Montag, 9. Juni 2025
Nina George und Jens J. Kramer "Die magische Bibliothek der Buks - Das verfluchte Medaillon"
Doch für die Buks enden die Probleme damit nicht. Die Bleichkrankheit grassiert weiterhin in den Büchern und der Grund dafür bleibt lange im Dunkeln. Was fast genauso so schlimm ist, sind die Anomalien, die eintreten, seitdem die Kinder in die Handlungen der Bücher eingetreten sind. Sinn und Aktionen der Figuren werden plötzlich willkürlich und die Geschichten drohen auseinanderzubrechen. Gut, dass hier Hilfe von innen erfolgt und die Buks nicht allein sind.
Der zweite Teil setzt fast nahtlos die Erzählung des ersten Bandes fort. Viele Figuren des ersten Bandes tauchen im zweiten erneut auf oder werden hier in ihrem Wesen weiter aufgebaut. Gerade die Bösewichte der Reihe erleben in dieser Episode ihren großen Auftritt und zeigen, wie die Welt vermeintlich zu sein scheint.
Doch die beiden Autoren bleiben bei den Problemen nicht immer vordergründig. Gerade bei einzelnen Charakteren versuchen sie kindgerecht zu zeigen, warum sie sich so entwickelt haben und weisen grundlose Boshaftigkeit in ihre Schranken.
Kleine Charaktere, allen voran die Buks, wachsen über sich hinaus und während man liest, schleicht sich das Gefühl einer Wärme zum Detail ein. Jeder kann alles schaffen, spricht aus so vielen Sätzen, dass man gerade in den dunklen Momenten trotzdem schmunzeln muss.
4 von 5 Buks
Sonntag, 18. Mai 2025
Frank Lauenroth "Delter"
Während ein Roman eine einzelne Geschichte erzählt, geht es bei Kurzgeschichtensammlungen, wie der Name schon sagt, um mehr als nur eine Geschichte. Viele Facetten spielen in die jeweiligen Geschichten rein und einen Sammelband kann man nicht so ohne Weiteres beurteilen wie einen Roman.
Jede Kurzgeschichte braucht ein Thema, ein Setting, einen Spannungsbogen. Je nach Thema braucht sie mal mehr, mal weniger Hintergrundinformationen. Sie ist für einen Wettbewerb geschrieben oder sie musste einfach in die Welt hinaus.
Warum ich das so explizit erkläre? Die Kurzgeschichte hat in der deutschen Literatur leider nicht den besten Ruf. Immer wird der Roman hochgehalten und als das Beste vom Besten dargestellt. Doch es gibt Beweise, dass das nicht die ganze Wahrheit ist.
"Delter" ist der Name einer Kurzgeschichte in diesem Sammelband. Als letzte im Buch platziert, rundet sie die vorigen Texte perfekt ab. Denn sie zeigt, was Frank alles schreiben kann. Bleiben wir bei diesem Text; im Weltall angesiedelt, sind mehrere Kreolyten auf einer Mission unterwegs, doch sie unterliegen einer strengen Hierarchie. Was passiert, wenn sich einer dem nicht beugen will?
Ein anderer Text zeigt, was passiert, wenn Teddys für ihre Rechte ins Feld ziehen müssen. Feuer und anderen Widrigkeiten ausgesetzt, müssen sich die flauschigen Wesen behaupten, denn sonst kann ihnen keiner zu Hilfe eilen.
Was gibt es noch? Glückspiel, Geistesblitze, Timing, einen Toyplanet ... Nein, ich zähle jetzt nicht alle Geschichten auf, denn auch das ein Teil des Charmes von Kurzgeschichtensammlungen. Man bekommt eine Wundertüte voller Geschichten und wenn man Glück hat, sind sie alle etwas Besonderes.
5 von 5 D3017
Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
Donnerstag, 15. Mai 2025
Rie Qudan "Tokyo Sympathy Tower"
Mitten in Tokio soll neben dem Olympia Stadion ein Tower entstehen, der ein Gefängnis beinhaltet, das aber nicht mehr so genannt werden soll.
Ein Hauptcharakter ist Sara. Sie ist Architektin, groß geworden in einer Welt, in der Zeichnen ebenso wie Worte Macht bedeuten. Macht über einen Raum, Macht über Menschen. Doch dies ist nur bedingt negativ besetzt. Denn Japaner denken viel darüber nach, was ihre eigenen Verhaltensweisen beim Gegenüber auslösen, verletzen sollen diese wahrlich niemals.
Auf gerade einmal einhundertsechzig Seiten wird die Handlung und auch somit das Gehirn des Lesenden auf eine gehörige Probe gestellt. Perspektivwechsel, Zeitenwechsel, Pro und Contra. Es ist ein wilder Ritt, den man in diesem vermeintlich kurzen Buch erlebt. Und dabei schwebt immer die Frage über den Menschen, wen beeinflusse ich wie mit meinen Entscheidungen. Wen beschütze ich, wen stoße ich vor den Kopf. Leise schwingt auch der erwähnte Gedanke mit, wie hängen Glück und Kriminalität zusammen? Kann man Glück im wahrsten Sinne des Wortes erzwingen?
Bei vielen Szenen sind die Übergänge zwischen Gedanken und Realität allzu fließend, somit erfährt man zeitweilig wenig über die Beweggründe der Personen und auch ihre Handlungen bleiben diffus.
Ein Buch, was zum Nachdenken anregt, denn bei vielem ist nichts so wie es scheint. Oder vielleicht doch?
4 von 5 Gefängnissen
Dienstag, 29. April 2025
Katherina Ushachov "Prism"
Penelope ist schwanger, als sich mit Sofie und Kader trifft. Was als einmaliges Treffen gedacht war, wird zu einer Trärchen-Beziehung.
Und nicht nur das.
Alle drei arbeiten bei Prism, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die letzten Erinnerungen von Mordopfern speichern zu wollen. Ziel soll sein, Ermittlungen schneller voran zu treiben und auch die Unmöglichkeit von Straffreiheit in Aussicht zu stellen. Achtzehn Jahre begleitet die Erzählung die drei, erzählt vom Job, vom Privatleben, vom politischen Klima, was zunehmend unangenehm wird.
Immer weiter wird an Prism gefeilt, immer mehr Funktionen ergänzt. Doch hat es mit der ursprünglichen Idee überhaupt noch etwas zu tun?
Wann fühlst du dich bedrängt? Wann fühlst du dich in deiner Freiheit eingeschränkt? Und wann fühlst du dich bedroht?
In vielen verschiedenen Facetten geht die Novelle auf das Thema ein. Dabei schafft es die Autorin durch gezielte Andeutungen nicht jegliches Problem auszuformulieren. Oftmals bleiben Gedanken im Raum hängen und sie überlässt es dem Publikum, wie weitgreifend die Ideen sich auswirken.
Angelehnt die Hex-Codes, die für die Programmierung von Prism unerlässlich sind, führt die Autorin durch die Geschichte. Die Farben passen sich den Geschehnissen an und suggerieren die Stimmung von Penelope, Sofia und Kader.
Es ist kein leichter Text. Viele Ungerechtigkeiten werden thematisiert und man kann nicht anders, als sich wieder und wieder Gedanken zu machen, wie man selbst handeln würde?
Hat man vermeintlich eine Lösung, kommt ein neues Problem daher und man ist wieder sprachlos.
Wer einen Anstoß zum Nachdenken braucht, sollte zu diesem Buch greifen.
Mein einziger Wehrmutstropfen: das Ende kam mir zu plötzlich.
4 von 5 Hex-Codes
Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
Mittwoch, 5. März 2025
Sven Haupt "Anahita"
Das Geschlecht?
Die Gesellschaft?
Unsere Gene?
Oder ist es doch etwas ganz anderes?
Sven Haupt erzählt in "Anahita" die Geschichte von Aven und Christine, in einer Welt, die so ganz anders ist als die unsere.
Doch viele Verhaltensweisen sind, bedingt durch Sozialgefüge und Machtstrukturen, unveränderlich zu dem, was wir kennen.
Christine kommt mit ihrem Vater auf einen fremden Planeten, den der Uhrmacher schon einige Zeit im Visier hat. Aven, Sohn der Hohepriesterin, freundet sich mit Christine an und bringt ihr die Kultur des Planeten näher. Vieles, gerade die Flora und Fauna dieses Planeten, weicht so sehr von dem Leben am britannischen Hof ab, dass Christine nur staunen kann.
Doch wie es so ist, die Ruhe wird gestört und plötzlich wird das Leben von Christine und Aven vollkommen auf den Kopf gestellt. Krieg wird zum Tagesgeschehen und die Verluste sind so zahlreich, dass die Zeit zum Trauern nie gegeben ist. Hinterhältige Mächte ziehen am Himmel auf und der Kampf zwischen Gut und Böse gewinnt neue Dimensionen. Beide Charaktere entscheiden sich bewusst, für eine gravierende Änderung ihres Lebens und stehen in der ersten Reihe, wenn es darum geht, das zu schützen, was ihnen wichtig ist.
Schon in "Niemandes Schlaf" hat Sven Haupt gezeigt, wie Charaktere verschiedene seelische und auch körperliche Wandlungen durchleben können. "Anahita" erschafft mit dem Weltenbau noch viele andere und auch diverse Dimensionen. Steampunk, Weltraum, riesige Tiere, Bewusstseinserweiterungen, Sven lässt die Charaktere durch Welten segeln und durch Gefühle taumeln. Doch wirkt es nie gekünstelt oder effekthascherisch. All die Gedanken und Handlungen wirken in ihrer Außergewöhnlichkeit trotz allem logisch und folgerichtig. Man schüttelt beim Lesen nie den Kopf, ist der Welt oder vielmehr den Welten gefangen und muss erstmal in die Realität auftauchen, wenn das Buch zur Seite legt.
Moral, der Sinn des Lebens, Charakterstärke und das Wesen der Menschheit, in allen Büchern von Sven Haupt sind dies zentrale Aspekte, ohne dabei mit dem sprichwörtlichen erhobenen Zeigefinger zu interagieren.
Sie sind Bücher abseits des Gehirnkaugummis, den man sonst oft angepriesen bekommt, und wenn man seine Bücher verlässt, ist der eigene Geist immer durch seine Nachdrücklichkeit positiv beeinflusst. Wie sich das äußert?
Das erfährt jeder Lesende individuell, wenn er durch die Buchseiten segelt.
4,5 von 5 Uhrmachern
Donnerstag, 27. Februar 2025
Marianne Labisch (Hrsg) "Rock Planet"
Stop ...
Der Weg zur Hölle ist zwar mit guten Rocksongs gepflastert, aber wir wollen doch zeitweilig auf der Erde verharren und die Musik genießen ...
"I'm on the highway ..."
Ich habe eure Aufmerksamkeit? Das ist gut!
Rockmusik, wer kennt sie nicht und vor allem, wer schätzt sie nicht? Gitarrenriffs, ein wummernder Bass und dabei Stimmen, die nicht chemisch gereinigt, sondern authentisch und pur durch die Gehörgänge pochen.
Dabei ist es schwer, sich auf eine Band oder sogar nur auf ein Lied zu beschränken, dass für einen selbst die Liebe zur Rockmusik auslöste. Doch genau das war die Grundlage für diese Anthologie. Neunzehn Schreibende haben sich unter Marianne Labisch zusammengefunden und beginnen damit, welcher Rocksong ihre Liebe zu dieser Musik manifestierte. Dabei ist es erstaunlich, wie breit das Spektrum der Rockmusik sich gestaltet und auf welchen Wegen sie die Schreibenden traf.
So individuell, wie jeweiligen Lebenswege sind, so unterschiedlich sind auch die entsprechenden Geschichten geworden. Von kurz und knackig bis hin zu kleinen Epen, von Texten, die zum Schmunzeln einladen, hin zu Texten, bei denen in jedem Wort Philosophie mitschwingt.
Die Geschichten spielen im Jetzt, in der Vergangenheit und in der Zukunft und stets sind sie begleitet von dem Soundtrack des Schreibenden, der die Vergangenheit im Ohr hat.
Mal verzagt, mal hingerissen, aber in allen Geschichten mit viel Emotionen, zeigt der Rock und seine Musik die Vielschichtigkeit eines Mosaiks, das aus jeder Perspektive anders, dabei aber stets besonders wirkt.
Die Geschichten bilden einen Kokon zwischen den Welten und verleiten beim Lesen dazu, immer langsamer zu lesen, egal, wie gruselig die Erzählung auch ist, weil man ihn nicht verlassen will. Doch Rockmusik hört niemals auf, sie ist immer da und von daher ...
"We will, we will rock you!"
5 von 5 Schallplatten
Freitag, 31. Januar 2025
Marianne Labisch & Dominik Irtenkauf "Nova 35"
Es dreht sich um Gleichberechtigung, Familie, Geburt, Erziehung ... alles aus der Sicht der Frauen.
Als Themenband konzipiert schaffen es die Geschichten zusammen, die unterschiedlichen Facetten, ihre Vor- aber auch Nachteile im Leben einer Frau anschaulich darzustellen.
Die einzelnen Autorinnen gehen dabei sehr unterschiedlich mit dem Thema um. Mal ist der Text humoristisch, der nächste liest sich wie eine Anklage.
Ob vermeintlich ferne Zukunft oder der Morgen vor der Haustür immer wieder erkennt man Grundzüge oder Verhaltensweisen, die speziell den Frauen zugewiesen werden und einen gewissen Lebensstil vorzugeben scheinen.
Starke Frauen wechseln sich mit gebrochenen Frauen, die sich ins Leben zurückkämpfen wollen ab. Denn sie alle eint, sie sind stark und haben ihren individuellen Willen. Sie wollen ihren Weg in der jeweiligen Kurzgeschichte gehen und dabei möglichst nicht scheitern. Ob es allen gelingt?
Abgerundet wird die Sammlung mit der Übersetzung eines Textes von Jasmina Tesanovic, in welchem sie vom Tod ihrer Mutter und der Verarbeitung des entstandenen Traumas berichtet.
Welcher Text den Weg in das jeweilige Herz findet, ist eine sehr individuelle Entscheidung, aber alle Texte regen dazu an, über den eigenen Tellerrand zu schauen und mit mehr Verständnis auf die Menschen zu blicken.
4 von 5 Frauen
Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
Montag, 20. Januar 2025
Jörg Weigand "Musica Fantastica"
Man hört den Takt, man spürt den Beat, man summt leise die Melodie. All das schafft der Autor oftmals in sehr kurzen Geschichten, da viele der Texte erstmalig in den Phantastischen Miniaturen der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar veröffentlicht wurden.
Gibt es nicht? Doch.
Denn Jörg Weigand hat in seiner langen Schriftstellerkarriere so manchen Text mit musikalischen Hintergrund geschrieben, mal lustig, mal nachdenklich.
Eine erlesene Auswahl ist in "Musica Fantastica" erschienen und zeigt die schriftstellerische Bandbreite des Autoren.
Und somit Vorhang auf und lasset die Musik beginnen.
4,5 von 5 Vorhängen
Montag, 6. Januar 2025
Marianne Labisch & Dominik Irtenkauf "Nova 34"
Zwölf Geschichten bilden die Storysammlung der vorliegenden Ausgabe und sie ist wieder vielseitig gestaltet. Jede Story wird von einem kleinen Einführungstext flankiert, der auch einen kleinen Blick hinter die Kulissen bietet. So wird deutlich, dass bei den Texten sowohl Stammschreiber als auch Neulinge zugegen sind, welche jeweils mit ihrer Qualität und Kreativität überzeugen müssen.
Nachdenkliche Texte wechseln sich mit amüsanten ab und man bemerkt ein hohes handwerkliches Niveau.
Themen wie Tod, KI und Krankheit werden genauso behandelt wie Erinnerungen, Liebe und Sozialgefüge.
Da es sich nicht um einen Themenband handelt, sind die Schreiberlinge frei in der Wahl ihrer Handlung und trotzdem bilden die zwölf Geschichten eine runde Sammlung, die man gerne liest.
Im Sekundärteil stellt Christian J. Meier die Frage, was ein Oktopus mit Intelligenz zu tun hat und Dominik Irtenkauf fragt sich, was die Motivation hinter der Science Fiction Literatur ist.
Zu erwähnen sei auch, dass mein Interview, welches ich in Vorfeld für meinen Blog mit Thorsten Küper geführt habe, ebenfalls im Sekundärbereich abgedruckt wurde.
Zum Abschluss finden sich zwei Nachrufe, einer gilt Hans Frey, der andere Christopher Priest.
Wer sich mit Science Fiction und auch den Hintergründen beschäftigen möchte, sollte sich die Nova einmal genauer anschauen.
4 von 5 Magazinen
Sonntag, 5. Januar 2025
Kris Brynn "Der achte Kontinent"
Dass Science Fiction aber mehr kann, als wieder und wieder Texte über Aliens und den Weltraum zu reproduzieren, zeigt die Anthologie von Kris Brynn.
Zwölf ihrer Science Fiction Kurzgeschichten hat sie in diesem Sammelband zusammengetragen und zeigt dabei sehr schön, wie unterschiedlich die Facetten seien können.
Bei jeder Geschichte nimmt uns die Autorin mit in eine andere andere Ebene der Zukunft. Dabei entdecken wir, dass wesentliche menschliche Züge wie Gier, aber ebenso Mitgefühl auch in den nächsten Jahren ein Thema sein werden.
Versuche an Menschen können genauso schief gehen, wie die Reise zu fremden Planeten, wenn man den falschen Namen hat. Oder man sitzt irgendwelchen Sprüchen auf und steht hinterher vor den Scherben des eigenen Lebens. Mal ein bisschen technischer angehaucht, dann wieder mit einer gehörigen Portion Psychologie und Finesse zeigt sie, Science Fiction ist alles, aber nicht einseitig.
4 von 5 Kontinenten
Montag, 11. November 2024
Katja Jansen "Echoes from tomorrow"
Mal düsterer, dann wieder hoffnungsvoller ist die Kurzgeschichtensammlung von Katja Jansen zu betrachten. Schon das Cover zeigt, dass sie sich auf die Social Science Fiction einlässt. Was natürlich nicht heißt, dass andere Aspekte der SF nicht beleuchtet werden. Doch in jeder Erzählung ist immer eine starke soziale Komponente enthalten.
Was macht die Zukunft, die Technik, unser Umfeld mit uns? Was bedeutet es, im Dschungel der Informationen "falsch" abzubiegen? Viele dieser Fragen spielen in mehreren Geschichten eine tragende Rolle.
Ihren Beruf (Doktor der Biomedizin) liest man in der einen oder anderen Kurzgeschichte heraus, und auch ihr Faible für Natur und Medizin wird gerade in diesen Geschichten deutlich.
Sie schafft aber auch Geschichten, die, darf man das eigentlich sagen, nicht mehr nur SF sind, sondern auch die Sphären der Phantastik berühren, was mir persönlich sehr gut gefällt.
Was mir tatsächlich selten passiert, ich habe eine Lieblingsgeschichte. In dieser (natürlich verrate ich nicht welche) schafft sie es nicht nur, Realität und Fiktion zu verwischen, sondern sie zeigt auch, dass sie verschiedene moralische Standpunkte einnehmen kann.
Eine abwechslungsreiche Sammlung, die ihre starken Geschichten hat und mit keiner Geschichte langweilt.
4 von 5 Echoes
Donnerstag, 10. Oktober 2024
Kai Focke & Sabine Frambach (Hrsg) - Hochschule 2049
Die Duale Hochschule Baden-Württemberg feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Für die Herausgeber der passende Zeitpunkt eine Anthologie zu veröffentlichen, in der es um die Zukunft geht. Wie sieht die Hochschule der Zukunft aus?
Und das ist nicht die einzige Frage in diesem Zusammenhang. Denn neben dem Gebäude und den Unterrichtseinheiten bieten sich verschiedene Möglichkeiten den zukünftigen Hochschul-Alltag zu skizzieren.
Dabei sind die Einflüsse durch die Pandemie und auch die fortschreitende Digitalisierung in den achtzehn Geschichten mal mehr, mal weniger Thema.
Was an der Zusammenstellung auffällt, trotz der recht engen Vorgaben, was Plot und Zeichenzahl betrifft, sind achtzehn sehr unterschiedliche Geschichten entstanden, die durch ihre Vielfältigkeit ein Mosaik des zukünftigen Alltags an der Hochschule beschreiben könnten.
Es bleiben Themen aus unserer Zeit präsent: Lernstress, Finanzierung und haptische Versuche.
Doch es kommen auch neue Aufgaben der Hochschule dazu: hybrides Lernen und das damit einhergehende, veränderte Sozialgefüge. Das vornehmliche Stützen auf Technik und die Abhängigkeit von Servern und Daten und etwaigen Verlusten.
Doch wie so oft in der Science Fiction, was fußt auf reellen Annahmen und was ist lediglich Fiction? Nun, dass sich die Dinge ändern, haben uns die letzten Jahre deutlich gezeigt.
Was die Technik angeht, so ist der Wandel schnell und stetig.
Den Menschen zu verändern, das bedarf wie immer Zeit und Raum.
Und somit bilden die achtzehn Geschichten einen perfekten Querschnitt aus dem, was sein kann und dem, was sein wird. Abgerundet und flankiert werden die Texte von einem Sachtext zum Thema KI, geschrieben von Friedhelm Schneidewind, und einem Interview mit dem Rektor der DHBW Prof. Dr. Georg Nagler. Während der Sachbeitrag sich auf die KI-Technik im Zeitpunkt der Verschriftlichung des Artikels und die heutigen Quellen stützt, geht es bei dem Interview sowohl um eine Vor- als auch eine Rückschau. Die zwei Beiträge rücken die zuvor gelesen Texte in ein "tagesaktuelles" Licht und zeigen: Science Fiction ist sehr oft nah an der Realität. Durch diese beiden Beiträge werden die Geschichten in eine Realität eingebunden, wie sie sonst in Anthologien nicht zu finden ist. In diesem Sinne: Chapeau.
5 von 5 Hochschulen
Mittwoch, 4. September 2024
Nina George und Jens J. Kramer "Die magische Bibliothek der Buks"
Das Orakel der Buks hat die Kinder auserwählt, die Verbindung nach Draußen wieder herzustellen und so müssen die überwachten Kinder immer wieder Wege in die Bibliothek finden - und das natürlich unentdeckt.
Eine Welt ohne Bücher? Allein für diesen Gedanken müsste man das Buch unter Horror einsortieren. Doch tatsächlich ist das Buch, das als Start einer Reihe dient, soviel mehr. Es ist eine Ode an die Freundschaft, an das Lesen, an das Denken und auch daran, zu erkennen, was es zu beschützen gilt.
Alles im Buch ist auf Kleinigkeiten ausgelegt, allein die Namen der Buks sind mit Liebe zum Details ausgesucht und die Figuren entsprechend konzipiert, dass einem beim Lesen immer weiter das Herz aufgeht. Gerade die Kapitel in der Bibliothek haben eine so starke Sogwirkung, dass man förmlich durch die Seiten gleitet.
Donnerstag, 29. Februar 2024
Sascha Mamczak "Science-Fiction"
Diese und viele weitere Fragen zum Thema SF werden in diesem kleinen Buch aus der Sachbuch-Reihe "100 Seiten" von Sascha Mamczak geklärt.
Dabei geht es in dem Buch hauptsächlich um die Geschichte und damit um die Entstehung der Science Fiction. Weiterhin gibt es auch einen Erklärungsversuch, wann und vor allem warum die SF entstand und weshalb sie nicht früher entstehen konnte, zumal es vormals schon erste literarische Anzeichen gab.
Denn ohne den Nährboden der Wissenschaft, so die Kernthese des Buches, hätte sich die literarische Gattung nicht entfalten können. Der Wechsel von der Literatur zur Leinwand ist für den Autor nur folgerichtig und offenbart im wahrsten Sinne des Wortes "Neue Welten".
Als Einführung und auch als Nachschlagewerk für die Geschichte der SF ist das Buch sicher bestens geeignet. Jahrelange Leser der Science Fiction werden hier aber wahrlich kaum neue Erkenntnisse gewinnen.
Für den Anfänger sei noch erwähnt, es ist ein Sachtext über Science Fiction, daher nicht nach den ersten Seiten das Buch ins Weltall werfen, sondern einfach weiterlesen, es wird noch schlüssig und spannend.
4 von 5 Utopien
Sonntag, 28. Januar 2024
Joshua Tree (Hrsg) "In andere Welten"
Sind es namenhafte Schreibende, unentdeckte Planeten oder noch unbekannte Technologien?
Die Wahrheit liegt bekanntlich in der Mitte.
Joshua Tree ist es mit Brandon Q. Morris gelungen, eine unterhaltende Anthologie zusammenzustellen. Mit 27 Autorinnen und Autoren ist es eine der umfangreichsten, die ich in der Science Fiction Literatur gelesen habe. Dabei gelang es den Herausgebern in der Auswahl, sehr vielfältige Texte unter dem Banner "In andere Welten" zusammenzuführen.
Sowohl die unterschiedlichen Themen als auch die sehr variablen Längen zeigen, wie flexibel die Science Fiction in ihrer Erzählstruktur ist. Mal wird gelacht, mal wird geweint, mal wird man nachdenklich gestimmt, aber immer bekommt der Lesende eine stimmige Geschichte erzählt. Wieviel Science und wieviel Fiction in der jeweiligen Erzählung dominiert, dass liegt in der Individualität des Schreibenden.
Dass der Lesende nicht jede mag oder man auch den Eindruck hat, "etwas Ähnliches" schon einmal gelesen zu haben, lässt sich nicht vermeiden, aber die Anthologie zeigt: Jeder Lesende kann seine Geschichte in den Weiten des Weltraumes oder in den Tiefen einer KI finden. Man muss nur aufmerksam lesen.
4 von 5 Welten
Dienstag, 16. Januar 2024
Tom Turtschi "Protokoll Delta Bravo"
Mit seinen Kurzgeschichten, die alle der Science Fiction zugehörig sind, bildet er die doch sehr unterschiedlichen Bereichen der SF ab. Die abgelieferte Qualität und die wieder erkennbare Stimme, die sich trotz allem der jeweiligen Geschichte anpasst, lassen mich als staunenden Leser zurück und zeigen, wie weit man es als Autor im Bereich der Kurzgeschichten bringen kann. Nicht umsonst hat der Autor bereits einige Preise erhalten.
Alle Geschichten sind recht aktuell entstanden, wodurch sie einen starken Realitätsbezug für den Leser haben. Blickt die Science Fiction in ihren Texten in die Zukunft, ist trotzdem immer der Zeitpunkt wichtig, von dem aus sich der Leser in die Geschichte hineinbegibt. Missionen im Weltraum, KI-gesteuerte Kriege und die KI im Werbebereich sind Geschichten, die man als Leser nachempfinden und in die man sich reinfühlen kann. Nun ja, zumindest wenn man einen Raumanzug anziehen oder programmieren kann.
Die Erzählungen zeichnet alle aus, dass sie trotz technischer Raffinesse ohne lange Beschreibung der Mechanismen auskommen. Vielfach dockt der Autor an aktuelles Wissen an und kann in seinen Texten die Prosa wirken lassen, ohne die technische Funktionsweise zu dominant in den Vordergrund zu stellen.
Doch nicht nur die Technik findet Einzug in seine Geschichten. Gerade bei den Erzählungen, bei denen man vermeintlich am wenigsten damit rechnet, sind empathisch unglaublich stark geschrieben. Reflexion, Ehrgefühl und auch Mitleid sind nur einige der starken Emotionen, aus denen der Autor schöpft.
Abgerundet wird die Sammlung durch ein Nachwort von Michael K. Iwoleit, der ein wenig aus Turtschis Leben erzählt. Womit wieder bewiesen ist, Schreiberlinge sammeln immer und überall ihre Ideen.
Auch wenn es noch früh im Jahr ist, definitiv ein Jahreshighlight.
5 von 5 Protokollen
Sonntag, 7. Januar 2024
Hans-Jürgen Kugler (Hrsg) "Ferne Horizonte"
Wenn schon die Zeitschriften der Exodus Zeitschrift optisch herausstechen, so sind die Bücher eine Augenweide.
Mit "Ferne Horizonte" widmet sich dieser Band all dem, was nach uns kommen mag.
Die 27 Geschichten unterteilen die Herausgeber in fünf Abschnitte, welche jeweils mit einer doppelseitigen Abbildung in den jeweiligen Abschnitt einführen. Untermalt wird auch die einzelne Geschichte mit einer eigenen Illustration.
Doch nicht nur optisch macht die Sammlung einen guten Eindruck. Wie sich schon vermuten lässt, sind die erwähnten Abschnitte thematische Unterteilungen.
Ob Übermenschen, Roboter, veränderte Zeiten, die Zukunft oder Märchen von übermorgen die Autorinnen und Autoren haben sich sehr unterschiedliche Gedanken über die Zukunft gemacht und erzählen diese den Lesenden mal in witziger, mal in nachdenklicher, aber auch in spannender Form.
Viele der Schreibenden kennt man bereits aus anderen Anthologien, was für die Qualität der Zusammenstellung spricht. Ob und welche Geschichte den Lesenden gerade anspricht, man beachte auch die tristen Wintertage, ist sehr von der individuellen Stimmung abhängig.
Wer einen Überblick über die zukünftigen Ideen der schreibenden Zunft haben möchte, sollte zu dieser Ausgabe greifen.
4 von 5 Welten
Dienstag, 31. Oktober 2023
Philip Kerr "1984.4"
Ich schwanke immer noch mit meinem Urteil, während ich diese Zeilen schreibe.
Ich hatte das Original extra zuvor gelesen, weil es in meiner Erinnerung nicht mehr präsent genug war, um die beiden Bücher vergleichen zu können. Denn das ist es, was ein Autor mit der eigenen Version erreicht. Er wird mit dem Original verglichen. Ob bewusst oder unbewusst spielt dabei keine Rolle, er muss sich dem Vergleich stellen.
Philip Kerr siedelt seine Version "1984.4" im Jahr 2034 an. Die "freiwillige" Euthanasie ist vorgeschrieben und wird rigide durch den Senior Service kontrolliert. Florence schafft es aus dem Volk zum Service und wird zur besten Schülerin, die der Service je hatte, bis ihre eigene Mutter vorzeitig erkrankt und Florence sich bei einer Verfolgung in einem alten Kino widerfindet.
Ich mag Philip Kerrs Art zu schreiben, doch ... ich weiß nicht, wie ich das Buch bewerten soll. Das Buch ist in so vielen Punkten dem Original ähnlich, dass es kaum eine eigene Dynamik entwickelt. Die Personen bleiben grau und man hat das Gefühl, eine Kopie des Originals zu lesen, welches lediglich in ein paar Punkten modernisiert wurde. Man leidet nicht so sehr mit den Protagonisten, man hat kaum eine Bindung zu ihnen.
Das Buch als Abklatsch zu bewerten, würde allerdings dem Autoren auch nicht gerechnet. Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass das Buch posthum veröffentlicht und er keine eigene Überarbeitung mehr vornehmen konnte, was die blasse Art des Autors in dem Buch erklären könnte.
Trotzdem war das Buch es für mich als Lektion das Lesen wert. Manche großen Texte gehören unangetastet. Man kann bei einer Neuadaption so oder so nur verlieren.
Eine Sternebewertung kann ich aus den oben genannten Gründen dieses Mal nicht vornehmen.
Mittwoch, 12. April 2023
Thorsten Küper "Belichtungszeit"
So mutet das Lesen der Kurzgeschichten-Sammlung "Belichtungszeit" einer Zeitreise an, da die ersten der neun Geschichten beinahe zwanzig Jahre alt sind. In den Geschichten, die im ersten Moment skurril oder vielleicht auch übertrieben wirken, haben sich Ideen manifestiert, die heutzutage Alltag sind. Beobachtungen, Big Brother Manien, Forschung, viele Bereiche spricht Thorsten Küper, der in der Szene sein eigenes Genre Kueperpunk geschaffen hat, oftmals äußerst kritisch an. Denn Technik und die damit einhergehende Kontrolle ist in den falschen Händen ein Machtwerkzeug, das zu vielen Schandtaten führen kann. Sei es, dass Menschen ihre eigene körperliche Gewalt via Chip an einen Externen abgeben oder gar ein Künstler Installationen mit böswilliger Absicht schafft.
Während in der ersten Geschichte Computerbefehle zu Exklusivnachrichten führen, zwei Geschichten mit der Idee spielen, dass ein Mensch einen anderen Menschen durch einen Chip wie eine Spielfigur steuern kann, zeigt die Titelgeschichte, dass Versuche an Menschen ohne deren Wissen, zu Gewalt, Hass und geistigen Höhenflügen führen können. Auch die Frage nach dem freien Willen wird in zwei Geschichten thematisiert. In ihnen geht es um Forschungseinrichtungen und die Frage, wer trägt die Verantwortung und wer ist die Zielgruppe für die Forschungsergebnisse?
Wattebauschtexte sucht man in der Sammlung vergebens, die beschriebene Zukunft ist brutal, egozentrisch und der, mit dem meisten Geld, bestimmt die Musik. Küpers Geschichten lesen sich nicht nebenbei. Man wird gezwungen über sie nachzudenken, sich die Konsequenzen vor Augen zu führen und zu realisieren: Seine damalige Zukunft ist oftmals unsere heutige Zeit. Man sollte gut zuhören, was er aktuell schreibt, um die nächsten Jahren abschätzen zu können.
4 von 5 Belichtungen
Dienstag, 4. April 2023
Christian Salvesen (Hrsg) "Gott werden oder Mensch bleiben?"
Menschliche Aktionen und Reaktionen sind nicht nur für Informatiker und Co interessant, auch Anthropologen und andere haben sowohl ihre Meinung als auch ihre Erkenntnisse, die der Herausgeber gleichberechtigt zu Wort kommen lässt.
Wer sich zuvor wie ich noch nie mit Transhumanismus und Kryonik beschäftigt hat, für den ist das Buch ein großes Stück Arbeit. Die Artikel sind mit einer durchschnittlichen Lesezeit von 20 Minuten kurz gehalten, aber jeder Text hat es in sich. Fachtermini, zum Teil auch Grundlagenkenntnisse fordern dem Leser einiges ab. Dabei sind die Texte so geschrieben, dass sie auch ein Anfänger verstehen kann, wenn man sich Zeit lässt und ein Lexikon zur Hand hat. Als Einstieg in die Thematik vielleicht ein sehr umfangreiches Buch, doch gleichzeitig vermittelt das Buch, wie tiefgreifend und komplex die Erschaffung eines Gottes sein würde, wenn man nicht vorhat, Mensch zu bleiben.
4 von 5 Zeitkapseln