Sonntag, 30. August 2026

Andreas Gruber "Der fünfte Erzengel - fünfzehn unheimliche Geschichten"

So begeistert ich von Andreas Grubers Kurzgeschichten war, so hat es fast vier Jahre gedauert, bis ich den nächsten Sammelband vom Ebook-Reader entstaubt habe. Woran lag es? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Am ehesten würde ich vermuten, dass ich mich nach dem Tod meines Vaters nicht mit Erzengeln beschäftigen und ich andererseits die Bücher in der Reihenfolge weiterlesen wollte. Und danach hat der SUB sie unter sich begraben. Beim Formatieren meines Ebook-Readers habe ich die Sammlungen wiedergefunden und die Erzengel-Anthologie in Angriff genommen. 

Auch mit etwas Abstand zu den früheren Rezensionen muss ich sagen, dass mir die Aufmachung der Anthologien immer noch sehr gut gefällt. Die Einleitungen in die Geschichten zeigen, wie viel und welche Gedanken der Autor sich bei seinen Geschichten macht. Man erfährt, wo die Geschichten zuerst erschienen und wie viel autobiografisch sein soll. Denn, und daraus macht Gruber keinen Hehl, Kreativität entsteht selten im einsamen Kämmerlein. Da kann sie höchstens wachsen. Die Ideen kommen von außen und gerade die unheimlichen gären, bis sie sich niederschreiben lassen. Dabei spielt er sowohl mit alltäglichen Szenen als auch mit Dingen, die ein Leser im eigenen Leben eher selten erlebt.

Die Geschichten setzen sich im Kopf fest, Bilder entstehen, wo man Szenerien nur angedeutet werden, es entspinnt sich ein Kopfkino, das den Leser kaum loslässt. Eine wahre Kunst.

In den 15 Geschichten reist der Leser oftmals nach Wien, aber auch mal in der Zeit zurück. Der Autor nimmt uns mit nach Tokio und in Restaurants, in denen wir nicht speisen wollen. Wie schon in den vorigen Zusammenstellungen gelingt es Andreas Gruber sich auch bei ähnlichen Settings nicht zu wiederholen und den Schauer über die Schulter krabbeln zu lassen.

Wie ich auch schon bei der ersten Rezension meinte, es ist nahezu erstaunlich, wie derselbe Autor so unterschiedliche Geschichten schreiben und mit einem einzigen Thema so gut unterhalten kann.

Drei weitere Anthologien warten noch auf dem Ebook-Reader und eins sei abschließend gesagt:

Für zarte Nerven sind diese Geschichten nichts.

5 von 5 Anthologien

John Hendrix "Die Weltenerschaffer"

Tolkien und Lewis. Diese beide Namen fallen immer, wenn es um die Begründung der modernen Fantastik geht. Beide haben die Schrecken des ersten Weltkrieges erlebt und kamen gezeichnet zurück. Was sie darüber hinaus verband, kann man in der Graphic Novel "Die Weltenerschaffer" lesen. Der familiäre Hintergrund, die Jugend, die Zeit im Krieg, ihre Arbeit in Oxford und darüber hinaus ihre Freundschaft. Und die Inklings.

John Hendrix konzentriert sich neben den beiden Lebensläufen auch darauf, wie die beiden ihre Welten konstruierten und vor allem, was sie zu den Texten beeinflusste. Beide waren geprägt von der nordischen Mythologie, von Märchen und anderen Fabelwesen. Beide wussten im Kraft der Worte und dass es immer auch Dinge gibt, die hinter dem Gesagten stehen.

Der Autor verbindet in seiner Graphic Novel diese beiden Elemente, indem er sich abwechselnd zeigt. Neben Tolkien und Lewis treten ein Löwe und ein Zauberer auf, um die Literaturgeschichte zu beleuchten. Mittels kleiner Portale wird man aus der Geschichte geführt, um den Leser für die Brillanz der beiden Autoren zu schärfen. Beide hatten ihre Art, den Leser in ihre Welt zu ziehen und wie sie sich in ihrer kreativen Schaffenszeit unterstützt haben ist beachtlich. Doch John Hendrix lässt auch die dunklen Stunden der beiden aus und rundet so sein Werk ab.

Sowohl optisch als auch inhaltlich ein wunderschönes Werk, was so vieles zeigt. Wie sehr beeinflusst das Leben einen Autor? Wie wichtig ist Zuspruch? Wie können sich Autoren untereinander unterstützen?
Ein Buch, das auch Kenner von Lewis und Tolkien begeistern dürfte.

5 von 5 fantastischen Welten

Samstag, 29. August 2026

Lucy Jane Wood "Uncharmed"

Andromeda Wildwood - oder kurz Annie - führt das perfekte Leben. Sie hat coole Freundinnen, ihre eigene Bäckerei ist beliebt, sie ist wunderschön und - alles ist ein Traum in rosa.
Doch das alles hat seinen Preis. Jeden Abend muss sie ein folgenschweres Bad nehmen, um am nächsten Tag wieder vollkommen perfekt zu sein.
Als sie zur Mentorin von Maeve berufen wird, ändert sich ihr Leben folgenschwer. Denn diese junge Hexe ist so ganz anders als andere Hexen in dem Zirkel und von ihr geht eine unglaubliche Gefahr aus. Kurzum landen die beiden in einer abgeschiedenen Welt, nur um sich zu fragen, wer hier wem etwas beibringen muss.

Wer schon das erste Buch "Rewitched" gelesen hat, muss sich bei diesem Band ein wenig umstellen.
Zu Anfang ist alles rosa und ich meine, wirklich rosa. Von Kleidung, über Möbel, über Törtchen, schlicht alles. Es scheint so, als würde perfekt mit rosa einher gehen. Doch mit der fortschreitenden Handlung und den aufkommenden Problemen verlässt Annie ihre rosa Welt. Was zu vielen starken Emotionen führt. Denn der Grund, warum Annie Perfektionismus anstrebt, dürfte vielen Leserinnen bekannt vorkommen und hier verlassen wir die heile Welt. Von der zuckerwattriger Welt ist fast nichts mehr übrig und die Autorin schafft hier grandios den Wechsel zur Ernsthaftigkeit.

Das Buch führt die Leserinnen durch nahezu jede Emotion, wobei einige Szenen sehr klischeehaft und vorhersehbar sind. Nichtsdestotrotz zeigt es, wie schwierig Zwischenmenschliches sein kann und das Perfekt nicht ein Lebensziel sein sollte.

4 von 5 Zaubertränken

Dienstag, 25. August 2026

Kathryn Taylor "Dunmor Castle 1"

Lexie ist hin und her gerissen. Einerseits freut sie sich, dass sie alleine ein Schloss zur Renovierung begutachten darf, andererseits taucht ausgerechnet dort der Konkurrent ihres Chefs auf und stellt sich als Sohn des Schlossbesitzers heraus.
Während Lexie versucht, auf ihre Professionalität zu achten, sind es gerade einige Dorfbewohner, die ihr das Leben schwer. Und als ob das alles noch nicht genug wäre, hat sie zunehmend den Eindruck, Déjà-vus zu erleben.

Dunmor Castle ist als Dilogie angelegt, was auch einige Dinge im Aufbau der Geschichte erklärt. Vielfach wirkt der Text und die Handlung ein wenig in die Länge gezogen, wobei es auch schlicht das Dorfleben ansich sein kann, was durch zahlreiche Wiederholungen und Vorwürfe den Leser madig machen kann. Fortwährend ist Lexie in einer Art Verteidigungsposition und öffnet sich gerade den Menschen, die im ersten Augenblick nicht der richtige Umgang für sie sind. 

Der Text spielt hierbei mit verschiedenen Genres. Ein bisschen Krimi, eine Prise Dramatik, ein wenig Anziehung.
Man merkt, dass das Dorfleben ein kleines Universum für sich ist und dass man es schwer hat dazuzugehören.

Der erste Band endet mit einem großartigen Cliffhanger, doch leider hat mich die Story nicht so überzeugt, um nach dem zweiten Band zu greifen.


3 von 5 Schlössern 

Mittwoch, 19. August 2026

H. Kreklow "Graf Rucola"

Eigentlich könnte das Leben so leicht sein. Ein kleines, gemütliches Hotel. Jeden Tag mit der Familie zusammenarbeiten. Ab und zu kommen ein paar Gäste in das vegetarische Restaurant des Hotel Pumpkin Head. Wie gesagt, eigentlich.
Denn genau genommen ist in diesem Comic nichts leicht.
Die Familie entstammt ein alten Adelsgeschlecht der Vampire - ja Vampire - und tut sich schwer mit dem modernen Firlefanz, was sich Kundenservice schimpft.
Und schließlich sind sie ja Vampire. Man hat einen Ruf zu verlieren.

Der Comic ist nicht so sehr zum Schenkel klopfen, wie es im ersten Moment den Anschein hat. Es geht auch um ernstere Themen wie Ausgrenzung, Tod und Vorurteile. Doch gerade die Mischung schafft es, dass die traurigeren Themen nicht so schwer wiegen und man vornehmlich schmunzelnd durch die Seiten blättert. In schwarz-weiß gehalten wirkt der Comic auf eine gewisse Weise edel, löst aber auch an den richtigen Stellen einen leichten Schauer aus. 
Eine gute Mischung auf achtzig Seiten und man wird Vampire danach mit ganz anderen Augen sehen.

4 von 5 Rucolablättern

Dienstag, 18. August 2026

Alba Speroni "Lange schlafen"

"Geschichten zum Wochenende"
Der Untertitel dieses Bandes drückt genau das aus, was diese Sammlung möchte: Sie möchte in Ruhe gelesen werden. Ohne Hast und ohne Eile, nicht mal eben schnell im Bus oder zwischen zwei Terminen. Der Lesende soll sich bei den vierundzwanzig Texten hinsetzen, die Seele für einen Moment baumeln lassen und sich an den literarischen Möglichkeiten erfreuen.
Denn die Zusammenstellung ist mit Bedacht gewählt. Es reihen sich nicht schlicht vierundzwanzig Erzählungen aneinander.
Auch beziehen sich nicht alle Geschichten auf die Ruhe des Schlafes.
Es geht um das Gefühl, das Gefühl vom Wochenende. Vermeintlich nichts muss, alles kann. Und so ist es auch mit der Auswahl.
Da reiht sich ein kurzer Text von Thomas Mann neben ein Gedicht von Kurt Tucholsky. Man liest ein unglaublich interessantes Interview mit Nick Cave, um dann von Elke Heidenreich zu erfahren, wann das Sonntagskleid verschwand.
So reihen sich Erzählungen zum Schmunzeln, an solche zum Seufzen, an solche bei denen man eine einzelne Träne verdrücken muss.
Eine wunderschöne, stimmungsvolle Auswahl, die das Gefühl vom Wochenende und seine gewisse Leichtigkeit in die Arbeitswoche trägt.

5 von 5 Wochenenden

Danke an den Kanon Verlag für das Rezensionsexemplar.

Montag, 17. August 2026

FiL "Worte über Orte"

Man stelle sich einen Autor vor, der auf Lesereise gehen will. Doch leider ist er zu unbedeutend, als dass ihn große Städte hören wollen. So werden die Stationen kleiner und somit auch die Städte eher zu Dörfern, bis er seinen Durchbruch erlangt und ganze Städte zerlegt.
Klingt seltsam? Ist es zumeist auch.
Zwischen den einzelnen Kapiteln macht er Wortspiele über Städte, gerne auch mehrfach, trifft auf der Lesereise Angela Merkel und Außerirdische und spätestens hier war ich raus.

Ich glaube Witz, und das sagt der Autor auch selbst, ist eine der schwersten Arten eine Geschichte zu erzählen. Ist es zu intellektuell, wird es nicht gelesen, ist es zu flach, auch wieder nicht.
Die Idee einer völlig verkorksten Lesereise und auch die Wortgebilde um die Städte sind schon wirklich gelungen, doch hier war mir der Humor zu derb. Vieles wiederholt sich und wird, natürlich geplant, bis aufs Letzte karikiert.
Man kann die Erzählung leider nicht getrennt von dem Humor betrachten, dafür ist er zu präsent. Schade, denn das Thema gefiel mir, nur die Umsetzung nicht.

3 von 5 Worten

Samstag, 15. August 2026

Jess Kidd "Mord in der Pension Möwennest"

Eigentlich hatte Nora der Welt abgeschworen und sich ein Leben im Kloster eingerichtet. Doch als ihre Freundin Frieda, ehemalige Novizin, verschwindet und Nora keine Briefe mehr von ihr erhält, macht sie sich auf zu der letzten bekannten Adresse: Pension Möwennest, Gore-on-Sea. Ein kleiner Ort am Meer, der von seinem Freizeitpark lebt und in dem seltsame Dinge vor sich gehen.
Alle bestehen darauf, dass Frieda von jetzt auf gleich verschwand, doch dann gibt es eine Leiche und Nora ist mittendrin.

1954, einige Jahre nach dem Krieg ist England noch sehr davon gezeichnet. Lebensmittel sind knapp oder teuer, Wohlstand haben die wenigsten und man muss mit dem zurecht kommen, was das Leben einem bietet. Inmitten dieser Grundstimmung siedelt die Autorin eine Gemeinschaft an, wie sie unterschiedlicher nicht sein kann. Alle haben ihr Päckchen zu tragen und sind mehr oder weniger in der Pension gestrandet. Jess Kidd verwebt die einzelnen Figuren und ihre jeweiligen Geschichten zu einem großen Ganzen, um hieraus den Todesfall zu ersinnen. Denn ob es Mord ist, bleibt lange Zeit ungewiss und die örtliche Polizei brennt nicht darauf, einen daraus zu machen.
Nora, die als ehemalige Nonne schon mit vielem konfrontiert war, nimmt hier den Posten der Ermittlerin ein und führt die Leser durch eine Gemeinschaft, die durch Lug und Trug gekennzeichnet ist. Als Charakter ist sie sehr vielschichtig angelegt und zeichnet sich durch ihre Empathie und Geduld aus. Strategisch geht sie vor und nimmt den Leser an Orte mit, die vermeintlich nichts mit dem Fall zu tun haben, oder vielleicht doch?

Ein spannender Krimi, der auch geschichtlich einiges zu berichten hat.

5 von 5 Möwen

Freitag, 14. August 2026

Makoto Yukimura "Vinland Saga 6"

Neben "Atelier of Witch Hat" ist über Umwege auch eine zweite Mangaserie bei mir auf dem SUB eingezogen. Während AoWH sich mit Zauberei, Büchern und verschiedenen Welten auseinandersetzt, mutet die "Vinland Saga" fast wie ein Gesschichtsbuch im Mangaformat an.

Jeder braucht einen Moment der Erweckung, um sich aus seinem Starrsinn zu lösen.
Nach Ragnars Tod steht Knut zum ersten Mal ohne einen Beschützer da und muss sich selbst behaupten. Diese stille Person, so schicksalsergeben wie sie vorher war, entwächst ihrer Trauer durch das Gespräch mit einem betrunkenen Pater. Plötzlich ist alles anders und der Wunsch, sich seinem Schicksal zu ergeben, rückt in weite Ferne. Im Gegenteil, Knut bietet seinen Gegner die Stirn und versucht sie hinter sich zu sammeln. Ein Plan, der Askeladd, Thorkell und Thorfinn verstört und ihren Zwist radikal unterbricht.

Wozu können Menschen fähig sein, wenn sie für etwas brennen? Immer wieder bin ich erstaunt, wie es der Autor schafft, innerhalb der Geschichte solch verschiedene Situationen zu erschaffen. Obwohl es sich immer um die gleichen Personen, auf einem beschränkten Raum und in einem vermeintlich kleinen Zeitrahmen handelt, dreht er wieder und wieder an den Stellschrauben, sodass man sich als Leser ranhalten muss, um die Allianzen im Überblick zu behalten.
Natürlich ist hierbei nicht alles erfunden, in der Geschichte haben Verbündete immer wieder gewechselt, siehe zum Beispiel die Geschichte von England und Frankreich.
Doch es in 220 Seiten je Mangaband realistisch unterzubringen, ist schon eine Kunst für sich.

Die Emotionen wechseln von Band zu Band und es bleibt abzuwarten, wie sich die Serie weiter entwickelt.

4,5 von 5 Drachenköpfen

Dienstag, 11. August 2026

Claudia Sammer "Ein zögerndes Blau"

Was passiert, wenn man seine Heimat verlassen muss?
Leon und Teres müssen dem Krieg entfliehen und landen im einem Land, dass ihnen unbekannt ist. Ihre Namen müssen sie ablegen und auch sonst bleibt ihnen nichts von ihrer Vergangenheit. Doch gerade ohne diese fassen sie kaum Fuß im Jetzt. Sie treiben in ihrem Leben dahin, kommen nie an und sind gezeichnet.
Kann ihr Leben in die richtige Bahn gelangen? Und was ist mit der folgenden Generation? Kann sie bestehen, wenn die Eltern solche Probleme haben?


Das Buch wird durch eine extreme Melancholie geprägt. Man spürt die Hilflosigkeit und auch die Gedanken, nichts an der Situation ändern zu können, aber ist das so?

Viele Entscheidungen sind bewusst getroffen und sind nicht durch die Schuld des Krieges genährt. Doch was kann man subjektiv ändern und was bleibt objektiv nicht veränderbar?

Als Gedankenanstoß ein gutes Buch, aber in seiner Umsetzung ist es mir zu einseitig.

3,5 von 5 Flüchtlingen