Donnerstag, 30. April 2026

Yngra Wieland "Die weiße Dame"

Was für ein Schock!
Eigentlich war Salome Liebeskind unterwegs zu ihrer jüdischen Familie, als die Polizei ihr ein Reiseverbot ausspricht. Der Vorwurf: Sie könnte in den Mord ihrer Kollegin verwickelt sein. Diese wurde erschlagen im Eingangsbereich ihrer Praxis gefunden und somit steht Salome ganz oben auf der Liste der Verdächtigen. Doch irgendwie tritt die Polizei wegen Personalmangel auf der Stelle und es muss erst ein weiterer Mord geschehen, bis sich der Nebel langsam zu lichten beginnt.

Dies ist der erste Fall mit der Psychologin Salome Liebeskind als eine der Hauptfiguren.
Wie es im Krimi inzwischen öfter vorkommt, tritt neben der Polizei eine weitere Person auf, die versucht, ein Muster hinter den Taten zu entdecken. Die Wahl der Psychologin, die sich gut in andere Personen hineinversetzen kann, gelingt hier schon ab der ersten Seite.

Selbst ein bisschen unsicher und mit manchen Dingen überfordert, ist sie nicht gefühlskalt und lässt viele Situationen realistischer erscheinen, als wenn ein eher abgezockter Charakter der Protagonist wäre.
Die Autorin spielt mit den Figuren, lässt mal die Polizei, mal die Psychologin die Nase vorn haben.

Dabei sind so viele Personen und Zeitebenen beteiligt, dass sie es schafft, die Spannung nach und nach zu steigern, ohne dabei übertrieben brutal zu sein.

Der Krimi lebt von den kleinen Lügen, den dunklen Geheimnissen und dem Zwischenmenschlichen, was immer gut und böse schwankt. Wenn man denn abschließend formulieren kann, was gut und böse ist.

Ein gelungener Einstieg in eine etwas andere Krimireihe.

4 von 5 Couchen

Autoreninterview Alexander Klymchuk 2026

Hallo zusammen.
Ja, ihr lest richtig, Alexander wollte wieder ein paar Fragen zu seinem Dasein als Herausgeber beantworten. Aber lest selbst:

(Bild: Alexander Klymchuk (privat), Grafik: Maximilian Wust)

Knapp drei Jahre ist unser letztes Interview her. Seitdem ist viel passiert. Tatsächlich bist du inzwischen Herausgeber geworden. Erzähl doch einmal, wie es dazu kam.
Tatsächlich ist das erwähnte Interview mit dir größtenteils dafür verantwortlich, dass ich Herausgeber wurde. Nach der nicht ganz korrekten Vorstellung, ich sei bereits als ebensolcher tätig, hatte ich nun die Optionen, diese Aussage zu korrigieren oder eben dafür zu sorgen, dass sie der Wahrheit entsprach.
Konkret heißt das: Ich entwickelte die Idee zu einem Anthologie-Projekt und wurde bei verschiedenen Verlagen vorstellig.
Gisela Weinhändler und Sabine Brandl vom muc-Verlag waren sofort begeistert. Und so kam es letztlich zu der Anthologie „Monster 2.0“, die nun in 3 Kategorien für den Vincent Preis 2025 nominiert ist:
Beste Anthologie 2025
Beste Grafik von Detlef Klewer
Beste Kurzgeschichte »Die Dinge werden sich ändern, mein Schatz« von Sabine
Brandl

Wie bist du überhaupt zum Schreiben gekommen? Hast du ein konkretes Vorbild?
Grob gesagt bin ich zum Schreiben gekommen, weil ich das Lesen lieben lernte. Zu Beginn waren es die Bücher des kleinen Vampirs von Angela Sommer-Bodenburg, die mich in ihren Bann zogen.
Später kamen vor allem die Kurzgeschichten von Stephen King, Robert Bloch und Montague Rhodes James hinzu. Mit der Zeit entdeckte ich noch viele weitere Autorinnen und Autoren, wie Clive Barker, Howard Philipps Lovecraft, Anne Rice, Roald Dahl, Richard Matheson, Jeffery Deaver und Edgar Allen Poe.
Aber wenn ich ein konkretes Vorbild benennen muss, dann fällt meine Wahl auf Dan Simmons. Seine Novellensammlungen „Lovedeath“ und „Styx“ haben mich stark beeinflusst und den Stil meiner Geschichten geprägt, sodass ich ohne Übertreibung sagen kann, dass es für mich eine Zeit „davor“ und eine Zeit „danach“ gibt, denn nachdem ich las, was er zu Papier gebracht hatte, war ich nicht mehr Derselbe. Es war beinahe so, als habe mir jemand die Augen geöffnet, um mir ein Beispiel zu geben, wie man es richtig macht.
Dan Simmons ist am 21. Februar 2026 verstorben. Für mich hat es sich so angefühlt, als hätte ich einen Mentor und guten Freund verloren, den ich Zeit meines Lebens vermissen werde. Seit seinem Tod habe ich seine Bücher wieder in der Hand, ständig, und begreife stets aufs Neue, wie genial und unvergleichlich seine Schreibe war, wie unverwechselbar seine grenzenlose Fantasie und wie sehr mir seine Welten fehlen werden.

Gerade bei kleineren Verlagen erscheinen viele Anthologien. Was macht für dich den Reiz von ihnen aus?
Anthologien kleinerer Verlage bieten unbekannteren Autorinnen und Autoren, zu denen ich ja auch zähle, die Möglichkeit, ihre Geschichten zu veröffentlichen und der Leserschaft zugänglich zu machen. Wo die großen Publikumsverlage nach rein wirtschaftlichen Kriterien entscheiden, was sie verlegen und was nicht, hat man hier oft die Gelegenheit, Teil eines Projektes zu werden, bei dem es wirklich und wahrhaftig um die literarische Qualität geht.
Natürlich sind auch kleinere Verlage nicht gänzlich frei von finanziellen Zwängen und müssen ebenfalls ihre Bücher verkaufen. Aber ich habe hier eher das Gefühl, dass man auch mit ungewöhnlichen Texten oder einem ganz eigenen, individuellen Schreibstil punkten kann, wohingegen man bei den größeren Verlagen schnell eine Absage kassiert, wenn man nicht in eine bestimmte Schublade passt.

An was arbeitest du zurzeit?
Im Moment arbeite ich an „Abendgesellschaft“, einer Kurzgeschichte, die ich zur Novelle ausbauen möchte.
Ich verfolge mit großem Interesse die Ausschreibungen des Shadodex-Verlags und des Elysion-Verlags, die thematisch oft meine Vorlieben treffen und irgendwo zwischen Horror, Science-Fiction und Fantastik angesiedelt sind. Und ich entwickle neue Ideen, wenn die Muse mich packt.
Ich plane und plotte aber mehr, als ich tatschlich schreibe, was vor allem einem Faktor geschuldet ist: fehlender Zeit.
Das Schreiben ist momentan etwas, das nebenbei geschieht, wenn überhaupt. Und dann auch nur, wenn ich mich dafür frei machen kann, was allerdings selten der Fall ist. In erster Linie ist da mein Brotjob als Erzieher, der mich ungemein erfüllt, meine Verpflichtungen meiner Familie gegenüber, bei denen es sich ebenso verhält, und die Herausforderungen des Alltags, die gemeistert werden wollen.
Ähnlich ist es mit meiner Präsenz in den sozialen Medien, wo ich aufgrund unregelmäßiger Teilhabe faktisch unsichtbar geworden bin. Ich sehe das aber insgesamt eher entspannt und möchte mich auch nicht dem Druck aussetzen, ständig Beiträge zu posten oder aktiv sein zu müssen.
„Synopsis“, mein Romanprojekt mit Andreas Dörr, war schon so weit, dass es fast hätte veröffentlicht werden können, aber leider wird es nicht mehr dazu kommen.
Vielleicht ist zu viel Zeit verstrichen zwischen den ersten Skizzen und der finalen Zusammenfassung, vielleicht sind wir einfach kreativ nicht zusammengekommen. Das war bedauerlich, aber auch das Scheitern gehört wohl dazu.
Abgesehen davon ist meine dritte Kurzgeschichtensammlung noch immer unter ihrem Arbeitstitel „Das Ende aller Welten“ in der Mache. Ich bin da mit Rudolf Strohmeyer im Austausch, dem ich sehr dankbar bin für seine tolle Arbeit als Lektor.

Und ich träume von meinen Schubladen-Projekten, die ich wohl erst verwirklichen kann, wenn ich in Rente bin. Von „Totentanz“, wo das Geheimnis von Roanoke Island gelüftet wird. Von „Sommernacht“, wo Mary Godwin Frankensteins Monster wahrhaftig erschafft. Von „Treppe ohne Ende“, wo … aber dazu (hoffentlich) ein andermal.

Wenn du freie Wahl hättest, zu welchem Thema würdest du gerne eine Ausschreibung machen? 
Monster und Ungeheuer sind meine Leidenschaft. Nachdem Graf Dracula, Frankensteins Monster und Co. sich in „Monster 2.0“ ausgiebig austoben konnten, wäre ich sofort an Bord eine Ausschreibung zum Thema „Howard Philipps Lovecrafts Ungeheuer – Kosmischer Horror in der Neuzeit“ als Herausgeber zu begleiten.
Die außerweltlichen Kreaturen aus Lovecrafts Universum, die vergeblich ihresgleichen suchen und längst Teil der Popkultur geworden sind, eignen sich hervorragend dazu, neu interpretiert und in einem modernen Setting präsentiert zu werden.

Was macht dir beim Herausgeben am meisten Spaß?
Zum einen ist es eine tolle Erfahrung, die Geschichten für eine Anthologie auszuwählen und zusammenzustellen. Als jemand, der bisher nur als Autor tätig war, fühlt es sich ein bisschen so an, als würde ich ein Stück weit hinter die Kulissen des Literaturbetriebs schauen und selbst Teil eines größeren Ganzen werden. Diese Perspektive empfinde ich als ungemein hilfreich, insbesondere dann, wenn eine Geschichte von mir abgelehnt wird.
Zum anderen ist es ein tolles Gefühl, zu wissen, dass das fertige Buch insgesamt gesehen größer ist als die Summe seiner Teile und sogar mitunter lebensverändernd. Uns war es wichtig, die Geschichten anonym auszuwerten. Jeder Text hat also durch seine Qualität überzeugt. Und hier ist es total spannend, dass in etwa die Hälfte der Geschichten von mit dem Literaturbetrieb Erfahrenen stammte und die andere Hälfte von Autor*innen, die mit dieser Veröffentlichung ihre ersten Schritte machen.

Was sind deine Top3 Anthologie-Tipps?
„Monster 2.0“ vom muc-Verlag ist ein tolles Buch geworden. Und das sage ich nicht nur, weil ich Herausgeber und beteiligter Autor bin und die Werbetrommel rühren möchte, sondern weil es eine bunte und moderne Mischung von Erzählungen geworden ist, die auf vielen Ebenen überzeugt. Es ist gruselig, originell und hat für jeden etwas zu bieten.

„Daedalos“, der Story-Reader für Phantastik, der im Verlag „p.machinery“ veröffentlicht wird von Michael Siefener, Ellen Norten und Andreas Fieberg, kann ich jedem ans Herz legen. Hier bekommt man neue und alte Erzählungen in einem Magazin präsentiert, das an die klassischen Publikationen der 50er Jahre erinnert.

„Zwielicht“ von den Herausgebern Michael Schmidt und Achim Hildebrandt bietet stets eine starke Zusammenstellung von Geschichten. Diese Anthologie-Reihe kann ich jedem empfehlen, der sich für fantastische Literatur interessiert und ein Gefühl dafür bekommen möchte, was gerade so in der Szene los ist.

Zu guter Letzt möchte ich noch zwei Empfehlungen loswerden, die nur indirekt mit Anthologien zu tun haben, aber auf meine Herausgeberschaft bei „Monster 2.0“ zurückzuführen sind:
Mit „Besuch des Golems“ hat sich die Autorin Edie Calie direkt in mein Herz geschrieben. Das ist so toll und rund und eigen, dass ich ihren Roman „Lorettas letzter Trip“ regelrecht verschlungen habe, einen aberwitzigen, extrem unterhaltsamen Roadtrip auf den Spuren der Beatles.

Außerdem hat Johanna Brenne mich mit „Die Weiße Frau sieht rot“ auf eine Weise angesprochen, die ich selten erlebe. Eine Geistergeschichte aus der Perspektive des Geistes zu erzählen, ist schon als Idee ungemein interessant. Die Umsetzung ist schnörkellos, mitreißend und einfach nur spektakulär andersartig gut. Ich kann es kaum erwarten, Johannas Debutroman „Der Mond von Yazahaan“, der vor Kurzem im Verlag „Realm & Rune“ erschienen ist.

Wer neugierig ist, kann hier mehr über Alexander erfahren:
instagram.com/alexander_klymchuk_autor
facebook.com/alexander.klymchuk


Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.

Mittwoch, 29. April 2026

Sven Haupt "Ein Übermaß von Welt"

Bücher von Sven Haupt zu besprechen, ist wahrlich nicht so leicht, wie man es vermuten möchte.
Eigentlich fällt einem schon beim Lesen des Textes etwas ein, was man unbedingt in der Rezension verarbeiten möchte, doch bei Sven Haupt ist das anders. Es gibt so viel zu entdecken, dass für jeden Leser etwas anderes wichtig und ausdrucksstark sein kann. Eine Wahl zu treffen, was dabei heraussticht, ist fast unmöglich. 

"Ein Übermaß von Welt" ist mit 172 Seiten ein schlankeres Werk des Deutschen Science Preis Trägers und doch umfasst so viele Themen wie seine anderen Romane.

Vornehmlich reist Thea mit Gale durch den sogenannten "Schacht". Es gilt Thea aus der Tiefe an die Oberfläche zu bringen, was sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne gemeint ist. Auf ihrer Reise muss sie Gefahren überstehen und Aufgaben meistern, während Gale ihr zur Seite steht. Schnell gewinnt man den Eindruck, dass Gale Thea ein Mentor ist, der mehr über den Schacht und seine Geschichte weiß, als er es Thea anvertraut. Sie muss sich selbst den Ereignissen stellen und jedes Mal entscheiden, was ihr individueller Wunsch ist, ohne sich von Gale abhängig zu machen.

Es wäre kein Roman von Sven Haupt, wenn Philosophie und im erweiterten Sinne auch Religion vernachlässigt würden. Warum sind wir Menschen, wie wir sind und warum handeln wir so? Gerade bei diesem Buch fand ich auch die psychologische Komponente stärker ausgeprägt und so ist die Reise natürlich nicht nur eine physische sondern auch eine psychische.

Alle Gedanken sind wohl platziert, wirken auch nicht überladen und doch hat man Tränen in den Augen, wenn man den Text nachhallen lässt. Sven Haupts Bücher kann man, bei aller Hektik, die wir im Alltag haben, nicht schnell lesen. Die Ideen und Gedanken brauchen Zeit, um sich zu setzen, zu wirken und ihre vollständige Kraft zu entfalten.

5 von 5 Schächten

Dienstag, 28. April 2026

Gerhard Börnsen und Alfred Kelsner "Raumfragmente"

Ein Buch zu schreiben, ist immer kreativer Prozess. Doch umso schwieriger ist dieser Vorgang, wenn man die Geschichten eines anderen weitererzählt. Nur aus dem, was hinterlassen wurde, kann man erahnen, wie sich die Geschichte gestalten und welche Ideen umgesetzt werden sollten, sprich: Man fischt im Trüben.
Doch immer wieder nehmen sich Autoren dieser Aufgabe an und tun sich gerne, wie in diesem Fall, mit Illustratoren zusammen.

Gerhard Börnsen und Alfred Kelsner entführen in "Raumfragmente" den Leser in die Welt von "Zeitsplitter", welche der frühverstorbene Perry-Rhodan-Autor William Voltz erdacht hat.
Für diese Arbeit wurden viele Bilder von Alfred Kelsner erstmals verwendet und Gerhard Börnsen schafft es diesen Bildern mit seinen Worten Leben einzuhauchen.

Man merkt bei der Betrachtung, dass die Bilder schon vor Jahren gezeichnet wurden, so sehr hat sich der Stil verändert und doch bildet das die Grundlage des Charmes.

Abgerundet durch eine Einleitung, die das Projekt und seine Mitwirkenden vorstellt und mit weiteren Fotos untermalt, bildet die Erzählung auch ohne die Kenntnis des originalen Bandes, eine Welt, wie man sich aus früheren Science Fiction Erzählungen kennt.

Sicher ist dieser Band nicht etwas für jedermann, aber für Fans von Perry Rhodan und älteren Science Fiction Themen ist es ein sehr schönes Buch.


4 von 5 Missionen

Sonntag, 26. April 2026

Michael Peinkofer "Holly Holmes - Der Jadedrache"

Es ist ein unbestreitbare Tatsache, dass wenn man mit Sherlock Holmes verwandt ist, man selbst ebenfalls Detektiv werden muss. So ist es an Holly Holmes in ihrem Städtchen Marville für Recht und Ordnung zu sorgen. Ihr zur Seite steht als Plüschschweinchen Dr. Watson, belesen und mit einer riesigen Brille, und neu dazu kommen die beiden Kinder des neuen Constables. Jenny und Percy ziehen gerade mit ihrem Vater in das kleine Dorf an der Küste, als sich dort seltsame Dinge abspielen. Oder ist es gar alltäglich, dass ein Kühlschrank verschwindet? Zu viert machen sie sich auf die Suche. Ob sie es schaffen, den Kühlschrank samt Inhalt vor der Polizei zu finden? Das findet man im ersten Band um die Detektei von Holly Holmes heraus.
Selten habe ich bei einer Sherlock Holmes Adaption so sehr gelacht wie bei dieser. Allein Dr. Watson als Plüschschwein, der belesen aus Büchern zitiert oder gar selbst Experimente durchführt, ist schon ein wahrer Hit. Dazu noch Holly, die in den richtigen Situationen das Falsche sagt, weil sie so aufgeregt ist. Überhaupt das gelungene Crossover zwischen Zauberwelt und Holmes Universum hat besser funktioniert, als ich es für möglich gehalten hätte.
Für Sherlock Holmes Kenner gibt es kleine Andeutungen an den Kanon, doch sind diese Kenntnisse nicht notwendig, um der Handlung zu folgen.
Marville ist mit seinen kleinen Geschäften, kruden Bewohnern und seiner Geschichte ein toller Handlungsort und die Illustrationen unterstreichen hervorragend die Bilder, die beim Lesen im Kopf entstehen.
Eine sehr gelungene Adaption, die Lust auf weitere Bände macht.

5 von 5 Lupen

Freitag, 24. April 2026

Ralph de la Rosa "Monkey mind"

Der Affe steckt im Mensch, so oder so ähnlich ist die Herangehensweise dieses Buches.
Wer allerdings von einem reinen, klassischen Sachbuch ausgeht, wie ich es anfangs tat, wird sich wundert.
Ralph, der selbst vor Jahren mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte, zeigt in dem Buch zum einen seinen Weg aus dieser Krise und zum anderen hilft er Menschen seine Fehler zu vermeiden.
Es geht um das Wissen, was ein Ausbrennen verursacht, es geht aber auch um die Gedanken und die Taten dahinter. 
Die Erkenntnis, was einem im Leben gut tut und wie man seine Gedanken auch hier fokussieren kann, um sich ein Stück seiner Selbstbestätigung und Kontrolle zurückzuholen.
Denn neben den Meditationsübungen, den Vorschlägen einer täglichen Struktur, ist es trotz allem auch so, dass man von einigen Dingen auch nicht so leicht loskommt. Seien es Ängste, Zwänge oder andere Zustände, die das Leben leider zumeist negativ beeinflussen. 
Reden kann da zwar helfen, doch ist es das Wissen, wie man mit den Problemen umgehen kann oder zeitweilig auch muss, um das eine oder andere Leben zu retten.
Mit entsprechenden Übungen und Strukturen bietet das Buch eine Hilfestellung im Alltag, um dem täglichen Wahnsinn zu begegnen und vielleicht auch daran zu wachsen.
Wer einen sachlichen Bericht zu Thema "Denken" erwartet, wird hier allerdings enttäuscht, denn die Maßgabe des Buches ist eine andere.

3 von 5 Monkeys

Donnerstag, 23. April 2026

Russel D McLean "Ed ist tot"

Es gibt so Tage, an denen läuft so gar nichts rund. Man streitet sich, man hat Stress und auf einmal ist jemand tot.
Passiert nicht?
Doch!
Während Jen sich an einem Tag noch fragt, ob sie ihr Leben auch in Zukunft an Ed, dem abendlichen Wein und den täglichen Gesprächen im Buchladen hängen wird, gerät ihr Leben komplett aus den Fugen. Denn: Im betrunkenen Zustand läuft ihr jemand ins Messer.
Klingt weird, nun ja, das ist bekanntlich erst der Anfang, denn nachdem sie versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben, wird es nur schlimmer und schlimmer.

Regt man sich sonst über Fernsehserien auf, in denen zahlreiche Menschen ums Leben kommen, setzt dieses Buch dem Ganzen die Krone auf. Kein Tod ist zu unglaublich, als dass er nicht geschieht und man muss sich immer wieder fragen, wie Jen es bei der ganzen Nummer schafft, nicht durchzudrehen.

Trotz des Themas ist der Text zeitweilig sehr lustig geschrieben. Man gewinnt den Eindruck in einem Dick und Doof-Film gelandet zu sein, da ein Chaos sich an das nächste reiht. Jens Gefühlsleben bliebt mir dabei manchmal ziemlich auf der Strecke, aber ich glaube schon, dass sie auf "funktionieren" eingestellt ist.

Zahlreiche Anspielungen auf Kriminalromane formen einen Raum neben der Geschichte und so ist ein Hin und Her zwischen Kopfschütteln, Staunen und Nase rümpfen, wenn man sich durch die Seiten arbeitet. Denn eins ist das Buch definitiv nicht: Langweilig.


3,5 von 5 Todesfällen

Sonntag, 19. April 2026

Anja Goerz und Eric Niemann "einmal, zweimal, mord"

Nachdem die beiden Kommissare Herma und Jan in ihre Dienststellen zurückgekehrt sind, vergeht einige Zeit, bis sie wieder beruflichen Kontakt miteinander haben. Während bei Herma eine Leiche auftaucht, verschwindet bei Jan ein Mann.
Zufall?
Und was hat der Arbeitgeber des Toten mit der Sache auf sich?
Neben den beiden und ihrem Privatleben wird auch der ehemalige Vorgänger von Herma eingeführt. Er hat neben seinem Buchclub auch noch das eine oder andere Eisen im Feuer und so sind es letztlich viele Personen, die versuchen Licht ins Dunkel zu bringen.
Und dabei gar nicht wissen, worauf sie sich da eingelassen haben.
 
Der zweite Band der Ermittlungen von Herma und Jan führt von der Insel Helgoland zurück aufs Festland. In ihrem eigentlichen Umfeld werden die alltäglichen Probleme der beiden differenzierter ausgearbeitet, was ihnen als Charaktere eine unglaubliche Tiefe gibt. 
Sowohl das Lokalkolorit als auch die verschiedenen Kriminalfälle zeigen, wie gut ein Krimi sein kann, wenn er sorgsam durchdacht ist und nicht lediglich Gewalt im Mittelpunkt von allem steht.
Mit dem einen oder anderen Cliffhanger ausgestattet, macht es Spaß die Serie zu verfolgen, die hoffentlich bald fortgesetzt wird.
Ich würde definitiv empfehlen mit der erstem Band zu beginnen, da es die Dynamik der Figuren besser aufzeigt und den Leser von Anfang an mitnimmt.

4,5 von 5 Polizeirevieren 

Freitag, 17. April 2026

James Krüss "Die Haiteks oder Was kostet die Welt"

Der Mensch strebt immer nach Höherem, egal zu welchem Preis. So kurz und prägnant könnte man die Haitek-Sammlung von James Krüss zusammenfassen.

Der Autor, der u.a. für "Timm Thaler" oder "Der Leuchtturm auf den Hummerklippen" bekannt ist, zeigt sich hier von seiner kritischen Seite.

Was im ersten Moment wie Satire anmutet, entspricht seinem innersten Wunsch die Menschen zu warnen. Denn auch wenn der Autor bereits 1997 starb, sind seine Texte so aktuell wie eh und je.

Massenkonsum, der Schere zwischen arm und reich, die Technisierung und auch der vermeintliche Kontrollverlust, das sind nur ein paar Dinge, auf die er hinweist.

Jeder Haitek wird eingeleitet mit einem kleinen Gedicht, welchem stets ein Prosatext folgt. Zudem sind die Haitek mit einer Illustration versehen, die Elemente der Geschichte aufgreifen.

Das vierundsechzigseitige Buch wird durch ein Vorwort von Tilman Spreckelsen vervollständigt.

Die Haiteks sind kurz, doch seinen Unmut spürt man beim Lesen mit jeder Zeile. Die für uns heute ungewohnte Sprache zwingt den Leser länger bei den Texten zu verweilen und sich Gedanken über das zu machen, was er anprangert. Investieren wir zu viel Geld in die falschen Dinge oder war es eher nur eine Mutmaßung seinerseits?

Eine tolle Textsammlung, die auch nach dreißig Jahren nichts von ihrer Intensität verloren hat.

Für Kinder mit einiger Leseerfahrung gut geeignet.

4 von 5 Zeitaltern

Mittwoch, 15. April 2026

Grace Cavendish "Lady Grace Mysteries - Giftmord"

Schon als ich jünger war, bin ich gerne in historische Welten abgetaucht. Welten, die schon solange her sind, dass man sich heute die Lebensumstände kaum mehr vorstellen kann.
Eine Zeit, die mich immer sehr interessiert hat, ist die Zeit Heinrich VIII. Die Geschichte um seine sechs Frauen und die Begebenheiten am Hof, man könnte sie auch Intrigen nennen, man kann so viele Erzählungen schreiben und man wird doch niemals fertig.

Ein wenig später in der Zeit, wenn auch nicht uninteressanter, lebte seine Tochter Elisabeth I., um sie und ihre Hofjungfer Lady Grace dreht sich der Jugendkrimi "Giftmord".

Zeitlich spielt der Krimi im Jahr 1569. Elisabeth I. ist schon einige Jahre Königin und trotzdem muss sie sich immer wieder um ihre Macht sorgen. Denn andere Königreiche beharren darauf, ebenfalls einen Anspruch auf den Thron von England zu erheben. 

Lady Grace ist zu diesem Zeitpunkt seit einem Jahr Waise, ihr Mutter starb in den Armen der Königin. So ist es an Elisabeth I. Lady Grace einen Ehemann zu suchen. Bei der Feierlichkeiten zu deren Verlobung stirbt einer der Freier, ein anderer wird verhaftet und der dritter fällt mit schlechtem Benehmen aus dem Rahmen. Während alle noch versuchen zu verstehen, was passiert ist, beginnt Lady Grace mit zwei Freunden ihre Ermittlungen, die sie durch den halben Palast führen.

Im Unterschied zu historischen Romanen bemüht sich die Autorin hier um eine jugendgerechte Sprache. Worte, die für den historischen Kontext wichtig sind, erläutert sie in einem Glossar. Die Protagonisten sind alle um die zwölf Jahre alt, was es für junge Leser einfacher macht, sich in das Geschehen hineinzuversetzen. Erwachsene Personen spielen jenseits ihrer historischen Bedeutung eher Nebenrollen und auch die Auftritte der Königin halten sich in Grenzen. Es wird gerannt, getobt; es wird sich versteckt, so wie man es sich bei Ermittlungen von jüngeren Detektiven wünscht. Der Fall ist gut strukturiert und zeigt neben kriminalistischen Elementen Einblicke in die Zeit. Eine gute Mischung für historische Ein- oder Wiedereinsteiger.

4,5 von 5 Giften