Samstag, 30. August 2025
Helen Herbst "Lady Agnes und der tote Gärtner im Rosenbeet"
Doch als der Mord geschieht, können sich die drei Bewohner vor Besuchern kaum retten, auch wenn es zuweilen unangenehme Treffen sind. Schon im ersten Moment ist der Polizist äußerst feindselig und die alte Nachbarin, die eigentlich eher immer wie eine Dame wirkte, zeigt zunehmend gereizte Züge. Ausgerechnet in diesem Tohuwabohu wird Lady Agnes eingeladen, sich bei einer Gartenshow anzumelden, was im Dorf nicht bei allen auf Begeisterung stößt.
Detektivgeschichten sind dadurch gekennzeichnet, dass oftmals nicht die Polizei die Ermittlungen durchführt, sondern es sind die sogenannten einfachen Leute, die gerne belesen durch Kriminalromane, eine Ahnung vom Bösen und zwischenmenschlichen Beziehungen haben.
Die Gemütlichkeit fließt über die Eigenarten der Protagonisten und gerne auch deren Marotten in die Handlung ein. So ist es hier ein Haushalt, in dem alle Figuren größere und kleinere Geheimnisse haben und eine Schrulligkeit an den Tag legen, die immer wieder die Mundwinkel zucken lassen. Ein Butler, der schon morgens den Sonnengruß auf der eigenen Rasenfläche vollführt, ist schon ein sehr amüsantes Bild. Sonderlich komplex sind die Krimis nicht, da sie sich vielmehr auf die Personen und das Dorfleben konzentrieren.
Eine gelungene Mischung, die viele der englischen Werte hochhält und mit einem Augenzwinkern um moderne und auch tollpatschige Elemente ergänzt.
4 von 5 Rosengärten
Dienstag, 19. August 2025
Mac Conin "Nirgendwann - Plan B war auch Mist"
Dreh- und Angelpunkt ist die Zülpicher Straße in Köln. Hier spielt der größte Teil der Geschichte. Erzählt aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten (u.a. auch ein Büdchen) erfährt man viel über das Leben um und auf der Straße. Wie die Menschen hier früher lebten, was sich verändert hat. Wer gegangen und wer geblieben ist. Einzelne Charakter verbringen nahezu ihr ganzes Leben hier (Herr Hänsel) und andere sind erst kurz dort (Jo). Doch für alle ist die Straße ein Zuhause. Unbewusst sind sie eine Gemeinschaft, wie sie das Büdchen in der heutigen Zeit kaum mehr kennt.
Das Büdchen nimmt in der Geschichte neben den anderen Erzählenden eine Sonderstellung ein. Eigentlich ein Institut des Viertels ist es mehr als ein schlichter Kiosk. Früher traf man sich hier und tauschte Neuigkeiten aus, doch wie sich die Gesellschaft verändert, ändert sich auch das Verhalten der Kaufenden. Vielfach ist das Büdchen ein Spiegel der Gesellschaft und wirft in die Handlung die eine oder andere Weisheit hinein, ohne dabei zu stören.
Die Geschichte wühlt dabei den Lesenden sehr oft auf. Alle Ungerechtigkeiten, die man sich vorstellen kann, treffen auf die verschiedenen Protagonisten und doch schafft es der Autor ein stimmiges Bild zu schaffen. Denn die Welt ist nicht rosarot. Manchmal vielleicht, aber definitiv nicht immer. Und so zeigt er an den verschiedenen Lebensläufen, was Stärke, Zusammenhalt und Gemeinschaft bedeuten, selbst wenn die Tage nahezu dunkel erscheinen.
Ein gelungenes Buch über menschliche Beziehungen und dem Wunsch ein sorgenfreies Leben zu führen.
Danke an den Autor für das Rezensionsexemplar.
Samstag, 16. August 2025
Olivia Monti "Die Toten von nebenan"
Es beginnt ein Machtkampf zwischen Lebenden und Toten, Tober und den Toten und ...
Wer mit wem gegen wen und vor allem warum?
Ränkespiele zeichnen sich immer wieder durch wechselnde Konstellationen der Beteiligten auf und das ist auch hier der Fall.
Während Herrn Tober schnell böse Absichten unterstellt werden können, sind die Toten der Straße einem oftmaligen Hin und Her unterworfen, wie es auch im wahren Leben oft so spielt. Die Toten unterliegen dabei den gleichen Gefühlen wie die Lebenden und so sind Hass, Neid und auch Vorurteile im vermeintlichen Jenseits an der Tagesordnung.
Mit sehr kurzen Kapiteln hält die Autorin zusätzlich die Spannung hoch und die Situationswechsel erinnern an einen modernen Actionfilm.
Immer wieder ist es an den Figuren, Stellung zu beziehen, sich dem Bösen entgegen zu stellen und trotzdem das eigene Leben nicht aus den Augen zu verlieren. Hier bleibt die Autorin vage und lässt keine Figur über das gesellschaftliche "Richtig" und "Falsch" urteilen, was man zwischendrin annehmen könnte.
Ein Buch, was die Lesenden über Ungerechtigkeiten und Verhaltensweisen sinnieren und über den eigenen Umgang mit anderen nachdenken lässt.
4 von 5 Flüchen
Danke an die Autorin für das Rezensionsexemplar
Sonntag, 10. August 2025
Reinhard Kuhnert "Was unvergessen bleibt"
In der ersten Geschichte muss ein Mann seinen Hirntumor entfernen lassen und danach versuchen, sich an sein Leben zu erinnern. Die Flucht aus der DDR, der Verlust seines Bruders, Vaters und der seiner Mutter. Die erste enttäuschte Liebe, vieles, was verloren schien, treibt wieder an die Oberfläche und lässt ihn an die alten Zeiten denken.
Die zweite Geschichte beginnt mit einer Beerdigung. Nur zwei Menschen sind in das Dorf zurückgekehrt und nehmen Abschied. Was hatte der Mann falsch gemacht, dass sein Tod so wenige Menschen zu berühren scheint. Alles begann mit einer Karnevalsveranstaltung.
Die Fahrt nach Weimar läutet die dritte Geschichte ein. Bettina ist nicht begeistert, dass sie ihrem Bruder bei einem Gespräch mit der Mutter unter die Arme greifen soll. Tina war immer die Böse, die in den Westen gegangen ist und die Familie im Stich gelassen hat.
Für die vierte Geschichte geht es auf eine Insel, genauer gesagt, nach Irland. Eine Frau war unterwegs und als sie zurückkehrt, heißt es, ihr Mann sei verstorben. Doch Barde und Draufgänger, der er war, glaubt sie an eine Verwechslung.
So unterschiedlich die Erzählungen auf den ersten Blick sein mögen, alle handeln von den Beziehungen zwischen den Menschen und was im Leben wirklich zählt.
Ist eine Meinungsverschiedenheit so wesentlich, dass man den Kontakt abbricht?
Hat ein Mensch Schuld auf sich geladen, wenn er versucht seine Familie zu beschützen?
Was bleibt von uns, wenn wir unsere Erinnerungen verlieren?
Diese vermeintlich großen Fragen werden in schöne Erzählungen gepackt und zeigen, wie wir miteinander umgehen und wie wir es stattdessen lieber sollten.
4,5 von 5 Grenzgängern
Dienstag, 5. August 2025
Ben Guterson "Das World Famous Nine"
Doch als Zander von seinen Eltern zu der Inhaberin Zina, welche zugleich seine Oma ist, gebracht wird, häufen sich die Zwischenfälle in dem wunderschönen Kaufhaus. Während die ersten Tage der Erkundung des Gebäudes dienen, wird Zander immer mehr in die Geschichte des Haus hineingezogen und entdeckt, dass es ein Rätsel zu lösen gibt, was über die Zukunft des Kaufhauses entscheiden wird.
Wer bereits Bücher von Ben Guterson gelesen hat, weiß um seine Liebe für Rätsel und Gedanken, die man um die berühmte Ecke betrachten muss. So ist es auch hier.
Zander macht in den paar Tagen eine unglaubliche Entwicklung durch und ist nach den Ereignissen nicht mehr derselbe Junge wie zu Anfang der Geschichte.
Im Gegensatz zu seiner Reihe "Winterhaus" ist es hier an manchen Stellen ein wenig überzeichnet und man könnte fast meinen, man liest eine Heldengeschichte aus der Antike. Auch sprachlich bin ich an manchen Stellen nicht sicher, ob die Einordnung ab neun Jahren nicht etwas zu viel von einem jungen Leser erwartet, da der verwendete Wortschatz sehr beachtlich ist.
Schlussendlich ist es aber wieder ein gelungenes Buch, was die Neugier von Kindern bestärkt und sie anhält sich mit Rätseln zu befassen.
4 von 5 Aufzügen
Mittwoch, 30. Juli 2025
Silia Wiebe "Unsere Mütter"
Das Sachbuch erzählt von zwölf Mutter-Tochter-Beziehungen. Augenscheinlich dieselbe Beziehung, doch keine gleicht der anderen.
Die zwölf Töchter sind in sehr unterschiedlichen Verhältnissen aufgewachsen, sind zum Zeitpunkt des Interviews nicht im gleichen Alter und ihre jeweilige Beziehung zu der Mutter ist verschieden.
Die Autorin schafft es mit den Texten zwei sehr wesentliche Grundsätze zu zeigen: Zum einen kann man keine Beziehung mit einer anderen vergleichen und zum anderen beweist sie, dass alle folgenden Beziehungen auf der zur Mutter fußen.
Wie bei einem psychologischen Gespräch setzen sich die Töchter, die eine eher schwierige Beziehung zur Mutter haben, in ihren Texten damit auseinander. Mal war die Mutter bei der Geburt zu jung, mal war sie krank. Und natürlich wirkt sich die schon die eigene Beziehung der Mutter zu ihrer Mutter auf das Verhältnis aus.
Die Töchter, die ein gutes Verhältnis zur Mutter haben, erzählen, was sie alles mit ihr erleben und wie ihre Mutter das Leben bereichert.
Doch es gibt hier und da auch Zwischentöne, mal ein übergriffiger Kommentar, mal eine Spur zu viel Kontrolle.
Das Buch bildet ein Kaleidoskop an Verhältnissen und jede Geschichte ist einzigartig.
Manche sind sehr traurig, einige schon fast ein bisschen lustig.
Aber alle sind emotional und berühren beim Lesen, weil man doch, egal wie die eigene Beziehung ist, entweder Mitleid oder Freude für die Erzählerinnen empfindet.
Ein Buch, was die Vielschichtigkeit von Beziehungen herausarbeitet, ohne dabei zu bewerten.
4 von 5 Beziehungen
Mittwoch, 23. Juli 2025
Alexander Hoffmann "Brillanter Abgang"
Derweil hat in Deutschland ein kleiner Sachbearbeiter die Fehlüberweisung bemerkt und gibt es in der Hierachiekette weiter, bis sich letztlich der oberste Chef selbst einschaltet.
Die Geschichte von Hans Bäumler und der Bank wird in Perspektivwechseln erzählt. Mal erfährt man, wie es Bäumler im Ausland ergeht, dann handelt ein Kapitel von dem Bankmitarbeiter.
Unterschiedlicher könnten die beiden Leben nicht verlaufen und was innerhalb von zwei Jahren passiert, lässt den Leser mal schmunzeln und mal staunen.
Auch wenn ich mehrfach recht sicher war, wohin die Geschichte führen wird, hat es der Autor immer wieder geschafft, mich zu überraschen und die Erzählung in stets neue Bahnen zu lenken. Dabei bleibt die Handlung schlüssig und nachvollziehbar und driftet nicht irgendwann in das Fantastische ab.
Neben einem Einblick in die Welt der Antiquitäten bekommt man auch ein Gespür dafür, wie es hinter den Kulissen der Finanzwelt zugeht und wie klein gerade hier die Welt doch ist.
Mit seiner Liebe zum Lokalkolorit ist ein ungewöhnlicher, aber dafür sehr lesenswerter Kriminalroman.
4,5 von 5 Fehlüberweisungen
Freitag, 18. Juli 2025
Elise Downing "Küstenpfade"
Als Elise sich entschließt die britische Insel zu umlaufen, gibt es den berühmten Küstenwanderweg noch nicht. Es gibt lediglich Teilbereiche und viele werden im Jahr ihrer Wanderung erst erschlossen. Warum ich das direkt zu Anfang sage? Weil es die Schwere ihrer Umrundung unterstreicht und viele Momente mit ihr erklärt. Oftmals muss sie an oder gar auf Straßen laufen, denn längst nicht auf jedem Kilometer kann man dicht an der Küste den Blick auf das Meer genießen. Ich persönlich glaube, das hätte es für sie in vielen Momenten erleichtert.
Doch von Anfang an: Elise ist nicht die ausgebildete Läuferin, wie man es vermuten mag, wenn man eine solche Wanderung anstrebt. Den einen oder anderen Lauf hat sie zwar absolviert, aber 8.000 Kilometer, davon war bisher noch nie die Rede und doch scheint der Zeitpunkt perfekt. Sie kündigt ihren Job, ihre Beziehung ist schon zuvor fast zum Erliegen gekommen und sie zieht wieder bei ihren Eltern ein.
Mit einem Rucksack und einem Zelt macht sie sich im November auf und läuft los.
Die nächsten Monate begleitet man sie und es ist ein schieres Wechselspiel der Gefühle. Viele Stunden am Tag mit sich allein zu sein, kann neben der körperlichen Anstrengung unheimlich hart sein, dazu auch die Abgeschiedenheit und das Heimweh. Vieles drückt ihr gerade zu Beginn der Reise auf das Gemüt und sie wirkt unzufrieden und frustriert.
Doch mit jedem Kilometer gewinnt sie an Stärke, Selbstvertrauen und findet eine Ruhe, die sie zu Anfang nicht hatte.
Sie berichtet von den Orten, die sie gesehen hat, erzählt von ihren Ängsten und Anekdoten, denn sie hat bei vielen Menschen übernachtet und wer die Engländer kennt, weiß, dass sie ihre ganz besondere Art haben.
Es ist ein Buch, das zeigt, wie man wachsen kann.
Es ist ein Buch, das zeigt, wie man zu sich selbst und einen Fokus findet. Das meine ich nicht nur im esoterischen Sinne. Beim Wandern hat man viel Zeit zum Nachdenken und nach Gespräche mit anderen, kann ein Lauf bekanntlich Berge versetzen.
4 von 5 Laufschuhen
Donnerstag, 17. Juli 2025
Christopher Lincoln "Nachts in der Bibliothek"
Die Graphic Novel startet mit einem Besuch der beiden bei Bibliothek von New York.
Ihre Mission: Es gilt ein Buch schätzen zu lassen, welches ihr Vater wie seinen Augapfel hütet. Doch während sie versuchen den richtigen Ansprechpartner zu finden, bricht in der Bibliothek das reinste Chaos aus. Denn wie wir alle wissen, haben Bücher ihr Eigenleben und das plötzliche Auftauchen von Figuren, die gerade ihren Büchern entsprungen sind, gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Was aber nicht immer gelingt und so ... Aber nein, mehr verrate ich hier nicht ...
Christopher Lincoln bedient sich in diesem Band all der Klassiker, die wir Lesenden so unglaublich lieben und führt so ein jüngeres Publikum an diese Perlen der Weltliteratur. Denn während die Handlung immer weiter vorangetrieben wird, nimmt der Autor sich auch Zeit, die einzelnen Figuren und deren dazugehöriges Buch kurz vorzustellen. Somit ist die Graphic Novel beides, eine spannende Abenteuergeschichte und gleichzeitig ein Nachschlagewerk für bekannte Klassiker.
Die Mischung ist ihm gut gelungen, da Spannung und Bildung gleichwertig nebeneinander stehen und er zudem bei den Klassiker eine Auswahl an verschiedenen Genres bedacht hat.
Gerade für Heranwachsende, die sich mit Literatur auseinandersetzen und ein Gefühl dafür bekommen möchten, was es heißt in einer Bibliothek zu arbeiten - wenn auch in real nicht ganz so fantastisch - ist dies ein Buch, was sie anregen kann, weiter zu denken und Figuren und Erkenntnisse in ihr Leben zu lassen, die Abseits von Smartphones und digitaler Berieselung einen wohlverdienten Ausgleich schaffen.
5 von 5 Bibliothekarinnen
Samstag, 12. Juli 2025
Edi Estermann "Der Elefant im Personalladen"
444 Versprecher hat der Autor in seinem Buch "Der Elefant im Personalladen" zusammengeführt und sorgt damit für Lacher und aber auch für das eine oder andere Kopfschütteln.
Zu Anfang erklärt er, wie er die sehr unterschiedlichen Redewendungen und Sprichwörter zu sammeln begann. Ausschlaggebend ist da sein direkter Bekanntenkreis und die Reisen mit der Bahn haben auch einige Beiträge beigesteuert.
Die Themenbereiche bilden das Grundgerüst, an dem er die Sprichwörter und ihre Fehlinterpretationen aufreiht. Bei eigenen Sprichwörter bietet er auch eine historische Einordnung und erklärt den Lesenden, wie es zu den Texten gekommen ist. Manchmal, wenn ein Sprichwort einen Sinnwandel vollzogen hat, erklärt er auch, was ursprünglich mit den Zeilen gemeint war.
Es ist somit ein Ausflug in die Welt der Sprache und somit auch gerade bei älteren Phrasen eine Reise zu den Missverständnissen unserer Zeit, wenn man nicht mehr wirklich die Probleme früherer Generationen verstehen kann.
Am Stück sollte man das Buch allerdings nicht lesen, da sonst einige der feinen Versprecher in der Masse schlicht untergehen. Dann und wann einige Seiten erhöhen den Schmunzelfaktor und lassen das Buch über Tage den Alltag mit einem Lächeln versüßen.
4 von 5 Versprechern
Montag, 30. Juni 2025
Thomas Harding "Die Einstein-Vendetta"
Sonntag, 22. Juni 2025
Klaus-Peter Wolf "Mord am Leuchtturm"
Zwangsläufig müssen hier doch doppelte Vergehen verkommen, oder?
Allerdings ist hier das Gegenteil der Fall. Die eine oder andere Geschichte mag zwar ähnlich angehen, die Lösung ist aber jedes Mal anders und ab und zu sogar sehr speziell.
Klaus-Peter Wolf mischt seine Kurzgeschichten einmal gut durch. Das betrifft sowohl die Inhalte als auch das Personal. Sowohl die Figuren aus seinen Krimis treten in Erscheinung, als auch für die Geschichte neu erdachte Personen.
Dabei sind seine Texte oftmals sehr realitätsnah, was sich aus dem abschließenden Interview ergibt. Einige Orte und auch Personen in seinen Erzählungen gibt es wirklich und so ist die Grenze zwischen Fiktion und Realität mehr als nur einmal verschwommen.
Auch wenn es in den Krimis um Tod geht, kommt der Leser nicht umhin, sich mit dem Humor des Autors auseinanderzusetzen. Mal ein Schmunzler hier, ein breiteres Lachen dort, schaffen neben der Tristesse des Todes den entsprechenden Ausgleich. Denn wie er es im Interview erwähnt, der Leser achtet die ganze Zeit auf Details und trotzdem soll die Geschichte auch noch unterhalten.
Man merkt beim Lesen eine Schreibroutine, Logikfehler, wie man sie bei anderen Krimis öfter findet, passieren ihm nicht. Es ist erfrischend, wie einfallsreich der Autor bei den Todesarten war.
Ein Hoch auf die Kurzgeschichten. Demnächst geht es an den ersten Krimi von Ann Kathrin.
4,5 von 5 Krimischauplätzen
Donnerstag, 5. Juni 2025
Micke Bayart "Als Pippi nach Deutschland kam"
Vor einigen Wochen hatte ich "Die unbekannte Astrid Lindgren" gelesen, in dem es hauptsächlich um ihre Tätigkeit als Herausgeberin und Verlagsmitarbeiterin ging. Spannend geschrieben wollte ich mehr über die Autorin hinter den Büchern erfahren und nahm "Als Pippi nach Deutschland kam" zur Hand. Nach den ersten ein, zwei Kapiteln hatte ich den Eindruck erneut "Die unbekannte Astrid Lindgren" zu lesen, da viele Inhalte, nicht Formulierungen, sehr dem ersten Buch glichen. Da ich das Buch mit einer Freundin zusammen las und mich mit ihr darüber unterhielt, las ich weiter und erkannte, dass nur die einleitenden Kapitel Überschneidungen besitzen, sich die Bücher danach aber inhaltlich und strukturell sehr unterscheiden.
Der Autor lässt viele Beteiligte aus den Verfilmungen zu Wort kommen und erklärt sowohl die historischen als auch kulturellen Hintergründe. Immer untermalen Astrid Lindgrens eigene Worte die Texte und auch die Zusammenarbeit mit dem Oetinger Verlag wird immer wieder herausgehoben.
Von den Versuchen Pippi in ihrer Art und Weise zu verändern, damit sie in der DDR veröffentlicht werden konnte, über die Dreharbeiten, bis hin zu den verschiedenen Darstellern von Pippi und anderen Verfilmungen wie Michel oder Ronja Räubertochter, ist auch dieses Buch ein Zeitdokument.
Es zeigt die Unterschiede in der Kindererziehung in Schweden, Deutschland und der DDR. Es zeigt, wie sehr darum gekämpft wurde, Kindern schöne und wohlwollende Literatur zugänglich zu machen und dabei auch das aufkommende Fernsehen zu integrieren.
Wer mehr über Pippi, Astrid Lindgren und die Nachkriegszeit erfahren will, sollte zu diesem und auch zu "Die unbekannte Astrid Lindgren" greifen.
4,5 von 5 kleinen Onkeln
Sonntag, 18. Mai 2025
Frank Lauenroth "Delter"
Während ein Roman eine einzelne Geschichte erzählt, geht es bei Kurzgeschichtensammlungen, wie der Name schon sagt, um mehr als nur eine Geschichte. Viele Facetten spielen in die jeweiligen Geschichten rein und einen Sammelband kann man nicht so ohne Weiteres beurteilen wie einen Roman.
Jede Kurzgeschichte braucht ein Thema, ein Setting, einen Spannungsbogen. Je nach Thema braucht sie mal mehr, mal weniger Hintergrundinformationen. Sie ist für einen Wettbewerb geschrieben oder sie musste einfach in die Welt hinaus.
Warum ich das so explizit erkläre? Die Kurzgeschichte hat in der deutschen Literatur leider nicht den besten Ruf. Immer wird der Roman hochgehalten und als das Beste vom Besten dargestellt. Doch es gibt Beweise, dass das nicht die ganze Wahrheit ist.
"Delter" ist der Name einer Kurzgeschichte in diesem Sammelband. Als letzte im Buch platziert, rundet sie die vorigen Texte perfekt ab. Denn sie zeigt, was Frank alles schreiben kann. Bleiben wir bei diesem Text; im Weltall angesiedelt, sind mehrere Kreolyten auf einer Mission unterwegs, doch sie unterliegen einer strengen Hierarchie. Was passiert, wenn sich einer dem nicht beugen will?
Ein anderer Text zeigt, was passiert, wenn Teddys für ihre Rechte ins Feld ziehen müssen. Feuer und anderen Widrigkeiten ausgesetzt, müssen sich die flauschigen Wesen behaupten, denn sonst kann ihnen keiner zu Hilfe eilen.
Was gibt es noch? Glückspiel, Geistesblitze, Timing, einen Toyplanet ... Nein, ich zähle jetzt nicht alle Geschichten auf, denn auch das ein Teil des Charmes von Kurzgeschichtensammlungen. Man bekommt eine Wundertüte voller Geschichten und wenn man Glück hat, sind sie alle etwas Besonderes.
5 von 5 D3017
Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
Dienstag, 29. April 2025
Katherina Ushachov "Prism"
Penelope ist schwanger, als sich mit Sofie und Kader trifft. Was als einmaliges Treffen gedacht war, wird zu einer Trärchen-Beziehung.
Und nicht nur das.
Alle drei arbeiten bei Prism, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die letzten Erinnerungen von Mordopfern speichern zu wollen. Ziel soll sein, Ermittlungen schneller voran zu treiben und auch die Unmöglichkeit von Straffreiheit in Aussicht zu stellen. Achtzehn Jahre begleitet die Erzählung die drei, erzählt vom Job, vom Privatleben, vom politischen Klima, was zunehmend unangenehm wird.
Immer weiter wird an Prism gefeilt, immer mehr Funktionen ergänzt. Doch hat es mit der ursprünglichen Idee überhaupt noch etwas zu tun?
Wann fühlst du dich bedrängt? Wann fühlst du dich in deiner Freiheit eingeschränkt? Und wann fühlst du dich bedroht?
In vielen verschiedenen Facetten geht die Novelle auf das Thema ein. Dabei schafft es die Autorin durch gezielte Andeutungen nicht jegliches Problem auszuformulieren. Oftmals bleiben Gedanken im Raum hängen und sie überlässt es dem Publikum, wie weitgreifend die Ideen sich auswirken.
Angelehnt die Hex-Codes, die für die Programmierung von Prism unerlässlich sind, führt die Autorin durch die Geschichte. Die Farben passen sich den Geschehnissen an und suggerieren die Stimmung von Penelope, Sofia und Kader.
Es ist kein leichter Text. Viele Ungerechtigkeiten werden thematisiert und man kann nicht anders, als sich wieder und wieder Gedanken zu machen, wie man selbst handeln würde?
Hat man vermeintlich eine Lösung, kommt ein neues Problem daher und man ist wieder sprachlos.
Wer einen Anstoß zum Nachdenken braucht, sollte zu diesem Buch greifen.
Mein einziger Wehrmutstropfen: das Ende kam mir zu plötzlich.
4 von 5 Hex-Codes
Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
Freitag, 25. April 2025
Tanja Karmann & Carsten Schmitt "Von Geisterhäusern und Totenbriefen"
Wenn man eine Zeitschrift konzipiert, die sich mit Schauer und Grusel auseinandersetzt, was läge da näher als den Tod als Thema zu wählen?
Im Schatten eines weltweiten Virus wurde die Idee geboren und hat inzwischen zu fünf Totenscheinen geführt. Doch wie sollte man die Optik der Zeitung in die digitale Welt bringen, wenn erst gerade wieder Messen und Cons möglich sind? Eine simple PDF würde dem Charme der Zeitung nicht gerecht, so musste ein E-Book daher, mit zwölf Geschichten, davon zwei zeitlosen Klassikern.
Doch betrachten wir das E-Book von Beginn an.
Jeder Totenschein stand unter einem Motto, welches im E-Book kurz erläutert wird. Jeweils eine Geschichte des jeweiligen Mottos sind von Tanja und Carsten im digitalen Totenschein abgedruckt. Themen sind z.B. "Dunkle Märchen", "Vampire & Wiederkehrer" und "Unheimliche Orte".
Ein jeder hat sofort eine Idee, wie die beiden das jeweilige Thema umgesetzt haben könnten und ich sage euch, ihr kommt nicht auf eine der Ideen. Wie beim ersten Thema zu vermuten ist, adaptieren die beiden bekannte Märchen, aber auf ihre sehr originelle Weise. Dabei erkennt man schnell die Schreibart des einzelnen und freut sich auf die unterschiedliche Herangehensweise.
Innerhalb des Totenscheins bauen die beiden auch ihre jeweils eigene kleine Serie mit Texten um ihre eigenen Protagonisten auf und schaffen über die verschiedenen Themen trotzdem eine Verbindung zwischen den individuellen Geschichten. Als gute Autorin und guter Autor gestalten sie die Texte dabei so, dass man nicht zwangsläufig den vorigen Totenschein gelesen haben muss, um die Geschichte zu verstehen. Sie schaffen es aber, die Neugier zu wecken, dass der Leser die andere Geschichte ebenfalls kennen will. Und er wird dafür mit interessanten, spannenden und ungewöhnlichen Texten belohnt.
Abgerundet wird das E-Book und natürlich auch die Taschenbuchausgabe durch die zwei Klassiker: Edgar Allan Poe mit "Morella" und Hans Heinz Ewers "Die Spinne". Sie ergänzen die schon zuvor perfekte Stimmung um eine Art Schauer, die neben Tanja und Carsten heute nur wenige Autoren mit solchem Feingefühl formulieren können.
5 von 5 Totenscheinen
Danke an Tanja und Carsten für das Rezensionsexemplar.
Montag, 14. April 2025
Harper Lin "Maggie Bell und die verfluchten Seiten"
Es sei vorab gesagt, auch wenn dies der dritte Band einer Serie ist, kann man ihn ohne Probleme auch zum Einstieg lesen. Einzelne für die Handlung wichtige Informationen werden in diesem Band wiederholt und man befindet sich direkt im Geschehen. Abweichend zum ersten Band spielen nicht allzu viele Szenen im Buchladen, sondern auf Grund der Verfolgung trifft man Maggie viel innerhalb von Fair Haven an.
Was die Autorin innerhalb dieses Bandes hervorragend schafft, ist die Rivalität zwischen den Schwestern herauszuarbeiten. Immer wieder zeigt es sich, wie schwer es ist, eine vermeintlich nahestehende Person zu akzeptieren, wenn man sie doch so gar nicht versteht. Viele der früheren und auch jetzigen Situationen resultieren aus diesem Konflikt und machen das Buch sehr spannend. Allerdings leiden darunter die anderen Aspekte. Wie schon erwähnt, kommt dieses Mal der Buchladen sehr zu kurz und auch der Todesfall steht sehr lange im Schatten der Verfolgungsjagd.
Dabei sind die Begebenheiten schlüssig aufgelöst und man bemerkt, dass die Autorin nicht ihren ersten Krimi schreibt. Die Pointen sitzen und die Charaktere bilden ein gutes Spektrum einer Kleinstadt ab.
4 von 5 Seiten
Freitag, 4. April 2025
Carsten Henn "Die goldene Schreibmaschine"
Emily ist ein junges Mädchen, welches durch ihre Ordnungsliebe den Mitschülern eher negativ auffällt. Und trotzdem ist sie nicht der Liebling ihres Lehrers. Immer wieder holt er sie an die Tafel und lässt sie vor der Klasse gerne dumm da stehen. Nur ihre beiden besten Freunde halten in jeder Situation zu ihr. Doch die liebste Zeit des Tages ist für Emily der Moment, in dem sie in die Anna Amalia Bibliothek zum Lesen darf. Dann ist die Welt für sie in Ordnung. Doch Seltsames geschieht hier und nach einigen Erkundungen steht Emily vor einer goldenen Schreibmaschine, die eine große Macht hat. Eine Macht, die nicht in die falschen Hände geraten darf.
Carsten Henn hat schon mit "Der Buchspazierer" gezeigt, dass er Bücher und Leser versteht. Mit seinem ersten Jugendbuch wagt er sich auf neues Terrain. In einer Geschichte, wie es wäre, wenn man bereits geschriebene Bücher verändern könnte und somit auch die vermeintliche Realität ändern würde, nimmt er die Leser auf eine phantastische Reise mit. In die Wärme der Literatur gebettet, erzählt er, wie der Schulalltag Kinder beeinflusst und was es heißt, für sich das Beste zu wollen, ohne dabei die Folgen zu bedenken. Abgeleitet von historischen Ereignissen zeigt sich, welche Macht Worte haben und wie sie die Menschen zum Guten oder zum Schlechten beeinflussen können. Die Geschichte umfasst so viele Facetten, dass man sie gar nicht in einer Rezension aufgreifen kann. Doch es sei gesagt, wer Bücher liebt, Erzählungen lebt und auch vor ernsthaften Themen nicht zurückschreckt, der wird dieses Buch als eines der besten seiner Gattung feiern.
5 von 5 Schreibmaschinen
Sonntag, 30. März 2025
Christine von Brühl "Der Schattengarten - Wie ich mein Glück im Moos fand"
Auf 175 Seiten, illustriert von Teresa Habild, erzählt die Autorin, wie es ist, wenn der Mann sich nur noch für Wetterprognosen, Setzlinge und Gartenplanung interessiert. Dabei lässt die Autorin in den Texten immer wieder durchblicken, dass sie schon seit ihrer Kindheit Gärten wie Kew Gardens oder ähnlich imposante Stätten besucht und auch genossen hat. Doch zwischen mal ansehen und die ganze Zeit dort leben, ist schon ein gewaltiger Unterschied. Zwar wird jeder noch so kleine Erfolg gefeiert, doch liegt das Grundstück im besagten Nirgendwo und erst ganz langsam wird klar, dass es nicht um entweder oder geht, sondern wie man es schafft, Dinge und Gewohnheiten zusammenzubringen.
Die Autorin erzählt neben der Gartentätigkeit von Festen, die dort gefeiert wurden und zugleich von ihrem Leben. Wie sie die Rhododendren lieben gelernt hat, wie ihre Familie sich über Deutschland verstreute und wie dadurch ihre Kindheit aussah.
Sie wählt dabei eine wunderschöne Klangfarbe, in die sie ihre Erzählungen hüllt und die Zeitenwechsel zwischen oder innerhalb der Kapitel lassen den Leser immer wieder schmunzeln.
Ein schönes Buch über Gärten, das Zusammenleben, ein Stück weit auch Geschichte und ein bisschen
über die Suche nach einer Aufgabe im eigenen Leben.
5 von 5 Regenrinnen
Danke an literaturtest.de und kanon-verlag.de für das Rezensionsexemplar
Samstag, 29. März 2025
Ben Kryst Tomasson "Sylter Verrat"
Währenddessen kommt es bei dem Theaterfestival in Westerland zu einem verdächtigten Todesfall, der Jonas Voss bei seinem Einstieg nach der Elternzeit vom Schreibtisch aufräumen abhält. Doch hängen die beiden Verbrechen zusammen?
Bereits zum zehnten Mal ermittelt Kari Blom als Undercover-Ermittlerin für das LKA auf Sylt. Trotz ihrer kurzen Pause sind ihr die Abläufe noch vertraut, auch wenn sie sich für diesen Fall mit einem Kollegen zusammen tun muss. Doch auch die Häkelmafia kann es wieder nicht lassen und trotz ihrer rüstigen achtzig Jahre, eilen sie zwischen dem Tatort und der Kinderbetreuung von Karis kleiner Tochter hin und her.
Liebhaber der Insel erkennen jedes Fleckchen und kennen auch den Menschenschlag, der auf Sylt lebt oder alternativ promeniert. Eingebunden in die Theaterszene und verbunden mit einem längeren Dienstausflug nach Berlin bietet der zehnte Band eine willkommene Abwechslung von der bekannten Sylter Schickeria. Mit dem bekannten Witz und Charme ist dem Autor erneut ein hervorragender Band seiner Serie gelungen, die mit jedem Band an Stärke und Individualität gewinnt.
5 von 5 Heiratsschwindlern