roten Faden suchen zu lassen. Denn die Mischung aus der Ruperts Vergangenheit und dem möglichen Zusammenhang zu heutigen Geschehnissen bietet eine Bandbreite an Illusionen, von denen der Krimi in jeglicher Hinsicht profitiert.
Gerade durch vielen kunstgeschichtlichen Informationen und auch einen Blick in die Psychologie hebt sich diese Krimireihe von anderen ab und verbindet Unterhaltung mit Wissensaufbau.

5 von 5 Leinwänden