Montag, 11. August 2025
Geoff Rodoreda "George Orwell in Stuttgart, Nürnberg, Köln"
In den Zwanziger und Dreißiger Jahren war er mehr in der Welt unterwegs als so manch anderer Engländer. Geboren in Bihar kommt seine Mutter erst später nach England zurück. Von dort zieht es ihn nach Burma zum Polizeidienst. Anschließend kränkelte er, bevor er in London einen Job als Buchhändler annimmt. Zwischenzeitlich zieht es ihn immer wieder zu seiner Tante nach Paris, dann zum Spanischen Bürgerkrieg. Erneut in England adoptieren seine Frau und er einen Sohn, bevor es ihn am 8.4.1944 über den Ärmelkanal für zwanzig Kriegsberichterstattungen nach Frankreich und schließlich nach Deutschland zieht.
Trotz Krieg, Krankheit und Kind widmet er sich mit Leidenschaft seinen Texten für The Observer und Manchester Evening News. Geoff Rodoreda hat aus den Berichten, vereinzelten Briefen und anderen Dokumenten die Zeit wiederaufleben lassen, die seiner Meinung nach prägend für die Erschaffung von "1984" ist. Sicherlich hat Orwell seine Idee zu dem Roman schon vorher gehabt, aber die Gespräche mit den Menschen vor Ort und ihre Verzweiflung spiegeln sich im Text wider. Dabei ist es vielfach erstaunlich, welche Position der bekannte Autor in seinen Ausführungen einnimmt.
Geoff Rodoreda konzentriert sich in seinem Text nicht nur auf den Monat in Deutschland. Er schildert in dem Buch fast das komplette Leben Orwells. Was im ersten Moment enttäuschend wirken kann, da die deutsche Episode nicht das ganze Buch umfasst, liefert es dafür ein besseres Verständnis von Orwell und seiner Einstellung. Ohne die bewussten Hinweise auf Orwells Episoden vor Deutschland wären viele seiner Äußerungen nicht nachvollziehbar.
Zahlreiche Zusammenfassungen innerhalb des Textes verfestigen die neuen Informationen und lassen Orwells Leben nicht allzu schnell am Leser vorbeiziehen.
Ein interessanter Blick hinter die Kulissen von "1984".
4 von 5 Staaten
Mittwoch, 30. Juli 2025
Silia Wiebe "Unsere Mütter"
Das Sachbuch erzählt von zwölf Mutter-Tochter-Beziehungen. Augenscheinlich dieselbe Beziehung, doch keine gleicht der anderen.
Die zwölf Töchter sind in sehr unterschiedlichen Verhältnissen aufgewachsen, sind zum Zeitpunkt des Interviews nicht im gleichen Alter und ihre jeweilige Beziehung zu der Mutter ist verschieden.
Die Autorin schafft es mit den Texten zwei sehr wesentliche Grundsätze zu zeigen: Zum einen kann man keine Beziehung mit einer anderen vergleichen und zum anderen beweist sie, dass alle folgenden Beziehungen auf der zur Mutter fußen.
Wie bei einem psychologischen Gespräch setzen sich die Töchter, die eine eher schwierige Beziehung zur Mutter haben, in ihren Texten damit auseinander. Mal war die Mutter bei der Geburt zu jung, mal war sie krank. Und natürlich wirkt sich die schon die eigene Beziehung der Mutter zu ihrer Mutter auf das Verhältnis aus.
Die Töchter, die ein gutes Verhältnis zur Mutter haben, erzählen, was sie alles mit ihr erleben und wie ihre Mutter das Leben bereichert.
Doch es gibt hier und da auch Zwischentöne, mal ein übergriffiger Kommentar, mal eine Spur zu viel Kontrolle.
Das Buch bildet ein Kaleidoskop an Verhältnissen und jede Geschichte ist einzigartig.
Manche sind sehr traurig, einige schon fast ein bisschen lustig.
Aber alle sind emotional und berühren beim Lesen, weil man doch, egal wie die eigene Beziehung ist, entweder Mitleid oder Freude für die Erzählerinnen empfindet.
Ein Buch, was die Vielschichtigkeit von Beziehungen herausarbeitet, ohne dabei zu bewerten.
4 von 5 Beziehungen
Freitag, 18. Juli 2025
Elise Downing "Küstenpfade"
Als Elise sich entschließt die britische Insel zu umlaufen, gibt es den berühmten Küstenwanderweg noch nicht. Es gibt lediglich Teilbereiche und viele werden im Jahr ihrer Wanderung erst erschlossen. Warum ich das direkt zu Anfang sage? Weil es die Schwere ihrer Umrundung unterstreicht und viele Momente mit ihr erklärt. Oftmals muss sie an oder gar auf Straßen laufen, denn längst nicht auf jedem Kilometer kann man dicht an der Küste den Blick auf das Meer genießen. Ich persönlich glaube, das hätte es für sie in vielen Momenten erleichtert.
Doch von Anfang an: Elise ist nicht die ausgebildete Läuferin, wie man es vermuten mag, wenn man eine solche Wanderung anstrebt. Den einen oder anderen Lauf hat sie zwar absolviert, aber 8.000 Kilometer, davon war bisher noch nie die Rede und doch scheint der Zeitpunkt perfekt. Sie kündigt ihren Job, ihre Beziehung ist schon zuvor fast zum Erliegen gekommen und sie zieht wieder bei ihren Eltern ein.
Mit einem Rucksack und einem Zelt macht sie sich im November auf und läuft los.
Die nächsten Monate begleitet man sie und es ist ein schieres Wechselspiel der Gefühle. Viele Stunden am Tag mit sich allein zu sein, kann neben der körperlichen Anstrengung unheimlich hart sein, dazu auch die Abgeschiedenheit und das Heimweh. Vieles drückt ihr gerade zu Beginn der Reise auf das Gemüt und sie wirkt unzufrieden und frustriert.
Doch mit jedem Kilometer gewinnt sie an Stärke, Selbstvertrauen und findet eine Ruhe, die sie zu Anfang nicht hatte.
Sie berichtet von den Orten, die sie gesehen hat, erzählt von ihren Ängsten und Anekdoten, denn sie hat bei vielen Menschen übernachtet und wer die Engländer kennt, weiß, dass sie ihre ganz besondere Art haben.
Es ist ein Buch, das zeigt, wie man wachsen kann.
Es ist ein Buch, das zeigt, wie man zu sich selbst und einen Fokus findet. Das meine ich nicht nur im esoterischen Sinne. Beim Wandern hat man viel Zeit zum Nachdenken und nach Gespräche mit anderen, kann ein Lauf bekanntlich Berge versetzen.
4 von 5 Laufschuhen
Samstag, 12. Juli 2025
Edi Estermann "Der Elefant im Personalladen"
444 Versprecher hat der Autor in seinem Buch "Der Elefant im Personalladen" zusammengeführt und sorgt damit für Lacher und aber auch für das eine oder andere Kopfschütteln.
Zu Anfang erklärt er, wie er die sehr unterschiedlichen Redewendungen und Sprichwörter zu sammeln begann. Ausschlaggebend ist da sein direkter Bekanntenkreis und die Reisen mit der Bahn haben auch einige Beiträge beigesteuert.
Die Themenbereiche bilden das Grundgerüst, an dem er die Sprichwörter und ihre Fehlinterpretationen aufreiht. Bei eigenen Sprichwörter bietet er auch eine historische Einordnung und erklärt den Lesenden, wie es zu den Texten gekommen ist. Manchmal, wenn ein Sprichwort einen Sinnwandel vollzogen hat, erklärt er auch, was ursprünglich mit den Zeilen gemeint war.
Es ist somit ein Ausflug in die Welt der Sprache und somit auch gerade bei älteren Phrasen eine Reise zu den Missverständnissen unserer Zeit, wenn man nicht mehr wirklich die Probleme früherer Generationen verstehen kann.
Am Stück sollte man das Buch allerdings nicht lesen, da sonst einige der feinen Versprecher in der Masse schlicht untergehen. Dann und wann einige Seiten erhöhen den Schmunzelfaktor und lassen das Buch über Tage den Alltag mit einem Lächeln versüßen.
4 von 5 Versprechern
Montag, 23. Juni 2025
Manfred Spitzer "Das musikalische Gehirn"
An was denkst du zuerst, wenn du das Wort "Musik" hörst?
Denkst du an ein Lied?
An eine Person?
Oder eine Begebenheit?
Denn anders als die meisten Hirnfunktionen spielt sich Musik im ganzen Kopf ab. Sie verbindet verschiedene Bereiche des Gehirnes und es lässt somit kaum eingrenzen, wo sie nicht zu finden ist.
Eng mit der Emotion verknüpft, ist sie auch dem Sprachzentrum sehr nahe. Doch eigentlich "hören" wir nicht Musik; sie entsteht im Kopf.
Und da jeder Musik woanders und mit wem anders gehört hat, hört sich Musik auch für jeden ein bisschen anders an.
Soweit ein paar der Kernaussagen des Buches.
Sicherlich wird einem beim Lesen das eine oder andere bekannt vorkommen und man erkennt sich in einzelnen Abschnitten wieder.
Das Buch zeigt hervorragend, dass man öfters auf sein Bauchgefühl hören darf, denn der Körper erschließt sich einem besser, wenn man ihm zuhört. ;-)
Mit seinen achtzig Seiten kann das Buch natürlich nur einen Einstieg in das Thema bieten, dafür ist dieser sehr amüsant.
4 von 5 Klängen
Freitag, 6. Juni 2025
Caleb Everett "1000 Sprachen - 1000 Welten"
So sehr die Menschen eint, dass sie Sprache nutzen, desto mehr unterscheiden sich auch Stile, Worte und damit einhergehend Gebräuche in den einzelnen Sprachen.
Direkt zu Anfang des Buches wird deutlich, die Anzahl der Sprachen sinkt. Immer mehr Menschen konzentrieren sich auf Sprachen, die von vielen gesprochen werden und "vergessen" ihre eigene. Im Deutschen kennt man diese Entwicklung bei dem Rückgang der Dialekte.
Doch warum ist das so? Warum verkennen die Menschen, dass sie ihre eigenen Kulturen, denn nichts anders ist Sprache, vernachlässigen?
Nun der Autor gibt anhand von Experimenten und Forschungsergebnissen vielfältige Einblicke in die Entwicklung.
In einem aufgeräumten Schreibstil, der es auch interessierten Laien ermöglicht dem Thema zu folgen, erklärt er, dass es nicht nur die Unterhaltung der Menschen ist, die zur Sprache führt. Früher wurde die Sprache isoliert von allem anderen betrachtet, heute wird sie in ihrem Alltag gesehen.
Eines der bekanntesten Beispiele ist die Tatsache, dass es in manchen Sprachen fünfzig Worte für Schnee geben soll. Gut möglich, je nördlicher man lebt. Doch wenn dieser Mensch sich mit anderen unterhält, die nicht dort leben, benötigt er diesen Wortschatz nicht mehr oder auch dann nicht, wenn er wegzieht.
Viele einfache Beispiele zeigen, dass es um mehr geht als nur Worte. Das Zeit- und Ortsverständnis, die Art, wie und auch wann man kommuniziert, selbst die nonverbale Kommunikation, alles spielt in das "große Ganze" mit rein.
Wer sich dafür interessiert, dem sei das Buch mit seinen vielen Antworten ans Herz gelegt. Doch es bleibt zu betonen; es ist ein Sachbuch, was die Konzentration und die Aufmerksamkeit des Lesers sehr fordert.
4 von 5 Linguisten
Donnerstag, 5. Juni 2025
Micke Bayart "Als Pippi nach Deutschland kam"
Vor einigen Wochen hatte ich "Die unbekannte Astrid Lindgren" gelesen, in dem es hauptsächlich um ihre Tätigkeit als Herausgeberin und Verlagsmitarbeiterin ging. Spannend geschrieben wollte ich mehr über die Autorin hinter den Büchern erfahren und nahm "Als Pippi nach Deutschland kam" zur Hand. Nach den ersten ein, zwei Kapiteln hatte ich den Eindruck erneut "Die unbekannte Astrid Lindgren" zu lesen, da viele Inhalte, nicht Formulierungen, sehr dem ersten Buch glichen. Da ich das Buch mit einer Freundin zusammen las und mich mit ihr darüber unterhielt, las ich weiter und erkannte, dass nur die einleitenden Kapitel Überschneidungen besitzen, sich die Bücher danach aber inhaltlich und strukturell sehr unterscheiden.
Der Autor lässt viele Beteiligte aus den Verfilmungen zu Wort kommen und erklärt sowohl die historischen als auch kulturellen Hintergründe. Immer untermalen Astrid Lindgrens eigene Worte die Texte und auch die Zusammenarbeit mit dem Oetinger Verlag wird immer wieder herausgehoben.
Von den Versuchen Pippi in ihrer Art und Weise zu verändern, damit sie in der DDR veröffentlicht werden konnte, über die Dreharbeiten, bis hin zu den verschiedenen Darstellern von Pippi und anderen Verfilmungen wie Michel oder Ronja Räubertochter, ist auch dieses Buch ein Zeitdokument.
Es zeigt die Unterschiede in der Kindererziehung in Schweden, Deutschland und der DDR. Es zeigt, wie sehr darum gekämpft wurde, Kindern schöne und wohlwollende Literatur zugänglich zu machen und dabei auch das aufkommende Fernsehen zu integrieren.
Wer mehr über Pippi, Astrid Lindgren und die Nachkriegszeit erfahren will, sollte zu diesem und auch zu "Die unbekannte Astrid Lindgren" greifen.
4,5 von 5 kleinen Onkeln
Samstag, 17. Mai 2025
Roland D. Gerste "Wie Technik Geschichte macht"
Denn ohne die Erfindung von Gutenberg hätte sich weder die Anzahl der Menschen, die lesen können, in dem unglaublichen Tempo erhöht, noch hätten Nachrichten, Ideen oder schlicht Informationen so schnell verbreitet werden können, wie es danach der Fall war.
Ein weiteres Beispiel? Algorithmen.
Denn ohne diese und ohne Ada Lovelace und Alan Turing hättet ihr jetzt kaum ein Smartphone, Ipad oder sonstiges in der Hand und könntet diese Rezension lesen.
Natürlich sind das nur theoretische Annahmen, dass wenn es diese drei Menschen nicht gegeben hätte, diese Techniken nicht entwickelt worden wären.
In anderen Kapiteln des Buches z,B. "Der Traum vom Fliegen" oder auch "Herzschläge" wird sehr deutlich, dass es bei der Entwicklung von Technik auch oft um Zeit geht. Denn selten ist es wirklich so, dass nur eine Person über eine Entwicklung nachdenkt. Gerade bei Erfindern ist der Ehrgeiz eine nahezu unerschöpfliche Triebfeder, die es ihnen ermöglicht, über das bekannte Wissen hinaus zu denken und so neue Wege zu beschreiten.
Dass die Technik im Anschluss für Dinge verwendet wird, die die Erfinder nicht vorausgesehen haben, zeigt das Kapitel "Spaltende Kerne" und es erklärt, was einmal in der Welt ist, verschwindet auch so schnell nicht wieder.
Insgesamt lässt sich das Buch sehr flüssig lesen. Dabei sind die Kapitel sehr unterschiedlich in der Länge und auch in der Informationsdichte aufgebaut, sodass man nicht in allen Bereichen gleich viel über die Entwicklung, die vermeintliche Konkurrenz und auch die Einsatzmöglichkeiten erfährt.
Ein tolles Buch, was zeigt, wie die Welt wurde, was sie heute ist.
4 von 5 Erfindungen
Sonntag, 11. Mai 2025
Priscilla Galloway "Alchemist, Bogenschütze und 98 andere Jobs aus dem Mittelalter"
Nun, eigentlich ist es ganz einfach. Man wird nicht unnötig mit Begriffen konfrontiert, die einem noch nichts sagen und ich kann mir Wissen nach und nach aufbauen.
Ein weiterer Pluspunkt: Kinderbücher sind oftmals bebilderter als Erwachsenenbücher, was mir beim Lernen eine weitere Stütze ist. Denn bekanntlich lernt man durch mehrere Reize schneller.
Aber nun zum Punkt.
Dieses 94-seitige Kinderbuch stellt insgesamt einhundert Berufe aus dem Mittelalter vor. Dabei sind verschiedene Schwierigkeits- und Ekelgrade vorhanden, denn seien wir einmal ehrlich, unsere Nasen hätten im Mittelalter wirklich Probleme, die Gerüche oder vielmehr den Gestank auszuhalten.
Meist werden zwei Berufe auf einer Seite vorgestellt und mit einer charmanten Bebilderung versehen. Dabei kommt es öfters vor, dass die Bilder eine kleine Anekdote aus dem Berufszweig erzählen und man so über den Text hinaus einen Einblick in den Berufsalltag bekommt.
Weiterhin gibt es kleine Schaukästen, in denen kindgerecht der Unterschied zwischen Zünften und Gilden erläutert, die Ausbruch der Pest geschildert und der Lehnseid erklärt wird.
Angefangen mit einer kleiner Einführung in das Mittelalter werden die Berufe ihrer Zugehörigkeit nach zusammen vorstellt. Da gibt es Brot-Jobs, religiöse Berufe oder auch Reiseberufe. Unterteilt in zehn Bereiche lernt man viele Berufe kennen, die es heute nicht mehr gibt oder es kristallisieren sich kleine, aber feine Unterschiede zwischen den einzelnen Berufen heraus (z.B. Bader, Arzt und Chirurg).
Als Einstieg in die mittelalterliche Arbeitswelt perfekt geeignet, aber natürlich eine sehr oberflächliche Betrachtung, die man im Anschluss vertiefen kann.
4,5 von 5 Ausrufern
Samstag, 26. April 2025
Kurt-Jürgen Heering & Jo Müller "111 Gründe, das Böse zu lieben"
Unabhängig davon, dass das einfach unmöglich ist, greifen die beiden Autoren diesen Gedanken mehrfach im Buch auf.
Seien es fiese Schurken, reale Banditen oder durchtriebene Mörder, was bleibt, ist trotz der Gewalt die Tatsache, dass das Gute nur durch das Böse seine Wirkung entfacht. Nur dann sieht man, was Menschen Gutes tun, wozu sie sie auch in der Lage sein können.
Doch stellen die beiden auch heraus, dass es gerade beim Film die Schurken sind, die das Publikum in ihren Bann ziehen. Der Joker brilliert neben Batman, um nur eines der zahlreichen Beispiele zu nennen. Sie erhalten die Auszeichnungen, weil es anspruchsvoller wirkt, einen bösen Charakter zu spielen als den Guten.
Natürlich ist die Auswahl eine Geschmacksfrage. Und so kommen einige Schurken in dem Buch vor, die man erwartet hat, ein paar sind überraschend und wieder andere scheinen zu fehlen. Im Nachwort wird erklärt, dass es schwer ist, eine verbindliche Auswahl zu treffen, weil immer wieder neue Ideen und Gründe auftauchen, doch letztlich muss man zu seiner Zusammenstellung stehen.
Gerade bei den literarischen und filmischen Gründen handelt es sich hauptsächlich um Inhaltsangaben. Wer sich auf diesen Gebieten bereits gut auskennt, wird in den Kapiteln nicht viel Neues entdecken.
3,5 von 5 Teufeln
Samstag, 19. April 2025
Kjell Bohlund "Die unbekannte Astrid Lindgren"
Kjell Bohlund hat sich durch Briefe, Texte und anderweitige Korrespondenz von Astrid Lindgren gelesen, sowie einige ihrer Weggefährten interviewt. Unterlegt mit Fotos und Zitaten aus Reden, Briefen und anderweitigen Texten formt er im Buch ein Bild von Astrid Lindgren, welches das bereits bestehende um ein Vielfaches erweitert.
Es war schon ein Drahtseilakt, in dem Verlag, in dem sie selbst veröffentlichte auch für das Verlagsprogramm zuständig zu sein. Doch der überwiegende Teil der Befragten findet ihre Vorgehensweisen mehr als gerecht und Nörgler gibt es leider immer und überall.
Sonntag, 30. März 2025
Christine von Brühl "Der Schattengarten - Wie ich mein Glück im Moos fand"
Auf 175 Seiten, illustriert von Teresa Habild, erzählt die Autorin, wie es ist, wenn der Mann sich nur noch für Wetterprognosen, Setzlinge und Gartenplanung interessiert. Dabei lässt die Autorin in den Texten immer wieder durchblicken, dass sie schon seit ihrer Kindheit Gärten wie Kew Gardens oder ähnlich imposante Stätten besucht und auch genossen hat. Doch zwischen mal ansehen und die ganze Zeit dort leben, ist schon ein gewaltiger Unterschied. Zwar wird jeder noch so kleine Erfolg gefeiert, doch liegt das Grundstück im besagten Nirgendwo und erst ganz langsam wird klar, dass es nicht um entweder oder geht, sondern wie man es schafft, Dinge und Gewohnheiten zusammenzubringen.
Die Autorin erzählt neben der Gartentätigkeit von Festen, die dort gefeiert wurden und zugleich von ihrem Leben. Wie sie die Rhododendren lieben gelernt hat, wie ihre Familie sich über Deutschland verstreute und wie dadurch ihre Kindheit aussah.
Sie wählt dabei eine wunderschöne Klangfarbe, in die sie ihre Erzählungen hüllt und die Zeitenwechsel zwischen oder innerhalb der Kapitel lassen den Leser immer wieder schmunzeln.
Ein schönes Buch über Gärten, das Zusammenleben, ein Stück weit auch Geschichte und ein bisschen
über die Suche nach einer Aufgabe im eigenen Leben.
5 von 5 Regenrinnen
Danke an literaturtest.de und kanon-verlag.de für das Rezensionsexemplar
Dienstag, 18. März 2025
Farina Graßmann "True Crime in Nature"
Der Kuckuck dürfte vielen Lesern noch ein Begriff sein, wenn es darum geht, andere Artgenossen zu betrügen. Zu welchen harten und ausgefuchsten Methoden er greift, ist vielleicht widerum den wenigsten klar. Und er ist damit nicht allein. Natürlich steht nicht immer Mord im Vordergrund, aber wenn es darum geht, den Nachwuchs voranzutreiben, sind viele Tiere nicht zimperlich. Da werden Eier in falsche Nester gelegt, Kriegerinnen getötet und die Wirte sprichwörtlich ausgesaugt.
Ja, für schwache Mägen ist das Buch im wahrsten Sinne des Wortes harte Kost.
In einem ziemlich unverblümten Stil erzählt die Autorin, wie es im Tierreich zugeht und wann und vor allem wie spezielle Tierarten ausgebeutet, ausgenutzt und misshandelt werden.
Unterteilt in mehrere Kapitel fasst sie die Tiergattungen zusammen. Mal geht es um Täter, mal geht es um die Opfer, aber immer um die Tatsache ansich.
Trotz der schieren Gewalt lässt es sich die Autorin nicht nehmen, einzelne Episoden mit einem Augenzwinkern zu erzählen und somit das ganze Thema nicht zu grausig erscheinen zu lassen.
Das Buch lässt sich durch die Kapitel gut abschnittsweise lesen und erfordert keine Vorbildung.
Die einleitenden, farbigen Illustrationen peppen den Text in seiner Morbidität auf und garantieren ein gelungene Wissensvermittlung.
Nur Abendessen sollte man vor der Lektüre nicht ;-)
3,5 von 5 Insekten
Montag, 24. Februar 2025
Silke Heimes "Schreib dich zum Glück"
Also, warum greift man doch zum Ratgeber?
Weil man sein Wissen mehren will?
Weil man doch nicht davon überzeugt ist, dass die Urgesteine Recht haben?
Oder ist es etwas ganz anderes?
Nimmt man den Titel von diesem Buch, stellt man schnell fest, dass es nicht nur um das Schreiben geht. Schon gar nicht gezielt um das, was man später einmal veröffentlichen sollte ... Vielleicht aber könnte.
Der Fokus liegt auf dem Glück und dem Weg, wie man es durch das Schreiben erkennen oder erlangen kann. Vielfach wird das Glück als Endziel eines langen Weges betrachtet, den man gerne durch Achtsamkeit erlangen kann.
Doch Silke Heimes führt den Leser auf einen anderen Weg. Mit Texten rund um das Thema Glück und Zufriedenheit (denn sie ist die Schwester des Glücks), baut sie ihre Thesen Stück für Stück auf.
Untermauert von Forschung, Psychologie und Philosophie nimmt sie uns an die Hand und zeigt auf, wie ein Leben mit Glück gelingt. Neben ihren Thesen lädt sie in den jeweiligen Abschnitten dazu ein, das Gelesene selbst in Worte zu fassen oder die Gedanken entsprechend weiter zu entwickeln. Bewusst weißt sie daraufhin, dass Glück unterschiedlich sein kann und man manche der Antworten mit einigen Abstand noch einmal bewusst betrachten sollte.
Glück ist wahrlich vergänglich, aber in den kleinen Dingen trotzdem alltäglich. Man muss nur bewusst darauf achten.
Ein Buch für Schreiberlinge, um sich neuer Impulse zu bedienen und für solche, die meinen, das Glück falle einem in den Schoß.
5 von 5 Glückssträhnen
Vielen Dank an den Verlag v_und_r self für das Rezensionsexemplar.
Sonntag, 23. Februar 2025
Daniel Smith "Die Wahrheit hinter Sherlock Holmes"
Während Joseph Bell anfänglich eher an der Uni für Aufsehen sorgte, hatte es Henry Littlejohn schon in den Dienst der Polizei geschafft, was laut Daniel Smith auch der Grund war, warum er in Zusammenhang mit Sherlock Holmes selten genannt wurde. Es galt seine Reputation nicht zu gefährden.
Das ändert sich im Jahr 1893, als es zu dem Verfahren um den Tod von Cecil Hambrough auf dem Anwesen Ardlamont Estate, Schottland, kommt.
Beide Männer müssen bei dem Gerichtsprozess aussagen und ausführen, ob der Tod des jungen Offiziers wirklich ein Unfall gewesen sein kann oder ob nicht doch Habgier die Triebfeder war.
Daniel Smith erzählt auf 320 Seiten, die er mit Gerichtsakten, Briefen und Zeitungsartikeln unterfüttert, wie ein historischer Kriminalfall sich auf die Entwicklung des wohl bekanntesten Detektives und seine Geschichten auswirkte, denn, das sei gesagt, in Verlauf des Prozesses wurden auch immer wieder die Rufe nach Sherlock Holmes laut, der nach Meinung der Zeitungen und auch der Prozessbeteiligten das Rätsel wohl eher lösen könnte als alle real beteiligten Personen. Nebenbei bemerkt gab es in dem Prozess auch einen Arzt, der Watson hieß.
Nun kann man erwarten, dass ein Gerichtsfall selbst mit seinen Vor- und Nachwehen auf 320 Seiten sich zeitweilig in Nichtigkeiten verzettelt und manchmal ist das auch so. Smith kommt von Kleinigkeiten auf die kleinsten Kleinigkeiten, doch hat dies stets einen Grund. Er baut mit diesen Details vor dem Auge des Lesers in feinen Passagen die kulturelle Gesellschaft mit ihren Eigenheiten auf. Er zeigt, wie die viktorianische Gesellschaft funktioniert und an welchen Stellen sie gerade im Umbruch war.
Neben Sherlock Holmes spielen die Entwicklung der Forensik, der Psychologie, der Polizeiarbeit und die Wahrnehmensveränderung des Adels eine zentrale Rolle.
Da er sich auf historische Fakten stützt, ist das Buch somit nicht nur für Sherlock Holmes Fans interessant, sondern bietet zahlreiche Geschichtsstunden und Nerdwissen in einem Buch.
4,5 von 5 Victorians
Dienstag, 11. Februar 2025
Büchermagazin 2/2025
Vor einigen Jahren habe ich die Zeitschrift recht regelmäßig gelesen und war froh, dass sie sich ihrem Stil treu geblieben ist.
Buchbesprechungen bilden die Grundlage für die Zeitschrift. Sie legt Wert auf eine große Genrevielfalt und bedenkt dabei sowohl Bücher als auch Hörbücher. Die Kritiken sind jeweils auf das Medium zugeschnitten, sodass man als Lesender genau weiß, was man bekommt.
Dieses Mal bietet die Zeitschrift ein Science Fiction Spezial. Mit den Autor*innen Becky Chambers, Theresa Hannig und Aiki Mira wird ein genauer Blick auf die heutige SF geworfen. Was kann sie, was bietet sie und welche Vertreter*innen sind präsent? Während bei Becky Chambers ein Interview in einen Bericht über ihre Werke eingeflochten wird, bezieht sich der Beitrag über Theresa Hannig und Aiki Mira auf die aktuellen Bücher "Parts per Million" und "Proxi". Bei der Münchner Bücherschau trafen sich die beiden und hierauf wird in dem Artikel mehrfach Bezug genommen.
Für Science Fiction Lesende ein schönes Spezial, für Interessierte definitiv eine Ausgabe mit Hilfe deren man in die Welt der aktuellen Science Fiction erstmalig eintauchen kann.
Mittwoch, 30. Oktober 2024
Campino "Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer"
Doch von Beginn: Anfang des Jahres war Campino von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf eingeladen worden, sich mit dem Thema Gebrauchslyrik auseinanderzusetzen.
Doch ich kann sagen, es ist spannend, wie sich Campino durch die verschiedenen Lyriker oder auch Songwriter zu sich selbst entwickelt hat und wie diese ihn auch heute noch formen.
Kritische Äußerungen hört man vermehrt in der zweiten Vorlesung, wenn es um das Thema KI und die Rechte an Texten geht und man spürt, dass es nicht alles nur Schabernack ist.
Campino setzt sich mit seinen Kritikern ruhig und sachlich auseinander und zeigt, dass man seine Meinung auch gesetzt und fundiert darlegen kann, ohne das berühmte Hotelzimmer zu zerlegen.
Ein erfrischender Einblick und auch ein gutes Lehrstück darin, was Texte mit Lesenden machen und wie man Ideen vermittelt oder auch zum Nachdenken animiert.
Und wichtig: Ein Gedicht braucht keinen Refrain - Erläuterung hierzu, gibt es im Buch.
4,5 von 5 Songtexten
Montag, 22. Juli 2024
Guido Fuchs "Vorwiegend heiter bis boshaft: Spitznamen in der Literatur"
Es sind oft die ungewöhnlichen Titel, die mir bei der Suche interessante Literatur ins Auge springen lassen. Dieses mit 256 Seiten noch recht kurze Sachbuch lädt den Leser ein, sich mit der Gattung der Spitznamen zu beschäftigen.
Denn, wem das vor der Lektüre noch nicht klar ist, ein Spitzname ist kein Kosename.
Mitnichten!
Und auch die Ausprägung des Spitznamens kann durchaus sehr unterschiedlich sein, da dieser sehr viele Varianten unter sich führt.
Es gibt die, die auf Äußerlichkeiten beruhen, jene, die auf dem Verhalten fußen und solche, die über Generationen vererbt werden.
Nicht zu verwechseln mit Namensabwandlungen oder -verniedlichungen des eigentlichen Namens oder Vornamens, dies ist auch wieder ein ganz anderes Feld.
Unterteilt in die verschiedenen Varianten stellt der Autor dem Leser diese einzeln vor. Dabei geizt er, wie der Titel des Buches schon andeutet, nicht an literarischen Verweisen. Immer wieder bringt er die große Literatur ins Spiel, zitiert Thomas Mann, Günter Grass, Erich Kästner und auch die internationalen werden zu passender Zeit erwähnt.
Am Stück lässt sich das Buch auf Grund der Informationsdichte nicht so gut lesen, da es schon fast wie ein Nachschlagewerk anmutet. Doch nimmt man das bei der Masse an Informationen gerne in Kauf und teilt sich das Buch entsprechend ein.
4 von 5 Spitznamen
Freitag, 17. Mai 2024
Sophia Mott "Goethe und die Frauen"
Goethe ist für viele Dinge bekannt: Seine Werke, seine Tätigkeit als Geheimrat, seine Farbenlehre, seine Freundschaft mit Schiller und eben: seine Frauen.
Dabei dürften einige Frauen, wie Charlotte von Stein oder Christiane Vulpius, manchen Lesern schon bekannt sein, während seine frühen oder auch seine letzten Liebschaften gerne von den jeweiligen Familien unter den Teppich gekehrt wurden.
Denn so groß der Dichter wurde, zu Anfang war nur ein Jurastudent, der sich im Studium gehen ließ und sich nicht dem Arbeitseifer seines Vaters hingab. Und zuletzt? Mit jenseits der siebzig mit einer Siebzehnjährigen anbandeln, war auch nicht eine seiner besseren Ideen.
Und dazwischen? Goethe hatte viele Frauen. Die Autorin widmet dreizehn Kapitel den unterschiedlichsten Frauen in seinem Leben. Einige, wie seine Schwester und seine Mutter, tauchen in mehreren Abschnitten auf, doch die meisten der Liebschaften enden eher mit dem Frust der Frauen. Denn Goethe hatte den Drang wegzulaufen, und das nicht nur einmal ...
Natürlich wird parallel zu den Frauen auch Goethes Lebensgeschichte angerissen. Wie wurde er Autor und Geheimrat, wie lernte er Schiller kennen?
Mit seinen 144 Seiten ist dies ein wirklich kompaktes Buch über Goethe und doch hat es mir einige neue Einblicke in sein Leben verschafft.
Die Autorin bemüht sich in dem Sachbuch, trotz vielfacher Möglichkeiten, um eine neutrale, nicht wertende Sprache, was es sehr angenehm macht, das Buch zu lesen und sich ein eigenes Bild zu schaffen.
Als Einstieg in Goethes Leben oder auch zur Wiederauffrischung sehr gut geeignet.
5 von 5 Liebschaften
Mittwoch, 15. Mai 2024
Alfred Vejchar (Hrsg) "Von Andromeda bis Utopia"
Streift man heute über eine Con, wirkt es so, als seien diese und ähnliche Veranstaltungen schon immer da gewesen. Doch natürlich ist dem nicht so. Der Herausgeber Alfred Vejchar nimmt uns mit auf "Eine Zeitreise durchs österreichische Fandom". Doch man darf sich nicht durch den Untertitel irritieren lassen, denn es geht genauso sehr um das deutsche Fandom, die deutschen Vereine und auch allgemein darum, wie es war, nach 1945 Science Fiction in den Alltag zu integrieren. Denn so leicht, wie wir uns das heute vorstellen, war es damals überhaupt nicht. Erstmal gab es durch die Besatzer Beschränkungen und auch untereinander waren sich die Vereinsmitglieder nicht immer grün, da wurde gespalten, was nicht mehr zusammenpasste, um später vielleicht doch wieder gemeinsame Sache zu machen.
Unterteilt in die Abschnitte: Fanstorys, Autoren & Grafiker, Vereine und Ausklang, kommt sowohl der Herausgeber, als auch mehrere andere Autoren aus dieser Zeit zu Wort und berichten, wie es war, wenn man in der Science Fiction einen Ausgleich zum Alltag fand oder die Science Fiction für manche sogar der Alltag wurde.
Viele bekannte Namen, Zeitschriften, Bücher begegnen uns auf den über 350 Seiten, die mit zahlreichen Fotos und Covern ausführlich bebildert sind.
Manche Anekdote schleicht sich auf die Seiten und die Autoren schaffen es, die Geschichte des Fandom spannend zu erzählen. Manche Rituale des österreichischen Fandom haben es sogar bis in die heutige Zeit geschafft.
Welche das sind, das gilt es beim Lesen herauszufinden.
Für Science Fiction Neueinsteiger eine wahre Fundgrube an Informationen, für Kenner dürften sich manche Lücken beim Lesen schließen.
Eine gelungene Zusammenstellung und gleichzeitig ein Zeitdokument.
4,5 von 5 fliegenden Untertassen
Danke an p.machinery für das Rezensionsexemplar.