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Mittwoch, 27. August 2025

Ingrid Pointecker (Hrsg) "Der Dampfkochtopf"


Ran die Herde, den Aether aufgedreht und los geht es in der Steampunk-Küche. Es zischt, es wird gebrutzelt und die Gewürze fliegen in kleinen Luftschiffen tief.

Sechszehn Schreiberlinge haben sich zusammengefunden, um ein ganz besonderes Menu zu zaubern. Vorspeise, Hauptgang, Nachspeise, selbst für den abschließenden Espresso ist gesorgt.

Alle sechszehn Geschichten inkludieren mal mehr, mal weniger Steampunk-Elemente. Sie spielen zu einer Zeit, in der Technik eine andere war, als wie wir sie heute kennen. Ein bisschen Wahrheit und viel Dichtung tragen die Erzählungen und so tauchen historische Figuren wie Queen Viktoria auf, aber gleichzeitig gibt es Flughäfen für Luftschiffe.
Die Texte behandeln Staatsangelegenheiten, klassische Täuschungsgeschichten, finden Lösungen für die Armenspeisungen.

Denn: Dreh- und Angelpunkt aller ist ihr abschließendes Rezept. In einigen Texten schauen wir den Protagonisten im wahrsten Sinne des Wortes in die Töpfe, in anderen spielt die Zubereitung eine eher niedergeordnete Rolle.

Schlussendlich ist das Lesen ein Gaumenschmaus und man freut sich, wenn es aus der eigenen Küche wie von Zauberhand zu duften beginnt.

4 von 5 Rezepten

Dienstag, 29. Juli 2025

Olivier Sauzereau "Jules Verne - Eine Comic-Biographie"

Jules Vernes Leben auf 56 Seiten darzustellen erfordert eine gewisse Konsequenz, Dinge zu verkürzen und sich auf einzelne Schlüsselerlebnisse zu fokussieren.
Der Autor Olivier Sauzereau und der Maler Wyllow haben sich daran gewagt und ein wunderschönes Werk geschaffen.
Angelehnt an die klassischen frankobelgischen Comics aus den 60-er und 70-er Jahren, allerdings verbessert um einen Hauch mehr Plastiziblität bei den Figuren, zeigen die beiden Jules Vernes Lebenshöhepunkte und auch seine Tiefpunkte. 
Angefangen mit seiner Geburt wird sein Leben in sechs Kapitel aufgeteilt. In jedem wird eine oder mehrere Episoden aus dem Familien- oder Schriftstellerleben erzählt. Begegnungen, die sein Leben prägten, waren zahlreich und so ist es nicht erstaunlich, dass sich der Meister der Wissenschaftsromans auf seinen Bruder Paul und seinen Herausgeber jahrlange stütze und ihnen blind vertraute, als sich der Ruhm endlich einstellte.
Denn zu Anfang sah es gar nicht so aus, als ob er der bekannte Autor werden würde, den wir heute alle kennen und schätzen. Mit seinem Genre des Wissenschaftsromans hat er eine neue Gattung geschaffen, die die ersten Leser auch auf Grund der Details für Tatsachenberichte hielten.
Jedes Kapitel endet mit einem Faktencheck, denn nicht alle Begegnungen, die im Buch dargestellt werden, sind historisch belegt. Es wird auf Grund seines Wissens allerdings davon ausgegangen, dass er mit einigen Wissenschaftlern Kontakt hielt und sich ebenfalls von ihnen beraten ließ.
Ein Zeitstrahl mit Vernes eigener Biographie und dem Weltgeschehen bildet den Abschluss des jeweiligen Kapitels und rückt somit seine Geschichte und die der Welt nebeneinander. Gerade diese Zeitstrahle zeigen in meinen Augen deutlich, wie sehr Jules Verne von der Zeit, in der er gelebt hat, profitiert hat. Forscherdrang, Erkundungstouren, nie hatten die Menschen mehr Hunger auf die Welt und Technik wie zu dieser Zeit.
Um einen Einblick und ein Interesse für das Leben hinter den Büchern zu wecken, ist das Buch ein sehr guter Einstieg, für Kenner ist es wahrscheinlich eher ein knappe Zusammenfassung eines großartigen Lebens.

5 von 5 Abenteuern

Montag, 16. Juni 2025

Nicholas Meyer "Sherlock Holmes und Sigmund Freud"


Wenn der größte Detektiv und der größte Therapeut des 19. Jahrhunderts aufeinandertreffen, kann das nur eine interessante Begegnung werden.Nicholas Meyer setzt in diesem Band auf Sherlock Holmes' Kokainsucht. Watson erzählt viele Jahre nach der Handlung, wie er es mit Mycroft vollbrachte, Holmes zu Freud zu locken. Denn die Geschehnisse um die Reichenbachfälle sind alle nur Fassade.In Wirklichkeit haben sie sich gar nicht zugetragen und Sherlock war zur Therapie. Natürlich nicht nur, denn er wäre nicht Sherlock Holmes, wenn es nicht auch ein Rätsel zu lösen gäbe. Und selbstverständlich hängt das Schicksal von Europa von der Lösung dieses Falles ab.Meyer bedient sich eines Sherlock Holmes', der seine Sucht auf Grund seiner Vergangenheit nicht im Griff hat, so deduziert es gegen Ende des Buches zumindest Sigmund Freud.
Seine Denkmaschinerie funktioniert einwandfrei, doch er darf eben nie nichts zu tun haben, sonst ...

Meyers Holmes ist in diesem Fall zerbrechlich und riskiert sein Leben, um ein anderes zu schützen. Dies gab es auch schon im originalen Kanon, doch wird es in diesem Band, gerade mit den Verfolgungsszenen, ein wenig auf die Spitze getrieben. Man hat manchmal das Gefühl, einen Hollywood-Film verschriftlicht zu lesen, als einen klassischen Kriminalfall zu ergründen.
Allein das Kräftemessen zwischen Holmes und Freud hätte gereicht, um dem Buch die Würze und auch die entsprechende Tiefe zu geben.
Interessant ist bei Meyer allerdings, wie er historische Fakten mit der Erzählung verwebt, um Holmes realistischer scheinen zu lassen. Eine gute Idee.

4 von 5 Reichenbachfällen

Mittwoch, 12. März 2025

Oliver Hoffmann "Moriarty und das erste Opfer"

Das erste Opfer müssen Sie finden, um die Schuld zu erkennen und somit auch den Grund für die Vorkommnisse. Dieser Aussage sieht sich Moriarty in seinem dritten Fall aus der Feder von Oliver Hoffmann gegenüber. Doch bei diesem Abenteuer hat er eine weite Anreise. Nach den Verwicklungen im zweiten Fall hatte es Moriarty, seine Frau und Molly nach Frankreich verschlagen. Doch die Bitte sich des Falles anzunehmen, lässt Moriarty alle Bedenken in den Wind schlagen. Mit seinen Angestellten, Moran und dem Amerikaner Boswell macht er sich auf die Suche nach dem berühmten Motiv, denn leider bleibt es nicht bei einem Todesfall. Tiefer und tiefer werden seine Freunde und er in die Geheimnisse der Freimaurer hineingezogen, bis selbst die höchsten Stellen dem Professor die Antworten nicht mehr vorenthalten können.
Der letzte Band einer Trilogie bildet immer den Abschluss einer Reihe und hier zeigt sich in meinen Augen die Kunst des Autors im besonderen Maße. Sind alle Fäden aus den vorigen Bänden zusammengeführt? Widersprechen sich die einzelnen Bände nicht? Sind durchgängige Handlungen logisch aufgelöst? Kommt es wirklich zu einem Abschluss oder entscheidet sich der Autor doch für ein offenes Ende?
Ohne zu viel zu verraten: Oliver Hoffmann gelingt der Abschluss. Letzte Rätsel werden gelöst und als Leser bleiben keine Fragen mehr offen. 
Hätte ich mir nach den beiden ersten Bänden einen anderen Abschlussband gewünscht? Definitiv ein großes "Ja". Die Geschichte ist gut, aber die beiden vorigen Bände haben mir beide besser gefallen. Ich hätte im Abschlussband auch ein bisschen mehr Interaktion mit den Holmesbrüder erwartet, aber jeder Autor ist anders.
Oliver Hoffmann hat mit seiner Trilogie drei Geschichten dem Holmes Universum hinzugefügt, die ein ganz anderes Licht auf den Professor werfen, als es Doyle je getan hat. Somit hat der Autor sein Ziel erreicht.

4 von 5 Kellen

Sonntag, 23. Februar 2025

Daniel Smith "Die Wahrheit hinter Sherlock Holmes"

Ich würde meinen, dass kein Autor von sich behaupten kann, Figuren ohne eine reelle Vorlage zu erschaffen. Man geht durch den Alltag, man sieht, man hört, man nimmt in sich auf und kreiert daraus die Figur, die für einen selbst stimmig erscheint. Daher ist es wenig erstaunlich und für Kenner auch kein Wunder, dass schon Sir Arthur Conan Doyle in Joseph Bell ein Vorbild für seine Figur Sherlock Holmes sah. Was allerdings den wenigsten bekannt sein dürfte, ist, dass es neben Joseph Bell noch eine weitere Person gab, die den Charakter und das Verhalten von Sherlock Holmes maßgeblich beeinflusst hat.
Während Joseph Bell anfänglich eher an der Uni für Aufsehen sorgte, hatte es Henry Littlejohn schon in den Dienst der Polizei geschafft, was laut Daniel Smith auch der Grund war, warum er in Zusammenhang mit Sherlock Holmes selten genannt wurde. Es galt seine Reputation nicht zu gefährden.
Das ändert sich im Jahr 1893, als es zu dem Verfahren um den Tod von Cecil Hambrough auf dem Anwesen Ardlamont Estate, Schottland, kommt.
Beide Männer müssen bei dem Gerichtsprozess aussagen und ausführen, ob der Tod des jungen Offiziers wirklich ein Unfall gewesen sein kann oder ob nicht doch Habgier die Triebfeder war.

Daniel Smith erzählt auf 320 Seiten, die er mit Gerichtsakten, Briefen und Zeitungsartikeln unterfüttert, wie ein historischer Kriminalfall sich auf die Entwicklung des wohl bekanntesten Detektives und seine Geschichten auswirkte, denn, das sei gesagt, in Verlauf des Prozesses wurden auch immer wieder die Rufe nach Sherlock Holmes laut, der nach Meinung der Zeitungen und auch der Prozessbeteiligten das Rätsel wohl eher lösen könnte als alle real beteiligten Personen. Nebenbei bemerkt gab es in dem Prozess auch einen Arzt, der Watson hieß.

Nun kann man erwarten, dass ein Gerichtsfall selbst mit seinen Vor- und Nachwehen auf 320 Seiten sich zeitweilig in Nichtigkeiten verzettelt und manchmal ist das auch so. Smith kommt von Kleinigkeiten auf die kleinsten Kleinigkeiten, doch hat dies stets einen Grund. Er baut mit diesen Details vor dem Auge des Lesers in feinen Passagen die kulturelle Gesellschaft mit ihren Eigenheiten auf. Er zeigt, wie die viktorianische Gesellschaft funktioniert und an welchen Stellen sie gerade im Umbruch war. 

Neben Sherlock Holmes spielen die Entwicklung der Forensik, der Psychologie, der Polizeiarbeit und die Wahrnehmensveränderung des Adels eine zentrale Rolle.

Da er sich auf historische Fakten stützt, ist das Buch somit nicht nur für Sherlock Holmes Fans interessant, sondern bietet zahlreiche Geschichtsstunden und Nerdwissen in einem Buch.

4,5 von 5 Victorians

Samstag, 18. Januar 2025

Oliver Hoffmann "Moriarty trinkt Tee"

It's tea time in der Baker ...
Ach nein, falsch. Wir befinden uns gar nicht in der Baker Street. Die Geschichte spielt zwar in dem Universum des Sherlock Holmes', doch er ist lediglich eine Randfigur, die ihrer Sucht zunehmend erlegen scheint. So ist es an Moriarty, die Unschuld von John H. Watson zu beweisen, denn dieser weilt im Gefängnis. Er soll einen Mann vor eine Droschke gestoßen und so dessen Schicksal besiegelt haben. Kurzerhand trommelt Moriarty die Ermittlertruppe des ersten Bandes erneut zusammen. So ziehen Molly, Colonel Moran und die Hausangestellten los und finden schnell heraus, dass der Teemagnat keine so saubere Weste hat, wie er den Eindruck vermitteln will. Noch schlimmer ist allerdings seine Frau, eine ehemals drittklassige Schauspielerin. Sie hat viel zu verlieren, denn ihr Geheimnis ...

Ich möchte nicht behaupten, dass es Sherlock Holmes Pastiches wie Sand am Meer gibt, doch es haben sich nach Sir Arthur Conan Doyle schon viele Schreibende an seinem Plot oder zumindest an dessen Personalgefüge versucht. 
Hier neue und zugleich schlüssige Ideen in eine Romanform zu gießen, bedarf viel Fingerspitzengefühl., denn die Lesenden sind wählerisch. Zu nah am Original gilt der Text als Abklatsch, zu weit entfernt und schon wird gemeckert, dass man in der Interpretation zu frei war. 
Natürlich muss Oliver Hoffmann einige Grundsätze ändern, damit seine Version des Sherlock Holmes Universums funktioniert. Gleichzeitig fährt er viele Geschütze auf, die das Viktorianische Zeitalter an Vorurteilen zu bieten hat, um den Leser von der eigentlichen Spur abzulenken.
Sein Schreibstil passt sich dabei den einzelnen Szenen wunderbar an, ruhige Szenen sind gefasst und dynamische Szenen schnell verfasst, ohne dabei in einen Thrillermodus zu entarten.
Ein Krimi der klassischen Art, der Moriarty in ein menschlicheres Licht rückt.

4 von 5 Teetassen

Donnerstag, 28. November 2024

Mabel Swift "Sherlock Holmes und das Geheimnis des Laternenanzünders"

Sherlock Holmes ist ein Charakter, mit dem man als Autor wenig falsch machen kann, wenn man die originalen Texte gelesen hat. Sein Denken und sein Benehmen sind relativ klar vorgegeben und seine Interaktionen mit Watson laufen oft ähnlich ab. Daher verwundert es nicht, wie viele verschiedene Pastiches im Lauf der Jahrzehnte auf dem Markt erschienen sind.
Mabel Swift hat ihre eigene Reihe um Sherlock Holmes aufgesetzt. In der aktuellen Folge treibt ein Schuft sein Unwesen, indem er bereits entzündete Gaslaternen wieder zu löschen scheint. Oder hat der Anzünder sie gar nicht erst angemacht?
Dieser kurze Krimi entführt den Leser in die Zeit, als die Hochzeit der Anzünder abebbt, denn die Elektrizität steht bereit.
Der Fall ist gut aufgebaut, doch woran es aus meiner Sicht hapert, ist die Übersetzung. Aus dem Englischen mittels KI übersetzt, gibt es mehrere Stellen, die im Deutschen nicht richtig passen.
So wird Mr. im Deutschen belassen, der Mister aber als Herr übersetzt. Ganze Sätze werden eins zu eins wiederholt, ohne die Möglichkeit einer Varianz in Erwägung zu ziehen.
Schade eigentlich, weil der Fall wirklich gut ist und der Lesefluss durch die Übersetzung arg gestört wird. 
Für Holmes Fans sicherlich nicht die beste Reihe, um sie auf Deutsch zu lesen.

3 von 5 Gaslaternen

Samstag, 28. September 2024

Stephen Crane "Das Monster und andere Geschichten"

Klassiker sind für mich immer noch größere Wundertüten, als es aktuelle Romane oder Geschichten sind. Der Sprachstil, die Sicht auf die Welt, man kann als heutiger Mensch nicht so schreiben, wie es die Menschen damals taten. Gedanken, Ideologien und vieles andere ist so stark im Menschen verwurzelt, dass man es beim Schreiben gar nicht ausblenden kann. Und so ist es ein Roulette, ob man als Leser mit dem Schreibstil eines Autors im wahrsten Sinne des Wortes warm wird.
Dieses Mal sollte es nicht sein. Die Titelgeschichte zieht mich weder mit ihrer Spannung noch mit ihrem Inhalt in den Bann. Irgendwo in den USA angesiedelt, spielen mehrere Geschichten in einer kleinen Stadt, die so typisch amerikanisch ist, dass es schon fast wie eine Parodie wirkt. Viele Menschen werden dem Leser vorgestellt und durch eine untypische Namenswahl musste ich immer wieder hin und her blättern, um zu wissen, welcher Charakter was tut.
Ich bin beim Lesen abgedriftet und habe große Teile der Geschichte "Das Monster" einfach nur geskippt. 
Von den anderen Geschichten gefielen mir einzelne und doch ähneln sich die Geschichten im Aufbau, dass ich im Abstand von ein paar Tagen keine mehr packen kann.
Liegt es am Autor oder liegt es unserer Zeit, dass die Texte nicht die gewünschte Wirkung auf mich haben? Tatsächlich weiß ich es nicht. Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen und doch würde ich jedem raten ein Blick in das Buch zu werfen, denn Crane war ein Schriftsteller seiner Zeit - wenn auch kurz.
Eine Bewertung fällt mir dieses Mal wirklich schwer, da es kaum greifbar ist, woran es liegt.

3 von 5 Monstern

Donnerstag, 19. September 2024

Robert Louis Stevenson "Der Selbstmordclub"

Robert Louis Stevenson ist hauptsächlich für seine Werke "Die Schatzinsel" und "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und des Mr. Hyde" bekannt. Mit "Der Selbstmordclub" legt er eine dreiteilige Geschichte vor, die sich wie Dr. Jekyll mit den Untiefen der menschlichen Psyche befasst.
Eines Abends sind zwei Männer in den Kneipen Londons unterwegs und langweilen sich ihres Lebens. Wie wunderbar ist es da, dass ein Jungspund zu ihnen an den Tisch kommt und von dem Selbstmordclub erzählt. Ungläubig schließen die beiden sich ihm an und die Handlung nimmt ihren Lauf, denn so einfach, wie es erst scheint, ist es nicht, sich selbst aus diesem Leben zu befördern.

Der Schauer kriecht erst ab diesem Zeitpunkt über den Körper, denn, was zuvor wie ein Witz erscheint, zeigt sich spätestens mit der Vorstellung des Präsidenten als perfides Spiel im wahrsten Sinne des Wortes.
In drei Akten spielt sich die Geschichte dieser drei doch sehr unterschiedlichen Männer ab und zeigt auf, wie tief menschliche Abgründe sein können.

Mit 130 Seiten ist diese Geschichte oder vielmehr sind diese drei Geschichten etwas ausgefeilter als die in der Reihe erschienenen Bücher von Edgar Allan Poe und Charles Dickens. Das Setting ist detaillierter ausgestaltet, trotzdem haben alle drei Autoren ein Gespür dafür, was es braucht, um die Menschen zu ängstigen.

Abgerundet wird auch diese Ausgabe mit Worterläuterungen und einer Einordnung dieses Werkes in sein gesamtes, literarisches Schaffen.

5 von 5 Clubmitgliedern

Mittwoch, 18. September 2024

Sylvia Kaml "Das smaragdgrüne Monokel"

Clara führt in nahezu beschauliches Leben im Ruhrgebiet des 19. Jahrhunderts, als eine Katastrophe sie aus dem behüteten Alltag verbannt. Fortan gilt es sich zu verstecken, hierbei kann ihr nicht einmal ihr einziger Freund, ein Hund mit mechanischen Beine, folgen. Jahre der Demut folgen und erst als sie sich das erste Mal verliebt, beginnt ihr Leben erneut aus den Fugen zu geraten. Warum? Sie ist nicht die, für die sie sich die ganzen Jahre gehalten hat und die Folgen sind weitreichender als ein Menschenleben.

Kennt ihr das Genre Steampunk
Steampunk ist eine Alternative zum Viktorianischen Zeitalter, mit dem Unterschied, dass sich nicht die Elektrizität durchgesetzt hat, sondern immer noch der Dampf als vorherrschende Kraft gilt. Eine weitere Quelle wird oft im Aether gesehen und, das bestimmt besonders diesen Roman, vieles ist mechanisch oder auch mechanischer als in der "Realität". 
Mensch und Tier, die wegen Krieg und Kälte verletzt werden, erhalten Prothesen, deren Funktion zum Teil noch besser ist, als es die eigenen Gliedmaßen waren - aber zu welchem Preis?

Sylvia Kaml führt langsam in die Erzählung um Clara ein. Trotz der Unstimmigkeiten zuhause, lebt sie ein ruhiges Leben, das nach der Katastrophe aus den Angeln gerissen wird. Durch zahlreiche Orts- und Personenwechsel schafft es die Autorin immer wieder neue Beziehungen in den sonst eher tristen Alltag von Clara zu bringen, was schließlich zum ersten Höhepunkt mit Jos führt.

Mit einer den Situationen angepassten Sprache, mal schnell, mal bedächtig, schafft Sylvia es, die Höhen und Tiefen eines jungen Lebens in einem Zeitalter des Umbruchs zu beschreiben und mit feinen Nuancen aufzuzeigen, wie auch der Steampunk und seine Möglichkeiten den Mächtigen eine Hilfe sein kann.
Ihre Darstellung der zwischenmenschlichen Beziehungen, in welchen viele psychologische Facetten Raum einnehmen, sind für mich mit die stärksten Szenen in dem Buch und zeigen, wie Charaktere durch ihr Umfeld beeinflusst werden. 

Steampunk zum Kennenlernen und Anfassen.

4 von 5 Monokeln

Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Dienstag, 20. August 2024

Jules Verne "Fünf Wochen im Ballon"

Hört man Jules Verne, denkt man direkt an "In 80 Tagen um die Welt" oder "20.000 Meilen unter dem Meer". Doch forscht man nach, stellt man schnell fest: Jules Verne war ein Vielschreiber. Nicht nur, dass er thematisch sehr variiert geschrieben hat, sein Stil erinnert an die damaligen Reiseberichte. Immer wieder muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass es sich um einen fiktiven Text handelt, der massiv mit historischen Fakten untermauert ist.

"Fünf Wochen im Ballon" hat gerade zu Beginn eine starke Ähnlichkeit mit "In 80 Tagen um die Welt". Ein verrückter Forscher sitzt in seinem Club und sinnt über das Leben, da manifestiert sich der Gedanke einer Forschungsreise. Ein Begleiter ist schnell bei der Hand, der andere muss erst noch überzeugt werden und dann geht es schon los. Entlang bisheriger Reiserouten und Erkenntnisse fahren die drei durch die Lüfte und erleben nicht nur Abenteuer, sondern sie müssen das eine oder andere Mal dem Teufel ein Schnippchen schlagen. Fremde Völker, Wassermangel, Krankheit, alles, was neben der Fahrt hemmend wirkt, fließt in die Geschichte ein und man hat zeitweilig den Eindruck mit im Ballon zu stehen.

Unabhängig dessen, dass ich nie in einen Ballon steigen würde, hat mir die Fahrt Spaß gemacht. Nach den anfänglichen Ähnlichkeiten nimmt die Geschichte eine sehr eigenwillige Fahrt auf und man hat mit den drei Figuren sehr unterschiedliche Charaktere, die man begleitet. In meiner Übersetzung wurde die originale Sprache verwendet, was in den ersten Kapiteln bei Rechtschreibung und Wortgebrauch noch störend wirkt, entfaltet später seinen ganz eigenen Charme.

Gerade Jules Vernes Art die Kapitel in Stichworten zu Beginn zusammenzufassen, schafft einen starken Wiedererkennungswert. Der Mann weiß einfach, die Leser an sich zu binden. Nach vielen kleinen und großen Abenteuer landet man auf der letzten Seite und obwohl manche Szenen wiederholenden Charakter haben, sitzt jede Szene am richtigen Ort.


4 von 5 Ballons

Dienstag, 16. Juli 2024

Walter Christian Kärger "Der Dienstmädchenmörder"

Sherlock Holmes bekommt Konkurrenz. 

München. 1886. Hajo von Zündt, Pathologe an der Münchener Universität, beschleicht eine Vorahnung, als ihm die Leiche einer jungen Frau zur Untersuchung gebracht wird. Sie soll sich ertränkt haben, doch die Untersuchung wirft mehr als nur Zweifel auf. Mit seinem Adoptivbruder Adam und seiner Assistentin Charlotte versucht Hajo hinter die Fassade zu blicken und dem leitenden Ermittler Manteuffel die Beweise zu liefern, die der Mörder so geflissentlich zu verstecken sucht. Doch wer annimmt, dass es sich nur um die Münchner Kreise dreht, der hat die Rechnung ohne das Moor gemacht.

Während Sherlock Holmes die Baker Street in London und natürlich auch die Umgebung von Verbrechen befreit, nimmt Hajo von Zündt die gleiche Aufgabe in München für sich in Anspruch. Von Adel, dazu gebildet und ohne jeglichen Schnick-Schnack der High Society arbeitet er im Gegensatz zu seinen Adelsgenossen und ist ebenso an den Umwälzungen der Zeit freudig interessiert. Nicht mit Spott begegnet er der aufstrebenden Emanzipation und er unterstützt auch die Entwicklung der Kriminalistik, deren Schlussverfolgerung, dass alle vor dem Gesetz gleich sind, ihn tief beeindruckt.

Ein facettenreicher Charakter erlebt somit seinen ersten Fall. Die Nähe und Inspiration von Sherlock Holmes ist hier nicht von der Hand zu weisen und auch mehrere, kleinere Begebenheiten weisen auf den Doyleschen Kanon hin. Jedoch schafft es der Autor einen eigenen und eigenwilligen Charakter zu erschaffen, der in der Zeit des Umbruchs seinen eigenen Weg sucht und oftmals auch findet. Ergänzt wird der Kriminalfall um so manch historische Information, die beim Lesen die Deutsche Geschichte und auch den technologischen Fortschritt näher bringt. 

Ein gelungener Fall mit fulminanten Ende und der Hoffnung, dass es bald einen zweiten Band um Hajo von Zündt geben wird.

5 von 5 Ermittlern

Dienstag, 4. Juni 2024

Jörg Kastner "Sherlock Holmes und ein Doktor in Not"

Trübes, englisches Wetter, Baker Street und ein Mann ist in Not. Wie so viele Geschichten beginnt auch diese in der Baker Street bei dem großen Detektiv und seinem Chronisten.
Ein Doktor wurde in eine Behandlung hingezogen, die er von Anfang an für obskur hielt, doch als seine Frau entführt wird, muss er sich an Holmes und Watson wenden.
Jörg Kastner fährt in dieser Kurzgeschichte viele Dinge auf, die Sherlock Holmes Leser aus den originalen Geschichten kennen. Maskierte Fahrten durch das nächtliche London, Watsons Vorbereitungen an seinem alten Armee-Revolver, Hunde, Mycroft ...
Gerade bei einer Kurzgeschichte ist die Gefahr, sie mit Details zu überladen, immer gegeben, doch Jörg Kastner schafft es, alles in der Waage zu halten. Man fühlt sich in der Geschichte heimelig und man spürt, dass er sich im Kanon von Sir Arthur Conan Doyle auskennt.
Auch das Thema Individualität spielt bei den Pastiches immer eine große Rolle. Zumindest bei dieser Geschichte wäre noch ein wenig mehr möglich gewesen.
Doch so wie sie ist, eröffnet "Sherlock Holmes und ein Doktor in Not" solide die Welt von Sherlock Holmes aus der Sicht von Jörg Kastner.

4 von 5 Pfeifen

Sonntag, 14. April 2024

David Gray "Sherlock Holmes - Der Geist des Architekten"

Nachdem Watson die Baker Street 221B verlassen hat, kommt er lediglich zu Besuch, um mit Holmes neue Fälle zu klären. Ein Bekannter Mycrofts benötigt die Hilfe der beiden Ermittler, da sich in seinem neugebauten Haus ein Geist eingenistet hat. Selbstverständlich ist Holmes von Anfang an der Meinung, dass es Geister nicht gibt, dafür ist sein Verstand viel zu rational. Doch das Thema reizt ihn und so findet sich neben den beiden Ermittlern auch Inspector Lestrade ein, um den Verbrecher dingfest zu machen. Oder?
Ein neuer Holmes - ganz nach meinem Geschmack. 
Bei Holmes ist es für den Autor immer schwierig, mich zu begeistern. Zu nah am Original und ich halte die Texte für besseren Abklatsch, zu weit entfernt und ich denke, warum nennt man die Geschichte überhaupt Sherlock Holmes.
David Gray hat den Spagat für mich sehr gut geschafft. Mit dem Auftakt seiner Trilogie holt er alle wesentlichen Figuren aus den originalen Geschichten mit auf die Bühne und gibt ihnen eine jeweils eigene Nuance. Es handelt sich jeweils nur um ein kleines Detail, doch so baut er sich sein eigenes kleines Holmes Universum. Kleine versteckte Anekdoten und auch Plätze versetzen den Leser in nostalgische Stimmung, während die Geschichte neue Aspekte aus dem Charakter Sherlock Holmes lockt.
Die Illustrationen untermalen den eigenen Stil der Trilogie und es macht Spaß in die Baker Street zurückzukehren.

5 von 5 Consulting detectives

Sonntag, 24. März 2024

Alexandra Lavizzari "Frauen in Cornwall"

Cornwall. Mit seinen Höhlen, seine Mythen, seinen Schmugglerringen war und ist es ein Fleckchen Erde, dass immer wieder die Kreativität der Menschen anregt und sie in die Geschichte des Landes oder auch ihre eigenen, erdachten Geschichten eintauchen lässt.
In vier kurzen Portraits bringt uns die Autorin folgende Damen näher:
Daphne du Maurier -Schriftstellerin
Barbara Hepworth - Bildhauerin
Virginia Woolf - Schriftstellerin
Ethel Smyth - Komponistin
Während die beiden Schriftstellerinnen den meisten zumindest dem Namen nach bekannt sein dürften, waren für mich Barbara Hepworth und Ethel Smyth bis zu diesem Buch Unbekannte.
Die Portraits legen den Fokus speziell auf die jeweilige Zeit der Damen in Cornwall und erläutern, wie sich die kornische Lebensart oder gar das Spiel aus Licht und Schatten in die Werke der Damen geschlichen hat. Denn oft sind es eher kleinere Elemente, die das Wesen der Werke beeinflusst haben. Die Sagenwelt und zu dem Zeitpunkt auch noch der Widerstand gegenüber Frauen in der Kunst zeigt sich in alle vier Biografien. Weiterhin wird beleuchtet, welche Hindernisse durch Krieg, Rationierungen und Vorteilen den Frauen in den Weg gelegt wurden und warum zum Beispiel Ethel Smyth erst lange nach ihrem Tod für ihre Stücke berühmt wurde.
Das Buch ist ein kleines Stück Zeitgeschichte, denn die Autorin legt bei ihrem Text wert darauf, auch äußere Umstände, Traditionen und Denkweisen einfließen zu lassen, um somit ein nahezu psychologisches Gesamtbild und die daraus folgende Inspiration der Damen zu porträtieren.

5 von 5 Künstlerinnen

Samstag, 24. Februar 2024

Simone Keil "Das Mädchen mit dem Porzellangesicht"

Manchmal wünscht man sich, man könnte die Zeit zurückdrehen und somit Unheil abwenden. Doch selbst wenn man das Schicksal herausfordert, besiegen kann man es nicht. 
Als Kazuki Kobayashi den Handel mit dem Advokat eingeht, kann er nicht erahnen, was die Zukunft für ihn und seine kleine Familie bereithalten wird. Denn der Advokat spielt ein falsches Spiel und ist auch nicht der, der er zu sein scheint. 
Mit der Geburt der kleinen Miyo ändert sich das Leben vieler und sie wird zum Zankapfel zwischen ihrem Vater und dem Advokat.
Mystisch, mit vielen Spritzern historischer Fakten wird die Geschichte der kleinen Miyo im England von Jack the Ripper und umherziehenden Zirkussen erzählt. Immer ist Miyo mitten im Geschehen, ob in den dreckigen Straßen Londons, an der Küste Englands mit eigener Lehrerin oder später in der Mädchenschule.

Die Geschichte fängt die Gefühle von Miyo wunderschön ein. Miyo ist ein fantastischer Charakter, da sie immer mit ihrer Maske und den dazugehörigen Beschränkungen leben muss. Nie ist sie wirklich sie selbst und immer sind es andere, die ihr Leben beeinflussen. Man erkennt trotz der Fantasie und des Zeitabstandes von über einhundert Jahren viele auch moderne Probleme wieder. Doch gerade zum Schluss wirken die Verwicklungen ein bisschen zu aufgesetzt, was den anfänglichen Charme der Erzählung ein wenig eintrübt.

3,5 von 5 Masken

Mittwoch, 27. Dezember 2023

Aleksia Sidney "Weihnachten mit Sherlock Holmes"

Sherlock Holmes Kurzgeschichten zu schreiben ist in meinen Augen eine Kunst.
Bei den Pastiches darf das Original nicht zu sehr kopiert werden und doch darf bei den klassischen Adaptionen nicht der nostalgische Charme verloren gehen, den diese Geschichten ausmachen.
So ist es für mich immer die berühmte Büchse der Pandora, wenn ich zu einer Pastiche-Anthologie greife. Doch dieses Mal bin ich wirklich begeistert. 

"Weihnachten mit Sherlock Holmes" ist genau das, was sich der Leser von einer klassischen Holmes-Zusammenstellung wünscht.
Watson erzählt vom Afghanistan-Krieg, er sucht seinen Revolver, wobei Sherlock sich nicht zu sehr langweilt, sodass die 7%-Lösung nicht zum Einsatz kommt. Dafür sind aber Mrs Hudson und Inspector Lestrade von der Partie.
Holmes und Watson ermitteln in den Kurzgeschichten auch außerhalb von England und einige Schurken erkennt man aus den Originalen.

Bekannte Autoren haben sich an Sherlock Holmes gewagt und ihm ihre Weihnachtsgeschichte geschenkt, wobei die Geschichten für diese Ausgabe neu zusammengestellt wurden.
Der bekannteste Autor dürfte mit Sicherheit Anthony Horowitz sein, aber auch die Geschichten von z.B. Anne Perry, Reginald Hill und Laurie R. King haben ihren Reiz und finden ihren Platz im Gedächtnispalast des großen Detektives und seines Chronisten.
Auch wenn Weihnachten gerade vorbei ist, darf es echte Holmes-Fans nicht abhalten, zu dem Buch zu greifen.

4,5 von 5 Detektiven

Dienstag, 3. Oktober 2023

Theodor Fontane "Auf der Suche"

Kurzgeschichten sind keine moderne Erfindung und sie sind nur bedingt eine Erfindung der englischen Literatur. Denn auch wenn die Engländer sie bis heute besser zu wissen schätzen als die Deutschen, gab es auch schon vor über hundert Jahren Deutsche die Kurzgeschichten schrieben.
Der vorliegende Band von Theodor Fontane fasst erstmals sechs seiner Kurzgeschichten in Buchform zusammen und zeigt, dass auch er schon wusste, was eine gute Kurzgeschichte ausmacht. 
Stimmung, Atmosphäre und gegebenenfalls auch Moral und Anstand in einen kurzen Text zu packen, das kann bekanntlich nicht jeder und so ist ein Fest diese wundervollen, atmosphärisch dichten Texte zu lesen. Sie wirken heute ein bißchen aus der Zeit gefallen, da es viele Dinge aus Fontanes Zeit nicht mehr gibt, aber spätestens der Anhang zeigt, wo damals in den Texten die unterschiedliche Brisanz lag (Stichwort: Kuppelei oder auch Laborant). 
Beim Lesen muss man sich anfänglich auf die Sprache einstellen, denn der Verlag hat glücklicherweise darauf verzichtet, den Text zu modernisieren. Eine Tatsache, die ich bei älteren Texten durchaus begrüße. Man taucht dadurch noch mehr in die vergangene Zeit, ihre Werte und ihre Vorstellungen ein und ist dabei in einer kleinen Zeitkapsel gefangen, die man erst beim Schließen des Buches wieder verlassen muss.
Ein fortwährendes Carpe diem liest sich zwischen den Zeilen und man ist erstaunt, wieviel Anmut in den Zeilen steckt. 
Wer Fontane bereits kennt, findet sehr deutlich seine Art der Kritik wieder und wer ihn nicht kennt, kann ihn in sechs Geschichten kennenlernen.

5 von 5 short stories

Montag, 28. August 2023

James Hilton "Leb wohl, Mister Chips"

Mister Chips, eigentlich Mister Chipping, ist die Institution, wenn man vom Brookfield Internat spricht. Als Lehrer mit gerade einmal zweiundzwanzig begann er seine langjährige Karriere an dem Internat, an dem er Latein und Griechisch unterrichtete und erlebte dabei den Umbruch der Welt und seiner eigenen. 
Immer einen Witz auf den Lippen mausert sich der zumeist in sich gekehrte Lehrer durch seine Frau zum Liebling des Kuratoriums und auch der Schüler, was den einen oder anderen Ärger für ihn in petto hat.

Auf gerade einmal 144 Seiten entfaltet dieser Klassiker seine ganze Stärke und seinen Glanz. 1934 geschrieben und erstmal 1936 in Deutschland veröffentlicht, diente das Leben seines Vaters und mit Sicherheit auch seine eigene Schulzeit dazu, diese humorvolle Novelle zu verfassen.
Immer in kleinen Rückblenden greifen die einzelnen Kapitel Szenen aus dem Leben des Lehrers auf, der selbst in der Rente nicht von der Schule lassen kann und lediglich auf die gegenüberliegende Straßenseite in eine Pension zieht. Ehemalige und neue Schüler besuchen ihn dort zu Tee und Gebäck und so ist er immer ein Teil des Geschehens.
Lustige und tragische Ereignisse wechseln sich in den Rückblenden ab und werden in das Weltgeschehen eingeflochten. Elektrizität, der große Krieg oder Königswechsel sind an dem Internat mal größere, mal kleinere Themen, die auch den Schulalltag beeinflussen.
Dabei ist die Sprache - wie man die von Klassikern kennt - ein wenig getragener ohne dabei zu verkopft zu sein. Sie passt zu der Zeit und zu den Umständen und der Autor schafft es, den anfänglich unscheinbaren Lehrer als Institution in unserem Kopf erstehen zu lassen.

5 von 5 Internaten

Mittwoch, 23. August 2023

Oliver Hoffmann "Moriarty und der Schächter von London"

"Moriarty und der Schächter von London" spielt im Jahr 1894, als Sherlock Holmes nicht in London weilt und Mycroft Holmes auf Professor Moriarty zurückgreifen muss, um eine bestialische Mordserie zu lösen. Die Polizei ist ratlos, als mehrere wichtige Persönlichkeiten brutal ermordet aufgefunden werden. Professor Moriarty nimmt sich des Falles an und binnen kurzer Zeit hat er eine kleine Heerschar, die ihm die eine oder andere Information zuträgt. Doch werden letztlich als diese Informationen ausreichen, um den Mörder zu stoppen?

Wenn Nebenfiguren ihre eigene Buchreihe bekommen, kann das funktionieren, es muss aber nicht zwangsläufig der Fall sein.
Professor Moriarty ist einer der größten Bösewichte der Literatur und auch wenn es schon verschiedene Ansätze gab, ob Sherlock Holmes sich dessen Bösartigkeit lediglich eingebildet hat, bleibt bei vielen Lesern die Erinnerung an einen negativ besetzten Charakter.
Daher überrascht es, wenn Oliver Hoffmann ihn als Ermittler für die Krone vorstellt und ihn dabei auch recht sympathisch zeichnet.

Der erste Fall für Professor Moriarty, der zweite erscheint im Oktober 2023, präsentiert uns einen gesetzten Mann, der in der Gesellschaft geachtet und von Mycroft Holmes respektiert wird. Er wird anstelle von Sherlock Holmes zu den Ermittlungen hinzugezogen und gerät dadurch in das für die Sherlock Holmes Geschichten bekannte Katz und Maus Spiel mit dem Mörder. 

Beim Lesen merkt man an der einen oder anderen Stelle den modernen Einschlag in die Geschichte, die Sir Arthur Conan Doyle nicht gewählt hätte, aber es passt sich gut in das gesamte Setting ein.
Im Gegensatz zu anderen Pastiches bedient sich Hoffmann nicht der allzu gängigen Floskeln, sondern er baut seine eigene Sprache und die eigene Umgebung auf, in die er seine Handlung platziert.
Durch geschickte Perspektivwechsel gibt er den Lesern schon während der Lektüre kleine Einblicke, was es spannend macht, Moriartys Deduktion im Kontrast zu Sherlock zu erleben.

Wenn es mal etwas anderes als Sherlock Holmes sein darf, aber es trotzdem in seinem Dunstkreis liegen soll, ist dieses Buch wärmstens zu empfehlen.

4,5 von 5 Morden