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Dienstag, 29. Juli 2025

Olivier Sauzereau "Jules Verne - Eine Comic-Biographie"

Jules Vernes Leben auf 56 Seiten darzustellen erfordert eine gewisse Konsequenz, Dinge zu verkürzen und sich auf einzelne Schlüsselerlebnisse zu fokussieren.
Der Autor Olivier Sauzereau und der Maler Wyllow haben sich daran gewagt und ein wunderschönes Werk geschaffen.
Angelehnt an die klassischen frankobelgischen Comics aus den 60-er und 70-er Jahren, allerdings verbessert um einen Hauch mehr Plastiziblität bei den Figuren, zeigen die beiden Jules Vernes Lebenshöhepunkte und auch seine Tiefpunkte. 
Angefangen mit seiner Geburt wird sein Leben in sechs Kapitel aufgeteilt. In jedem wird eine oder mehrere Episoden aus dem Familien- oder Schriftstellerleben erzählt. Begegnungen, die sein Leben prägten, waren zahlreich und so ist es nicht erstaunlich, dass sich der Meister der Wissenschaftsromans auf seinen Bruder Paul und seinen Herausgeber jahrlange stütze und ihnen blind vertraute, als sich der Ruhm endlich einstellte.
Denn zu Anfang sah es gar nicht so aus, als ob er der bekannte Autor werden würde, den wir heute alle kennen und schätzen. Mit seinem Genre des Wissenschaftsromans hat er eine neue Gattung geschaffen, die die ersten Leser auch auf Grund der Details für Tatsachenberichte hielten.
Jedes Kapitel endet mit einem Faktencheck, denn nicht alle Begegnungen, die im Buch dargestellt werden, sind historisch belegt. Es wird auf Grund seines Wissens allerdings davon ausgegangen, dass er mit einigen Wissenschaftlern Kontakt hielt und sich ebenfalls von ihnen beraten ließ.
Ein Zeitstrahl mit Vernes eigener Biographie und dem Weltgeschehen bildet den Abschluss des jeweiligen Kapitels und rückt somit seine Geschichte und die der Welt nebeneinander. Gerade diese Zeitstrahle zeigen in meinen Augen deutlich, wie sehr Jules Verne von der Zeit, in der er gelebt hat, profitiert hat. Forscherdrang, Erkundungstouren, nie hatten die Menschen mehr Hunger auf die Welt und Technik wie zu dieser Zeit.
Um einen Einblick und ein Interesse für das Leben hinter den Büchern zu wecken, ist das Buch ein sehr guter Einstieg, für Kenner ist es wahrscheinlich eher ein knappe Zusammenfassung eines großartigen Lebens.

5 von 5 Abenteuern

Montag, 16. Juni 2025

Boris von Brauchtisch "William Turner"

Oftmals werden Künstler während ihrer Lebenszeit verkannt und nicht als das gesehen, was sie in Wirklichkeit sind. Was mir in der Literatur nicht so oft begegnet, dafür in der Malerei umso häufiger, ist die Tatsache, dass Maler und Malerinnen Wegbereiter sind.
Ein neuer Stil, eine neue Art Farben zu nutzen oder schlicht das Schaffen einer ganz neuen Gattung. Doch oftmals standen die Zeitgenossen irritiert davor, denn es war nicht das, was sie kannten. Also musste es zwangsläufig schlecht sein.
Diese Einleitung könnte ich für mehrere Maler schreiben, denn es hat, wie ich schon erwähnte, nicht nur einen, sondern sehr viele Maler getroffen und sie somit auch oft ruiniert.
Doch bei Turner verhielt es sich ein wenig anders, erst angesehen, verliert er erst im Alter seinen guten Namen, denn die Menschen konnten immer weniger mit seinen Gemälden anfangen, je weniger sie erkennen konnten. Details finden kaum mehr statt und es scheint lediglich Farbe auf der Leinwand zu sein, allerdings keine Form.
Der Autor führt uns durch das Leben von William Turner und dies war ein bewegtes. Im wahrsten Sinne des Wortes. Turner reiste viel und seine späteren Gemälden wurden während der Reise in Skizzenbüchern festgehalten.
Gerade nachdem die Grand Tour nach den Napoleonischen Kriegen fast zum Erliegen kam, wandelt Turner nun auf Lord Byron Spuren und sie führen in entlang des Rheins und zu so vielen anderen Plätzen in Europa, die Turner im Rausch der Worte zu skizzieren beginnt.
Die Stärke des Buches ist die Zusammenführung von Geschichte, Literatur und Kunst. Wer hat wen, wann beeinflusst. Wer hat wann mit wem korrespondiert? Es ist spannend zu entdecken, welcher Künstler von einem anderen beeindruckt war und wann welcher Kunstschaffende für das Publikum vorerst verschwand.
Man muss bei dem Buch nur bedenken, es ist kein Kunstband, daher fallen die Bildbeispiele eher klein aus.

4 von 5 Gemälden

Donnerstag, 28. November 2024

Mabel Swift "Sherlock Holmes und das Geheimnis des Laternenanzünders"

Sherlock Holmes ist ein Charakter, mit dem man als Autor wenig falsch machen kann, wenn man die originalen Texte gelesen hat. Sein Denken und sein Benehmen sind relativ klar vorgegeben und seine Interaktionen mit Watson laufen oft ähnlich ab. Daher verwundert es nicht, wie viele verschiedene Pastiches im Lauf der Jahrzehnte auf dem Markt erschienen sind.
Mabel Swift hat ihre eigene Reihe um Sherlock Holmes aufgesetzt. In der aktuellen Folge treibt ein Schuft sein Unwesen, indem er bereits entzündete Gaslaternen wieder zu löschen scheint. Oder hat der Anzünder sie gar nicht erst angemacht?
Dieser kurze Krimi entführt den Leser in die Zeit, als die Hochzeit der Anzünder abebbt, denn die Elektrizität steht bereit.
Der Fall ist gut aufgebaut, doch woran es aus meiner Sicht hapert, ist die Übersetzung. Aus dem Englischen mittels KI übersetzt, gibt es mehrere Stellen, die im Deutschen nicht richtig passen.
So wird Mr. im Deutschen belassen, der Mister aber als Herr übersetzt. Ganze Sätze werden eins zu eins wiederholt, ohne die Möglichkeit einer Varianz in Erwägung zu ziehen.
Schade eigentlich, weil der Fall wirklich gut ist und der Lesefluss durch die Übersetzung arg gestört wird. 
Für Holmes Fans sicherlich nicht die beste Reihe, um sie auf Deutsch zu lesen.

3 von 5 Gaslaternen

Samstag, 28. September 2024

Stephen Crane "Das Monster und andere Geschichten"

Klassiker sind für mich immer noch größere Wundertüten, als es aktuelle Romane oder Geschichten sind. Der Sprachstil, die Sicht auf die Welt, man kann als heutiger Mensch nicht so schreiben, wie es die Menschen damals taten. Gedanken, Ideologien und vieles andere ist so stark im Menschen verwurzelt, dass man es beim Schreiben gar nicht ausblenden kann. Und so ist es ein Roulette, ob man als Leser mit dem Schreibstil eines Autors im wahrsten Sinne des Wortes warm wird.
Dieses Mal sollte es nicht sein. Die Titelgeschichte zieht mich weder mit ihrer Spannung noch mit ihrem Inhalt in den Bann. Irgendwo in den USA angesiedelt, spielen mehrere Geschichten in einer kleinen Stadt, die so typisch amerikanisch ist, dass es schon fast wie eine Parodie wirkt. Viele Menschen werden dem Leser vorgestellt und durch eine untypische Namenswahl musste ich immer wieder hin und her blättern, um zu wissen, welcher Charakter was tut.
Ich bin beim Lesen abgedriftet und habe große Teile der Geschichte "Das Monster" einfach nur geskippt. 
Von den anderen Geschichten gefielen mir einzelne und doch ähneln sich die Geschichten im Aufbau, dass ich im Abstand von ein paar Tagen keine mehr packen kann.
Liegt es am Autor oder liegt es unserer Zeit, dass die Texte nicht die gewünschte Wirkung auf mich haben? Tatsächlich weiß ich es nicht. Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen und doch würde ich jedem raten ein Blick in das Buch zu werfen, denn Crane war ein Schriftsteller seiner Zeit - wenn auch kurz.
Eine Bewertung fällt mir dieses Mal wirklich schwer, da es kaum greifbar ist, woran es liegt.

3 von 5 Monstern

Donnerstag, 19. September 2024

Robert Louis Stevenson "Der Selbstmordclub"

Robert Louis Stevenson ist hauptsächlich für seine Werke "Die Schatzinsel" und "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und des Mr. Hyde" bekannt. Mit "Der Selbstmordclub" legt er eine dreiteilige Geschichte vor, die sich wie Dr. Jekyll mit den Untiefen der menschlichen Psyche befasst.
Eines Abends sind zwei Männer in den Kneipen Londons unterwegs und langweilen sich ihres Lebens. Wie wunderbar ist es da, dass ein Jungspund zu ihnen an den Tisch kommt und von dem Selbstmordclub erzählt. Ungläubig schließen die beiden sich ihm an und die Handlung nimmt ihren Lauf, denn so einfach, wie es erst scheint, ist es nicht, sich selbst aus diesem Leben zu befördern.

Der Schauer kriecht erst ab diesem Zeitpunkt über den Körper, denn, was zuvor wie ein Witz erscheint, zeigt sich spätestens mit der Vorstellung des Präsidenten als perfides Spiel im wahrsten Sinne des Wortes.
In drei Akten spielt sich die Geschichte dieser drei doch sehr unterschiedlichen Männer ab und zeigt auf, wie tief menschliche Abgründe sein können.

Mit 130 Seiten ist diese Geschichte oder vielmehr sind diese drei Geschichten etwas ausgefeilter als die in der Reihe erschienenen Bücher von Edgar Allan Poe und Charles Dickens. Das Setting ist detaillierter ausgestaltet, trotzdem haben alle drei Autoren ein Gespür dafür, was es braucht, um die Menschen zu ängstigen.

Abgerundet wird auch diese Ausgabe mit Worterläuterungen und einer Einordnung dieses Werkes in sein gesamtes, literarisches Schaffen.

5 von 5 Clubmitgliedern

Dienstag, 3. September 2024

Charles Dickens "Im Tunnel"

"Im Tunnel" umfasst zwei Kurzgeschichten von Charles Dickens, die der Gattung Schauergeschichten zugeordnet werden können. Charles Dickens, der sich sonst durch das Aufzeichnen der gesellschaftlichen Missstände in Werken wie "Oliver Twist" einen Namen gemacht hat, veröffentliche auch Sachtexte über Londons Elendsvierteln und eben diese Schauergeschichten.
Wer bereits "Eine Weihnachtsgeschichte" gelesen hat, weiß, wie Charles Dickens mit Geistern oder anderem Übersinnlichen umgeht. Es wird viel angedeutet, doch gleichzeitig soll es auch so realistisch wie möglich beschrieben werden.
So spielt "Im Tunnel" in einem Eisenbahntunnel und erzählt die Geschichten von einem Wärter, der in unregelmäßigen Abständen Lichter sieht. Während in "Des Mordes angeklagt" sowohl Täter als auch Opfer ihr Spiel mit dem Sprecher der Geschworenen treiben.
Immer ist es der Schauer, der beim Lesen über den Rücken läuft und einen beim Lesen diese Ebene des Nichtwissens betreten lässt.
Gibt es diese Ahnungen oder ist alles pure Fantasie?
Wenn es nur Fantasie ist, gestaltet Dickens sie wirklich gut, auch wenn er für mich immer der Schöpfer von Scrooge sein wird.

Abgerundet wird die Ausgabe durch zahlreiche Worterläuterungen und einer kurzen historischen Einordnung der Texte in Dickens Gesamtwerk und in die damalige Zeit.

4 von 5 Schauern

Dienstag, 20. August 2024

Jules Verne "Fünf Wochen im Ballon"

Hört man Jules Verne, denkt man direkt an "In 80 Tagen um die Welt" oder "20.000 Meilen unter dem Meer". Doch forscht man nach, stellt man schnell fest: Jules Verne war ein Vielschreiber. Nicht nur, dass er thematisch sehr variiert geschrieben hat, sein Stil erinnert an die damaligen Reiseberichte. Immer wieder muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass es sich um einen fiktiven Text handelt, der massiv mit historischen Fakten untermauert ist.

"Fünf Wochen im Ballon" hat gerade zu Beginn eine starke Ähnlichkeit mit "In 80 Tagen um die Welt". Ein verrückter Forscher sitzt in seinem Club und sinnt über das Leben, da manifestiert sich der Gedanke einer Forschungsreise. Ein Begleiter ist schnell bei der Hand, der andere muss erst noch überzeugt werden und dann geht es schon los. Entlang bisheriger Reiserouten und Erkenntnisse fahren die drei durch die Lüfte und erleben nicht nur Abenteuer, sondern sie müssen das eine oder andere Mal dem Teufel ein Schnippchen schlagen. Fremde Völker, Wassermangel, Krankheit, alles, was neben der Fahrt hemmend wirkt, fließt in die Geschichte ein und man hat zeitweilig den Eindruck mit im Ballon zu stehen.

Unabhängig dessen, dass ich nie in einen Ballon steigen würde, hat mir die Fahrt Spaß gemacht. Nach den anfänglichen Ähnlichkeiten nimmt die Geschichte eine sehr eigenwillige Fahrt auf und man hat mit den drei Figuren sehr unterschiedliche Charaktere, die man begleitet. In meiner Übersetzung wurde die originale Sprache verwendet, was in den ersten Kapiteln bei Rechtschreibung und Wortgebrauch noch störend wirkt, entfaltet später seinen ganz eigenen Charme.

Gerade Jules Vernes Art die Kapitel in Stichworten zu Beginn zusammenzufassen, schafft einen starken Wiedererkennungswert. Der Mann weiß einfach, die Leser an sich zu binden. Nach vielen kleinen und großen Abenteuer landet man auf der letzten Seite und obwohl manche Szenen wiederholenden Charakter haben, sitzt jede Szene am richtigen Ort.


4 von 5 Ballons

Montag, 28. August 2023

James Hilton "Leb wohl, Mister Chips"

Mister Chips, eigentlich Mister Chipping, ist die Institution, wenn man vom Brookfield Internat spricht. Als Lehrer mit gerade einmal zweiundzwanzig begann er seine langjährige Karriere an dem Internat, an dem er Latein und Griechisch unterrichtete und erlebte dabei den Umbruch der Welt und seiner eigenen. 
Immer einen Witz auf den Lippen mausert sich der zumeist in sich gekehrte Lehrer durch seine Frau zum Liebling des Kuratoriums und auch der Schüler, was den einen oder anderen Ärger für ihn in petto hat.

Auf gerade einmal 144 Seiten entfaltet dieser Klassiker seine ganze Stärke und seinen Glanz. 1934 geschrieben und erstmal 1936 in Deutschland veröffentlicht, diente das Leben seines Vaters und mit Sicherheit auch seine eigene Schulzeit dazu, diese humorvolle Novelle zu verfassen.
Immer in kleinen Rückblenden greifen die einzelnen Kapitel Szenen aus dem Leben des Lehrers auf, der selbst in der Rente nicht von der Schule lassen kann und lediglich auf die gegenüberliegende Straßenseite in eine Pension zieht. Ehemalige und neue Schüler besuchen ihn dort zu Tee und Gebäck und so ist er immer ein Teil des Geschehens.
Lustige und tragische Ereignisse wechseln sich in den Rückblenden ab und werden in das Weltgeschehen eingeflochten. Elektrizität, der große Krieg oder Königswechsel sind an dem Internat mal größere, mal kleinere Themen, die auch den Schulalltag beeinflussen.
Dabei ist die Sprache - wie man die von Klassikern kennt - ein wenig getragener ohne dabei zu verkopft zu sein. Sie passt zu der Zeit und zu den Umständen und der Autor schafft es, den anfänglich unscheinbaren Lehrer als Institution in unserem Kopf erstehen zu lassen.

5 von 5 Internaten

Dienstag, 24. Januar 2023

Gerhard J. Rekel "Monsieur Orient-Express"

In Zeiten, in denen man theoretisch überall hinreisen kann, mutet ein Buch, dass über die Anfänge des europäischen Bahnverkehrs berichtet, nostalgisch an.
Kein Mann hat den europäischen Bahnverkehr so geprägt wie Georges Nagelmackers. Es war seine Vision nach einer Reise durch die USA, dass eine Zugfahrt nicht lediglich dem Transport der Menschen von A nach B dient, sondern dass die Fahrt auch einem gewissen Stil genügen muss. Geld spielte immer wieder eine große Rolle in Nagelmackers Karriere und auch wenn seine Familie ein großes Bankhaus in Belgien unterhielt, eine wirkliche Unterstützung von Seiten seines Vaters blieb aus.
Das Sachbuch umfasst Georges Nagelmackers gesamtes Leben, doch der Fokus liegt auf der Zeit, als er die Reise in die USA antritt und den darauffolgenden Jahren, als er sich darum bemüht, dass Bahnnetz mit seinen Schlafwagen zu bevölkern. Guter Rat ist den Jahren oft teuer und das oft im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Nagelmackers denkt immer groß. Er will nicht nur die Schlafwagen nutzen, er will sie auch bauen, selbst reparieren. Das alles kostet wahnsinnig viel Geld. Doch immer wieder gelingt es ihm, erworbenes Kapital zu reinvestieren, bis er auf die Idee kommt, selber Hotels zu eröffnen ...
Falls der Name Nagelmackers nicht geläufig ist, seinen berühmtesten Zug kennt jeder: der Orientexpress.

Das Buch ist ein gut geschriebenes Sachbuch, was dadurch besticht, dass es dem Leser genau die richtige Menge an Informationen an die Hand gibt und gleichzeitig durch seinen angenehmen Schreibstil wunderbar zu lesen ist.
Plakate, Zeichnungen, Anzeigen, Pläne und weitere Originaldokumente aus der Zeit runden das Buch zu einem kleinen Kunstwerk ab.

Selten habe ich bei einem Sachbuch so mit dem "Hauptcharakter" mitgelitten, wenn er sich durch eine Fehlentscheidung in eine Pattsituation gebracht hat.
Ein Buch, was den Leser unglaublich viel lehrt, über die Eisenbahn, über die Geschichte, über den Erfolg und auch über die menschliche Natur.

5 von 5 Orientexpressen

Donnerstag, 15. Dezember 2022

Jessica Müller "Tod im East End"

London, 1865.
Bereits zum dritten Mal begleitet man Charlotte und ihren Mann, Inspektor Basil Stockworth, durch das viktorianische London. In diesem Fall wurde der Lehrer einer Armenschule umgebracht und Basil hat seine liebe Mühe neben allen anderen Problemen den Mordfall zu lösen. Viele hilfreiche Charaktere, wie z.B. sein Sergeant Enoch Bennett, stehen ihm auch dieses Mal zur Seite, wenn der Fall verzwickter wird und manchmal auch nicht ganz legale Mittel zum Einsatz kommen müssen.
Doch wird der Lehrer das einzige Opfer bleiben?
Oder geht ein Killer im East End umher?
Es sei vorab gesagt, dass man die beiden vorigen Bände der Reihe gelesen haben sollte, bevor man mit "Tod im East End" startet. Jessica Müller hat neben den beiden Hauptcharakteren einige wichtige Nebenfiguren, die in der Rahmenhandlung eine Entwicklung durchlaufen, was sich auch in der gesamten Geschichte niederschlägt.
Der dritte Teil reiht sich sprachlich in die Reihe seiner Vorgänger ein und das Setting wird passend zum Fall weiterausgebaut.
Neben den bereits bekannten Figuren werden einige neue Figuren in das bestehende Personalgeflecht verwoben und die Seilschaften zwischen den Figuren erreichen einen neuen Höhepunkt.
Die Lebensumstände der verschiedenen Gesellschaftsschichten stehen dieses Mal stärker im Fokus und die Autorin verknüpft dies mit historischen Informationen über die Zeit.
Gerade beim Lesen dieser Zeilen hat man oft das beklemmende Gefühl, als ob man einen Bericht von Charles Dickens liest, der zuerst über das Elend der Armen schrieb.
Der Kriminalroman verlagert seinen Fokus mehr in die Richtung der Gesellschaftskritik als es die beiden vorigen Bände taten. Die Ermittlungen von Stockworth treten für mehrere Nebenschauplätze des Öfteren in den Hintergrund, was beim Lesen eine Abwechslung reinbringt, mich allerdings ein bißchen gestört hat.
Der Fall ist in sich schlüssig, doch hätte ich mir hier mehr von dem Fall gewünscht und weniger von den Nebenhandlungen.

3,5 von 5 Sitzbänken

Donnerstag, 21. Juli 2022

Xavier Dollo "Die Geschichte der Science Fiction"

Die Geschichte einer Literaturgattung kann relativ staubig daherkommen, wenn man sich lediglich an den Fakten entlanghangelt.
Innovative Ideen zur Gestaltung sind bei der Leserschaft daher gesehen.
"Die Geschichte der Science Fiction" wird in Form eines Comics erzählt.
Über die Anfänge, in denen die Science Fiction noch gar keine eigene Literaturgattung war, über den vermeintlichen Startpunkt der Science Fiction mit der Veröffentlichung von "Frankenstein", über die Pulps in den USA bis hin zu den modernen Romanen führt uns der Comic durch die verschiedensten Zeiten.
Im Wechsel zwischen amerikanischer, britischer und französischer Science Fiction übernehmen die jeweiligen schriftstellerischen Größen ihrer Zeit die Präsentation der tagesaktuellen Werke.
Gemischt mit groß- und kleinformatigen Bildern ist auch dieser Comic wieder etwas fürs Auge.
Angereichert sind die zeitlichen Abschnitte um entsprechende Leseempfehlungen: seien es Space Opera Geschichten, Fernsehspielfilme, Klassiker oder gar einzelne Sammlungen, das Werk lädt dazu ein, sich weiter mit dem Thema Science Fiction zu befassen.
Dabei sei gesagt, für einen "Science Fiction Anfänger" kann die schiere Masse an Informationen und die vielfältige, weitergehende Lektüre ein wenig überfordernd wirken, daher empfehle ich einen Science Fiction Kenner für die weitere Literatur zur Befragung heranzuziehen. 😊
Ein schönes Buch, das einen Überblick über die Szene und ihre weiten Verzweigungen bietet und zeigt, dass vieles, was wir im ersten Moment nicht der Science Fiction zuordnen würden, doch sehr wohl damit zu tun hat.

4 von 5 Zeitreisen

Donnerstag, 21. April 2022

Jessica Müller "Tod in der Glaskugel"

"Ich sehe was, was du nicht siehst."
Doch das Wesentliche sieht das Medium Madame Blanche nicht: ihren eigenen Tod.
Mitten auf dem Friedhof Highgate wird das stadtbekannte Medium gefunden. Eine natürliche Todesursache nahezu ausgeschlossen.
Doch wer wollte Madame Blanche etwas Böses, die Dame, die der Londoner Society über ihren Schmerz hinweghalf, da sie ein letztes Gespräch mit den Toten vermitteln konnte?
Doch bald schon ergeben sich Zweifel, wie Madame an ihre Informationen zu gelangen pflegte und die Schar der Verdächtigen wächst zunehmend an. Basil Stockworth hat somit kaum Zeit für seine Charlotte. So begibt Charlotte sich selbst in die Gesellschaft von Damen, mit denen sie zukünftig verkehren wird. Doch wird ihr diese Beschäftigung auf Dauer ausreichen?

Jessica Müllers zweiter Band, ebenfalls im Jahr 1865 ansiedelt, schließt nahezu an den ersten Band an, daher empfielt es sich, den ersten Band gelesen zu haben. Das Buch ist eine gelungene Mischung aus detektivischen Ermittlungen, Societyklatsch und realistischen Beschreibungen der Stadt London zu dieser Zeit. Viele Handlungsstränge und Personen aus dem ersten Band werden hier aufgegriffen und weitererzählt, sodass der Leser die Figuren immer besser kennenlernt.
Der Fall bietet mit seinen vielfältigen Verdächtigen einen garantieren Rätselspaß, da man als Leser, im Gegensatz zu anderen Büchern, beim konzentrierten Lesen selbst die Lösung des Falls ermitteln kann.
Ein gelungener Krimi, der die Atmosphäre der Zeit einfängt und zugleich einen Ausblick auf die folgende Entwicklung der Figuren gibt.

4 von 5 Glaskugeln

Sonntag, 27. März 2022

Traian Suttles "Best of Sixty"

Ein weiteres Buch über Sherlock Holmes zu schreiben, ist ein Projekt, dass dem Autor eine noch größere Kreativität abverlangt, als es Bücher ansich schon tun. Denn nicht nur im Bereich des Pastiches gibt es zahlreiche Bücher mit und über Sherlock Holmes, nein, auch in der Sekundärliteratur hat der consulting detective Einzug gehalten.
Seien es seine Forschungen, seine Routen durch London oder er selbst als Leitfigur des viktorianischen Zeitalters, der in einem Buch untersucht wird (welch wunderbare Ironie).
Der Autor hat sich in diesem Buch daran begeben die 15 besten Sherlock Holmes Geschichten zusammenzustellen.
Über die Jahre hinweg, angefangen mit Arthur Conan Doyle, hat es immer wieder Abstimmungen darüber gegeben, welche die besten Sherlock Holmes Geschichten seien. Ausgehend von dem jeweiligen Jahrzehnt, in welchem die Abstimmung stattfand, über welches Land hat abgestimmt, bis hin zu, haben Männer oder Frauen abgestimmt, gibt es bei den 60 Geschichten, teilweise Übereinstimmungen, aber auch große Unterschiede.
Der Autor hat bei der jeweiligen von ihm ausgesuchten Geschichten immer vorangestellt, wie die Geschichte in den jeweiligen Abstimmungen abgeschnitten hat, um dann in eine detaillierte Inhaltsangabe überzuleiten. Er spannt den Bogen zwischen einzelnen Geschichten, zeigt Parallelen in Handlungen, Personen oder Situationen auf.
Man merkt hier schon, dass er trotz der Inhaltsangaben, eine gewisse solide Grundkenntnis des Kanons voraussetzt, um mit seinem Buch darauf aufzubauen.
Mit einer unverblümten Sprache zergliedert er die Texte und zeigt, warum für ihn diese Geschichten, die besten 15 sind, wobei je nach Geschichte die Erörterung unterschiedlich lang ausfällt.
Man muss das Buch sehr konzentriert lesen, da der Autor sich mit den Querverweisen und den Hintergrundrecherchen sehr viel Mühe gemacht. Doch gerade deshalb lässt sich das Buch "nicht am Stück" lesen. Der Sprachstil ist zwar flüssig, aber die schiere Informationsdichte verlangt dem Leser einiges ab.
Als Sherlock Holmes Kenner findet man in diesem Buch nicht grundlegend neue Informationen, aber es werden dem neigten Leser Zusammenhänge offenbart, die einem bei 56 Kurzgeschichten schon einmal durchgehen können.
Zuletzt sei gesagt, seine Auswahl entspricht nicht meinen 15 besten Geschichten, aber über Geschmack lässt sich nicht streiten.

3,5 von 5 Lupen

Sonntag, 28. November 2021

Johannes Wilkes "Max und Moritz - Was wirklich geschah"


Max und Moritz - reloaded...
Jeder Autor sitzt zu Beginn seiner Geschichte da und überlegt, was und wie er es erzählen soll. Es gibt eine schiere Unzahl an Möglichkeiten und kein Buch ist von vornherein dazu auserkoren, genauso geschrieben zu werden, wie es letztlich beim Verleger landet.
Darum, hat Wilhelm Busch seine Geschichte damals richtig erzählt? Hat es wirklich so mit den beiden Jungen Max und Moritz so zugetragen? Oder erzählt uns eher Johannes Wilkes die wahre Geschichte?
Die Witwe Bolte hat ihren Mann verloren, soweit so gut, doch irgendwas ist faul an dem Tod von Erwin Bolte... Gestört in seinem Urlaub muss Kommissar Mütze in seinem dritten Fall nach Finsterfelde reisen, um die Ahnung von Karl-Dieters Tante zu widerlegen, dass auch Max und Moritz zu Schaden gekommen sind. Doch was sich Mütze und Karl-Dieter bietet, ist das Dorfleben par excellence, Außenstehende bleiben Außenstehende und der Dorfklüngel hält zusammen.
Doch was war nun mit Boltes Tod?
Unfall oder doch Mord?
Wo sind Max und Moritz?
Und warum ist der Spitz immer so überdreht?
Johannes Wilkes dreht die Geschichte von Wilhelm Busch einmal vollkommen auf links. Nichts scheint so gewesen zu sein, wie es war, denn die Jungen sind einfach falsch verstanden worden. Nein, sie sind nicht böse, sie ... wollen nur Gerechtigkeit oder zumindest so etwas in der Art.
Wilhelm Buschs Geschichte wird dabei in die neue Adaption integriert und der Leser lernt beides kennen. Original und Adaption. Dabei funktioniert die Adaption nur beim einem dafür offenen Leser, denn wer eine Hommage an Wilhelm Busch oder gar eine ähnliche Umsetzung erwartet, der sei gewarnt. Es geht hoch her in der neuen Version und vieles kann man nur mit einem Augenzwinkern sehen. 
Kurze Kapitel, häufige Perspektiv- und Ortswechsel lassen den Leser durch die Seiten fliegen und man lernt vieles über die Natur des Menschen. Ob das gut ist oder nicht, sei dem Leser selbst überlassen.
Eine interessante Neuinterpretation eines Klassikers den wohl jeder kennt.

3,5 von 5 Streichen

Sonntag, 31. Oktober 2021

Edgar Allan Poe "Unheimliche Geschichten"

Grusel, Horror und Schauer... Was würde sich an einem Tag wie heute besser als Lektüre eignen? Edgar Allan Poe ist für mich bisher hauptsächlich durch "Die Morde in der Rue Morgue" bekannt, auch wenn die Erinnerung an die Geschichte allmählich verblasst und eigentlich eines wiederholten Lesens bedarf, das aber nur nebenbei.
Was hat mich an dem Buch gereizt? Die Tatsache, dass Kat Menschik die Illustrationen vorgenommen hat, die Tatsache, dass Fjodor Dostojewski diese Geschichten für seine Zeitschrift "Die Zeit" (1861) auswählte oder doch schlicht einfach der Wunsch, mehr von Poe zu lesen?
Nun, sagen wir mal unentschieden, denn die Bücher von Kat Menschik sind ein wirkliches Kleinod und die Kombination von Dostojewski und Poe kann ja nicht so falsch sein.
Bei den drei Geschichten handelt es sich um "Das verräterische Herz", "Der schwarze Kater" und "Der Teufel im Glockenturm".
Poes Schreibstil hat trotz seines fantastischen Inhalts oftmals eine sehr nüchterne Sprache, was den Leser glauben lässt, er liest eine Zeitung oder zumindest eine Zeitschrift. Die Sprache ist so unaufgeregt, dass man sich als Leser immer wieder vor Augen führen muss, dass es sich um eine Geschichte handelt und nicht um eine Tatsache. Mit dem Ideenreichtum aus dem schaurigen England mit seinen Mythen und Sagen hat Poe einen wunderbaren Grundstock, auf dem er seine Geschichten aufbauen und sich entfalten lassen kann. Selbst in der Kürze der Geschichten schleicht sich die Gänsehaut über den Nacken und die Arme, wenn man von Mördern liest, die sich selbst verraten und so dem Gesetz die Möglichkeit geben Recht zu sprechen. Oder ist es gar so, dass es mehr gibt, als wir uns denken, da der Schreibstil so realistisch anmutet?
Eine schaurig-schöne Zusammenstellung, die sich aber von "Die Morde in der Rue Morgue" schreibtechnisch sehr unterscheidet. Doch ein Autor hat ja bekanntlich mehrere Facetten, die er erst nach und nach dem geneigten Leser offenbart.

4 von 5 Schauern

Mittwoch, 14. Juli 2021

Jessica Müller "Tod hinter der Maske"


Eigentlich hatte Charlotte von Winterberg genug von Problemen, als sie vor einer arrangierten Ehe aus ihrem Berliner Elternhaus flüchtet, nur um in London direkt bei einem Giftmord während einer maskierten Spenden-Soiree anwesend zu sein.
Von konventionellen Ermittlungsmethoden hält der leitende Inspector Basil Stockworth nicht allzu viel und so wird Charlotte von Winterberg in den Haushalt des Opfers eingeschleust, um die internen Querelen innerhalb der Familie zu studieren.
Doch das ist nicht so leicht gesagt wie letztlich getan. Das Opfer war kein Kind von Traurigkeit und so stellt sich nicht die Frage, wer überhaupt einen Grund für den Mord hatte, sondern eher wessen Motiv war stark genug.
Dass Charlotte in dem Haushalt in Gefahr gerät und der Inspector alle Fäden ziehen muss, um letztlich einen Erfolg zu verbuchen, sowohl dienstlich als auch privat sei noch erwähnt, aber zuviel darf man bei Detektivgeschichten nicht verraten, denn das Mitraten ist ja eins der wichtigsten Elemente beim Lesen.

Jessica Müller legt mit ihrem ersten viktorianischen Krimi eine schöne Hommage an klassische Detektivgeschichten vor. Ein Polizist und eine vornehmlich private Person mit Geist und Verstand begeben sich in dem ersten Band der Reihe um Charlotte von Winterberg und Basil Stockworth im Jahr 1865 in London auf Verbrecherjagd.
Lokalkolorit, historische Details, eine flüssige Sprache, ein abgerundetes Ende, es gibt nichts, was Jessica Müller hier dem Zufall überlässt. Ein schöner Auftakt in eine neue viktorianische Krimireihe.

4 von 5 Masken

Sonntag, 28. Februar 2021

Dan Adams "Three oaks - Der Grizzly"

Colorado, Winter 1879.

Man sollte doch meinen, dass die Bewohner und Besucher von Three Oaks sich bei der Kälte des Winters nicht aus ihren Häusern trauen sollten, doch irgendwie kommt im zweiten Band noch mehr Bewegung in die Bevölkerung von Three Oaks. Seien es die pausierenden Minenarbeiter, die nach der langen Schließung endlich wieder Gold schürfen wollen, sei es der Doktor, der umherwandelt, obwohl er sich doch eigentlich aus allem raushalten will oder die Gefolgsleute eines gewissen Gauners, der seine Fälle schwinden sieht... Ach ja und letztlich Jones, der eigentlich nur seine Hütte aufsuchen wollte um sich letztlich mitten in einem Kampf mit einem Grizzly zu sehen.
"Three Oaks - Der Grizzly" ist der zweite von sechs Teilen um den Arzt Allan Kerrish, Catherine Archer und die Bewohner von Three Oaks.

Sprachlich und kulturell rau und derb, erzählt Dan Adams eine Geschichte, wie sie im Amerika nach dem ersten Goldrausch hätte passieren können. Kleine Orte am Rand der Goldminen kamen herunter und die Lebensbedingungen, nun ja, entweder hatte man keine Arbeit, war eine Hure oder man besoff sich. Kein Leben das man sich wünschen würde, doch man würde es immer noch dem Tod vorziehen.
Auf knapp hundert Seiten führt uns Dan Adams in eine vergangene Welt ein, die ihre eigenen Probleme hatte und die weit rudimentärer waren als unsere heutigen.
Schnelle Szenenwechsel, angepasste Sprache und Verhaltensweisen lassen den Leser in die Welt von Three Oaks eintauchen und dies ist erst der Anfang.

4,5 von 5 Oaks

Klaus Trost "Dostojewski und die Liebe"


Zum 200sten Mal jährt sich dieses Jahr Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Geburtstag. Doch was weiß man über den russischen Autor, der bekannt für seine Werke "Schuld und Sühne" oder "Der Spieler" ist?
Klaus Trost, ein Fachmann, was Dostojewski und sein Leben angeht, hat sich an das Thema gewagt, was andere Biographien über Dostojewski als Randnotiz führen, sein Verhältnis zu Frauen.
Doch auch wenn der Titel es vermuten lässt, geht es um weit mehr.
Trost spannt einen großen Bogen, denn jeder Mensch ist auch ein Kind seiner Zeit und so fließt in die Biographie auch die Kindheit, die russische Geschichte und die weitere europäische Geschichte in Ausschnitten ein, denn was bei dieser Biographie sehr deutlich wird: Dostojewski saß oft zwischen den Stühlen und war innerlich oftmals widersprüchlich.
Als Kind wurde er vom Vater von allem Weltlichen weitestgehend abgeschottet, sodass schon hier die Grundlage für sein späteres Wesen liegen könnte. Er ist es nicht gewohnt, sich unter anderen zu befinden und sich in eine Gesellschaft einzufügen. Als er mit seinen ersten Werke bekannt und zu den literarischen Salons eingeladen wird, ist er oft verstört und kann sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht benehmen.
Auch der Umgang mit den Frauen gestaltet sich schwierig. Wo sollte man sie treffen und wie sollte man sie ansprechen? Da sollte man doch lieber auf einen Freund bauen, der wird es schon richten. Oder?
Ob Dostojewski dabei die Gefühle anderer verletzt, ist dabei zweitrangig. Trost vergleicht ihn mit einem trotzigen Kind und dies passt auf viele Wesenszüge.
Er unterstützt zu gewissen Teilen die Emanzipation, aber seine eigenen Frauen darf das nicht berühren.
Schon früh im Leben erkrankt, spiegelt dies auch oft seinen Gemütszustand wider und die Art und Weise, wie er über andere herrscht.
Er meint die Dinge um ihn herum kontrollieren zu können und so ist es ihm unverständlich, dass er beim Glücksspiel so oft verliert. Oft verspielt er sein letztes Geld, sodass ihm seine Bekannten Geld schicken müssen, damit er zumindest das Hotel noch bezahlen kann.
Kommt davon etwas bekannt vor? Ja, seine Erfahrungen mit dem Glücksspiel fließen in seine Geschichte "Der Spieler" ein.
Was im Buch deutlich wird, das Leben beeinflusst die Literatur, die Literatur beeinflusst das Leben und Dostojewski hat es sich mit seinen Frauen oftmals nicht leicht gemacht. Selbst oftmals planlos, verlangt er von den Frauen in seinem Leben alles, ohne im ersten Moment dafür etwas zu geben. Und warum das ganze? Nun, lest selbst.
Trost schafft es mit seinem Buch einen umgänglichen Ton zu treffen, der die Biographie gut lesen lässt. Das Buch ist in die Lebensabschnitte unterteilt, wann er jeweils eine neue Frau trifft. Die Beziehung wird je nach Intensität mal kürzer, mal länger umrissen und im Anhang finden sich kurze Lebensläufe der Frauen.
Ein Buch für Liebhaber von Dostojewski, für geschichtlich oder literarisch Interessierte und für Menschen, die einfach mal lesen wollen, wie es ist im 19. Jahrhundert mit seinen ganzen Umwälzungen zu leben.
Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

4,5 von 5 Tagebucheinträgen

Montag, 22. Februar 2021

William S. Baring-Gould "Er, Sherlock Holmes , und seine denkwürdigsten Fälle"


"Die erste Biographie des ersten Detektivs der Welt" vermittelt dem gemeinen Leser, dass es sich vermeintlich hier um ein Sachbuch handeln könnte, doch dem ist nicht so.
Sherlock Holmes Leben wird, im Gegensatz zum Arthur Conan Doyles Kanon, fortlaufend erzählt, wodurch der Leser, der sich mit den originalen Geschichten auskennt, noch einmal ein Gefühl dafür bekommt, wie dicht doch zuweilen der "Dienstplan" des ersten beratenden Detektivs war.
Das Buch legt zwei Schwerpunkte. Zum einen werden Zeiten in Sherlock Holmes Leben beleuchtet, die im originalen nicht wirklich oft Thema waren und zum anderen wird die Gewichtung der Fälle danach bemessen, welche sich als die bekanntesten und beliebtesten herausgestellt haben.
Doch vor der bekannten Zäsur in Sherlock Holmes Leben merkt man, dass es sich hier nicht um einen Tatsachenbericht handelt sondern wiederum um eine Pastiche...
Denn wer, wenn nicht er, könnte einen der größten Kriminalfälle aller Zeiten lösen?!?
Die vorliegende Ausgabe besticht durch ihre eigenwillige Bebilderung, die mir nicht wirklich zusagt. Selbst wenn man nicht auf die klassischen Strand Magazine Bilder zurückgreifen konnte oder wollte, hätte man sich etwas optisch angenehmeres vorstellen können.
Das Buch mit seinen knapp 200 Seiten lässt sich gut lesen und kann auch als Einstieg in die Materie genutzt werden. Eine Vorbildung durch den gesamten Kanon ist nicht notwendig. Die zitierten Geschichten werden in gekürzter Form wiedergegeben und entsprechend inhaltlich den originalen Fällen.

4 von 5 Sherlocks

Sonntag, 21. Februar 2021

Fjodor Dostojewski "Der Spieler"


Eine zentrale Frage beim Lesen ist ja oftmals die Frage, warum man liest? Liest man zur Unterhaltung? Liest man um etwas zu Lernen? Oder, oder, oder?
Doch oft werden bestimme Genres oder bestimmte Literatur gemieden, weil sie als schwierig gilt. Warum? Tja, zum Teil scheint es an der Sprache zu liegen, gerade bei Klassikern wird eine andere Ausdrucksweise verwendet, die dem modernen Leser seltsam und unbekannt anmutet. Oder auch die Gegebenheiten im Buch. Klassiker bedienen sich gesellschaftlich oft an den damaligen Gegebenheiten und in unserer Zeit sind die Verhaltensweisen oft schwer nachzuvollziehen.
Warum ich das erzähle? 
Ich lese gerade zwischendurch mal einen Klassiker. Nicht nur weil es mich als Leser fordert, sondern auch weil ich andere Stile lesen möchte, als das was heute als gängige Literatur bezeichnet wird... und doch bin ich dem gleichen Vorurteil aufgesessen, was ich oben beschrieben habe. Ich hatte bisher um die russische Literatur einen großen Bogen gemacht. Dabei schockte mich hauptsächlich die Länge der Bücher (1000 Seiten sind keine Ausnahme) und auch die Namen schreckten mich ab. 
Doch für ein kommendes Rezi-Exemplar wollte ich einmal ein Buch von Dostojewski lesen. Wie ich es ausgesucht habe? Ich habe das kürzeste (200 Seiten) genommen, was ich finden konnte. Und mal ehrlich, es war keine allzu schlechte Idee.
"Der Spieler" erschien 1867 und enthält Erinnerungen aus Dostojewskis Zeit in Deutschland. Aufbauend auf seinen Erinnerungen wird aus der Position des Ich-Erzählers, Aleksej Iwanowitsch, Hauslehrer des Generals, geschildert, was passiert, wenn man darauf warten muss, dass die alte Erbtante stirbt. Damit man: erstens seine Schulden bei dem Franzosen begleichen kann und zweitens die Frau heiraten kann, die man liebt, die einen selbst aber nicht liebt und nur wegen des Geldes heiraten will.
Um die ganze Sache noch komplizierter zu machen, hat der General noch eine Stieftochter, in die unser Ich-Erzähler verliebt ist, aber da gibt es ja den vermeintlichen Franzosen, und ja, einen Engländer gibt es auch noch.
Doch leider will die Erbtante gar nicht sterben und so kommt sie auch nach Deutschland. Wo sie gerade schon einmal da ist, will sie ihr Glück beim Roulette versuchen, wobei ihr unser Ich-Erzähler helfen soll. Doch wann hört man auf? Wenn man gewonnen hat? Oder wenn man den Verlust noch gerade so verkraftet?
Hat man erst verstanden, wer mit wem und warum ist es eine unterhaltsame Lektüre, in man sich trotz der ungewohnten Ausdrucksweise flüssig lesen kann und die dem Leser oftmals ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert, denn trotz der Abweichung in Raum und Zeit, sind die Gefühle, um die es damals ging auch heute noch dieselben.

4 von 5 Goldstücken