Freitag, 25. September 2026

Edmund Crispin "Heiliger Bimbam"

Tolnbridge, ein kleines verschlafenes Dorf in England, sollte dem Oxfordprofessor Gervase Fen als Urlaubsort dienen. Doch es kommt anders.
Der Organist wird ermordet und spontan beschließt Fen einen Freund von sich einzuladen, dass er diesen ebenso in Gefahr bringt, weiß Fen zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Denn während sich alle um den toten Organisten bemühen, stirbt ein weiterer Mensch. Ob dies das Ende war?

Eigentlich mag ich englische Krimiklassiker, aber zumindest dieser Band war so gar nicht my cup of tea.
Die eingestreuten Literaturtipps, die damals noch mehr Lesern bekannt waren als heute, sind noch nette Ideen gewesen, die anderen sind teilweise fragwürdig.

Erschienen ist das Buch erstmalig 1945, was sehr deutlich in der Beziehung zwischen Engländern und Deutschen dargestellt wird. Hier ist vieles schwarz und weiß und der Hass dominiert die Logik. Es nimmt viel von der Dynamik des Krimis, weil viel Energie auf diesen Disput gelegt wird.
Daneben nehmen Hexenkult und Beschwörungen viel Raum ein, als Stilmittel sicherlich gut gewählt, aber ebenso überlagern diese Darstellungen den eigentlichen Fall.

Als Zeitdokument gesehen ist es ein Krimi, in dem viel Politisches reinspielt, doch die vermeintliche Aufzählungen anderer großer Krimiautoren zu Beginn lässt einen ganz anderen Fall erwarten.

3 von 5 Ermittlungen

Donnerstag, 24. September 2026

Autoreninterview Anette Schaumlöffel

Hallo zusammen,
heute stelle ich euch eine Autorin vor, die sich der Utopie verschrieben hat. 


Wie bist zum Schreiben gekommen?
Ich habe schon als kleines Kind Bücher geliebt und wahnsinnig gern gelesen. Da ergab es sich von selbst, das ich mir selber Geschichten ausgedacht und aufgeschrieben habe. In der Mittel- und Oberstufe waren das kurze Geschichten, Gedichte, manchmal komödiantische Dialoge.
Als ich im Studium dann erlebt habe, wie mein damaliger Freund einen Roman geschrieben hat, dachte ich: Wenn der das kann, dann schaffe ich das auch. Und so habe ich mit meinem ersten Fantasy-Roman parallel zu meinem Einstieg in die Arbeitswelt begonnen.
Mein Geld verdiene ich übrigens tatsächlich mit Schreiben, aber das sind dann Sachtexte:
Gebrauchsanleitungen, Handbücher, bei meinem aktuellen Arbeitgeber auch Texte für UI (Software-Texte) und Marketing.
Mein erster Roman ist 2004 unter dem Titel „Die vergessenen Götter“ bei Blanvalet erschienen. Leider mit einem wirklich kitschigen Cover und mit Null Werbung für mich als unbekannte Autorin. Also kein wirklicher Erfolg. Und da ich keine Fortsetzung schreiben wollte und mein zweiter Roman nach Jahren des Schreibens und Umschreibens ein eher seltsames Buch wurde, konnte ich an meinen ersten Verlagsvertrag nicht anknüpfen. Aber das Schreiben von Romanen hat es mir seither angetan und ich habe nicht mehr damit aufgehört.

Bist du eher Team Utopie oder Dystopie? Was sind deine Gedanken zu den beiden Genres?
Inzwischen bin ich voll Team Utopie. Die Dystopien haben viel dazu beigetragen, dass wir die Gefahren sehen können, die auf uns zukommen. Sie haben nur leider nicht dazu geführt, dass wir uns wirksam dagegen zusammenschließen und wehren. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Die vielzitierten TechBros haben sich aus den Dystopien den Teil herausgepickt, vor dem die Schreibenden warnen wollten. Als ich vor Kurzem „1984“ von Orwell gelesen habe, ist mir klar geworden, dass Musk sich seinen Grok und vor allem das Grokipedia genau da abgeschaut hat: Beim Ministerium für Wahrheit, wo man die historischen Fakten einfach so lange umschreibt, bis es keine Quelle mehr gibt, mit der man das Gegenteil beweisen könnte. Von der vielfältigen Überwachung und Kunstproduktion der
KI mal ganz abgesehen.
Ich führe einen Großteil der Passivität und Teilnahmslosigkeit der Menschen in unserer aktuellen Welt darauf zurück, dass uns Ideen fehlen, wie es besser sein könnte. Dafür könnten Utopien sorgen. Wir scheinen ganz vergessen zu haben, dass die Welt eben nicht „schon immer“ so war. Jedes der Prinzipien und Systeme, in denen wir leben, hat sich jemand überlegt und dann sind andere gefolgt. Bis es sich so etabliert hat, dass man den Kindern beigebracht hat, dass so ein Leben auszusehen hat. Dabei ist uns das Wissen verlorengegangen, dass wir uns auch etwas anderes ausdenken können. Und sogar sollten, wenn die aktuellen Ideen uns wie jetzt in die falsche Richtung führen.
Am liebsten möchte ich Utopien schreiben, die den Lesenden mit ihrer Andersartigkeit Lust machen, sich für etwas Gutes und Schönes einzusetzen. Wenn ich mir nur anschaue, wie oft die Idee, Deutschland könne einen erheblichen Anteil seines Energiebedarfs durch Solar- und Windenergie decken, als utopische Spinnerei abgetan worden ist! Und trotzdem haben Menschen daran festgehalten. Genau diese Energie brauchen wir an allen Ecken und Enden.
Und an diesem Beispiel sehen wir auch, dass die Entmutigung guter Ideen oft aus verstecktem Eigeninteresse stammt. Also mehr träumen und mehr ausprobieren, anstatt auf die Unkenrufe zu hören.

Und was fasziniert dich an der Phantastik im Allgemeinen?
Die Phantastik ist eine großartige Spielwiese für Themen aller Art. Ehrlich gesagt finde ich viele Bücher der sogenannten „guten“ Literatur langweilig. Außerdem sind die Geschichten, die darin erzählt werden, oft bedrückend und fokussieren sich auf die Probleme und die tragischen Seiten der menschlichen Existenz. Obwohl das vielleicht nur ein Vorurteil ist: Ich lese nur „gute Bücher“, wenn ich dazu gezwungen werde.
Phantastische Geschichten können die erzählte Welt genau so anpassen, das darin eine Geschichte erzählt werden kann, die ein spezielles Thema besonders gut herausstellt. Schau dir Becky Chambers an, die in ihrem „Langen Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ so viele unterschiedliche Biologien, Kulturen und Lebensarten auffächert, die alle gelernt haben, gut miteinander auszukommen oder den „Planet der Habenichtse“, wo Ursula K. Le Guin erlebbar durchspielt, wie sich eine Gesellschaft ohne Hierarchie für eine Person anfühlt, die darin aufwächst. Und auch, wie sonderbar aus dieser Perspektive eine auf Hierarchie, Besitz und Konsum aufgebaute Gesellschaft wie unsere wirken muss.
Außerdem liebe ich es, dass ich in der Phantastik Abenteuer erleben kann, seltsame Wesen kennenlernen, neue Gedanken denken, das Unbekannte erforschen, das Bekannte neu werten. Es liegt eine fröhliche Freiheit darin, sich einfach was ausdenken zu können.
Das hat bestimmt auch was mit unserem Geschichtenerzähler-Erbe zu tun: In Kulturen, die Schrift nicht zur Wissensvermittlung verwenden, dienen Stories dazu, oft sehr spezifisches Wissen zu speichern. Dazu müssen die Geschichten spannend sein, grotesk, übertrieben, besonders, denn dann merkt man sie sich besser. Schon die Sagas der alten Wikinger waren mehr Fantasygeschichten als Tatsachenberichte, wie ja auch die homerischen Stoffe und die Epen um König Artur.

Woher nimmst du die Ideen für deine Texte?
Aus Themen, die mich beschäftigen. In der letzten Zeit sind das Probleme, denen wir als Menschheit gegenüber stehen, allen voran die Klimakrise. Aber auch Fragen wie: Was ist unser Wesen? Wie können wir ein besseres Leben schaffen? Wie verhindern wir, dass die  Falschen an die Macht kommen (oder wie kriegen wir sie da weg, falls sie schon da sind)? Da arbeitet dann meine Fantasie, um Auswege und Lösungen zu finden und daraus entsteht dann eine Geschichte. Ich bin sehr breit interessiert und darum gibt es immer wieder Einsprengsel, in denen sich Informationen und Ideen wiederfinden, die aus Büchern kommen, die ich gelesen habe, oder auch nur von Schnipseln aus Social Media.

Warum beschäftigst du dich mit Anthropologie?
Ich bin in den 80er-Jahren aufgewachsen, einer Zeit, in der (in der westlichen Welt) der Egoismus des Menschen als Selbstverständlichkeit galt. Damit wollte ich mich nicht abfinden. Seither bin ich auf der Suche nach Informationen über „die Natur des Menschen“, falls es so etwas gibt. Zuerst habe ich viel über andere Tiere gelesen, da ging es oft um die evolutionäre Entwicklung von Empathie und Kooperation. Schließlich bin ich über irgendeine Fußnote (bei Sachbüchern, die ich gut finde, schaue ich gern zum Schluss noch das Literaturverzeichnis durch, da gibt es die besten Tipps zum Weiterlesen!) bei dem ersten spannenden Buch über ein anthropologisches Thema gelandet.
Inzwischen tröstet mich das Wissen, dass unser aktuelles Menschenbild auf einer Reihe von Missverständnissen und Verzerrungen beruht. Das hilft so erstmal nicht viel, weil es dennoch unsere Gesellschaft prägt, wenn uns immer wieder erzählt wird, dass wir egoistisch und im Kern gewalttätig sind und uns nicht zu trauen ist. Aber ich weiß inzwischen aus vielen Quellen, dass wir uns nur so weit ausbreiten konnten, weil wir Superspezialisten in Kooperation, Empathie und Anpassungsfähigkeit sind. Menschen haben in vielen, sehr unterschiedlichen Umständen gelebt und das zeigt doch auch, dass wir ungute Systeme auch verändern oder verlassen und uns was Besseres aufbauen könnten. Es entsetzt mich immer zu sehen, wie viele Menschen denken, es wäre „schon immer so gewesen“ wie in der Zeit, in der sie aufgewachsen sind. Das tötet jede Fantasie für die Auswege, die wir dringend brauchen.

Welche Texte liegen zur Zeit neben deinem Bett?
Ich fahre nächste Woche nach Halle, um mir die berühmte Schamanin von Bad Dürrenberg dort anzusehen, darum habe ich das Buch von Meller und Michel über sie angefangen. Mit meinem Bookclub lesen wir „Bitches, Witches und It-Girls“. Eine Freundin und ich haben uns verabredet, den „Neuromancer“ zu lesen, den habe ich aber noch nicht angefangen. Dann bin ich etwa in der Hälfte von „In Praise of Floods“ von James C. Scott, der ein sehr origineller und fächerübergreifender Denker war. Leider ist er letztes Jahr gestorben und dies ist sein letztes Buch. Auf den Kopfhörern habe ich jetzt (leider schon) den fünften Band von Terry Pratchetts Reihe über Tiffany Aching.

An welcher Geschichte arbeitest du aktuell?
Der Arbeitstitel ist „Asche steht für Anfang“ und das Thema hat mich aus einem Social- Media-Post angefallen. Das war eine Grafik, in der dargestellt war, dass 52 Prozent aller bebauten Fläche nur dazu dienen, die Tiere zu mästen, deren Fleisch wir essen. Da ich schon länger vorhabe, mal eine lupenreine Solarpunk-Geschichte zu schreiben (in der die Welt vorher nicht komplett vor die Hunde geht), habe ich dann darüber nachgedacht, was man mit all der Fläche anderes anstellen könnte. Und jetzt bin ich dabei, dazu eine möglichst spannende und unterhaltsame Near-Future Science Fiction-Geschichte zu schreiben.


Wer neugierig ist, kann hier mehr über Anette Schaumlöffel erfahren:

instagram.com/anetteschaumloeffel
anetteschaumloeffel.de

Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.

Julian Hannes Jarow "Der Mensch ist böse"

Liest man einen Krimi und klappt danach das Buch zu, ist man oftmals froh, dass es sich bei dem Text um Fiktion handelt.
Doch was passiert, wenn man ein Buch liest, dass sich mit wahren Verbrechen befasst?
True Crime ist heute in aller Munde, doch dieses Buch ist schon so lange auf dem Buchmarkt, dass es der Pionier dieses Genres sein könnte.
Der Autor, ein damaliger Youtube-Star, hat sich mit Verbrechen beschäftigt, die zum Teil bis zum Erscheinungsdatum des Buches nicht geklärt waren.
Er greift bekannte Fälle, wie den Entführungsfall um Maddie auf, aber auch den Ausbruch von Alcatraz schildert er in seinen dreizehn Fälle.
Entführung, Mord, Flucht, er hat sich der ganzen Bandbreite an Verbrechen bedient und zeigt, unterstützt von einem Profiler, wie Menschen ticken können, wenn sie so handeln.
Drohbriefe, ein Schiff dessen Besatzung verstorben ist oder gar ein Rächer, der es nur auf Verbrecher abgesehen hat, reihen sich in seine Darstellungen ein.

In einer ruhigen Sprache, die jedes reißerische Wort vermissen lässt, berichtet der Autor über die Fälle, stellt die Fakten zusammen und fügt etwaige Vermutungen hinzu. Zum Schluss rundet er den Beitrag durch sein individuelles Fazit ab.
Zu jedem Fall schreibt er eine thematische Zusammenfassung, die die Eckpunkte der jeweiligen Verbrechensart umfasst, um dem Leser einen Überblick zu verschaffen.

Das Buch liest sich anders als ein Krimi, da man weiß, dass es sich um echte Fälle handelt. Hier und da blitzt beim Autor die Empathie durch, gerade wenn es um die Verwandten der Opfer geht.
Man kann und will oftmals nicht glauben, dass Menschen zu so etwas fähig sind und gleichzeitig ist es interessant zu lesen, wozu die Psyche des Menschen fähig ist.

Ein Buch über die Hintergründe zu dem wohl beliebtesten Genre der Literatur.

4,5 von 5 Verbrechen

Montag, 21. September 2026

Catherina Lowell "Die Kapitel meines Herzens"

Samantha Whipple hat es nicht leicht. Als letzte Nachfahrin einer Autorinnenfamilie ist sie mit wenig Talent, dafür aber mit einer begnadeten Sturheit gesegnet. Frisch aus den USA in Oxford eingetroffen, will sie nach dem Tod ihres Vaters eins: Literatur studieren. Denn was er ihr über die Charlotte, Emily und Anne erzählt hat, kann noch nicht alles gewesen sein. Während sie sich langsam an ihren Tutor gewöhnt, tauchen Bücher aus der Bibliothek ihres Vaters auf, die allerdings vollständig verbrannt sein soll.
Immer häufiger stellt sie sich die Frage, wen kannte sie in ihrem Leben wirklich und was ist ihr eigentliches Erbe?

Verschiedene Zeitebenen, Textanalysen und zahlreiche Konflikte begegnen dem Leser auf 350 Seiten. Während die Geschichte um Sam recht schnell ersichtlich ist, bemüht sich die Autorin viel über die Bronte-Schwestern in dem Buch zu verarbeiten. Was schnell deutlich wird, ist die Tatsache, dass eine historische Einordnung fehlt. Gerade bei historischen Bücher ist es wichtig, dem Leser an die Hand zu geben, was wahr ist und was bei der Erstellung des Buches erdacht oder zurecht gebogen wurde. Das fehlt hier völlig und mindert sehr das Lesen, man weiß nicht, ob man den gelesenen Tatsachen trauen darf und jedes Detail will man auch nicht nachschlagen.

Gelungen finde ich die Einbettung der Thematik in ein Literaturstudium und auch die Beschreibung von Oxford und das dortige Regelwerk. Gerade dieses stützt die Protagonistin, die viele Jahre von ihrem Vater selbst unterrichtet wurde.

Viele Figuren bleiben blasser als es sein müsste und ein paar weitere Anekdoten aus der Uni hätten den Plot aufgewertet.

Ein Buch, das verdeutlicht, welche Last die folgenden Generationen der Literaten tragen.

3,5 von 5 Tagebüchern

Donnerstag, 17. September 2026

Kamome Shirahama "Atelier of Witch Hat 6"

Schwer verletzt und auch in ihrer Einstellung getrübt werden Quiffrey und seine Schülerinnen vor das Hexenauditorium zitiert. Doch Quiffrey hat im Kampf zu sehr gelitten, als dass er seine Schützlinge begleiten kann. Er wird ins Krankenhaus gebracht und die Mädchen müssen selbst versuchen, sich vor den drei Weisen und im Besonderen vor Beldaruth zu beweisen. Denn die letzte Prüfung hat nicht so geendet, wie es für die Ausbildung vorgesehen war. Doch wie kommen die vier Mädchen ohne Quiffrey zurecht? Es ist an der Zeit zusammenzurücken und Vorurteile beiseite zu legen, doch gerade auf dem Grund des Meeres werden alte Stimmen und Vorwürfe laut.

Nach der Action des fünften Bandes ist der sechste ein bisschen ruhiger angelegt. Die Verlagerung der Geschichte auf den Grund des Meeres bietet unheimlich viel für die Augen und lässt Bilder für sich sprechen. Man sollte meinen, dass die schwarz-weißen Zeichnungen dem Meer nicht gerecht werden, doch im Gegenteil. Gerade die Reduktion auf schwarz und weiß lässt in meinen Augen die Welt umso mehr auferstehen, da man sich auf die Details konzentriert. Man verfolgt die Linienführung, man schätzt die Kleinigkeiten und genießt die Darstellung.
Es gilt die nächste Aufgabe mit Bedacht und Kreativität zu bestehen und das merkt man dem Band an. Eine eher ruhige Episode, die aber trotzdem Fragen aufwirft und die Gesamthandlung sachte vorantreibt. 

4,5 von 5 Ateliers

Dienstag, 15. September 2026

Frida Matthes "Vom Glück und den Tagen dazwischen"

Emmi ist es leid.
Nachdem ihr letztes Date telefonisch nicht erreichbar ist, beschließt sie den Männern abzuschwören. Endgültig.
Ein für alle Mal.
Nichts als Ärger hatte sie mit den Männer und auch den Frauen in ihrer Umgebung geht es nicht besser. Von ihrer Vermieterin stirbt unerwartet der Mann und in seinen Unterlagen findet sich ein Kaufvertrag für ein Haus in Frankreich und ein Dauerauftrag an eine fremde Frau. Zusammen mit den beiden Freundinnen ihrer Vermieterin macht sich Emmi nach Frankreich auf, um das Rätsel zu lösen.
Dabei ahnt sie noch nicht, dass ihre statistischen Erhebungen zu den Männern einen entscheidenden Riss bekommen werden.

Das Buch ist wie ein Kaffeeklatsch. Jede der Frauen hat ihre ganz eigenen Probleme mit Männern und es sind auch nicht wenige. Auch untereinander kommt es zu Streitereien, wobei sich zeigt, dass Missverständnisse niemals gut sind.

Gerade die Autofahrt nach Frankreich führt dem Leser vor Augen, dass das Leben nicht selten ein Kompromiss ist. Wenn man immer seinen eigenen Kopf durchsetzen will, ist man schnell allein, so rücksichtsvoll andere auch sein können.

Im Zentrum des Buches stehen Verlust, Angst und der Wunsch aufzugeben. Was sich im ersten Moment traurig anhört, ist es letztlich aber nicht. Gerade durch die Gespräche der Frauen untereinander, eröffnen sich jede neue Ideen und auch der Wunsch, Dinge zu verändern. Natürlich hier mit Happy End.
Angereicht wird das Buch noch mit ein wenig Geschichte zum D-Day, welche in einer Schlüsselszene auch für die Frauen noch von Gewicht ist.

Ein Buch über das Zwischenmenschliche. Leicht und doch nachdenklich stimmend.


4 von 5 Reisen  

Montag, 14. September 2026

Anna Moretti "Effi liest"

Effi gilt als schwierig. Allerdings heißt das in den 1840er Jahren in Deutschland nicht viel. Anstelle im Mädchenpension zu lernen, wie man sich als zukünftige Ehefrau zu verhalten hat, ist sie immer in der Nähe, wenn es Unruhe gibt. So ist das Maß voll, als sie am Fluss ein "gefährliches" Buch findet und bestreitet, etwas damit zu tun zu haben.
Kurzerhand fliegt sie aus dem Pensionat und so ist es an ihrem Vater und ihrer Tante, sie für die Gesellschaft zu formen. Was allerdings kein leichtes Unterfangen ist. Schon auf der Zugfahrt nach Hause unterhält sie sich mit einem jungen Arzt darüber, ob Männer und Frauen sich das gleiche Wissen aneignen dürfen, denn das besagte "gefährliche" Buch lässt Effi nicht mehr los.

Man mag es kaum glauben, dass die Grundlage dieser Geschichte erst gute einhundertsiebzig Jahre her ist. Wie die Autorin im Nachwort erläutert sind mehrere Personen (z.B. Sigmund Freud) historisch und die Grundidee ist nahe dem, wie Frauen zu dieser Zeit gesehen wurden. Sie sollten lediglich Ehefrauen sein und alleinstehende Frauen, wie die erste Bibliothekarin, wurden argwöhnisch beäugt. Hysterie war das Wort und der vermeintliche Gemütszustand der Frau zu dieser Zeit. Dazu das Hin und Her, die Missverständnisse durch die aufstrebende Medizin, all das schlägt sich in diesem Roman nieder.

Der Roman lässt sich trotz des zuweilen schwierigen Hintergrunds flüssig lesen und man fiebert sowohl mit Effi als auch mit dem jungen Arzt Max mit. Dessen Briefe an seinen Bruder zeigen wunderschön seine Gedanken und später auch seine aufkommenden Zweifel. 

Lediglich die Figur des Vaters bleibt ein wenig blass, doch seine Aufgeschlossenheit zur Bildung seiner Tochter macht ihn sehr sympathisch.

In meinen Augen ist es ein gutes Werk, um sich mit dem Thema Bildung, Medizin und Frauen in der Gesellschaft zu beschäftigen.

5 von 5 Büchern

Samstag, 12. September 2026

Sophie Stein "Der neunte Kreis"

Ond ist straffällig geworden. Doch in der Zukunft geht man nicht mehr ins Gefängnis, sondern man wird therapiert. Eine Stunde. Dann ist man resozialisiert. So heißt es. Was Ond und Vasu danach blüht, gleicht einem Höllentrip, denn mit einer Stunde ist es nicht getan.
Erinnerungen, Bilder, Handlungen, alles ist überlagert. Alles ist verschwommen. Was ist real? Was ist die Hölle?

Das Buch in einem Beitrag zusammenzufassen ist äußerst schwer. Durch die verschiedenen Ebenen, die mal ernst, mal tragisch, aber auch mal lustig, dann aber auch unheimlich verstörend wirken, wird man als Leser wie bei einer Achterbahn immer wieder durchgeschüttelt. Glaubt man, den roten Faden gefunden zu haben, wechselt die Szenerie und man muss sich neu orientieren und das fällt zunehmend schwerer.
Erzählstränge wechseln sich mit Briefen und Tagebucheinträgen ab und der Vergleich mit Dantes "Göttlicher Komödie" wird immer verständlicher.
Ironie, Sarkasmus, Kritik und Zukunftsvisionen, das alles findet man auf gut dreihundert Seiten, wenn man nicht zu zart besaitet ist. Denn das Buch fordert, den Geist, das Verständnis und auch die Anpassungsfähigkeit beim Denken. Nie ist man sicher, nie ist der Weg gradlinig.
Die Autorin schüttelt den Geist des Lesers kräftig durch und regt ihn zum Denken an.
Wie kann die Zukunft aussehen?
Wie gehen wir damit um?
Was passiert mit Menschen, die anders denken?
Sie wirft sehr viele Fragen auf, auch wenn mir die Umsetzung an vielen Stellen zu heftig ist.
Aber vielleicht braucht es gerade intensive Bilder, um den Geist zu schärfen? Vielleicht braucht es den berühmten Finger auf der Wunde, um gehört zu werden.

Sicherlich ist es kein Buch, was man nebenbei liest und auch kein Buch für jeden. Doch wer sich mit Ideen auseinandersetzen will, sollte dieses Buch zur Hand nehmen, so verstörend es zuweilen auch ist.

3,5 von 5 Kreisen

Donnerstag, 10. September 2026

Sarah Fischer "Zeilen ans Meer"

Kann ein Abschied auch ein Anfang sein?
Lenas Work & Travel-Jahr in Australien neigt sich dem Ende, als sie eine Flaschenpost schreibt und ins Meer wirft. Sie kehrt nach Deutschland zurück, beginnt ein Erwachsenenleben abseits ihrer Träume und findet sich schnell in einem Alltag wieder, der so gar nichts mit ihren Wünschen zu tun hat.

Jahre nachdem die Flasche im Meer gelandet ist, schreibt ihr der australische Surfer Sam zurück. Was erst ein kultureller Austausch ist, wird schnell mehr und es steht die Frage im Raum, kann man Gefühle für jemanden entwickeln, den man noch nie gesehen hat?

Briefromane gelten seit Dracula als schwer zu lesen, manchmal auch als eintönig und fad. Es fehle an Handlung, es fehle an Emotionen, es fehle an vielem, was "Show don't tell" ausmacht.

Die Autorin hat sich trotzdem für einen Briefroman entschieden, um der Hektik der heutigen Zeit zu entfliehen. Mal eben schnell eine random Info teilen, die in fünf Minuten schon wieder unwichtig ist.
Auf die Briefe muss man warten, man muss sich mehr Zeit nehmen, um sie zu schreiben. Gerade zu Beginn, wenn die beiden sich kennenlernen, werden Briefe bewusst nicht nur am Schreibtisch geschrieben, sondern an schönen Plätzen, welche auch schriftlich festgehalten werden.
Man wandert durch die Briefe am australischen Meer, man flaniert durch München. Es sind gerade diese Anfangssequenzen, die die Starrheit des Briefromans auflösen.
Doch je länger der Briefwechsel andauert, desto emotionaler wird er. Eine Krankheit hier, ein Unfall dort, die Schulter zum Anlehnen ist nicht da.

Und dauernd schwelt die Eifersucht.

Ein Buch, das zeigt, wie schwer eine Fernbeziehung sein kann und was sie alles kostet.

5 von 5 Briefen

Dienstag, 8. September 2026

Richard Mayer "Online. Vernetzt. Gläsern"

Robert ist dreizehn und seine Eltern lassen sich scheiden. Als ob das nicht genug ist, verlangt sein Vater zudem, dass seine Mutter die gemeinsame Wohnung verlässt und Robert bei ihm bleiben soll.
Aus Wut oder auch Verzweiflung beginnt Robert ein Online-Tagebuch. Schnell entwickeln sich daraus auch Gespräche mit anderen, u.a. einer Psychologie-Studentin. Immer wieder betont Robert, wie ungerecht die Situation ist und die Studentin versucht ihm klar zu machen, dass er vorsichtig sein soll, was er sich wünscht. Denn plötzlich landet sein Kopf auf der Tastatur und er befindet sich in der Zukunft.

Das Buch richtet sich an Jugendliche, die vielleicht genau diese Situation durchmachen. Durch den jugendlichen Protagonisten, das Onlinetagebuch und eine jugendkonforme Sprache ist der Autor sehr nah an seiner Zielgruppe.
Wer ist was, wann schuld?
Wer hat sich wie verändert?
Was hätte man anders machen können?
Warum lieben sich die Eltern nicht mehr?
Dies sind nur einige der Fragen, die auf den knapp einhundertfünfzig Seiten vorkommen.

Es geht aber nicht nur um Vergangenes sondern auch um Zukünftiges. Gerade der Zeitsprung zeigt, wie sehr Erfahrungen, auch gerade negative, die zukünftige Ich prägen und wie wichtig es sein kann, an Begebenheiten zu wachsen.
Der Autor nutzt die verschiedenen Personen, um die Entwicklung Roberts zu lenken und auch ein Für und Wider aufzuzeigen.
Sicherlich ist der Alltag komplexer, doch der Autor bricht die Problematik auf die wesentlichen Bestandteile herunter.

Ein Buch, das einen Einblick gewährt, wie man sich verhalten kann, aber definitiv nicht muss.

4 von 5 Tagebucheinträgen