Sonntag, 22. März 2026

Dieter Nuhr "Gut für dich!"

Missmutig, missgestimmt, schlecht gelaunt, immer das Negative sehen. 
Viele Ausdrücke, die alle den gleichen Zustand beschreiben: den gemeinen Deutschen.
In seinem bereits 2019 erschienen Buch "Gut für dich!" geht Dieter Nuhr auf eine Spurensuche der besonderen Art und versucht Licht in das Dunkel zu bringen, warum es oftmals die Deutschen sind, die Zukunftsängste haben und nicht genießen können, was sie gerade haben.
In vier 'Büchern' nähert er sich in seiner bekannten Art dem Thema und stellt fest, dass es die Außenwirkung ist, die uns die Laune verdirbt. Natürlich ist man daran selbst schuld, denn man könnte auch einfach zufrieden sein, aber dafür sind wir deutsch.
Ein Beispiel? Gerade hat man sich einen neuen Fernseher gekauft, als neuer mit noch mehr Funktionen erscheint. Schon freut man sich nicht mehr, dass man ein einsatzfähiges Gerät zuhause hat, sondern man schaut, was an dem eigenen schlechter ist. Natürlich bezieht sich das nicht für alle Menschen auf den Fernseher sondern auch auf Autos, Handys, Urlaube etc etc.
Was neben seinem schwarzen Humor immer wieder durchscheint, ist der Wunsch, dem Leser zu vermitteln, dass Glück und Zufriedenheit auch aus dem Inneren kommen.
Praktische Alltagstipps und Möglichkeiten aus den Gedankenschliefen auszubrechen, liefert er genauso, wie den Wunsch dem Leser seine Thesen näher zu bringen.
Wie immer kann man nicht alles auf sich selbst beziehen, doch er liefert einen Einstieg, wie man das fortwährende Vergleichen mit anderen abschütteln kann.

4 von 5 Hilfestellungen

Freitag, 20. März 2026

Ingrid Weißmann "Rotlicht, Blaulicht und Henrike"

Rotlicht, Blaulicht und Henrike führt den Leser nach Hamburg in die siebziger Jahre. Die Menschen sind auf dem Kiez sind beeinflusst von Drogen und der Käuflichkeit. Schlimm wird es, wenn junge Mädchen sich auf der Suche nach der großen Freiheit hierher verirren und an einen Luden geraten. Denn diese denken nur an das eine: Geld und die Maximierung dessen.
Henrike hat gerade ihre Ausbildung beendet, um in den Polizeidienst zu wechseln. Es ist eine Zeit, in der die Frauen oft zur Unterstützung mitgehen und selten allein für eine Ermittlung verantwortlich sind.
Bei Henrike kommt eine private Bekanntschaft eine Überwachung in die Quere und so gelangt sie emotional viel tiefer in den Fall als es ursprünglich gedacht war.

Man benötigt einige Kapitel um sich an den Schreibstil zu gewöhnen. Die Kapitel sind kurz, wechseln zwischen den Protagonisten hin und her und vermitteln aus den Perspektiven ein sehr unterschiedliches Bild vom Kiez.
Der Fall entwickelt sich nach und nach zu etwas großen und so zeigt die Autorin, wie verschiedene Abteilungen miteinander arbeiten müssen, um sich der Lösung zu nähern.

Lokalkolorit und aus heutiger Sicht "historische" Polizeiarbeit fließen ebenso in den Text ein wie eine leichte Gesellschaftskritik.
Trotz allem war es nicht ganz der Krimi, den ich erwartet habe. Für Fans des Lokalkolorits und der Polizeiarbeit aber definitiv einen Blick wert.


3 von 5 Polizisten

Mittwoch, 18. März 2026

Agatha Christie "N oder M?"

England befindet sich mitten im Krieg. Die Angriffe der Deutschen werden häufiger, die Zerstörungen nehmen zu. Menschen flüchten aus London auf's Land, während die Jungen versuchen das Land zu schützen. Doch auch an die ältere Generation wird gedacht und so steht an einem Tag jemand bei Tommy im Wohnzimmer und heuert ihn für eine waghalsige Mission an. Denn, nicht nur die Deutschen sollen die Engländer unterwandern, auch eine Gruppe Engländer soll sich gegen das eigene Land stellen. Doch da unklar ist, wie hoch die Verschwörung reicht, soll Tommy, wohl gemerkt ohne Tuppence, ermitteln. Die Bedingungen vor Ort gestalten sich von Anfang an schwierig und so rücken nacheinander alle Mitbewohner in Tommys Fokus. Zu recht oder zu unrecht, das bleibt lange im Dunkeln.

Man bemerkt in den Texten aus den Kriegsjahren öfters die Wut der Autoren und den Wunsch, die Welt in einem Schwarz-weiß sehen zu wollen. Wer ist gut, wer ist böse, das ist in der Realität oft nicht ganz so einfach auszumachen. Doch im Krimi gibt es keinen Platz für grau.
Die Mischung aus dem Duo Tommy und Tuppence, was immer schon für das eine oder andere Augenrollen gereicht, da sie zu überzeichnet wirken, und dem Wechsel zwischen "Fritz" und dessen Einstellung dominiert den Krimi.
Der Gedanke, dass es eine Unterwanderung innerhalb der eigenen Reihen gibt, ist durchaus gelungen, doch die Umsetzung bleibt an vielen Stellen hinter den Möglichkeiten zurück. 
Lose Enden gibt es bei Agatha Christie natürlich nie, doch ist es um die Varianz und die Plotbunnies nicht gut bestellt.
Sicherlich ist das Buch auch als eine Art Zeitzeuge zu sehen, doch die literarischen Tricks, die Agatha Christie bei Monsieur Poirot und Miss Marple nutzt, kommen hier nicht zur Geltung. 

Schade, da gerade bei dem Setting viele Ideen die Geradlinigkeit des Textes hätten unterbrechen können.

3 von 5 Spionagen

Freitag, 13. März 2026

Katharina Henz "Validieren: Wie echtes Erkennen und Anerkennen Beziehungen transformiert ..."

Vieles ist in der heutigen, hektischen Zeit schwerer geworden. Aktives Zuhören ist eine wichtige Sache, die wir zunehmend verlernen.
Eine besonders aufmerksame Form des Zuhörens ist das Validieren. In acht Kapiteln bringt die Autorin dem Lesenden den Unterschied zwischen Zuhören, aktivem Zuhören und Validieren sachkundig bei.

Was sich im ersten Moment wie eine Mammutaufgabe anhört, ist im Kern eigentlich recht simpel, wenn man einmal den Zugang hierzu gefunden hat.
Mit Situationen aus der psychologischen Praxis erläutert sie die Unterschiede und zeigt, warum die Menschen sich oft bevormundet fühlen.

Ein kleines Beispiel? 

Niemand, wirklich niemand, kann sich zu einhundert Prozent in einen anderen Menschen hineinversetzen. Somit sind sämtliche Ratschläge, wie "Ich würde das so und so angehen" hinfällig.
Denn keiner kann sich wirklich in die Lage des anderen versetzen. Warum? Das erklärt die Autorin an mehreren Sachverhalten. Zum einen lassen wir unser Gegenüber selten ausreden, bevor wir eine Diagnose stellen. Wir fahren dem anderem über den Mund, weil wir sein Leid mindern wollen, doch oft wird er gegenteilige Effekt ausgelöst.

Durch die Beispiele, die sich auf Arbeitskollegen, Kinder, Kranke, Eltern und Vorgesetzte beziehen, ist das Thema bei weitem nicht so abstrakt, wie es zuerst den Anschein hat.

Man lernt, Menschen besser zu verstehen, man lernt einen neuen Umgang miteinander. Ob man ihn täglich und gerade in Stresssituationen immer anwenden kann, ist für mich im Moment noch fraglich, doch zeigt dieses Buch, dass psychologische Themen greifbar sind, wenn sie gut und eingängig formuliert werden.

Die Kapitel haben jeweils einen Themenschwerpunkt und an Ende eines jeden werden die Kernaussagen mit Stichworten zusammengefasst. Optische Einrückungen und Kästen heben Themen und Beispiele zur besseren Lesbarkeit hervor.

Ein großes Lob an die Autorin, die das Thema für mich sehr verständlich und interessant dargelegt hat.

5 von 5 Sitzungen


Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Donnerstag, 12. März 2026

Beate Maly "Gold aus der Wiener Werkstätte"

Wien, 1906:
Während ein aufsehenerregender Prozess um ein Bordell die Schlagzeilen dominiert, wird einem Hotel eine Leiche gefunden. Auch sie hat früher in besagtem Bordell gearbeitet, doch nun ist sie mit edlem Schmuck bedeckt. Da bei dem Prozess auch die Polizei involviert ist, soll Max von Krause erst einmal Stillschweigen bewahren. Doch dies gestaltet sich schwierig, da der Schmuck aus den Wiener Werkstätten stammt und somit viel zu viele Menschen über den Schmuck und die dazugehörige Leiche Bescheid wissen. Ein Blick hinter die Fassade zeigt: Jeder hat mindestens ein Geheimnis, das für andere zur Gefahr werden könnte.

Dies ist bereits der zweite Band um Max von Krause und Lili Feigl. Ich habe zuvor den ersten Band nicht gelesen, kann aber sagen, dass man diesen nicht zwingend kennen muss, um der Handlung zu folgen. Die Autorin verwebt in ihrem Krimi Realität und Fiktion so gekonnt, dass man nur so durch die Seiten fliegt und wissen will, wie es weitergeht. Die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, ihre Vorurteile und Seilschaften bilden die Grundlage für einen spannenden Plot, er den Leser immer wieder in die Irre führt. Denn man fragt sich, wer hat was von den diversen Sticheleien und wer hat zum Schluss die Nase vorne? Denn nicht nur unter Gaunern gibt es Streitigkeiten auch bei der Polizei und im Privaten ist nicht alles rosarot. Durch die vielen "Angriffspunkte" schafft sie es viel Spannung und Neugier auf die Schauplätze zu legen. Mit ihren Protagonisten hat sie zwei Sympathieträger, die die Schlechtigkeit der anderen Figuren ausgleichen.
Das angedeutete Wienerisch zieht sich mal mehr, mal weniger durch den Text und lässt so ein harmonisches Bild im Kopf entstehen.

Die Auflösung kam mir persönlich am Ende ein bisschen zu abrupt, das mindert aber nicht die Begeisterung für den Text.
Sie verarbeitet arm und reich, Mann und Frau, gut und böse so gut, dass ich den ersten Band demnächst nachholen und ihre andere Reihe unbedingt fortsetzen möchte.

4,5 von 5 Schmuckstücken

Mittwoch, 11. März 2026

Makoto Yukimura "Vinland Saga 3"

Neben "Atelier of Witch Hat" ist über Umwege auch eine zweite Mangaserie bei mir auf dem SUB eingezogen. Während AoWH sich mit Zauberei, Büchern und verschiedenen Welten auseinandersetzt, mutet die "Vinland Saga" fast wie ein Geschichtsbuch im Mangaformat an.

Seit dem zweiten Band sind einige Jahre vergangen und England leidet unter den Überfällen der Wikinger. Immer mehr Menschen werden getötet, Dörfer geplündert oder ganz zerstört. Doch auch unter den Wikinger herrscht keine Einigkeit mehr und so kommt es bei London zu einem Kampf zwischen zwei Wikingern, der aber erstmal unentschieden ausgeht.
Doch die nächste Schlacht ist nicht fern und so sind es zunehmend "Glutnester", an denen immer wieder Kämpfe aufflammen und die Menschen in Angst und Schrecken versetzen.
Währenddessen halten die Wikinger-Frauen zuhause alles in Schuss, aber sie müssen immer fürchten, dass ihre Männer nicht wiederkommen. So ist das Leben auch für sie geplagt von Arbeit und Zweifeln und ein Ende der Kämpfe ist nicht in Sicht.


Mit Karten und Schaubildern unterscheidet sich dieser Band von seinen Vorgängern. Die Angriffe werden hier genau mit Jahreszahlen verzeichnet und dieser Band spielt an verschiedenen Plätzen in England. Die Nähe zu der Geschichte wird an mehreren Stellen untermauert und gibt den Lesern eine Einordnung, wie Manga und Realität übereinstimmen.

Wie schon in den vorigen Bänden werden die Kampfeshandlungen sehr plakativ dargestellt, sodass die Farbgebung die Dramatik intensiviert. Man lernt, dass auch unter Eroberern nicht immer die gleiche Meinung herrscht und obwohl "nicht viel anderes passiert", ist der Band nicht langweilig.
Geschichte als Manga. Ein gelungenes Konzept.


4 von 5 Drachenköpfen

Dienstag, 3. März 2026

Nicholas Meyer "Sherlock Holmes und das Phantom der Oper"

Man nehme Sherlock Holmes und das Phantom der Oper. Was soll bei den Protagonisten schon schief gehen?
Spoiler: Einiges.
Doch beginnen wir am Anfang.
Sherlock Holmes hat die Reichenbachfälle überlebt und reist durch Europa, um seinen Tod noch eine Eile zu vertuschen.
Um nicht immer wieder seinen Bruder um Geld zu bitten, nimmt er eine Anstellung als Geiger in der Pariser Oper an und trifft somit auch auf die Geschichte rund um das dort lebende Phantom.
Warum es wie handelt, lässt sich nach kurzer Zeit erahnen und Holmes versucht so wenige Menschen wie möglich zu schaden kommen zu lassen. Doch die Ohren der neuen Direktoren sind taub für seine Warnungen. Als schließlich das Unheil angerichtet ist, ist es Holmes, der sich verteidigen muss, denn seine Kombinationsgabe wird gegen ihn verwendet.
Wer die Pastiches von Nicholas Meyer kennt, weiß, dass er sie als "direkte Texte" von Watson ausgibt und er selbst lediglich editorische Notizen hinzufügt. Die Idee und auch die Umsetzung ist auch bei dem dritten Band sehr gelungen und durch den Schreibstil, in dem Holmes Watson direkt anspricht, wird man in das Geschehen gezogen.

Was mir in diesem Band nur überhaupt nicht gefallen hat, war die Figur Sherlock Holmes. Auch wenn er in Paris vermeintlich in Urlaub ist, kann man seine stümperhaften Ermittlungen und seine Begriffsstutzigkeit in vielen Szenen einfach nicht nachvollziehen. Vergleicht man die Ermittlung sowohl mit den beiden vorigen von Meyer als auch mit dem Kanon, hat man mehrfach das Gefühl, der großartige Detektiv stolpert blind und mit einer Hand auf den Rücken gebunden durch den Fall. Zu viele Hinweise, die Meyer auch explizierter beschreibt als Doyle, lässt Holmes liegen, um hinterher erstaunt auf des Rätsels Lösung zu blicken.

Weiterhin bedient der Text viele der Touristenattraktionen, Eifelturm, die Oper und deren unterirdirsche Gänge. Ein Streifzug durch die Stadt, bei dem sich Holmes auch noch direkt verläuft.

Wer Meyer in seiner Höchstform lesen will, sollte zu "Sherlock Holmes und die Theatermorde" oder auch noch "Kein Koks für Sherlock Holmes" greifen, dieser Band wird weder Holmes noch Meyer gerecht.

3 von 5 Opern 

Montag, 2. März 2026

Tommaso Vitiello "Oscar Wilde - die Comic-Biografie"

Als Ire im Viktorianischen England hat man es nicht leicht. Wenn man den Engländern dann noch auf ihre sprichwörtlichen Füße tritt, kann das zunehmend zu Problemen führen. Oscar Wilde war vieles, doch definitiv nicht gesellschaftlich angepasst. Er hatte seinen eigenen Kopf, den er nicht nur einmal mit Gewalt durchsetzen wollte.

Die Graphic Novel steigt in sein Leben ein, als er in Amerika an seinen schriftstellerischen Vorstellungen feilt. Sollen es weitere Essays, Romane oder doch Theaterstücke sein? Das Publikum ist (in mehrfacher Hinsicht) nicht bereit für seine Texte und so nagt die Unzufriedenheit an ihm. Er, der von seinem Umfeld immer als grandioser Künstler dargestellt wird, hat nicht den Erfolg, den er sich wünscht. Als sich das Blatt gerade ein wenig wendet, kommt seine Affäre mit Bosie an die Öffentlichkeit. Die Gesellschaft ist entsetzt und so wird aus einem Prozess um üble Nachrede ein Prozess, der ihn ins Gefängnis bringt.
Die Comic Biografie hält sich sehr dicht am Lebenslauf von Oscar Wilde. Das einzige, was mir ein wenig zu kurz kam, war, warum die Menschen seine Texte nicht mochten und wie er sie zunehmend anstößig formuliert hat.

Das Buch unterteilt sich in mehrere Abschnitte, die spezielle Zeitpunkte (z.B. den Prozess und die Gefangenschaft) in Wildes Leben beleuchten und in denen auch seine Wirkung im Ausland thematisiert wird.
Die Zeichnungen sind weich gehalten. Sie wirken wie eine Hommage an Wildes frühe Frisur. Die Zeichnungen kommen ohne viele Details aus, zudem sind die Figuren manchmal vage gehalten, ebenso wie die Hintergrundgestaltung. Meinen Geschmack trifft dies nicht, aber es passt zum Inhalt der Biografie.
Unterschiedlich große Zeichnungen, auch mal als Platzhalter für längere Texte verwendet, führen dazu, dass das Auge nicht abschweift und man die unterschiedlichen Stimmungen innerhalb der Biografie wahrnimmt. Nichts wird beschönigt, aber auch nichts verrissen.

4 von 5 Dramatikern

Samstag, 28. Februar 2026

Susanne Matthiessen "Ozelot und Friesennerz"

Mondän. Das ist das erste Wort, das einem einfällt, wenn man an Sylt denkt.
Zumindest in heutiger Zeit. Den Schönen und den Reichen gehörte die Insel, bevor das Deutschlandticket spruchreif wurde.
Aber stimmt das wirklich? Denn eigentlich gehören die 99 Quadratkilometer den Insulaner, doch diese gibt es immer weniger. Nicht nur, weil sie sich die Häuser kaum mehr leisten können, sondern auch weil die Insel keine Geburtenstation mehr besitzt. 
Doch die Geschichte beginnt in den sechziger Jahren. Die Protagonistin lebt mit ihren Eltern in Westerland und Pelze sind ihr Lebensunterhalt. Die Schönen und Reichen kommen zu ihnen, um sich beraten zu lassen und anschließend dem Kaufrausch zu verfallen, denn seien wir mal ehrlich, wer einen Pelz hat, kann auch einen zweiten gebrauchen.
Neben dem Alltag im Laden und zuhause mit den Übernachtungsgästen erzählt sie auch von den anderen Kindern, die ebenfalls mit dem Tourismus zu tun haben. Denn nach dem Krieg floriert dieser auf der Insel. Zu Beginn sind die Unterbringungsverhältnisse vielleicht noch spartanisch, doch auch hier zieht das Niveau immer weiter an. Ebenso wie die Ansprüche der Gäste, denn nichts ist in ihren Augen zu viel verlangt und nichts dürfen die Insulaner ihnen ablehnen, schließlich sind sie zahlende Gäste.

Nicht nur auf Sylt sondern auch in anderen Feriengebieten breitet sich in den letzten Jahren die Problematik aus, dass die Einheimischen dort nicht wohnen können und außerhalb des Tourismus keine anderen Jobs zur Verfügung stehen. Von anderen Menschen oft verpönt, ist es wirklich schwer, sich in die Einwohner hineinzuversetzen, da sie Stück für Stück ihre Heimat und ihre Kultur verlieren. Zudem kommt bei der Familie der Autorin der Wandel zum Tragen, dass ihr Broterwerb ersatzlos weggefallen ist. Sicherlich schwingt der Unmut darüber im Buch mit und auch die fehlende Beachtung dessen, was die Insulaner in der Saison leisten, doch ist das Buch auch ein Stück deutsche Geschichte, da es zeigt, wie Deutschland sich in den sechziger und siebziger Jahren wieder aufgebaut hat und was den Menschen in ihrem Alltag wichtig ist. Das Wechselspiel zwischen arm und reich bildet hierbei einen weiteren Reiz.

3,5 von 5 Fellen

Freitag, 27. Februar 2026

Agatha Christie "Das krumme Haus"

Ein verschachteltes Haus mit Aufgängen, Ecken, Winkeln und Treppen.
Unübersichtlich und immer mal wieder angebaut, wie auch die Familie, die in diesem Anwesen lebt. Als der Vater stirbt, wirken alle aufgescheucht und ruhig zugleich, denn es kann ja nur die neue Frau gewesen sein. Wer sonst hätte ein Interesse daran, den gutmütigen Mann der Familie zu entreißen? Oder ist dies alles nur ein trügerisches Bild und in Wirklichkeit ist wieder nichts so wie es scheint?

Agatha Christie hat unzählige Kriminalgeschichten geschrieben. Neben ihren "Hauptermittlern" Miss Marple und Monsieur Poirot gibt es auch einzelne Fälle, wie diesen, in denen keiner der bekannten Ermittler vorkommt und sie eine komplett neue Szenerie mit gänzlich neuem Personal auffährt. Wer die Autorin und ihre Techniken kennt, weiß, dass für sie die Fälle im Vordergrund standen und sie die Ermittler entsprechend angepasst hat.
So ist es auch ihr zu verdanken, dass alte, klassische Vorgehensweise in Kriminalgeschichten nach und nach verwässert und der Leser auch wieder überrascht werden kann. 

Ein gediegenes Setting. Ein Familie. Reich. Eigentlich scheint alles gut und doch schafft es die Autorin mit kleinen, feinen Spitzen Zwietracht und Unruhe zu sähen. Wer hat wen beobachtet, wer gönnt dem anderen nichts …

Ihr gelingt es, die Menschen so menschlich, so unaufgesetzt wirken zu lassen, dass man sehr lange benötigt, um hinter die Fassade zu blicken. Mit ihren Mitteln kreiert sie menschliche Abgründe und hält den Spannungsbogen über den ganzen Krimi konstant hoch.


4 von 5 Häusern