Ja, ihr lest richtig, Alexander wollte wieder ein paar Fragen zu seinem Dasein als Herausgeber beantworten. Aber lest selbst:
Knapp drei Jahre ist unser letztes Interview her. Seitdem ist viel passiert. Tatsächlich bist du inzwischen Herausgeber geworden. Erzähl doch einmal, wie es dazu kam.
Tatsächlich ist das erwähnte Interview mit dir größtenteils dafür verantwortlich, dass ich Herausgeber wurde. Nach der nicht ganz korrekten Vorstellung, ich sei bereits als ebensolcher tätig, hatte ich nun die Optionen, diese Aussage zu korrigieren oder eben dafür zu sorgen, dass sie der Wahrheit entsprach.
Konkret heißt das: Ich entwickelte die Idee zu einem Anthologie-Projekt und wurde bei verschiedenen Verlagen vorstellig.
Gisela Weinhändler und Sabine Brandl vom muc-Verlag waren sofort begeistert. Und so kam es letztlich zu der Anthologie „Monster 2.0“, die nun in 3 Kategorien für den Vincent Preis 2025 nominiert ist:
Beste Anthologie 2025
Beste Grafik von Detlef Klewer
Beste Kurzgeschichte »Die Dinge werden sich ändern, mein Schatz« von Sabine
Brandl
Wie bist du überhaupt zum Schreiben gekommen? Hast du ein konkretes Vorbild?
Grob gesagt bin ich zum Schreiben gekommen, weil ich das Lesen lieben lernte. Zu Beginn waren es die Bücher des kleinen Vampirs von Angela Sommer-Bodenburg, die mich in ihren Bann zogen.
Später kamen vor allem die Kurzgeschichten von Stephen King, Robert Bloch und Montague Rhodes James hinzu. Mit der Zeit entdeckte ich noch viele weitere Autorinnen und Autoren, wie Clive Barker, Howard Philipps Lovecraft, Anne Rice, Roald Dahl, Richard Matheson, Jeffery Deaver und Edgar Allen Poe.
Aber wenn ich ein konkretes Vorbild benennen muss, dann fällt meine Wahl auf Dan Simmons. Seine Novellensammlungen „Lovedeath“ und „Styx“ haben mich stark beeinflusst und den Stil meiner Geschichten geprägt, sodass ich ohne Übertreibung sagen kann, dass es für mich eine Zeit „davor“ und eine Zeit „danach“ gibt, denn nachdem ich las, was er zu Papier gebracht hatte, war ich nicht mehr Derselbe. Es war beinahe so, als habe mir jemand die Augen geöffnet, um mir ein Beispiel zu geben, wie man es richtig macht.
Dan Simmons ist am 21. Februar 2026 verstorben. Für mich hat es sich so angefühlt, als hätte ich einen Mentor und guten Freund verloren, den ich Zeit meines Lebens vermissen werde. Seit seinem Tod habe ich seine Bücher wieder in der Hand, ständig, und begreife stets aufs Neue, wie genial und unvergleichlich seine Schreibe war, wie unverwechselbar seine grenzenlose Fantasie und wie sehr mir seine Welten fehlen werden.
Gerade bei kleineren Verlagen erscheinen viele Anthologien. Was macht für dich den Reiz von ihnen aus?
Anthologien kleinerer Verlage bieten unbekannteren Autorinnen und Autoren, zu denen ich ja auch zähle, die Möglichkeit, ihre Geschichten zu veröffentlichen und der Leserschaft zugänglich zu machen. Wo die großen Publikumsverlage nach rein wirtschaftlichen Kriterien entscheiden, was sie verlegen und was nicht, hat man hier oft die Gelegenheit, Teil eines Projektes zu werden, bei dem es wirklich und wahrhaftig um die literarische Qualität geht.
Natürlich sind auch kleinere Verlage nicht gänzlich frei von finanziellen Zwängen und müssen ebenfalls ihre Bücher verkaufen. Aber ich habe hier eher das Gefühl, dass man auch mit ungewöhnlichen Texten oder einem ganz eigenen, individuellen Schreibstil punkten kann, wohingegen man bei den größeren Verlagen schnell eine Absage kassiert, wenn man nicht in eine bestimmte Schublade passt.
An was arbeitest du zurzeit?
Im Moment arbeite ich an „Abendgesellschaft“, einer Kurzgeschichte, die ich zur Novelle ausbauen möchte.
Ich verfolge mit großem Interesse die Ausschreibungen des Shadodex-Verlags und des Elysion-Verlags, die thematisch oft meine Vorlieben treffen und irgendwo zwischen Horror, Science-Fiction und Fantastik angesiedelt sind. Und ich entwickle neue Ideen, wenn die Muse mich packt.
Ich plane und plotte aber mehr, als ich tatschlich schreibe, was vor allem einem Faktor geschuldet ist: fehlender Zeit.
Das Schreiben ist momentan etwas, das nebenbei geschieht, wenn überhaupt. Und dann auch nur, wenn ich mich dafür frei machen kann, was allerdings selten der Fall ist. In erster Linie ist da mein Brotjob als Erzieher, der mich ungemein erfüllt, meine Verpflichtungen meiner Familie gegenüber, bei denen es sich ebenso verhält, und die Herausforderungen des Alltags, die gemeistert werden wollen.
Ähnlich ist es mit meiner Präsenz in den sozialen Medien, wo ich aufgrund unregelmäßiger Teilhabe faktisch unsichtbar geworden bin. Ich sehe das aber insgesamt eher entspannt und möchte mich auch nicht dem Druck aussetzen, ständig Beiträge zu posten oder aktiv sein zu müssen.
„Synopsis“, mein Romanprojekt mit Andreas Dörr, war schon so weit, dass es fast hätte veröffentlicht werden können, aber leider wird es nicht mehr dazu kommen.
Vielleicht ist zu viel Zeit verstrichen zwischen den ersten Skizzen und der finalen Zusammenfassung, vielleicht sind wir einfach kreativ nicht zusammengekommen. Das war bedauerlich, aber auch das Scheitern gehört wohl dazu.
Abgesehen davon ist meine dritte Kurzgeschichtensammlung noch immer unter ihrem Arbeitstitel „Das Ende aller Welten“ in der Mache. Ich bin da mit Rudolf Strohmeyer im Austausch, dem ich sehr dankbar bin für seine tolle Arbeit als Lektor.
Und ich träume von meinen Schubladen-Projekten, die ich wohl erst verwirklichen kann, wenn ich in Rente bin. Von „Totentanz“, wo das Geheimnis von Roanoke Island gelüftet wird. Von „Sommernacht“, wo Mary Godwin Frankensteins Monster wahrhaftig erschafft. Von „Treppe ohne Ende“, wo … aber dazu (hoffentlich) ein andermal.
Wenn du freie Wahl hättest, zu welchem Thema würdest du gerne eine Ausschreibung machen?
Monster und Ungeheuer sind meine Leidenschaft. Nachdem Graf Dracula, Frankensteins Monster und Co. sich in „Monster 2.0“ ausgiebig austoben konnten, wäre ich sofort an Bord eine Ausschreibung zum Thema „Howard Philipps Lovecrafts Ungeheuer – Kosmischer Horror in der Neuzeit“ als Herausgeber zu begleiten.
Die außerweltlichen Kreaturen aus Lovecrafts Universum, die vergeblich ihresgleichen suchen und längst Teil der Popkultur geworden sind, eignen sich hervorragend dazu, neu interpretiert und in einem modernen Setting präsentiert zu werden.
Was macht dir beim Herausgeben am meisten Spaß?
Zum einen ist es eine tolle Erfahrung, die Geschichten für eine Anthologie auszuwählen und zusammenzustellen. Als jemand, der bisher nur als Autor tätig war, fühlt es sich ein bisschen so an, als würde ich ein Stück weit hinter die Kulissen des Literaturbetriebs schauen und selbst Teil eines größeren Ganzen werden. Diese Perspektive empfinde ich als ungemein hilfreich, insbesondere dann, wenn eine Geschichte von mir abgelehnt wird.
Zum anderen ist es ein tolles Gefühl, zu wissen, dass das fertige Buch insgesamt gesehen größer ist als die Summe seiner Teile und sogar mitunter lebensverändernd. Uns war es wichtig, die Geschichten anonym auszuwerten. Jeder Text hat also durch seine Qualität überzeugt. Und hier ist es total spannend, dass in etwa die Hälfte der Geschichten von mit dem Literaturbetrieb Erfahrenen stammte und die andere Hälfte von Autor*innen, die mit dieser Veröffentlichung ihre ersten Schritte machen.
Was sind deine Top3 Anthologie-Tipps?
„Monster 2.0“ vom muc-Verlag ist ein tolles Buch geworden. Und das sage ich nicht nur, weil ich Herausgeber und beteiligter Autor bin und die Werbetrommel rühren möchte, sondern weil es eine bunte und moderne Mischung von Erzählungen geworden ist, die auf vielen Ebenen überzeugt. Es ist gruselig, originell und hat für jeden etwas zu bieten.
„Daedalos“, der Story-Reader für Phantastik, der im Verlag „p.machinery“ veröffentlicht wird von Michael Siefener, Ellen Norten und Andreas Fieberg, kann ich jedem ans Herz legen. Hier bekommt man neue und alte Erzählungen in einem Magazin präsentiert, das an die klassischen Publikationen der 50er Jahre erinnert.
„Zwielicht“ von den Herausgebern Michael Schmidt und Achim Hildebrandt bietet stets eine starke Zusammenstellung von Geschichten. Diese Anthologie-Reihe kann ich jedem empfehlen, der sich für fantastische Literatur interessiert und ein Gefühl dafür bekommen möchte, was gerade so in der Szene los ist.
Zu guter Letzt möchte ich noch zwei Empfehlungen loswerden, die nur indirekt mit Anthologien zu tun haben, aber auf meine Herausgeberschaft bei „Monster 2.0“ zurückzuführen sind:
Mit „Besuch des Golems“ hat sich die Autorin Edie Calie direkt in mein Herz geschrieben. Das ist so toll und rund und eigen, dass ich ihren Roman „Lorettas letzter Trip“ regelrecht verschlungen habe, einen aberwitzigen, extrem unterhaltsamen Roadtrip auf den Spuren der Beatles.
Außerdem hat Johanna Brenne mich mit „Die Weiße Frau sieht rot“ auf eine Weise angesprochen, die ich selten erlebe. Eine Geistergeschichte aus der Perspektive des Geistes zu erzählen, ist schon als Idee ungemein interessant. Die Umsetzung ist schnörkellos, mitreißend und einfach nur spektakulär andersartig gut. Ich kann es kaum erwarten, Johannas Debutroman „Der Mond von Yazahaan“, der vor Kurzem im Verlag „Realm & Rune“ erschienen ist.
Wer neugierig ist, kann hier mehr über Alexander erfahren:
instagram.com/alexander_klymchuk_autor
facebook.com/alexander.klymchuk
Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.
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