Sarahs Lesereise
Willkommen bei meiner Lesereise durch Raum und Zeit
Dienstag, 18. August 2026
Alba Speroni "Lange schlafen"
Der Untertitel dieses Bandes drückt genau das aus, was diese Sammlung möchte: Sie möchte in Ruhe gelesen werden. Ohne Hast und ohne Eile, nicht mal eben schnell im Bus oder zwischen zwei Terminen. Der Lesende soll sich bei den vierundzwanzig Texten hinsetzen, die Seele für einen Moment baumeln lassen und sich an den literarischen Möglichkeiten erfreuen.
Denn die Zusammenstellung ist mit Bedacht gewählt. Es reihen sich nicht schlicht vierundzwanzig Erzählungen aneinander.
Auch beziehen sich nicht alle Geschichten auf die Ruhe des Schlafes.
Es geht um das Gefühl, das Gefühl vom Wochenende. Vermeintlich nichts muss, alles kann. Und so ist es auch mit der Auswahl.
Da reiht sich ein kurzer Text von Thomas Mann neben ein Gedicht von Kurt Tucholsky. Man liest ein unglaublich interessantes Interview mit Nick Cave, um dann von Elke Heidenreich zu erfahren, wann das Sonntagskleid verschwand.
So reihen sich Erzählungen zum Schmunzeln, an solche zum Seufzen, an solche bei denen man eine einzelne Träne verdrücken muss.
Eine wunderschöne, stimmungsvolle Auswahl, die das Gefühl vom Wochenende und seine gewisse Leichtigkeit in die Arbeitswoche trägt.
5 von 5 Wochenenden
Danke an den Kanon Verlag für das Rezensionsexemplar.
Montag, 17. August 2026
FiL "Worte über Orte"
Klingt seltsam? Ist es zumeist auch.
Zwischen den einzelnen Kapiteln macht er Wortspiele über Städte, gerne auch mehrfach, trifft auf der Lesereise Angela Merkel und Außerirdische und spätestens hier war ich raus.
Ich glaube Witz, und das sagt der Autor auch selbst, ist eine der schwersten Arten eine Geschichte zu erzählen. Ist es zu intellektuell, wird es nicht gelesen, ist es zu flach, auch wieder nicht.
Die Idee einer völlig verkorksten Lesereise und auch die Wortgebilde um die Städte sind schon wirklich gelungen, doch hier war mir der Humor zu derb. Vieles wiederholt sich und wird, natürlich geplant, bis aufs Letzte karikiert.
Man kann die Erzählung leider nicht getrennt von dem Humor betrachten, dafür ist er zu präsent. Schade, denn das Thema gefiel mir, nur die Umsetzung nicht.
3 von 5 Worten
Samstag, 15. August 2026
Jess Kidd "Mord in der Pension Möwennest"
Alle bestehen darauf, dass Frieda von jetzt auf gleich verschwand, doch dann gibt es eine Leiche und Nora ist mittendrin.
1954, einige Jahre nach dem Krieg ist England noch sehr davon gezeichnet. Lebensmittel sind knapp oder teuer, Wohlstand haben die wenigsten und man muss mit dem zurecht kommen, was das Leben einem bietet. Inmitten dieser Grundstimmung siedelt die Autorin eine Gemeinschaft an, wie sie unterschiedlicher nicht sein kann. Alle haben ihr Päckchen zu tragen und sind mehr oder weniger in der Pension gestrandet. Jess Kidd verwebt die einzelnen Figuren und ihre jeweiligen Geschichten zu einem großen Ganzen, um hieraus den Todesfall zu ersinnen. Denn ob es Mord ist, bleibt lange Zeit ungewiss und die örtliche Polizei brennt nicht darauf, einen daraus zu machen.
Nora, die als ehemalige Nonne schon mit vielem konfrontiert war, nimmt hier den Posten der Ermittlerin ein und führt die Leser durch eine Gemeinschaft, die durch Lug und Trug gekennzeichnet ist. Als Charakter ist sie sehr vielschichtig angelegt und zeichnet sich durch ihre Empathie und Geduld aus. Strategisch geht sie vor und nimmt den Leser an Orte mit, die vermeintlich nichts mit dem Fall zu tun haben, oder vielleicht doch?
Ein spannender Krimi, der auch geschichtlich einiges zu berichten hat.
5 von 5 Möwen
Freitag, 14. August 2026
Makoto Yukimura "Vinland Saga 6"
Jeder braucht einen Moment der Erweckung, um sich aus seinem Starrsinn zu lösen.
Nach Ragnars Tod steht Knut zum ersten Mal ohne einen Beschützer da und muss sich selbst behaupten. Diese stille Person, so schicksalsergeben wie sie vorher war, entwächst ihrer Trauer durch das Gespräch mit einem betrunkenen Pater. Plötzlich ist alles anders und der Wunsch, sich seinem Schicksal zu ergeben, rückt in weite Ferne. Im Gegenteil, Knut bietet seinen Gegner die Stirn und versucht sie hinter sich zu sammeln. Ein Plan, der Askeladd, Thorkell und Thorfinn verstört und ihren Zwist radikal unterbricht.
Wozu können Menschen fähig sein, wenn sie für etwas brennen? Immer wieder bin ich erstaunt, wie es der Autor schafft, innerhalb der Geschichte solch verschiedene Situationen zu erschaffen. Obwohl es sich immer um die gleichen Personen, auf einem beschränkten Raum und in einem vermeintlich kleinen Zeitrahmen handelt, dreht er wieder und wieder an den Stellschrauben, sodass man sich als Leser ranhalten muss, um die Allianzen im Überblick zu behalten.
Natürlich ist hierbei nicht alles erfunden, in der Geschichte haben Verbündete immer wieder gewechselt, siehe zum Beispiel die Geschichte von England und Frankreich.
Doch es in 220 Seiten je Mangaband realistisch unterzubringen, ist schon eine Kunst für sich.
Die Emotionen wechseln von Band zu Band und es bleibt abzuwarten, wie sich die Serie weiter entwickelt.
4,5 von 5 Drachenköpfen
Dienstag, 11. August 2026
Claudia Sammer "Ein zögerndes Blau"
Leon und Teres müssen dem Krieg entfliehen und landen im einem Land, dass ihnen unbekannt ist. Ihre Namen müssen sie ablegen und auch sonst bleibt ihnen nichts von ihrer Vergangenheit. Doch gerade ohne diese fassen sie kaum Fuß im Jetzt. Sie treiben in ihrem Leben dahin, kommen nie an und sind gezeichnet.
Kann ihr Leben in die richtige Bahn gelangen? Und was ist mit der folgenden Generation? Kann sie bestehen, wenn die Eltern solche Probleme haben?
Das Buch wird durch eine extreme Melancholie geprägt. Man spürt die Hilflosigkeit und auch die Gedanken, nichts an der Situation ändern zu können, aber ist das so?
Viele Entscheidungen sind bewusst getroffen und sind nicht durch die Schuld des Krieges genährt. Doch was kann man subjektiv ändern und was bleibt objektiv nicht veränderbar?
Als Gedankenanstoß ein gutes Buch, aber in seiner Umsetzung ist es mir zu einseitig.
3,5 von 5 Flüchtlingen
C240042C "Flucht.Punkt"
Die Welt in ein paar Jahrzehnten.
Während Kanada und Amerika den technischen Fortschritt feiern, wendet sich Europa einer neuen, allumfassenden Religion zu.
Wie kam es dazu, dass sich die beiden Kontinente so unterschiedlich entwickelten?
Hauptsächlich aus der Perspektive von Jason, Derya, Marie und Jan wird erzählt, wie zum einen die Spiegelung entwickelt und zum anderen der Wunsch nach einem allumfassenden Glauben genährt wurde. Denn allen war in der Ausgangslage klar, so wie die Welt jetzt ist, kann sie nicht bleiben. Klimaerwärmung, Hass, Völkerwanderungen und politische Dispute, all das galt es zu lösen und für die Menschen ein neues Gefühl von Zusammenhalt und Stärke zu generieren.
Doch wie bündelt man die Interessen von Millionen von Menschen? Und wie garantiert man, dass die Entwicklungen so weitergeführt werden, wie man sie einst geplant hatte?
Die Kapitel sind kurz gehalten und wechseln sowohl zwischen den Protagonisten als auch in den einem Zeitrahmen von sechzig Jahren hin und her. Was sich im ersten Moment sehr kompliziert anhört, greift mit jedem weiteren Kapitel weiter ineinander. Die Handlung und die Konsequenzen breiten sich wie ein Fächer vor dem Leser aus und mit jeder Seite erkennt man: Auch ein guter Ursprungsgedanke kann instrumentalisiert werden. Sobald die Schöpfer sich mit anderen zu einer Arbeitsgemeinschaft verbinden, verändert sich die Idee, wird beeinflusst und weicht von dem ursprünglichen Konzept ab.
Man muss das Buch mit Konzentration und voller Aufmerksamkeit lesen, will man allen Querverbindungen des Autoren gerecht werden. Wie beim einem großen Puzzle verstreut er die Informationen und Gedanken über die knapp 300 Seiten und zeigt, dass es nicht so einfach ist, Gutes zu tun. Ein Plan kann scheitern trotz der besten Voraussetzungen.
Ein Buch, das wachrüttelt und zeigt, dass es in der globalisierten Welt keine einfachen Lösungen mehr gibt!
5 von 5 Pergamenten
Montag, 10. August 2026
Makoto Yukimura "Vinland Saga 5"
Der fünfte Band ist wohl der bisher brutalste Band der Reihe. Im Zentrum steht immer noch der Konflikt um das Königkind und welche Vorteile sich die jeweiligen kriegerischen Parteien sich von ihm erwarten. Dabei sind Allianzen nicht dazu gedacht, auf ewig zu halten.
Gerade als es für Askeladd eng wird, zeigt er allen sein wahres, verräterisches Gesicht. Über Jahre hat er sich verstellt und den Retter in der vermeintlichen Not gespielt, doch damit ist es nun vorbei.
Und als ob das alles noch nicht genug ist, taucht gerade jetzt Thorkell auf und will ihm an den Kragen. Doch er hat den rachsüchtigen Thorfinn vergessen. Dieser konnte sich einige Zeit in sein Schicksal fügen, doch vergessen konnte und wollte er seines Vaters Mord nicht.
Spielte in den vorigen Bänden die Geschichte Englands und die Glaubensunterschiede eine Rolle, so ist es in diesem Band die Artus Sage, welcher in der Handlung Raum gegeben wird. Vermeintlich eingestreut, so ist aus dem Glossar ersichtlich, dass Askeladd ein Nachfahr sein soll. Eine Wendung, die seinen Größenwahn erklärt und zugleich unterstreicht.
Brutal und zugleich verwirrend beschreiben diesen Band am besten. Gerade weil es zwischen die Nordmänner zu zahlreichen Kämpfen kommt, ist man beim Lesen zeitweilig überfordert und frustriert. Die ähnliche Kleidung, das Aussehen und das Schwarz-Weiß tragen nicht dazu bei, die Truppen zu unterscheiden und so muss man etwas raten, wer nach den Kämpfen tot ist. Gleichfalls finde ich den Raub des Königskindes ein wenig in die Länge gezogen.
4 von 5 Drachenköpfen
Donnerstag, 6. August 2026
Alice Hoffmann "Die Schwestern vom Buchladen"
Die Situation vor Ort ist eine ganz andere als gedacht und doch sind alle Gefühle mit einer Heftigkeit wieder da, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätte.
Auf 46 Seiten erzählt die Autorin Alice Hoffmann die Geschichte von zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Natürlich gibt es zahlreiche solcher Geschichten, doch diese Erzählung zeichnet sich durch ihre Dichte und ihre Gefühle aus.
Atmosphärisch erzählt, mit den notwendigen Details gespickt, passiert in der Handlung alles recht schnell. Doch der angenehme Schreibstil und das Wissen um Beziehungen und deren Wechselwirkung auf das jeweilige Gemüt lassen den Text in die Seele fließen. Denn jeder Mensch hat den einen Menschen, den er sich wieder in seinem Leben wünscht.
Ein Buch über Neuanfänge, Beziehungen und das Wesentliche.
5 von 5 Buchläden
Mittwoch, 5. August 2026
Margaret Frazer "Die Novizin. Mord im Jahr des Herrn 1431"
Warum Frauen ins Kloster gehen und vor allem, warum sie dort bleiben wollen, hat auch schon zu dieser Zeit sehr unterschiedliche Gründe. Thomasine ist im Kloster sehr glücklich, auch wenn die Aufgaben sie ihrer Meinung nach zu sehr vom Beten abhalten. Gerne würde sie den lieben langen Tag beten. Doch unvermittelt gastiert ihre Ziehtante im Kloster und will sie "aus dem Fängen" des Klosters befreien. Schwester Frevisse, die sich um die Gäste des Klosters kümmert, sieht sich einer Frau gegenüber, für die der Ausdruck toben erfunden sein könnte. Sie wütet, beschimpft, bis sie erschöpft zusammenbricht. Während Thomasine neben dem Bett ihrer Tante betet, überschlagen sich die Ereignisse: Drei Tote und Thomasine ist in den Augen des Coroners die Mörderin.
Schwester Frevisse muss sich auf einmal nicht nur um die Gäste bemühen, sondern auch darum den Ruf des Klosters zu schützen.
Historische Krimis funktionieren ein wenig anders als Krimis, die in der Gegenwart spielen. Die Autorin kann nicht voraussetzen, dass sich der Leser in der Zeit auskennt. So muss sie im Vorfeld festlegen, welche Dinge sie nutzen und erklären will und welche als gegeben vorausgesetzt wird. Das Setting in Oxforshire, die Beschreibung des Klosters und die nach und nach einfließenden Erklärungen des Tagesablaufs sind gut gestaltet. Auch wird gut beschrieben, wie ein Kloster sein Geld generiert und was die Aufgaben der einzelnen sind. Der allgemeine geschichtliche Hintergrund bleibt ein wenig diffus, spielt aber auch für die Handlung nur eine untergeordnete Rolle. Der Krimi ist in meinen Augen solide. Gestaltet als klassisches Katz-und-Maus-Spiel wechseln die Motive, die Gelegenheiten und die Zeitpunkte freudig durcheinander, bis sich zum Schluss ein klärendes Bild ergibt.
Die Figur der Ermittlerin Frevisse ist für mich allerdings zu schwach gezeichnet. Da sie als Protagonistin fungiert, wechselt die Autorin viel zu häufig zu Novizin Thomasine und auch Schwester Claire. Schwester Frevisse schon zu diesem Zeitpunkt mit Miss Marple zu vergleichen, ist weit zu hoch gegriffen. Es ist schon möglich, dass sie sich zu so einem Charakter entwickelt, das müssen die Folgebände zeigen.
3,5 von 5 Klöstern
Samstag, 1. August 2026
Antoine Laurain "Fehlerhaft und wunderbar"
Ich mag es, wenn Erzählungen einen wahren Kern haben. So setzt der Autor den berühmten Schriftsteller Prosper Mérimée, welchen man durch Carmen kennen könnte, neben den drei Protagonisten ins Zentrum der Geschichte. Denn sein Diktat ist es, welches die Erzählung trägt und ihr eine historische Tiefe gibt.
Die Erzählperspektive begleitet in dieser kurzen Geschichte viele Charaktere. Mal ist Benjamin, mal sind es seine Eltern und dann ist es der Mamas väterlicher Freund Jacques. Viele Ideen rund um Kultur, Lebensideen und Wünsche bekommt der Leser auf den 144 Seiten präsentiert, sodass die Erzählung freudig und eigentlich ohne große Konflikte vorangetrieben wird.
Und das ist die Stärke des Textes. So sehr sich einige mit dem Dictée de Mérimée abmühen, so freundschaftlich und zugetan sind die Gespräche. Sie bieten eine gewisse Leichtigkeit, die anderen Texten mit solcher Tiefe fehlt.
Ein Hoch auf die Kunst und ihre vielseitigen Daseinsformen.
5 von 5 Schreibfehlern