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Dienstag, 29. Juli 2025

Olivier Sauzereau "Jules Verne - Eine Comic-Biographie"

Jules Vernes Leben auf 56 Seiten darzustellen erfordert eine gewisse Konsequenz, Dinge zu verkürzen und sich auf einzelne Schlüsselerlebnisse zu fokussieren.
Der Autor Olivier Sauzereau und der Maler Wyllow haben sich daran gewagt und ein wunderschönes Werk geschaffen.
Angelehnt an die klassischen frankobelgischen Comics aus den 60-er und 70-er Jahren, allerdings verbessert um einen Hauch mehr Plastiziblität bei den Figuren, zeigen die beiden Jules Vernes Lebenshöhepunkte und auch seine Tiefpunkte. 
Angefangen mit seiner Geburt wird sein Leben in sechs Kapitel aufgeteilt. In jedem wird eine oder mehrere Episoden aus dem Familien- oder Schriftstellerleben erzählt. Begegnungen, die sein Leben prägten, waren zahlreich und so ist es nicht erstaunlich, dass sich der Meister der Wissenschaftsromans auf seinen Bruder Paul und seinen Herausgeber jahrlange stütze und ihnen blind vertraute, als sich der Ruhm endlich einstellte.
Denn zu Anfang sah es gar nicht so aus, als ob er der bekannte Autor werden würde, den wir heute alle kennen und schätzen. Mit seinem Genre des Wissenschaftsromans hat er eine neue Gattung geschaffen, die die ersten Leser auch auf Grund der Details für Tatsachenberichte hielten.
Jedes Kapitel endet mit einem Faktencheck, denn nicht alle Begegnungen, die im Buch dargestellt werden, sind historisch belegt. Es wird auf Grund seines Wissens allerdings davon ausgegangen, dass er mit einigen Wissenschaftlern Kontakt hielt und sich ebenfalls von ihnen beraten ließ.
Ein Zeitstrahl mit Vernes eigener Biographie und dem Weltgeschehen bildet den Abschluss des jeweiligen Kapitels und rückt somit seine Geschichte und die der Welt nebeneinander. Gerade diese Zeitstrahle zeigen in meinen Augen deutlich, wie sehr Jules Verne von der Zeit, in der er gelebt hat, profitiert hat. Forscherdrang, Erkundungstouren, nie hatten die Menschen mehr Hunger auf die Welt und Technik wie zu dieser Zeit.
Um einen Einblick und ein Interesse für das Leben hinter den Büchern zu wecken, ist das Buch ein sehr guter Einstieg, für Kenner ist es wahrscheinlich eher ein knappe Zusammenfassung eines großartigen Lebens.

5 von 5 Abenteuern

Montag, 16. Juni 2025

Boris von Brauchtisch "William Turner"

Oftmals werden Künstler während ihrer Lebenszeit verkannt und nicht als das gesehen, was sie in Wirklichkeit sind. Was mir in der Literatur nicht so oft begegnet, dafür in der Malerei umso häufiger, ist die Tatsache, dass Maler und Malerinnen Wegbereiter sind.
Ein neuer Stil, eine neue Art Farben zu nutzen oder schlicht das Schaffen einer ganz neuen Gattung. Doch oftmals standen die Zeitgenossen irritiert davor, denn es war nicht das, was sie kannten. Also musste es zwangsläufig schlecht sein.
Diese Einleitung könnte ich für mehrere Maler schreiben, denn es hat, wie ich schon erwähnte, nicht nur einen, sondern sehr viele Maler getroffen und sie somit auch oft ruiniert.
Doch bei Turner verhielt es sich ein wenig anders, erst angesehen, verliert er erst im Alter seinen guten Namen, denn die Menschen konnten immer weniger mit seinen Gemälden anfangen, je weniger sie erkennen konnten. Details finden kaum mehr statt und es scheint lediglich Farbe auf der Leinwand zu sein, allerdings keine Form.
Der Autor führt uns durch das Leben von William Turner und dies war ein bewegtes. Im wahrsten Sinne des Wortes. Turner reiste viel und seine späteren Gemälden wurden während der Reise in Skizzenbüchern festgehalten.
Gerade nachdem die Grand Tour nach den Napoleonischen Kriegen fast zum Erliegen kam, wandelt Turner nun auf Lord Byron Spuren und sie führen in entlang des Rheins und zu so vielen anderen Plätzen in Europa, die Turner im Rausch der Worte zu skizzieren beginnt.
Die Stärke des Buches ist die Zusammenführung von Geschichte, Literatur und Kunst. Wer hat wen, wann beeinflusst. Wer hat wann mit wem korrespondiert? Es ist spannend zu entdecken, welcher Künstler von einem anderen beeindruckt war und wann welcher Kunstschaffende für das Publikum vorerst verschwand.
Man muss bei dem Buch nur bedenken, es ist kein Kunstband, daher fallen die Bildbeispiele eher klein aus.

4 von 5 Gemälden

Mittwoch, 11. September 2024

Edgar Allan Poe "Die schwarze Katze"

Edgar Allan Poe gilt in vielerei Hinsicht als Schöpfer diverses Genres. Wobei, Schöpfer wäre manchmal zu hoch gegriffen, da er sich z.B. bei der Schwarzen Romantik von E.T.A. Hoffmann inspirieren lässt. Doch schafft er mit seinem Ermittler C. Auguste Dupin die Gattung der Detektivgeschichten, die bis in die heutige Zeit zahlreiche Nachfolger gefunden hat.
Bei "Die schwarze Katze" und "Der Untergang des Hauses Usher" bedient er sich vielseitig des Schauers und des leichten Horrors. In beiden Geschichten spielt er mit den Sinnen seiner Figuren und damit auch mit der Wahrnehmung des Lesers.
Was kann sein?
Was ist Einbildung?
Es kommt nicht von ungefähr, dass sich viele Situationen einer schlaflosen Nacht anschließen und die Menschen zuvor schon in Aufruhr waren.
Weniger der Schauer als die schiere Vorstellung, wozu Menschen in der Lage sein können, ist es, die beim Lesen einen Kloß im Hals hervorruft, der sich auch nach dem Beenden der Lektüre nicht so ohne Weiteres zurückbildet. Zwar gefällt mir seine Erzählung "Der Doppelmord in der Rue Morgue" immer noch besser und auch die zuvor gelesenen Geschichten von Charles Dickens liegen mir mehr, doch muss ich Poe zugute halten, dass er es versteht, den Leser zu fesseln und ihm einen Schauer über die Arme laufen zu lassen und das ist wahrlich die Kunst eines guten Autors.

4 von 5 schwarzen Katzen

Dienstag, 20. August 2024

Jules Verne "Fünf Wochen im Ballon"

Hört man Jules Verne, denkt man direkt an "In 80 Tagen um die Welt" oder "20.000 Meilen unter dem Meer". Doch forscht man nach, stellt man schnell fest: Jules Verne war ein Vielschreiber. Nicht nur, dass er thematisch sehr variiert geschrieben hat, sein Stil erinnert an die damaligen Reiseberichte. Immer wieder muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass es sich um einen fiktiven Text handelt, der massiv mit historischen Fakten untermauert ist.

"Fünf Wochen im Ballon" hat gerade zu Beginn eine starke Ähnlichkeit mit "In 80 Tagen um die Welt". Ein verrückter Forscher sitzt in seinem Club und sinnt über das Leben, da manifestiert sich der Gedanke einer Forschungsreise. Ein Begleiter ist schnell bei der Hand, der andere muss erst noch überzeugt werden und dann geht es schon los. Entlang bisheriger Reiserouten und Erkenntnisse fahren die drei durch die Lüfte und erleben nicht nur Abenteuer, sondern sie müssen das eine oder andere Mal dem Teufel ein Schnippchen schlagen. Fremde Völker, Wassermangel, Krankheit, alles, was neben der Fahrt hemmend wirkt, fließt in die Geschichte ein und man hat zeitweilig den Eindruck mit im Ballon zu stehen.

Unabhängig dessen, dass ich nie in einen Ballon steigen würde, hat mir die Fahrt Spaß gemacht. Nach den anfänglichen Ähnlichkeiten nimmt die Geschichte eine sehr eigenwillige Fahrt auf und man hat mit den drei Figuren sehr unterschiedliche Charaktere, die man begleitet. In meiner Übersetzung wurde die originale Sprache verwendet, was in den ersten Kapiteln bei Rechtschreibung und Wortgebrauch noch störend wirkt, entfaltet später seinen ganz eigenen Charme.

Gerade Jules Vernes Art die Kapitel in Stichworten zu Beginn zusammenzufassen, schafft einen starken Wiedererkennungswert. Der Mann weiß einfach, die Leser an sich zu binden. Nach vielen kleinen und großen Abenteuer landet man auf der letzten Seite und obwohl manche Szenen wiederholenden Charakter haben, sitzt jede Szene am richtigen Ort.


4 von 5 Ballons

Donnerstag, 1. August 2024

Bella Ellis "Die verschwundene Braut"

In der Kriminalliteratur findet man gerade in den letzten Jahren immer häufiger die Variante, dass historische Personen als Ermittler oder Detektivinnen eingesetzt werden. Dabei ist es interessant zu beobachten, welche Persönlichkeiten hierfür herausgegriffen werden. Mal sind es Krimiautorinnen, mal auch eine Person von Adel oder wie in diesem Fall, die drei Bronte-Schwestern.

Eine Bekannte von Charlotte Bronte erscheint unerwartet wieder im Leben der drei, nur um ihnen zu erzählen, dass ihre Herrin spurlos verschwunden ist. Übrig blieb im Zimmer nur eine Menge Blut. Die drei, die sich durch ihre vorigen Tätigkeiten als Kenner menschlicher Regungen sehen, beginnen im Umfeld des Hauses zu ermitteln und schon bald ist klar; der Ehemann ist ein Grobian und ein Trinker.
Doch je mehr die drei sich mit dem Fall beschäftigen, desto verzwickter werden die Möglichkeiten und die Rettung aller Beteiligten scheint immer unwahrscheinlicher.

Bella Ellis schreibt in einem ruhigen Stil - ähnlich dem von Jane Austen und den Bronte-Schwestern. Die Spannung wird sehr langsam aufgebaut und man hat teilweise das Gefühl mit den Schwestern durch das Moor zu wandern, um die kleinen Informationen am Wegesrand aufzusammeln.
Neben dem Kriminalfall erzählt die Autorin viel über die Gesellschaft jeher Zeit und auch über das Familiengefüge der Brontes. Der Vater Pfarrer, der Bruder, man würde heute verkrachte Existenz sagen, alle zerren an den Schwestern, dass sie sich nicht richtig verhalten und somit einen Schatten auf die Familie werfen würden.

Ob einem der Kriminalfall oder die Nebenhandlung besser gefällt, bleibt jedem selber überlassen, aber wem "nur" ein Kriminalfall zu wenig ist, sollte das Buch zur Hand nehmen und in eine Zeit eintauchen, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann.

4 von 5 Bräuten

Montag, 28. August 2023

James Hilton "Leb wohl, Mister Chips"

Mister Chips, eigentlich Mister Chipping, ist die Institution, wenn man vom Brookfield Internat spricht. Als Lehrer mit gerade einmal zweiundzwanzig begann er seine langjährige Karriere an dem Internat, an dem er Latein und Griechisch unterrichtete und erlebte dabei den Umbruch der Welt und seiner eigenen. 
Immer einen Witz auf den Lippen mausert sich der zumeist in sich gekehrte Lehrer durch seine Frau zum Liebling des Kuratoriums und auch der Schüler, was den einen oder anderen Ärger für ihn in petto hat.

Auf gerade einmal 144 Seiten entfaltet dieser Klassiker seine ganze Stärke und seinen Glanz. 1934 geschrieben und erstmal 1936 in Deutschland veröffentlicht, diente das Leben seines Vaters und mit Sicherheit auch seine eigene Schulzeit dazu, diese humorvolle Novelle zu verfassen.
Immer in kleinen Rückblenden greifen die einzelnen Kapitel Szenen aus dem Leben des Lehrers auf, der selbst in der Rente nicht von der Schule lassen kann und lediglich auf die gegenüberliegende Straßenseite in eine Pension zieht. Ehemalige und neue Schüler besuchen ihn dort zu Tee und Gebäck und so ist er immer ein Teil des Geschehens.
Lustige und tragische Ereignisse wechseln sich in den Rückblenden ab und werden in das Weltgeschehen eingeflochten. Elektrizität, der große Krieg oder Königswechsel sind an dem Internat mal größere, mal kleinere Themen, die auch den Schulalltag beeinflussen.
Dabei ist die Sprache - wie man die von Klassikern kennt - ein wenig getragener ohne dabei zu verkopft zu sein. Sie passt zu der Zeit und zu den Umständen und der Autor schafft es, den anfänglich unscheinbaren Lehrer als Institution in unserem Kopf erstehen zu lassen.

5 von 5 Internaten

Samstag, 4. März 2023

Jakob Wassermann "Akten zur Verteidigung Caspar Hausers"

Die Geschichte von Caspar Hauser gleicht einer Tragik, die besser nicht ersonnen werden konnte. Jeder, der die Skulptur ins Ansbach, den gedrungenen Körperbau und die hängenden Schultern gesehen hat, kann vielleicht in Ansätzen erahnen, wie sehr er in seinem Leben gelitten hat. Dabei ging es sowohl zu seinen Lebzeiten als auch in der Literatur hoch her. War er wirklich von Adel oder war er ein Hochstapler? Verstört und unterentwickelt, taucht er 1828 in Nürnberg auf und spricht zuweilen gar nicht, bis wenig. Nach und nach erzählt er vermeintlich aus seiner Vergangenheit, in der bei Wasser und Brot in einem dunklen Raum gehaust haben soll.
Viele Autoren haben sich schon während Caspar Hausers Lebzeiten und noch viel mehr noch danach, mit seiner Abstammung und seinem Verhalten beschäftigt. War er der Sohn, der nicht hatte sein dürfen oder war alles ein großes Hirngespinst?
Es gibt diese Autoren, die schreiben ein Werk und dieses lässt sie ihr ganzes Leben nicht mehr los. Ein solcher Autor war Jakob Wassermann. Schon früh war er von der Geschichte um Caspar Hauser fasziniert und doch hat es lange Zeit gedauert, bis er seinen Text hierzu fertiggestellt hatte. Viel Kritik musste er im Folgenden einstecken und doch schlichen sich immer wieder Anmerkungen oder Bezüge in seine nachfolgenden Werke. 
"Akten zur Verteidigung von Caspars Hausers", herausgegeben von Claudius Weise, gibt einen umfassenden Überblick in das Leben Jakob Wassermanns und wie es von Caspar Hauser beeinflusst wurde. Durch Tagebucheinträge und Anmerkungen seiner Ehefrauen sowie seiner eigenen Texte, Tagebucheinträge und Briefe zeigt sich das Bild eines Autoren, der nicht besessen, aber doch sehr stark durch sein Werk geprägt war und den die fortwährenden Diskussionen müde gemacht haben. 
Ein interessantes Werk, das in vielfältiger Weise einen Einstieg in die Legende Caspar Hausers bietet.

4,5 von 5 Kriminalfällen

Samstag, 17. September 2022

Susanne Degenhardt "Mit Herz und Verstand"

Jane Austen ... Mal wieder ...
Es gibt diese Autoren, zu denen man immer wieder zurückkehrt und von denen oder alternativ über die man alles haben muss.
Bei Jane Austen ist es auf Grund ihres kurzen Lebens sehr einfach ihr Gesamtwerk zu besitzen. Schwieriger ist es, die zahlreichen Pastiches oder Bücher über Jane Austen abzugreifen. Nach einiger Zeit und zahlreichen Büchern meint man, nichts Neues mehr zu erfahren, da sich die Bücher ein ums andere wiederholen.
Anders verhält es sich bei diesem Buch:
Susanne Degenhardt, selbst Jane Austen Fan, hat sich mit einem Aspekt in Jane Austens Leben beschäftigt, den ich noch in keinem anderen Sekundärwerk angetroffen habe: Ihrem Glauben. 
Dabei ist es eigentlich so naheliegend sich mit Jane Austens Religiosität zu beschäftigen, da ihr Vater Pfarrer war und in der Familie dies eine große Rolle spielte. 
In 31 Andachten stellt die Autorin Bezüge zwischen Jane Austens eigenem Leben, ihren Romanen und Passagen aus der Bibel her, um den Lesern in Zeiten der Not eine Stütze zu bieten. 
Auch wenn Jane Austen immer versucht, das vermeintlich Gute im Menschen zu sehen, bieten doch gerade die Antagonisten die Situationen an, durch die nicht nur die Protagonisten sondern auch man selbst beim Lesen wachsen kann. Susanne Degenhardt schlägt hier den Bogen zur Realität: Was tun, wenn man wie Emma sich im Eifer des Gefechts im Ton vergreift, was tun, wenn man zurückgewiesen wird? Sich entschuldigen? Weiterkämpfen? Eine Mischung aus Bibelversen, Lebensweisheiten und Zitaten aus den Briefen zwischen Jane Austen und ihrer Schwester Cassandra runden die Andachten in einer treffenden Art und Weise ab, dass einem beim Lesen warm ums Herz wird.
Die wunderschöne Ausmachung des Buches, passende Textschnipsel aus den Romanen und eine durchweg passende Farbgestaltung zeigen zudem, warum es immer wieder eine Freude ist, ein Buch in der Hand zu halten. Es ist ein Genuss mit allen Sinnen.

5 von 5 Andachten

Mittwoch, 30. März 2022

Susanne Popp "Die Teehändlerin"

Es gibt diese Bücher, unter denen man sich etwas anderes vorstellt. Bücher, bei denen man von gewissen Gegebenheiten ausgeht. Wenn man diese Bücher dann liest und feststellt, dass diese Gegebenheiten nicht so sind, wie man es sich erhofft hat, neigt man dazu das Buch zu beschuldigen, doch liegt es am Buch oder eher am Leser?
Gerade ist es mir mit "Die Teehändlerin" passiert.
Mit diesem Buch entführt uns die Autorin nach Frankfurt. Genauer gesagt in das Frühjahr 1838, als der Kaufmann Tobias Ronnefeldt sich vorbereitet die Anbaugebiete des von ihm importierten Tees in China zu besuchen. Ein Prokurist ist eingestellt, alle Vorbereitungen laufen, doch dann fällt der Prokurist plötzlich aus, ein neuer muss daher und nichts von dem Besprochenen läuft in Abwesenheit von Tobias so, wie er es für richtig erachtet hätte. Da muss seine Frau Fredericke doch eingreifen, oder?
So kommt sie als Frau eines Kaufmanns hinter die Ladentheke und auf den ersten Spott braucht der Leser nicht lange zu warten. Doch wird sie sich durchsetzen?
Und nun? Was war mein Problem? Nun es waren zwei Dinge. Zum einen kam mir, und dabei blieb es bis zum Schluss, zu wenig über Tee vor. Natürlich wurde über Tee geschrieben und er kam auch nicht nicht vor, aber ich hätte mir mehr Details gewünscht:
Wieviel Tee verwendete man damals für die Herstellung einer guten Tasse Tee?
Wie lange brauchte es von China über England oder die Niederlande nach Deutschland etc.?
Wieviel Tee verkaufte sich am Tag?
Interessant fand ich, dass auch schon damals nicht nur Tee sondern auch anderweitige ostindische Artefakte im Laden erwerblich waren.
Zum anderen trägt das Buch den Titel "Die Teehändlerin". Lange Teile des Buches beschäftigen sich mit der Zeit bevor sie hinter die Theke geht und auch sonst wird berichtet über ihre Schwestern, über ihren Schwager, über einen Arzt, über andere Frauen, kurzum "die Teehändlerin" kam mir zu kurz. Allerdings muss ich sagen, als ich das Buch zu Ende gelesen habe, das vieles, obwohl es nicht "die Teehändlerin" ist, "die Teehändlerin" formt. Alle Figuren begleiten sie auf dem Weg, alle Figuren beeinflussen sie und das Buch zeigt ein Frankfurt in der Biedermeier-Zeit, in der es zum Umbruch kam, wie eine Frau gesellschaftlich wahrgenommen wurde. Somit war der Begriff der Teehändlerin hier weiter gefasst, als ich es erst für mich wahrgenommen hatte.
Abschließend gibt das Nachwort Aufschluss, was wahr und was Fiktion ist, ein wichtiges Element für mich bei historischen Büchern.

4 von 5 Teetassen

Mittwoch, 29. Dezember 2021

Charles Dickens "Oliver Twist"


Wie schreibt man eine Rezension zu einem Klassiker der Weltliteratur? Vor allem dann, wenn das Buch nicht so war, wie man es sich vorgestellt hatte?
"Oliver Twist" ist eines von Charles Dickens bekanntesten Werken. Oliver wird in einem elenden Waisenhaus großgezogen. Eines Tages hält er es dort nicht mehr aus und begibt sich nach London, um dort sein Glück zu versuchen. Doch seine erste Bekanntschaft mit Fagin und Dodger scheint seinen Weg in die Unterwelt des Diebstahls, der Trickbetrügerei und anderer Straßendelikte zu lenken. Oliver wird von den beiden unter ihre Fittiche genommen und nur per Zufall scheint sich durch einen Diebstahl etwas Gutes zu entwickeln, doch wie so oft in Olivers Leben schlägt das Schicksal wieder zu und Oliver wird zurück in die dunklen Gassen von London gezerrt und eingesperrt. Warum Fagin gerade an ihm so ein Interesse hat, bleibt dem Leser lange verborgen und umso unglaublicher sind die Entwicklungen, als ein weiterer Einbruch schief geht und Oliver bei einer netten älteren Dame unterkommt, um endlich gesund zu werden.
Düstere Stimmung, dunkle Gassen, der Nebel, der durch ebendiese wabbert. Wer, wenn nicht Charles Dickens, könnte uns das London jener Zeit näher bringen. Man spürt das Elend und die Ungerechtigkeiten auf jeder einzelnen Seite und man ist beim Lesen oft bedrückt ob dieser Miseren. Frauen werden misshandelt, Kinder zum Arbeiten in Fabriken oder zum Stehlen auf die Straßen geschickt. Das Geld machen dabei die Skrupelosen, wirtschaften dabei in die eigenen Taschen und halten die Arbeitenden klein. Es gibt für viele wenig Hoffnung und die Stimmung in dem Buch ist nahezu trist.
Obschon man sich dessen vor Beginn des Lesens bewusst ist, Charles Dickens war einer der größten Kritiker seiner Zeit, vielleicht ist es genau diese Stimmung und das Leid der anderen, dass es schwer macht das Buch wirklich zu mögen.
Sprachlich und stylistisch auf sehr hohem Niveau ist es zudem auch kein Buch, was man mal eben nebenher lesen kann. Als Leser taucht man wirklich ab in die Zeit, in diese Begebenheiten und in das Leid.
Natürlich ist aber auch nicht alles schlecht. Weit gefehlt, aber man merkt, was die Intention des Autors war. Mit jeder einzelnen Zeile, mit jeder einzelen Seite.
Ein Buch, was die alltäglichen Probleme von heute oftmals als klein erscheinen lässt und uns zeigt, wieviel wir in jedlicher Hinsicht besitzen.

3,5 von 5 Taschendieben

Mittwoch, 4. August 2021

Benjamin K. Scott "London Dark"


Jedes Buch beginnt mit einer Idee. Einer Idee des Autoren seine Geschichte den Lesern nahe zu bringen. Benjamin K. Scott äußert schon im Vorwort, dass er von der Welt von Arthur Conan Doyle, Edgar Allan Poe und H. P. Lovecraft beeinflusst ist. Mit "London Dark" legt er einen Sammelband von acht Geschichten vor, die eine Hommage an die drei Autoren darstellen soll.
"London Dark" beginnt im April 1829, als zur Sicherung der Bevölkerung von London Scotland Yard gegründet wird. Seltsame Dinge spielen sich im Königshaus ab, die Menschen werden wahnsinnig und es bleibt erstmal undurchsichtig, wie es dazu kam.
Graham Cluskey ist die Hauptfigur, die den Leser durch alle acht Geschichten begleitet. Als leitender Ermittlung der neuen Behörde muss er sich mit vielen Problemen befassen. Er muss Personal anwerben, der muss sich vom Militär abgrenzen und er muss sogar in der neuen frischen Behörde einen Maulwurf suchen. Körper und Geist werden hier immer wieder auf eine harte Probe gestellt und doch gibt Cluskey für die neue Behörde alles.
Man kann die acht Geschichten sind mehr oder weniger alle einzeln lesen, da die Geschichten zumeist in sich abgeschlossen sind.
Die Beeinflussung seiner Geschichten durch seine drei Idole, ist in jeder Geschichte zu spüren, wobei ich beim Lesen an diesem Crossover nicht wirklich Gefallen finde. Einzelne Passagen könnten direkt aus einer Sherlock Holmes Geschichte stammen, andere aber eine leichte Gruselwirkung und wieder andere gleichen den Geschichten von H. P. Lovecroft. Für mich findet das Crossover keine stimmige Mitte für sich selbst und so wirken manche Szenen einfach nur übertrieben und wieder andere nur wie eine Fotografie einer originalen Geschichte.
Ein wirklicher Pluspunkt an den Geschichten ist der Wunsch des Autoren dem Leser historische Fakten nahe zu bringen. Jede Geschichte baut reale historische Ereignisse ein, die den Leser zum weiteren Studium animieren können.
Unter dem Strich waren die Geschichten in Ordnung. Ich denke mit ein bißchen mehr Selbstvertrauen, hätte man mehr eine eigene Welt bauen können. Das hätte der Reihe mehr Rückgrat verliehen.

3 von 5 Nachtwächtern

Sonntag, 28. Februar 2021

Klaus Trost "Dostojewski und die Liebe"


Zum 200sten Mal jährt sich dieses Jahr Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Geburtstag. Doch was weiß man über den russischen Autor, der bekannt für seine Werke "Schuld und Sühne" oder "Der Spieler" ist?
Klaus Trost, ein Fachmann, was Dostojewski und sein Leben angeht, hat sich an das Thema gewagt, was andere Biographien über Dostojewski als Randnotiz führen, sein Verhältnis zu Frauen.
Doch auch wenn der Titel es vermuten lässt, geht es um weit mehr.
Trost spannt einen großen Bogen, denn jeder Mensch ist auch ein Kind seiner Zeit und so fließt in die Biographie auch die Kindheit, die russische Geschichte und die weitere europäische Geschichte in Ausschnitten ein, denn was bei dieser Biographie sehr deutlich wird: Dostojewski saß oft zwischen den Stühlen und war innerlich oftmals widersprüchlich.
Als Kind wurde er vom Vater von allem Weltlichen weitestgehend abgeschottet, sodass schon hier die Grundlage für sein späteres Wesen liegen könnte. Er ist es nicht gewohnt, sich unter anderen zu befinden und sich in eine Gesellschaft einzufügen. Als er mit seinen ersten Werke bekannt und zu den literarischen Salons eingeladen wird, ist er oft verstört und kann sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht benehmen.
Auch der Umgang mit den Frauen gestaltet sich schwierig. Wo sollte man sie treffen und wie sollte man sie ansprechen? Da sollte man doch lieber auf einen Freund bauen, der wird es schon richten. Oder?
Ob Dostojewski dabei die Gefühle anderer verletzt, ist dabei zweitrangig. Trost vergleicht ihn mit einem trotzigen Kind und dies passt auf viele Wesenszüge.
Er unterstützt zu gewissen Teilen die Emanzipation, aber seine eigenen Frauen darf das nicht berühren.
Schon früh im Leben erkrankt, spiegelt dies auch oft seinen Gemütszustand wider und die Art und Weise, wie er über andere herrscht.
Er meint die Dinge um ihn herum kontrollieren zu können und so ist es ihm unverständlich, dass er beim Glücksspiel so oft verliert. Oft verspielt er sein letztes Geld, sodass ihm seine Bekannten Geld schicken müssen, damit er zumindest das Hotel noch bezahlen kann.
Kommt davon etwas bekannt vor? Ja, seine Erfahrungen mit dem Glücksspiel fließen in seine Geschichte "Der Spieler" ein.
Was im Buch deutlich wird, das Leben beeinflusst die Literatur, die Literatur beeinflusst das Leben und Dostojewski hat es sich mit seinen Frauen oftmals nicht leicht gemacht. Selbst oftmals planlos, verlangt er von den Frauen in seinem Leben alles, ohne im ersten Moment dafür etwas zu geben. Und warum das ganze? Nun, lest selbst.
Trost schafft es mit seinem Buch einen umgänglichen Ton zu treffen, der die Biographie gut lesen lässt. Das Buch ist in die Lebensabschnitte unterteilt, wann er jeweils eine neue Frau trifft. Die Beziehung wird je nach Intensität mal kürzer, mal länger umrissen und im Anhang finden sich kurze Lebensläufe der Frauen.
Ein Buch für Liebhaber von Dostojewski, für geschichtlich oder literarisch Interessierte und für Menschen, die einfach mal lesen wollen, wie es ist im 19. Jahrhundert mit seinen ganzen Umwälzungen zu leben.
Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

4,5 von 5 Tagebucheinträgen

Sonntag, 14. Februar 2021

Heinrich Heine "Deutschland - Ein Wintermärchen"


Knüpft ihr an Bücher auch gewisse Erinnerungen? 
Ich hatte bereits eine klassische Geschichte mit den Illustrationen von Hans Traxler gelesen und war von dem Zusammenspiel von Text und Illustrationen begeistert. So war es eigentlich ein Zufall, dass ich auf der für mich schönsten Frankfurter Buchmesse 2019 im antiquarischen Bereich die wunderschöne Ausgabe von Heinrich Heines "Deutschland - Ein Wintermärchen" fand. Es hat den ohnehin perfekten Tag noch ein Stück bereichert.
Doch nun zum Buch. Wenn man sich so sehr freut ein Buch gefunden und gekauft zu haben, desto höher sind auch die Erwartungen an das Buch.
Ein erster Schreck, man mag es mir nachsehen, war, als ich feststellte, dass das Buch in Gedichtform geschrieben ist. Darauf hatte ich nicht geachtet. Gedichte und ich, nun wir haben keine gute Vergangenheit und so war die erste Freude schon sehr gedämpft. Doch mit jeder Zeile, die ich las, mit jedem Witz, mit jeder Satire breitete sich ein Schmunzeln in meinem Gesicht aus, dass ich vorher nie mit Gedichten in Verbindung gebracht hätte.
Heines "Deutschland - Ein Wintermärchen", geschrieben im Januar 1844, erzählt Heines Reise von Frankreich nach Deutschland. Heine, der zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre im Exil lebte, bereist auf seiner Fahrt in seine Heimatstadt Hamburg mehrere deutsche Städte und hat überall etwas zu meckern oder lässt Spott auf die lebenden Personen regnen. 
Trotz der Versform und gerade durch unreine Reime fliegt man beim Lesen gerade nur so durch die Zeilen und ist erstaunt mit welcher spitzen Feder Heine seine Mitmenschen analysiert, kritisiert und dabei macht er auch für Göttern und Mythen nicht halt.
Ergänzt wird diese Ausgabe um mehrere Seiten von Anmerkungen, die dem Leser von heute, die damals herrschenden Personen oder geschichtlichen Begebenheiten näher bringen und um ein Nachwort, dass das Buch in seinen gesamten historischen Kontext setzt.
Eine wunderschöne Ausgabe, die einen Ehrenplatz in meinem überfüllten Buchregal bekommt, zum einen wegen des Inhalts und zum anderen wegen der Erinnerung an die Buchmesse.

4 von 5 Postkutschen

Freitag, 11. Dezember 2020

Charles Dickens "Eine Weihnachtsgeschichte"


Ein Buch, was für mich zu Weihnachten gehört, und welches ist jedes Jahr lese, ist "Eine Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens. Im Lauf der Zeit habe ich mir mehrere Ausgaben des Buches besorgt, sodass ich von Jahr zu Jahr die Ausgabe wechseln und die individuellen Umsetzungen der einzelnen Ausgaben auf mich wirken lassen kann.

Wem die Geschichte, trotz ihrer Bekanntheit nicht geläufig ist, hier kurz der Inhalt:
Scrooge ist als einziger seiner Geschäftspartner noch bei Marley und Scrooge übrig geblieben. Alle anderen sind tot. 
Wie jedes Jahr an Weihnachten lässt er seine Angestellten bis zur letzten Sekunde schuften und will ihnen dann noch nicht einmal den ersten Weihnachtsfeiertag frei geben. Nur unter großem Protest gibt er schließlich nach.
Zuhause angekommen begegnet ihm der Geist seines ehemaligen Geschäftpartners Jacob Marley, um ihn von seinem miesepetrigen Lebensweg abzubringen. Drei Geister erscheinen im Folgenden und zeigen Scrooge, wie Weihnachten sein könnte, wenn man nicht so aufs Geld fixiert wäre.

Meine diesjährige Ausgabe ist eine stark gekürzte Fassung der Geschichte und das Buch ist eigentlich eine Kinderausgabe.
Schon als Kind habe ich solche Bücher geliebt. Neben dem Text der Weihnachtsgeschichte, werden Begriffe, die Kinder heutzutage nicht mehr kennen, erklärt und auch die Lebensumstände werden aufgezeigt. So wird erläutert, warum Arme nur eine Gans und Reiche einen Truthahn zu Weihnachten essen. Warum es Armen- und Pfandhäuser gibt, was ein Kolonialwarengeschäft ist und so weiter.
Hinterlegt mit wunderschönen Illustrationen bietet diese Ausgabe zusätzlich zur eigentlichen Geschichte noch etwas fürs Auge und etwas für die Bildung.

5 von 5 Scrooges (und ja das Wort gibt es im Englischen nicht nur als Vornamen, sondern es ist auch die Bezeichnung für einen Geizhals)

Donnerstag, 3. Dezember 2020

Akram El-Bahay "Das Schattentor - Ministry of Souls"


Was wäre wenn die Toten ihren Weg ins Jenseits nicht alleine finden würden und Hilfe bräuchten? Was wenn es eine spezielle Einrichtung geben würde, die sich nur mit der Hilfe für diese Seelen beschäftigen würde?
Unvorstellbar? Nicht für Akram El-Bahay. Denn sein Buch "Das Schattentor - Ministry of Souls" hat genau so ein Institut als Dreh- und Angelpunkt seiner Geschichte.
Aber der Reihe nach: London im Jahre 1850. Queen Viktoria herrscht über ein weltumspannendes Reich, doch die Lebensumstände in Hauptstadt sind nach wie vor nicht die besten. Täglich sterben die Menschen an Hunger, Krankheit oder sie kommen bei Unfällen zu Tode.
Doch die Welt ist ein wenig aus den Fugen, denn die Toten wollen London nicht verlassen und geistern durch die Straßen.
Da erscheint neben der frisch gegründeten Metropolitan Police das Ministry of Souls genau zum rechten Zeitpunkt auf der Bildfläche.
Eine ganze Mannschaft läuft durch die Straßen und sammelt, gerade bei schweren Unglücken, die verlorenen Seelen ein und bringt sie in ihre jeweilige Zwischenwelt.
Soulman Jack ist eigentlich noch in der Ausbildung, als er zu einem besonders heiklen Fall an den Buckingham Palace beordert wird und sein erster großer Fall bringt ihn fast an den nervlichen Abgrund. Ein Staatsempfang ging fürchterlich schief und Jack soll Schadensbegrenzung betreiben, doch was, wenn nicht nur die Soulman in die Zwischenwelt gelangen können, sondern auch etwas aus der Zwischenwelt zurückkommen kann?
Akram El-Bahay webt eine Geschichte, die sich auf die Lebensumstände des viktorianischen Welt stützt und vermischt sie mit Geschichten aus 1001 Nacht und anderen mystischen und märchenhaften Elementen, sodass sich eine völlige neue eigene Welt ergibt, die parallel zur viktorianischen Zeit existiert.
Alles ist durchdacht, kennt man sich in der viktorianischen Zeit aus, muss man oft herzhaft schmunzeln und viele kleine Feinheiten runden das Buch charmant ab.
Ein Buch, was den Leser in eine vergangene und auch in eine traumhafte Welt leitet und das Lesen zum Genuss wird.

4,5 von 5 Soulmen

Sonntag, 4. Oktober 2020

Tilman Spreckelsen "Das Nordseegrab"


Husum, im Jahre des Herrn 1843.
Auf dem Gelände von Johann Casimir Storm wird in einem Fass eine blutüberströmte Leiche gefunden oder auch doch nicht? Es ist zuviel Blut am Tatort, als dass es mit rechten Dingen zugehen kann. Wie gut, dass Johann Casimir Storm gerade den neuen Schreiber Peter Söt für seinen Sohn Theodor Storm eingestellt hat. Denn auf die elendigen Behördengänge hat Storm senior mal so überhaupt keine Lust. In seinen Jahren als Anwalt ist er mit fast allen Menschen schon einmal in Berührung gekommen. Aber nicht alle erinnern sich mit Wohlwollen an ihn.
Kurze Zeit später gibt es ein weiteres Opfer und von Zufall kann bald keine Rede mehr sein, denn die Männer kannten sich und waren einander auch verbunden. Damals vor nicht noch allzu langer Zeit und doch scheint es ewig her...
Tilman Spreckelsen legt mit "Das Nordseegrab" den ersten Band seiner Reihe um Theodor Storm und seinen Schreiber Peter Söt vor.  Das Buch zieht den Leser ab der ersten Seite in seinen Bann, denn es wird dem Leser noch eine weitere Geschichte erzählt. Die Geschichte eines Schiffes.
Man taucht ein in diese Zeit, eine Zeit, in der ein Leben oft nicht viel zählte und in der man Personen allein auf Grund ihres Amtes mehr Respekt zollte als dem kleinen Mann.
So reihen sich in dem Buch mehrere Fehlverhalten aneinander und der Leser ist immer auf der Suche nach dem Ursprung der Geschichte, denn eins ist klar:
Alles begann schon bevor Peter Söt nach Husum kam und nicht er ist das Übel.
Die Sprache des Buches ist seiner Zeit angepasst und die Beschreibungen Husums und auch der anderen Dörfer lassen die vergangenen Zeiten vor dem Augen des Lesers auferstehen. 
Damals alltägliches fließt genauso in das Buch ein, wie auch die Schilderungen von der Landschaft, die dort entstanden ist. Der Übergang zwischen Fiktion und Realität ist oftmals kaum spürbar, da der Autor sich sehr mit der Geschichte Husums und Theodor Storms befasst hat.
Daher ist der Krimi beides, ein Krimi und ein Geschichtsbuch.

4,5 von 5 Sternen

Montag, 14. September 2020

Ambrose Parry "Die Tinktur des Todes"


Edinburgh, 1847.
Im viktorianischen Edinburgh kommt es zu einer Reihe von ungewöhnlichen Todesfällen. Doch da es sich vornehmlich um junge Frauen von niederem Stand handelt, ist die Polizei schnell mit dem Urteil "Selbstmord" dabei.
Als die junge Evie stirbt, glaubt der junge Medizinstudent Will Raven nicht, dass sie sich selbst umgebracht hat. Trotzdem er gerade seine neue Stelle bei Dr. Simpson angefangen hat, versucht er Beweise dafür zu finden, dass sie sich nicht selbst getötet hat. Das Hausmädchen Sarah steht ihm dabei zur Seite, auch wenn sie ihm eher aus Eigennutz hilft.
Eine weiterer Teil der Geschichte ist die Entwicklung der Anästhesie und der oftmals verzweifelte Versuch die Medizin voranzubringen.
Ambrose Parry taucht ein in das nebelige Edinburgh mit all seinen Spelunken, seinen Erpressern, seinen Dieben und seinen Huren. Ein Menschenleben ist zu dieser Zeit oftmals nicht viel wert und gerade im Gesundheitswesen herrscht eine strikte Zweiklassengesellschaft.
Sehr anschaulich und gegenfalls auch brutal wird geschildert, wie das niedere Volk zum einen und die Reichen auf der anderen Seite behandelt werden und auch wenn man zeitweise meint, den Gestank aus der Gosse wirklich riechen zu können, so ist das Buch wirklich grandios. Nichts wird beschönigt, aber es wirkt auch nichts maßlos übertrieben.
Die Charaktere sind gut herausgearbeitet und wenn man Edinburgh kennt, kann man der Handlung auch wunderbar durch die Stadt folgen.
Das Buch ist einerseits ein wirklich guter Krimi, andererseits aber auch ein sehr gesellschaftskritischer Roman und des Weiteren auch noch eine gute Einführung in die Welt der Medizin und Anästhesie.
Ein hervorragender Auftakt für neue Krimireihe.

5 von 5 Tinkturen