Freitag, 16. Oktober 2026

Tim Krohn "Menschliche Regungen"

Tim Krohn entführt die Leser in ein Genossenschaftshaus in Zürich. Ein Haus, indem die Bewohner sich über Emotionen definieren.
Klingt komisch?
Das Projekt hierzu bringt Licht ins Dunkel.

Der Autor hat eine Liste von 1000 Emotionen erstellt und Leser durften sich Verhaltensweisen aussuchen, zu denen er Geschichten schreibt.
So geht es in den elf Kurzgeschichten hoch her.
Denn wo Menschen zusammenwohnen, werden auch Verurteile geschürt oder Bedürfnisse nicht beachtet.
So sind es die Waschzeiten, die die eine Frau stören, die aber eigentlich mit ihrem Leben unzufrieden ist.
Oder eine andere, die nach der Geburt ihrer Tochter im Dachgeschoss immer mehr vereinsamt.

Es sind feine Texte über die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Leben und das, was man daraus macht.

Die Auswahl setzt sich aus den drei Bänden "Herr Brechbühl sucht eine Katze", "Erich Wyss übt den freien Fall" und "Julia Sommer sät aus" zusammen. Wer ein Gespür für die Mieter und das Zwischenmenschliche bekommen will, erhält hier einen guten Eindruck.

4 von 5 Mietverhältnissen 

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Grimm, Lutter, Focke (Hrsg) "Smartokratie"


Buchvorstellung *Werbung*

Letzte Woche, passend zum BuCon erschien meine neue Anthologie. Diese beschäftigt sich mit der Science Fiction, genauer gesagt mit Near Future Geschichten, aber lest selbst:

Digitale Assistenten begleiten unseren Alltag, Künstliche Intelligenzen treffen Entscheidungen, trainierte Algorithmen formen unsere Wünsche – kennen uns besser als wir uns selbst. Die Entwicklungen der »Nahen Zukunft« versprechen Komfort, Sicherheit, Langlebigkeit und ein unüberschaubares Spektrum an Möglichkeiten. Doch wie viel Freiheit bleibt tatsächlich, wenn Technologie unser Leben bestimmt?

Smartokratie versammelt Kurzgeschichten über eine nahezu allumfassende Vernetzung von Technik, Politik und Gesellschaft. Sie erzählen von Abhängigkeit und Kontrollverlust, von Überwachung und Entfremdung, aber auch von Nähe, Fortschritt und Hoffnung.

Sechzehn Erzählungen und ein Essay skizzieren ebenso facettenreiche wie vielschichtige Zukünfte, die faszinieren, beunruhigen und lange nachwirken.

Mit smarten Beiträgen von:

Nico Bergstreiser * Anna Eichenbach * Kai Focke * Christoph Grimm *
Sven Haupt * Maximilian R. Herzig *Stefanie Klawitter * Felicitas Köhler *
Sarah Lutter *Thomas Matula * Nathalie Mierse * Harald Müller *
Katrin Nink * Jan Seegelke * Smorph * J. R. Tarson * Maximilian Wust 

Hier geht's zur Anthologie: eridanusverlag.de/buecher/smartokratie.html

Dienstag, 13. Oktober 2026

Pippa Watson "Der Zauber von Somerset"

Eigentlich wollte Amber sich nur eine Auszeit in Somerset gönnen, zu schwer waren die letzten Monate. Doch während sie am ersten Morgen in dem beschaulichen Cottage frühstücken will, steht auf einmal Finian in der Tür mit genau demselben Gedanken. Seine Schreibblockade will in London einfach nicht weichen, so hofft er, dass ein Umgebungswechsel seine Ideen befeuert.
Zu dem Cottage gehört auch die Pflege eines Pferdes, doch schon kurz darauf finden sich immer mehr Vierbeinige und auch Zweibeinige in der Nähe des Cottages ein, denn die Wohngemeinschaft der beiden überzeugt durch Wärme und Zufriedenheit.
Während beide überlegen, wie sie nach der Auszeit weiterleben wollen, überschlagen sich die Ereignisse und plötzlich steht ein Haftbefehl im Raum.

Der Charme der englischen Countryside ist etwas, dem man sich nur schwer entziehen kann. Ein kleines Cottage eingefasst in einen wunderschönen Garten mit Weiden und Wiesen rundherum. Gleich nebenan ist auch ein Bach, der freudig vor sich hin plätschert. Es sind diese Umgebungen, die Romanen den Kitsch nehmen und sie zu einem Wohlfühlbuch machen. 
Jeder kennt diese Momente im Leben, in denen man an einem Scheideweg steht. Bei beiden Charakteren haben sowohl andere Menschen als eine gewisse innere Unzufriedenheit damit zu tun. 
Im Perspektivwechsel geschrieben, begleiten wir immer ein Kapitel Amber und im nächsten Finian. Nach und nach decken sich Probleme, Streitigkeiten und Unzufriedenheiten auf. 
Sanft verwebt die Autorin die beiden Lebensläufe und zeigt, wie sich Menschen selbst wiederfinden können, wenn sie sich verloren fühlen.
Ein Buch fürs Krönchen richten und wieder aufstehen, wenn man genug Sterne am Himmel geguckt hat.

4 von 5 Cottages

Donnerstag, 8. Oktober 2026

Oscar de Muriel "Die Schatten von Edinburgh"

Eigentlich könnte es Frey nicht noch schlechter treffen, auf Grund von "Personalstrukturen" verliert er seinen geliebten Job beim CID, gerade als Jack the Ripper sein Unwesen auf Londons Straße triebt. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm. Seine Verlobte verlässt ihn und dann wird er noch nach Edinburgh strafversetzt. Der Mord an einem Violinisten hält die Menschen in Atem und er soll dem dortigen Inspector zuarbeiten. Als Engländer einem Schotten zuarbeiten? Die Fronten sind schnell geklärt. 
Während die beiden versuchen, sich aneinander zu gewöhnen, nehmen die schlechten Nachrichten kein Ende und so riskieren die beiden schnell Kopf und Kragen und ihre Karriere, um den Mörder zu fassen zu kriegen.

Die Reihe um Frey und McGray ist bereits knapp zehn Jahre alt und man merkt es dem Stil an. Es fehlt das heute grundsätzlich Hektische, ohne das ein Krimi kaum mehr auszukommen scheint. Die beiden Protagonisten sind wirkliche Typen mit Ecken und Kanten und ihren eigenen Problemen, wie es Wallander vorgemacht hat.
Es ist eine Mischung aus Sherlock Holmes, Jack the Ripper und einer sehr starken eigenen Idee, die der Autor dezidiert verfolgt. Über viele Seiten erläutert er Einzelheiten über den Geigenbau, Musik und auch den historischen Kontext, sodass man als Leser komplett in die Szenerie eintauchen kann.
De Muriel hat eine wundervolle Erzählstimme und schafft es, dass die Figuren alle einzeln wirken und so eine Bandbreite an Typen neben den Protagonisten die Handlung vorantreiben.
Die Auflösung muss man allerdings mögen, auch wenn sie schlüssig ist. Ich persönlich mag diese Art von Enden nicht  so gerne, auch wenn sie so das größte Überraschungsmoment bieten.

4,5 von 5 Ermittlungen

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Kamome Shirahama "Atelier of Witch Hat 7"

Wer ist der Meister und vor allem, wer entscheidet, wer bei wem bleibt?
Quiffrey erwacht nach seinen schweren Verletzungen und sieht sich seinem alten Meister und seinem Freund gegenüber. Denn die beiden vermuten, dass Quiffrey gerade Coco nicht zum Besten anleiten will. Die Krempenhüte rücken mehr und mehr ins Geschehen, denn sie sind eng mit Quiffreys Vergangenheit verknüpft. Seine Brille wird zunehmend unerlässlich für ihn und so ist es ihm gar nicht recht, dass Orugio ihm mehr und mehr auf die Spur kommt. Cocos Entscheidung wird auch längst nicht von allen unterstützt ...

Missgunst und Skepsis sind die Weggefährten ein jeder Beziehung, doch in diesem Band zeigt gerade Quiffrey, was es bedeutet niemandem zu trauen. Es ist zeitweilig schwer zu ertragen, dass er so gar keinem im seinem Leben zu vertrauen scheint. Alles basiert auf Täuschung und Distanz, wodurch sich die Frage ergibt, was er für ein Lehrer und ob er in seiner Funktion gut sein kann.
Die zwischenmenschlichen Beziehung und auch das Gefühl von Ausnutzen stehen hier im Raum und zeigen den Lesern, dass auch Hexen und Magier manchmal mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie wir.
Ein trauriger Band, der ein wenig von Coco abschweift und die Personen um sie herum beleuchtet.

4 von 5 Ateliers

Dienstag, 6. Oktober 2026

Dennis Gastmann "Orientexpress"

Für viele ist Reisen ein ganz besonderes Lebensgefühl.
Man trifft fremde Länder, andere Kulturen und im ersten Augenblick merkwürdige Sitten.
Der Journalist Dennis Gastmann ist die Strecke des berühmten Orientexpresses gefahren. Von Deutschland bis nach Istanbul, mit ein, zwei kleinen Umwegen.
Im Zentrum steht hierbei nicht der Zug ansich sondern vielmehr das Gefühl "Unterwegs zu sein". Er besucht die Pariser Fashion Week, trifft in Venedig die deutsche Delegation und sucht sich meist eigenwillige Airbnbs heraus, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Was mal besser und mal schlechter gelingt.
Auf dreihundert Seiten lernen wir Land und Leute kennen, blicken auf Grenzen und Gemeinsamkeiten, was der Autor immer informativ und manchmal auch witzig verpackt. Er spart dabei aber auch nicht an Missgeschicken, denn eine Reise verläuft selten ohne und zeigt, wie er als Journalist die Welt sieht. 
Seine Reise ist eine Bestandsaufnahme des heutigen Europas, welches sich sehr von dem Agatha Christies unterscheidet. Hier und da zieht er Vergleiche, zum Reisen in der damaligen Zeit ansich und im Besonderen bei den kulturellen Unterschieden. 
Seinen Anekdoten von der Reise zu lauschen, ist wie ein kleiner Urlaub, den man nicht selber plant, wobei, so heißt es auch mehrfach in dem Buch, man kann keine Reise planen, es geschieht immer etwas, womit man nicht rechnet.

4 von 5 Zügen

Mittwoch, 30. September 2026

Kai Focke "Das kleine Fantastik-Panoptikum"


Es war einmal eine kleine Kurzgeschichte. Die fühlte sich in der Welt der Romane ganz allein. So viele Zeichen schwirrten um sie herum, dass sie sich kaum durchsetzen konnte. Doch ihr Inhalt hatte Gewicht. Ein Autor fand sie und gab ihr in seinem Panoptikum ein Zuhause. Umgeben von vielen anderen Geschichten, die sich oftmals als Schmunzelphantastik bezeichnen, wurde sie auf dem großen Büchermarkt losgelassen und freut sich jetzt auf ihre Leser.


Die Kurzgeschichte fristet in Deutschland immer noch ein Schattendasein. Es wird gesagt, die Menschen wollen in Welten eintauchen und sich dorrt eine Zeitlang trieben lassen. Nichts, bis auf die Länge, was eine Kurzgeschichte nicht bieten kann.
Zudem ist sie universell einsetzbar, was den Leser des Panoptikums auffallen dürfte.

Dieser Sammelband entsteht aus den Miniaturen der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar. So vielfältig die Themen waren, so vielseitig sind die Genres und Geschichten.
In den kurzen und knackigen Erzählungen des Sammelbands treffen wir auf Genres wie Science Fiction, Märchen und Schmunzelphantastik.

Und wo verschiedene Genres aufeinander treffen, tummeln sich auch zahlreiche Kreaturen. Menschen, die man vermeintlich im Alltag treffen könnte, und Wesen, denen man nicht einmal im Mondschein begegnen will.

Doch alle Geschichten haben eins gemeinsam: Sie sind alle unterhaltsam. Nicht eine Erzählungen möchte man überspringen, nicht ein Wort auslassen, denn der Autor schafft es, die Worte dicht zu setzen. Keins ist zu viel und nicht eins ist zu wenig.

Wer Kai Focke bereits kennt, weiß um seine Fähigkeiten. Neben seinem ausgeprägten Humor, seiner Liebe fürs Detail und Genauigkeit im Aufbau von Geschichten, ist seine Paradedisziplin die Pointe. Selten habe ich von einem Autor so viele kurze Texte gelesen, bei denen nahezu jede Pointe sitzt. Dabei ist sie mal humorvoll, mal ernst, mal hintersinnig und auch mal nachdenklich. All diese Kunstfertigkeiten setzt er ein, um seine eigenen Erzählungen erstrahlen zu lassen.

Zudem hat er zu jedem Genre kleine Einleitung verfasst, die die Charakteristika und Schreibtechniken des jeweiligen beleuchten.

Eine Sammlung, die auf jeden Nachttisch gehört! Aber Vorsicht: Niemals das Buch unbeaufsichtigt lassen, sonst hat die Wohnung im Anschluss mehr Mitbewohner, wenn die Wesen aus dem Buch in die Realität schlüpfen.

5 von 5 Schmunzelkeksen


P.S.: Und schon gar nicht Kreide herumliegen lassen!

Dienstag, 29. September 2026

Emma Zecka "Die Chroniken von All Hallows Village - Der Aufbruch"

Eine Hexe, eine Fledermaus, ein Geist und ein Skelett dürfen nicht mehr an ihren Wohnorten bleiben und müssen in einunddreißig Tagen ein neues Zuhause finden. Wie und wo sie es finden, wissen sie nicht und auch nicht, ob sie die Suche gemeinsam bestreiten sollen.
Denn die Wesen sind sich untereinander nicht grün und obwohl man anfangs eine gewisse Logik in der gemeinsamen Wanderung sieht, ist es doch so, dass die Differenzen zu groß scheinen, um sie zu überwinden.

Wann begegnet man anderen, denen man vertrauen kann oder muss?
Wie geht man Kompromisse ein?
Wie legt man seine Vorurteile beiseite?
Wie kann man mit anderen wachsen?

In der Geschichte, in der um es die Suche nach einem neuen Zuhause geht, spielt noch viel mehr eine große Rolle. Unterschiedliche Lebewesen müssen miteinander klar kommen, mutig sein und Vertrauen entwickeln. Alles Werte, die die Autorin kindgerecht in einer spannenden Geschichte zusammenführt. Die zahlreichen Perspektivwechsel ermöglichen es dem Leser, sich in die einzelnen Figuren hineinzuversetzen und die unterschiedlichen Blickwinkel einer Situation zu betrachten.
Ein spannendes Buch für Kinder ab zwölf Jahren über Freundschaft und Halloween. Die Altersangabe ist in meinen Augen angemessen, wenn das Kind schon viel gelesen hat; die zahlreichen Perspektivwechsel entfalten erst dann die gewünschte Wirkung.

4 von 5 Kürbissen

Montag, 28. September 2026

Julia C. Werner "Wie eine Welle im Sand"

Eigentlich wollte Pauline im Winter auf einer Finca auf Mallorca entspannen. Die letzten Jahre waren furchtbar und haben sie in ihrer Meinung bestätigt, dass sich niemand für sie interessiert. Da kommt es nicht von ungefähr, dass ihre Freundin ihr rät, sich auf der Insel neu zu erfinden.
Als ob das Schicksal den Wink verstanden hat, steht schon einige Tage später ein Mann am Strand und verwickelt Pauline in ein Gespräch. Zwischen Yoga-Übungen, Shoppingtouren und Abenden vor dem Kamin versucht Pauline jemand zu werden, der sie gar nicht ist.

Was als leichte Unterhaltung beginnt, entwickelt sich schnell zu einer tiefgründigeren Geschichte.
Wann muss man funktionieren?
Wie viel muss man aushalten?
Wie entscheidet man, was richtig für einen ist?

Neben den Yoga-Übungen spielen auch Mantras eine zentrale Rolle. Kann man seine Einstellung zum Leben ändern und was muss die Umgebung leisten, damit der Wechsel gelingt?
Probleme pflastern in diesem Roman das Leben der Protagonisten und der Nebenfiguren und zeigen auf, dass jeder mit seinem Schmerz allein ist, aber auch, dass niemandem etwas in den Schoß fällt.
Der Wechsel von Trauer und Missmut hin zu Glück und Zufriedenheit ist ein steiniger Weg, der nur mit langem Atem beschritten werden kann.
Anhand zahlreicher Beispiele zeigt das Buch, dass man jede Handlung eines Menschen missverstehen kann, wenn man sich nicht über seine Beweggründe im Klaren ist.

4 von 5 Geheimnissen

Freitag, 25. September 2026

Edmund Crispin "Heiliger Bimbam"

Tolnbridge, ein kleines verschlafenes Dorf in England, sollte dem Oxfordprofessor Gervase Fen als Urlaubsort dienen. Doch es kommt anders.
Der Organist wird ermordet und spontan beschließt Fen einen Freund von sich einzuladen, dass er diesen ebenso in Gefahr bringt, weiß Fen zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Denn während sich alle um den toten Organisten bemühen, stirbt ein weiterer Mensch. Ob dies das Ende war?

Eigentlich mag ich englische Krimiklassiker, aber zumindest dieser Band war so gar nicht my cup of tea.
Die eingestreuten Literaturtipps, die damals noch mehr Lesern bekannt waren als heute, sind noch nette Ideen gewesen, die anderen sind teilweise fragwürdig.

Erschienen ist das Buch erstmalig 1945, was sehr deutlich in der Beziehung zwischen Engländern und Deutschen dargestellt wird. Hier ist vieles schwarz und weiß und der Hass dominiert die Logik. Es nimmt viel von der Dynamik des Krimis, weil viel Energie auf diesen Disput gelegt wird.
Daneben nehmen Hexenkult und Beschwörungen viel Raum ein, als Stilmittel sicherlich gut gewählt, aber ebenso überlagern diese Darstellungen den eigentlichen Fall.

Als Zeitdokument gesehen ist es ein Krimi, in dem viel Politisches reinspielt, doch die vermeintliche Aufzählungen anderer großer Krimiautoren zu Beginn lässt einen ganz anderen Fall erwarten.

3 von 5 Ermittlungen