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Dienstag, 19. August 2025

Mac Conin "Nirgendwann - Plan B war auch Mist"

Jo hat es nicht leicht. Sie ist eine zugereiste Kölnerin. Ist das ihr einziges Problem? Anfangs erscheint es so. Doch wie bei einer Zwiebel entblättert sich die Geschichte Seite für Seite und lässt den Lesenden Schicksale und Machenschaften erfahren, die er bei vermeintlich locker-leichten Einleitung nicht vermutet hätte.
Dreh- und Angelpunkt ist die Zülpicher Straße in Köln. Hier spielt der größte Teil der Geschichte. Erzählt aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten (u.a. auch ein Büdchen) erfährt man viel über das Leben um und auf der Straße. Wie die Menschen hier früher lebten, was sich verändert hat. Wer gegangen und wer geblieben ist. Einzelne Charakter verbringen nahezu ihr ganzes Leben hier (Herr Hänsel) und andere sind erst kurz dort (Jo). Doch für alle ist die Straße ein Zuhause. Unbewusst sind sie eine Gemeinschaft, wie sie das Büdchen in der heutigen Zeit kaum mehr kennt. 
Das Büdchen nimmt in der Geschichte neben den anderen Erzählenden eine Sonderstellung ein. Eigentlich ein Institut des Viertels ist es mehr als ein schlichter Kiosk. Früher traf man sich hier und tauschte Neuigkeiten aus, doch wie sich die Gesellschaft verändert, ändert sich auch das Verhalten der Kaufenden. Vielfach ist das Büdchen ein Spiegel der Gesellschaft und wirft in die Handlung die eine oder andere Weisheit hinein, ohne dabei zu stören.
Die Geschichte wühlt dabei den Lesenden sehr oft auf. Alle Ungerechtigkeiten, die man sich vorstellen kann, treffen auf die verschiedenen Protagonisten und doch schafft es der Autor ein stimmiges Bild zu schaffen. Denn die Welt ist nicht rosarot. Manchmal vielleicht, aber definitiv nicht immer. Und so zeigt er an den verschiedenen Lebensläufen, was Stärke, Zusammenhalt und Gemeinschaft bedeuten, selbst wenn die Tage nahezu dunkel erscheinen.
Ein gelungenes Buch über menschliche Beziehungen und dem Wunsch ein sorgenfreies Leben zu führen.

4 von 5 Entscheidungen

Danke an den Autor für das Rezensionsexemplar.

Mittwoch, 30. Juli 2025

Silia Wiebe "Unsere Mütter"

Es ist die erste Bindung und somit auch die prägendste. Dabei muss sie nicht liebevoll oder zärtlich sein. Sie kann auch das komplette Gegenteil darstellen und trotzdem lebenslang Einfluss auf das eigene Leben haben. Die Rede ist natürlich von der Beziehung zur Mutter.

Das Sachbuch erzählt von zwölf Mutter-Tochter-Beziehungen. Augenscheinlich dieselbe Beziehung, doch keine gleicht der anderen.
Die zwölf Töchter sind in sehr unterschiedlichen Verhältnissen aufgewachsen, sind zum Zeitpunkt des Interviews nicht im gleichen Alter und ihre jeweilige Beziehung zu der Mutter ist verschieden.

Die Autorin schafft es mit den Texten zwei sehr wesentliche Grundsätze zu zeigen: Zum einen kann man keine Beziehung mit einer anderen vergleichen und zum anderen beweist sie, dass alle folgenden Beziehungen auf der zur Mutter fußen.
Wie bei einem psychologischen Gespräch setzen sich die Töchter, die eine eher schwierige Beziehung zur Mutter haben, in ihren Texten damit auseinander. Mal war die Mutter bei der Geburt zu jung, mal war sie krank. Und natürlich wirkt sich die schon die eigene Beziehung der Mutter zu ihrer Mutter auf das Verhältnis aus.

Die Töchter, die ein gutes Verhältnis zur Mutter haben, erzählen, was sie alles mit ihr erleben und wie ihre Mutter das Leben bereichert.
Doch es gibt hier und da auch Zwischentöne, mal ein übergriffiger Kommentar, mal eine Spur zu viel Kontrolle.

Das Buch bildet ein Kaleidoskop an Verhältnissen und jede Geschichte ist einzigartig.
Manche sind sehr traurig, einige schon fast ein bisschen lustig.
Aber alle sind emotional und berühren beim Lesen, weil man doch, egal wie die eigene Beziehung ist, entweder Mitleid oder Freude für die Erzählerinnen empfindet.

Ein Buch, was die Vielschichtigkeit von Beziehungen herausarbeitet, ohne dabei zu bewerten.

4 von 5 Beziehungen

Montag, 30. Juni 2025

Thomas Harding "Die Einstein-Vendetta"

Nichts ist so schlimm wie die Wahrheit und doch wird gerade diese oft mit Füßen getreten. Bei diesem Buch handelt es sich, soweit möglich, um einen Tatsachenbericht. Keine Fiktion, keine Beschönigungen, alles Tatsachen.
Während Albert Einstein vor dem Zweiten Weltkrieg in die USA ausgewandert ist, blieb sein Cousin Robert Einstein in Europa. Anfangs in Deutschland siedelte er später wieder nach Italien um und meinte so den Anfeindungen entgehen zu können. Doch das war lediglich eine Hoffnung.
Erst recht lasch umgesetzt, wurden die Gesetze mit jedem Tag strikter verfolgt, um dann letztlich von den Deutschen mit Akribi vollführt zu werden.
Das am Ende des Schicksals zahlreiche Mitglieder der Familie Einstein tot sind, lässt noch über Jahre später Ermittler, Anverwandte und Gesellschaft verzweifeln.
Der Autor hat sich bei seinem Bericht unglaublich viel Mühe gegeben, die verschiedenen Augenzeugen mit ihren jeweiligen Blickwinkeln zu Wort kommen zu lassen. Wechselweise kommen Familienangehörige, Personal und später auch die Anwälte - direkt oder indirekt - zu Wort und erklären, warum leider vieles nicht so einfach ist, wie es den Anschein hat.
Ein bedrückendes Zeitdokument, was einem zahlreiche Ungerechtigkeiten vor Augen führt.

5 von 5 Beweisstücken

Sonntag, 22. Juni 2025

Klaus-Peter Wolf "Mord am Leuchtturm"

Siebzehn Kurzgeschichten zum Thema Tod.
Zwangsläufig müssen hier doch doppelte Vergehen verkommen, oder?
Allerdings ist hier das Gegenteil der Fall. Die eine oder andere Geschichte mag zwar ähnlich angehen, die Lösung ist aber jedes Mal anders und ab und zu sogar sehr speziell.
Klaus-Peter Wolf mischt seine Kurzgeschichten einmal gut durch. Das betrifft sowohl die Inhalte als auch das Personal. Sowohl die Figuren aus seinen Krimis treten in Erscheinung, als auch für die Geschichte neu erdachte Personen. 
Dabei sind seine Texte oftmals sehr realitätsnah, was sich aus dem abschließenden Interview ergibt. Einige Orte und auch Personen in seinen Erzählungen gibt es wirklich und so ist die Grenze zwischen Fiktion und Realität mehr als nur einmal verschwommen.
Auch wenn es in den Krimis um Tod geht, kommt der Leser nicht umhin, sich mit dem Humor des Autors auseinanderzusetzen. Mal ein Schmunzler hier, ein breiteres Lachen dort, schaffen neben der Tristesse des Todes den entsprechenden Ausgleich. Denn wie er es im Interview erwähnt, der Leser achtet die ganze Zeit auf Details und trotzdem soll die Geschichte auch noch unterhalten.
Man merkt beim Lesen eine Schreibroutine, Logikfehler, wie man sie bei anderen Krimis öfter findet, passieren ihm nicht. Es ist erfrischend, wie einfallsreich der Autor bei den Todesarten war.
Ein Hoch auf die Kurzgeschichten. Demnächst geht es an den ersten Krimi von Ann Kathrin.

4,5 von 5 Krimischauplätzen

Donnerstag, 5. Juni 2025

Micke Bayart "Als Pippi nach Deutschland kam"

Sollte man zwei Sachbücher über Astrid Lindgren kurz hintereinander lesen?
Vor einigen Wochen hatte ich "Die unbekannte Astrid Lindgren" gelesen, in dem es hauptsächlich um ihre Tätigkeit als Herausgeberin und Verlagsmitarbeiterin ging. Spannend geschrieben wollte ich mehr über die Autorin hinter den Büchern erfahren und nahm "Als Pippi nach Deutschland kam" zur Hand. Nach den ersten ein, zwei Kapiteln hatte ich den Eindruck erneut "Die unbekannte Astrid Lindgren" zu lesen, da viele Inhalte, nicht Formulierungen, sehr dem ersten Buch glichen. Da ich das Buch mit einer Freundin zusammen las und mich mit ihr darüber unterhielt, las ich weiter und erkannte, dass nur die einleitenden Kapitel Überschneidungen besitzen, sich die Bücher danach aber inhaltlich und strukturell sehr unterscheiden.
Der Autor lässt viele Beteiligte aus den Verfilmungen zu Wort kommen und erklärt sowohl die historischen als auch kulturellen Hintergründe. Immer untermalen Astrid Lindgrens eigene Worte die Texte und auch die Zusammenarbeit mit dem Oetinger Verlag wird immer wieder herausgehoben.
Von den Versuchen Pippi in ihrer Art und Weise zu verändern, damit sie in der DDR veröffentlicht werden konnte, über die Dreharbeiten, bis hin zu den verschiedenen Darstellern von Pippi und anderen Verfilmungen wie Michel oder Ronja Räubertochter, ist auch dieses Buch ein Zeitdokument.
Es zeigt die Unterschiede in der Kindererziehung in Schweden, Deutschland und der DDR. Es zeigt, wie sehr darum gekämpft wurde, Kindern schöne und wohlwollende Literatur zugänglich zu machen und dabei auch das aufkommende Fernsehen zu integrieren.
Wer mehr über Pippi, Astrid Lindgren und die Nachkriegszeit erfahren will, sollte zu diesem und auch zu "Die unbekannte Astrid Lindgren" greifen.

4,5 von 5 kleinen Onkeln 

Sonntag, 27. April 2025

Henrietta Hamilton "Mord auf Westwater Manor"

In ihrem zweiten Fall ermittelt das inzwischen verheiratete Ehepaar Heldar außerhalb der bekannten Buchhandlung. Ein Kunde hat sie gebeten, eine Bestandsaufnahme seiner Bibliothek auf Westwater Manor durchzuführen. Doch als ob die beiden das Unglück anziehen, verletzt sich zuerst eine Person aus dem Haushalt, bevor es zu einem Todesfall kommt. Kurzum werden die beiden gebeten, sich des Falles anzunehmen und die Presse vom Anwesen fernzuhalten.
Während man sich bei anderen Krimis oftmals beschwert, dass man die Deduktionen der Ermittler nicht nachzuvollziehen kann, wird in diesem Band ein wahres Bombardement auf die Synapsen gestartet. Immer wieder spielen Johnny und Sally nach den jeweils neuen Informationen die Verdächtigen durch und kommen oft zu dem Schluss, dass es nahezu unmöglich scheint, dass sich die Personen nicht gesehen haben sollen. Doch wie so oft, ist Kommissar Zufall bei Krimis auch gerne mit von der Partie und so ist es in diesem Krimi ersichtlich, dass nicht ein allzu aufgesetzter Grund dem Tod voranging. 
Zuerst im Jahr 1957 veröffentlicht, merkt man dem Krimi an, wie sehr die englische Bevölkerung in Krieg und auch noch danach gelitten hat, was dem Inhalt eine Tiefe gibt, die in anderen Kriminalfällen nicht zu finden ist.
Neben Elementen des Detektivromans schleichen sich an einzelnen Stellen auch Bausteine des Spionageromans ein und runden den Inhalt, die Ambition und die Lösung ab.
Während man die modernen cosy crimes einfach mal so zwischendurch lesen kann, erfordert dieser Band eine gehörige Portion Gehirnschmalz. Während der Ermittlung, den zahlreichen Personen und Motiven nicht den Überblick zu verlieren, ist schon etwas anspruchsvoller und wird mit einem unüblichen, dafür sehr gelungenen Abschluss belohnt.

5 von 5 Bibliotheken

Samstag, 19. April 2025

Kjell Bohlund "Die unbekannte Astrid Lindgren"

Lehne ich mich zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, jeder, aber wirklich jeder, hat schon einmal etwas von Astrid Lindgren gelesen? Oder zumindest etwas von ihr im Fernsehen angeschaut? Pippi, Michel, Ronja, Mio, Karlsson oder die Kinder aus Bullerbü. So viele Welten hat sie in den Zeiten nach dem Krieg erschaffen und auch heute noch sind ihre Bücher gern gelesen.
Doch was steckt hinter "die unbekannte Astrid Lindgren"?
So sehr ich mich mit der Autorin schon beschäftigt habe, bisher war mir ihre weitreichende Rolle bei Rabén & Sjögren im wahrsten Sinne des Wortes unbekannt.
Denn sie war dort nicht eine Sekretärin oder Lektorin. Nein, sie bestimmte mit Hans Rabén, zumindest offiziell, denn inoffiziell entschied sie oftmals selbst, welche Manuskripte angenommen wurden und welche nicht. Sie schaffte diese Arbeit auf halber Stelle, mit zwei Kindern und sie fand nebenher die Zeit zahlreiche eigene Bücher zu schreiben und durchs Land zu tingeln und die neuen Verlagsbücher vorzustellen.
Unglaublich? Ist aber belegt.
Kjell Bohlund hat sich durch Briefe, Texte und anderweitige Korrespondenz von Astrid Lindgren gelesen, sowie einige ihrer Weggefährten interviewt. Unterlegt mit Fotos und Zitaten aus Reden, Briefen und anderweitigen Texten formt er im Buch ein Bild von Astrid Lindgren, welches das bereits bestehende um ein Vielfaches erweitert.
Es war schon ein Drahtseilakt, in dem Verlag, in dem sie selbst veröffentlichte auch für das Verlagsprogramm zuständig zu sein. Doch der überwiegende Teil der Befragten findet ihre Vorgehensweisen mehr als gerecht und Nörgler gibt es leider immer und überall.
Abgerundet wird das Buch durch die Geschichte des Oetinger Verlags. Schon früh nach Verlagsgründung lernen sich Verleger und Astrid kennen und dem Verkauf ausländischer Lizenzen steht nichts mehr im Weg.
Ein wundervolles Buch über Kinderliteratur, Literatur im Allgemeinen, die Nachkriegszeit und über die Buchbranche.

5 von 5 Herausgeberinnen

Donnerstag, 10. April 2025

Agatha Christie "Ferien mit Agatha Christie"

Urlaubszeit = Krimizeit.

In zwölf Geschichten lernen die Leser ein paar Detektive der großen Krimi-Queen kennen:
- Jane Marple
- Hercule Poirot
- Parker Pyne
- Tommy und Tuppence 

geben sich bei den Fällen die Klinke in die Hand und wechseln dabei auch noch freudig die Urlaubsorte.

Mit dabei sind u.a. der Nil, Rhodos und Delphi, aber heimische Ortschaften kommen bei Lug und Trug nicht zu kurz.
Die unterschiedlichen Textlängen, die verschiedenen Charaktere und auch die vielfältigen Betrügereien lassen bei dem Krimiband keine Langeweile aufkommen.
Das Buch eignet sich hervorragend für Leser, die erstmalig etwas von Agatha Christie lesen oder verschiedenartige Themenbände sammeln möchten.
Die Texte sind in anderen Zusammenstellungen bereits erschienen, was man im Anhang nachlesen kann.

Die Auswahl der Texte bildet eine harmonische Darstellung von Agatha Christies Können, denn nicht jeder mag Hercule Poirots hochnäsige Art oder mag die eher flapsige Darstellung von Tommy und Tuppence.
Klassiker wie "Tod auf dem Nil" dürften dabei den meisten bekannt sein, aber auch Geschichten wie "Der Tempel der Astarte" zeigen das Können und die Menschenkenntnis der Autorin.

4 von 5 Mordsgeschichten


Donnerstag, 20. März 2025

Gerhard Henschel "Mord auf Hohenhaus"

Eigentlich wollte sich Michael Ritz eine schöne Zeit im Schlosshotel Hohenhaus gönnen. Eine Dylanologen-Konferenz gepaart mit Lesungen von Arno Schmidt. Dazu gutes Essen, ein guter Wein, was würde man sich mehr wünschen? Doch es kommt alles ganz anders. Plötzlich taucht eine Leiche auf und die Menschen im Hotel sind verunsichert. Die Polizei verdächtigt alle, wenn auch oftmals wegen fadenscheiniger Gründe. Doch zwischen Lesungen und Vorträgen kommt das Dunkle immer näher und keiner scheint sich dem entziehen zu können.

Wer Gerhard Henschel kennt, weiß um seinen recht eigenwilligen Humor. Allein die Namen der Protagonisten zaubern dem Leser ein Schmunzeln auf das Gesicht. Wer sich viel mit Krimis und Detektivgeschichten befasst, dem wird der eine oder andere Name bekannt vorkommen.

Neben Songtexten und Passagen aus Arno Schmidts Werken, lässt der Autor viel über das Leben von Arno Schmidt und seine Probleme in der Nachkriegsliteratur einfließen. Bei dem Symposium vermittelt der Autor viel geschichtliches Wissen, was er auch im zweiten Teil des Buches beibehält, wenn es um die Aufklärung des Falles geht.

Trotz der relativen Kürze des Textes schafft es Henschel, den Leser alle Gefühlslagen durchleben zu lassen. Witz folgt auf Grusel, Ekel wechselt sich mit Dramatik ab. Dabei spielt jede Figur ihr eigenes Spiel und der Autor verpackt Bildung mit Unterhaltung.

Eine etwas andere Art von Krimi, die neben den berühmten kleinen grauen Zellen auch die Geschichte Deutschlands beleuchtet.

4 von 5 Hotelzimmern 

Sonntag, 9. März 2025

James Goodwin "Mord in Little Barkham"

Irgendwo, außerhalb von London, liegt Little Barkham. Ein kleines Dorf. Mit einem großen Anwesen. Einem Pub. Einer Bücherei. Und einem Mord.
Denn, die Dorfidylle trügt. Genauso wie sie es in den Bücher von Agatha Christie in der Bücherei tut.
Aber der Reihe nach: Es sind einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg vergangen, als Arthur Tingwell seinen Job in der Bücherei von Little Barkham annimmt. Er versorgt das Dorf mit Literatur, und dabei gerne mit dem neuesten Kriminalroman der sehr geschätzten Agatha Christie. Bis zu dem Tag an dem Dame des Anwesens umkommt und somit das ganze Dorf in helle Aufregung gerät. 
Zwischen Essensrationierungen, unfähigen Polizisten und abendlichen Guinness im Pub entspinnt sich zwischen den Dorfbewohner mit dem täglichen Fortschreiten der Ermittlungen ein gehöriges Misstrauen, das mit jeder Verhaftung größer wird und Konsequenzen nach sich zieht. 
James Goodwin hat seine Hausaufgaben gemacht. Ich wollte beim Lesen gar nicht, dass das Buch endet, da man sich darin wie in einem Kokon der klassischen Kriminalfälle fühlt. Hier ein betagtes Anwesen, der entsprechende Missmut einiger Dorfbewohner, dort der Pub als Treffpunkt für Klatsch und Tratsch. Ein Bibliothekar, der auch im größten Durcheinander wegen seiner Liebe zu Agatha Christie den Überblick behält und eine Dorfgemeinschaft, die nicht immer miteinander, aber erst recht nicht ohne einander auskommen kann.
James Goodwin schafft es eine Hommage an Agatha Christie zu schreiben, ohne sich dabei auf einen Abklatsch zu reduzieren. 
Eigene Charaktere, die berühmt-berüchtigten Geheimnisse und ganz viel Charme und Atmosphäre, gewürzt mit Buchzitaten und Anekdoten über Schriftsteller machen den Krimi zu einem Lesevergnügen erster Güte.

5 von 5 Gardinen

Donnerstag, 27. Februar 2025

Marianne Labisch (Hrsg) "Rock Planet"

"I'm on the highway to hell" ...
Stop ...
Der Weg zur Hölle ist zwar mit guten Rocksongs gepflastert, aber wir wollen doch zeitweilig auf der Erde verharren und die Musik genießen ...
"I'm on the highway ..."
Ich habe eure Aufmerksamkeit? Das ist gut!

Rockmusik, wer kennt sie nicht und vor allem, wer schätzt sie nicht? Gitarrenriffs, ein wummernder Bass und dabei Stimmen, die nicht chemisch gereinigt, sondern authentisch und pur durch die Gehörgänge pochen. 
Dabei ist es schwer, sich auf eine Band oder sogar nur auf ein Lied zu beschränken, dass für einen selbst die Liebe zur Rockmusik auslöste. Doch genau das war die Grundlage für diese Anthologie. Neunzehn Schreibende haben sich unter Marianne Labisch zusammengefunden und beginnen damit, welcher Rocksong ihre Liebe zu dieser Musik manifestierte. Dabei ist es erstaunlich, wie breit das Spektrum der Rockmusik sich gestaltet und auf welchen Wegen sie die Schreibenden traf.
So individuell, wie jeweiligen Lebenswege sind, so unterschiedlich sind auch die entsprechenden Geschichten geworden. Von kurz und knackig bis hin zu kleinen Epen, von Texten, die zum Schmunzeln einladen, hin zu Texten, bei denen in jedem Wort Philosophie mitschwingt.
Die Geschichten spielen im Jetzt, in der Vergangenheit und in der Zukunft und stets sind sie begleitet von dem Soundtrack des Schreibenden, der die Vergangenheit im Ohr hat. 
Mal verzagt, mal hingerissen, aber in allen Geschichten mit viel Emotionen, zeigt der Rock und seine Musik die Vielschichtigkeit eines Mosaiks, das aus jeder Perspektive anders, dabei aber stets besonders wirkt. 
Die Geschichten bilden einen Kokon zwischen den Welten und verleiten beim Lesen dazu, immer langsamer zu lesen, egal, wie gruselig die Erzählung auch ist, weil man ihn nicht verlassen will. Doch Rockmusik hört niemals auf, sie ist immer da und von daher ...

"We will, we will rock you!"

5 von 5 Schallplatten

Sonntag, 29. Dezember 2024

Reginald Hill "Mord in Dingley Dell"

Weihnachten auf dem Land und dazu versetzt in die Zeit von Charles Dickens. Kann man sich ein gemütlicheres Szenario vorstellen? Eigentlich kaum und doch ist es die Abgeschiedenheit, die Mr. Boswell im Lauf der Geschichte zum Verhängnis wird.
Denn, kaum treffen die ersten Gäste ein, ist schon ein Verletzter zu beklagen. Was im ersten Augenblick den Anschein des Zufalls erwecken mag, ändert sich spätestens bei der ersten Leiche.
Eingeschneit auf einem Anwesen, weit weg vom nächsten Dorf, weit zumindest, wenn es einfach nicht mehr aufhören will zu schneien. Ist Boswell nach einigen Stunden auf sich allein gestellt, er soll beschützen, was die Gäste nicht sehen dürfen, doch mit jeder Stunde wird das Unterfangen schwieriger.

Bereits in den 1970er-Jahren geschrieben, sind viele Handlungsabläufe dem Leser in vielseitiger Weise schon untergekommen. Hat man wie ich schon viele Krimis gelesen, ist es schwer mit einem überraschenden Element zu überzeugen. Das Buch verursacht beim Lesen zeitweilig ein Schleudertrauma, weil sich die Figuren so unsinnig verhalten. Sicherlich sind Menschen in Extremsituationen nicht rational, doch ein bisschen mehr von dem englischen Unterstatement hätte dem Buch an entscheidenden Stellen  gut geht. So schlage ich das Buch zu und frage mich, was hatte der Klappentext mit dem Buch zu tun? Gut, dass ist jetzt auch eine Übertreibung, aber ... lest selbst.

3,5 von 5 Weihnachten

Dienstag, 24. Dezember 2024

Nadine Buch (Hrsg) "Großelterngeschichten"

Jeder hat "seine" Erinnerung an die Großeltern. Diese kann schön oder auch eben nicht so schön sein. Woran das liegt, hängt im Wesentlichen von den Familienverhältnissen ab. Sind die Großeltern noch die Kriegsgeneration, so können sie zumeist die Sorgen und Ängste der folgenden Generationen nicht wirklich verstehen, hatten sie doch mit ganz anderen Entbehrungen zu kämpfen als mit einem lahmen Internet.
Doch auch spätere Jahrgänge zeigen, wie oft und schnell sich die Welt verändert und das Werte damit oftmals nicht Schritt halten können.
Wenn ein Partner nicht mehr da ist, konzentriert sich die Zuwendung auf die nächsten, damit aber auch die Verantwortung.
Warum ich das alles erzähle? Weil das einige der Facetten sind, über die man ansprechen kann, wenn man von Großeltern spricht. Es ist nicht alles schlecht, aber es ist auch nicht alles gut.
Es kann Liebe geben, aber auch Desinteresse.
Und wie immer, wenn ich eine Anthologie von Nadine Buch zur Hand nehme, bin ich über ihre Fähigkeit, so viele Facetten in einer Anthologie zusammenzutragen, erstaunt und zugleich begeistert. 
Kein Thema ist vergessen, die Oma, die die Entbehrung des Krieges erdulden musst. Die Oma, die ihr Zuhause verlassen musste, die Oma, die dem Enkel etwas zusteckt und natürlich die Oma, mit der man Detektiv spielt. Und natürlich die Geschichte, die ein wenig aus der Zeit gefallen und ein bisschen mystisch wirkt, darf auch nicht fehlen.
Mal lustig, mal lehrreich, mal traurig, aber immer unterhaltsam, ist es eine wunderbare Kurzgeschichtensammlung, die zeigt, wie wichtig die Menschen in unserer näheren Umgebung sind.

5 von 5 Großeltern

Freitag, 13. Dezember 2024

Ruth Ware "Agatha Christie - Miss Marple"

Treffen sich zwölf Autorinnen und wollen der großen Dame des Kriminalromans mit ihren Darstellungen von Miss Marple Tribut zollen. So oder ähnlich könnte man die Überschrift zu diesem Buch setzen. Zwölf zumeist bekannte Kriminalautorinnen haben sich daran gewagt, was andere Autoren schon mit Hercule Poirot gemacht haben, sie haben sich ihre eigenen Fälle für Miss Marple erdacht.

In zwölf Kurzgeschichten entdeckt Miss Marple viele Orte außerhalb ihres geliebten St. Mary Mead und trifft ihre Freundinnen oder ihren Neffen, die jeweils direkt oder indirekt in die Geschehnisse verwickelt sind. 

Während alle Kurzgeschichten in ihrer Logik und ihrer Auflösung gut bis sehr gut abschneiden und auch die Fallauswahl gut zusammengestellt ist, hapert es für mich bei eigenen Geschichten mit der Darstellung der Protagonistin.
Sicherlich handelt es sich bei Miss Marple um eine ältere Dame, die körperlich nicht jeden Tag auf der Höhe ist, aber ihr Verstand, und dieser ist eklatant wichtig für ihre Beobachtungsgabe, ist glasklar.
Schon bei Agatha Christie wurde sie ein wenig unterschiedlich dargestellt.
Mal war sie etwas verschwiegener, mal von Anfang an etwas mitteilsamer, aber nie hat sie die Menschen in ihrer Umgebung hinsichtlich ihres Geisteszustandes getäuscht.
In ein paar Geschichten der neuen Anthologie nutzen die Autorinnen das Alter als Stilmittel, um dem Charakter eine individuelle Färbung zu geben.
Wem das nichts ausmacht, dem kann ich die Anthologie ans Herz legen. Wer den "klassischen" Charakter liebt, so wie ich es tue, sollte sich bewusst sein, dass es nicht Christies Miss Marple ist, die man beim Lesen antrifft.

4 von 5 Ermittlerinnen

Mittwoch, 27. November 2024

Charles Schulz "You're not real, Snoopy"

Die Comics von Snoopy sind immer wie eine Art "Nach Hause kommen".
Egal, wie lange man keinen Band der Reihe mehr gelesen hat, man ist direkt wieder bei Charlie Brown, Snoopy, Lucy und den anderen.
In dem Band hat Charlie mal wieder eine Hausaufgabe, die er nicht abarbeiten will und Snoopy verliebt sich unglücklich.
Lucy hat wieder eine ihre "Arztpraxis" eröffnet und auch die anderen Kinder gehen ihren liebsten Beschäftigungen nach.
Kaum ein anderer Band hat mehr oder weniger durchgehend eine Geschichte erzählt, somit war dieser Band für mich nahezu etwas Besonderes.
Andere Bände mögen lustiger gewesen sein, da dieser Band doch oftmals nachdenklich stimmt, aber auch Comics müssen nicht immer nur lustig sein.

4 von 5 Hundehütten

Mittwoch, 30. Oktober 2024

Campino "Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer"

Es mag im ersten Moment irritierend wirken, wenn ein Star der Punkrockszene sich in einer bekannten deutschen Universität zu einer Gastprofessur einfindet, doch sollte man sich nicht täuschen lassen, denn Punkrock und Gedichte haben mehr gemeinsam, als es im ersten Augenblick den Anschein hat.
Doch von Beginn: Anfang des Jahres war Campino von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf eingeladen worden, sich mit dem Thema Gebrauchslyrik auseinanderzusetzen.
Seine zwei doch sehr unterschiedlichen Vorträge zeigen ein breites Spektrum seiner Gedanken, denn wer hätte ohne Weiteres geahnt, dass Campino viele Texte von Erich Kästner schätzt und gerade dessen Texten auch eine Alltagstauglichkeit - eben eine Gebrauchslyrik - unterstellt. Auch wenn sich das Wort vielleicht sperrig oder sogar prüde anhört, bietet die Gebrauchslyrik genau das, was es auch zum Songtexte schreiben braucht ... Hiervon erzähle ich aber einmal nicht zu viel. 
Doch ich kann sagen, es ist spannend, wie sich Campino durch die verschiedenen Lyriker oder auch Songwriter zu sich selbst entwickelt hat und wie diese ihn auch heute noch formen. 
Kritische Äußerungen hört man vermehrt in der zweiten Vorlesung, wenn es um das Thema KI und die Rechte an Texten geht und man spürt, dass es nicht alles nur Schabernack ist. 
Campino setzt sich mit seinen Kritikern ruhig und sachlich auseinander und zeigt, dass man seine Meinung auch gesetzt und fundiert darlegen kann, ohne das berühmte Hotelzimmer zu zerlegen.
Ein erfrischender Einblick und auch ein gutes Lehrstück darin, was Texte mit Lesenden machen und wie man Ideen vermittelt oder auch zum Nachdenken animiert.
Und wichtig: Ein Gedicht braucht keinen Refrain - Erläuterung hierzu, gibt es im Buch.

4,5 von 5 Songtexten

Mittwoch, 15. Mai 2024

Alfred Vejchar (Hrsg) "Von Andromeda bis Utopia"


Streift man heute über eine Con, wirkt es so, als seien diese und ähnliche Veranstaltungen schon immer da gewesen. Doch natürlich ist dem nicht so. Der Herausgeber Alfred Vejchar nimmt uns mit auf "Eine Zeitreise durchs österreichische Fandom". Doch man darf sich nicht durch den Untertitel irritieren lassen, denn es geht genauso sehr um das deutsche Fandom, die deutschen Vereine und auch allgemein darum, wie es war, nach 1945 Science Fiction in den Alltag zu integrieren. Denn so leicht, wie wir uns das heute vorstellen, war es damals überhaupt nicht. Erstmal gab es durch die Besatzer Beschränkungen und auch untereinander waren sich die Vereinsmitglieder nicht immer grün, da wurde gespalten, was nicht mehr zusammenpasste, um später vielleicht doch wieder gemeinsame Sache zu machen.
Unterteilt in die Abschnitte: Fanstorys, Autoren & Grafiker, Vereine und Ausklang, kommt sowohl der Herausgeber, als auch mehrere andere Autoren aus dieser Zeit zu Wort und berichten, wie es war, wenn man in der Science Fiction einen Ausgleich zum Alltag fand oder die Science Fiction für manche sogar der Alltag wurde.
Viele bekannte Namen, Zeitschriften, Bücher begegnen uns auf den über 350 Seiten, die mit zahlreichen Fotos und Covern ausführlich bebildert sind.
Manche Anekdote schleicht sich auf die Seiten und die Autoren schaffen es, die Geschichte des Fandom spannend zu erzählen. Manche Rituale des österreichischen Fandom haben es sogar bis in die heutige Zeit geschafft.
Welche das sind, das gilt es beim Lesen herauszufinden.
Für Science Fiction Neueinsteiger eine wahre Fundgrube an Informationen, für Kenner dürften sich manche Lücken beim Lesen schließen.
Eine gelungene Zusammenstellung und gleichzeitig ein Zeitdokument.

4,5 von 5 fliegenden Untertassen

Danke an p.machinery für das Rezensionsexemplar.

Samstag, 23. September 2023

G. Z. Schmidt "Adam und die Jagd nach der zerbrochenen Zeit"

In welche Zeit würdet ihr reisen oder alternativ welchen Menschen würdet ihr retten, wenn ihr die Zeit beeinflussen könntet?
Adam lebt seit dem Tod seiner Eltern bei seinem Onkel oberhalb der kleinen Bäckerei. Viel haben sie nicht, doch sie haben sich mit dem Leben und seinen Umständen arrangiert. Eines Tages erscheint ein Mann und erzählt Adam, dass er auf dem Speicher einen Schatz besitzt. Was danach folgt sind die Unwägbarkeiten vieler kleiner und auch großer Zeitreisen, die Adam dahinführen, dass er sich seines Lebens und seiner Aufgabe darin bewusst wird.
Ob und wie Zeitreisen möglich sein könnten, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Was der Roman immer wieder betont, ist das Philosophische und Zwischenmenschliche. Ob und wie sich die Menschen oder Zeitreisen ändern oder ob die Realität ein Produkt der Zeitreise ist. Vieles ist und bleibt ein Rätsel. Die Menschen, die neben Adam die Geschichte tragen, sind so unterschiedlich, wie das Leben sie schreibt. Mal hilfsbereit und zugänglich, dann wieder in sich gekehrt oder gar bösartig, spiegeln die Charaktere das Leben und die Figuren in ihm wider. 
Beim Lesen vergisst man oftmals die Zeit -  wie wirklich passend - denn das Buch ist durchgängig spannend. Dabei wechselt das Setting zwischen historisch und mystisch ein wenig hin und her und als Leser muss man zum Ende doch ein wenig schmunzeln, wie sich alles zusammenfügt. 
Ein Roman, der neben der klassischen Unterhaltung auch, wie beiläufig, ein bisschen Wissen vermittelt. Ein kurzweiliges Vergnügen, was uns wieder einmal zeigt, man hat das Leben selbst in der Hand -  man muss nur daraus etwas machen.

4,5 von 5 Schneekugeln

Montag, 18. September 2023

Rainer Schorm (Hrsg) "Die Zukunft im Blick"

"Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag alles Liebe, zum Geburtstag viel Glück."
"Die Zukunft im Blick" ist eine Geburtstagsanthologie zu Ehren von Rainer Erlers 90. Geburtstag. Seit Jahrzehnten beeinflusst er mit seinen Filmen und seinen Texten die deutsche Film- und später auch Literaturszene.
Mit dem für ihn eigenen Stil - der sich stark an Sachtexten orientiert und damit sehr dokumentarisch anmutet - hat er sich Ende der 60-er Jahre anfangen einen Namen zu machen. Er legt den Finger in Wunden, die schmerzen und hat dabei immer zukünftige Entwicklungen im Blick. Dabei nutzt er für sich selbst die Formulierung Science Thriller als Science Fiktion, was bei vielen Texten aus heutigen Sicht definitiv angebracht ist.
"Fleisch" oder "Das blaue Palais" sind die Werke, die oft in einem Atemzug mit Rainer Erler genannt werden. Auch wenn sein Werk wesentlich umfangreicher ist, bilden die beiden Texte tragende Säulen in seiner Karriere.

Die Anthologie von Rainer Schorm und Jörg Weigand umfasst unterschiedliche Textgattungen:
Zum einen haben die beiden Herausgeber alte Zeitungen nach Texten über Rainer Erler durchforstet und ebenso werden Interviews des Jubilars abgedruckt.
Ergänzt wird die Sammlung durch ein zeitgenössisches Skript.
Doch damit nicht genug, neben Zeitdokumenten wurden von verschiedenen Autorinnen und Autoren Sach- oder Prosatexte geschrieben.
Mal gibt ein Autor seine erste Begegnung mit den Werken von Rainer Erler wider, mal wird das erste Treffen mit ihm reflektiert.
Ein anderer Autor rollt für den Leser Rainer Erlers Vita auf, was ich für Leser meiner Generation als Einführung unglaublich hilfreich fand.
Bei den Prosatexten wechseln sich verschiedenste Herangehensweisen ab. Einige Texte sind im Fahrwasser des Jubilars geschrieben und zeigen, wie der Autor selbst seine Texte verfasst.
Andere nutzen einzelne Elemente aus den "klassischen" Geschichten und entwickeln daraus ihre eigene Geschichte.
Und wieder andere ... nein, ich habe schon zuviel verraten.

Das Buch ist für Fans des Jubilars eine gute Zusammenfassung seines Werkes und zeigt, dass seine Beeinflussung bis in die heutige Zeit reicht.
Für Leser jüngerer Generationen bietet dieses Buch einen Einstieg in die Ära "Rainer Erler" und weckt den Wunsch, nicht nur amerikanische Autoren zu lesen, wenn es um Science Fiction geht.

4 von 5 Tortenstücken 

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mittwoch, 16. August 2023

Wolfgang Wissler "Straffers Nacht"

Erich Straffer war während des zweiten Weltkrieges ein brutaler Mann, für den das sprichwörtliche Menschenleben nicht viel zählte. Doch so hart in er in der Zeit war, desto zurückgezogener lebt in er in den Nachkriegsjahren.
Mit der Frau und seinen Söhnen wohnt er in einer kleinen Wohnung, arbeitet bei einem Sicherheitsdienst und wartet nahezu auf den Tag, an dem er für seine Taten büßen muss. Als sein neuer Kollege anfängt, sieht er endlich seinem Schicksal entgegen und versucht das Beste aus der Situation zu machen.

Deutschland in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Man kann auf fast jeder Seite die Zerrissenheit der Menschen spüren. Viele flüchten sich in die Befehlskette und dass sie nichts hätten ausrichten können. Doch manchen kommen vermehrt Zweifel. Wolfgang Wissler transportiert mit dem Buch so unendlich viele Facetten, dass man zum Ende des Buches wahrlich jeder Meinung mindestens einmal Beachtung geschenkt hat.

Die Wut der Siegermächte, die Hilflosigkeit eines Arztes, die Euphorie eines Mannes, der gerne mehr am Krieg beteiligt gewesen wäre. Die Haupthandlung wird immer wieder durch Rückblenden oder Ausflüge unterfüttert und man bekommt ein sehr detailliertes Bild von Erich Straffer. Andere Figuren, deren Meinungen ebenso interessant sein könnten, werden blasser gehalten, um sich nicht im Strudel der Gefühle zu verlieren.

Ein Buch, dass so unheimlich wichtig ist, um die Nachkriegsgeneration zu verstehen und sich nicht ohne Weiteres ein Urteil zu erlauben.

4 von 5 Nächten