Dienstag, 7. April 2026

Matthias Manke "Leichtfüßig"

Hast du heute schon einmal an deine Füße gedacht?
Während man seiner Ernährung, seinen Haaren, seiner Kleidung und anderen Körperregionen viel mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt, sind die Füße die Körperteile, die man am häufigsten vergisst und somit auch vernachlässigt. Dabei sind sie es, die die Last unseres Körpers tragen und somit für unsere Mobilität kaum zu ersetzen sind.

Wenn die Füße schmerzen, haben sie oft schon einen langen Leidensweg hinter sich. Zu enge oder zu hohe Schuhe. Zu lange in Socken und Schuhen. Zu viel Gewicht, keine Bewegung …

Die Liste der Dinge, die den Füßen schadet, ist lang und gerade hier ist Vorsicht besser als Nachsicht.

Der Autor beschreibt in seinem Buch zuerst in aller Ausführlichkeit, welche verschiedenen Füße es gibt, wie es zu Fehlstellungen kommt und wie man die Korrektur herbeiführen kann.
Ein wesentlich kürzerer Teil beschäftigt sich mit der Pflege, Übungen und Reflexzonen.
In kleinen Schaubildern bekommt man die verschiedenen Füße, Übungen und auch Reflexzonen visualisiert, um gerade bei der Pflege oder Massage, die richtigen Bereiche entsprechend zu stimulieren.

Füße sind demnach kein Hexenwerk, man muss sich nur kümmern.

3,5 von 5 Füßen

Sonntag, 5. April 2026

Giulia Conti "Lago Mortale"

Eigentlich ist es still am Lago d'Orta.
Der Tourismus ist hier noch nicht in den Massen angekommen wie am Lago Maggiore.
Und doch stört etwas die Ruhe.
Simon, ein Deutsch-Italiener, hat sich aus dem Frankfurter Journalismus hierher zurückgezogen. War es die Arbeit, waren es die Menschen, während des Krimis geht man auch hier auf Erkundungstour.
Eines Morgens steht Simon auf seiner Terrasse, als er ein Boot auf dem Lago trudeln sieht. Kurzerhand paddelt er dorthin, um nach dem Rechten zu sehen und trifft auf eine Leiche. Als Journalist kann er seine Neugier nicht unter Kontrolle halten und so stellt er neben der Polizei eigene Ermittlungen an, die ihn immer weiter in die Geschichte des Lago ziehen.

Finten und Hinweise, falsche Fährten und richtige Ansichten, die Autorin schafft in ihrem Erstling das, was vielen Krimiautoren lange nicht gelingt: Sie legt eine Spur, nimmt Hinweise vermeintlich zurück, um sie dann in einem anderen Licht zu präsentieren.
Italienische Küche, Partisanenvergangenheit und vieles mehr lässt sie in ihren Krimi einfließen und schafft es so, dem Leser neben ihrer spannenden Erzählung auch ein Stück Kultur an die Hand zu geben. Denn Italien ist bei Weitem nicht nur Sonne, Strand und Meer.
Der Krimi bildet den Auftakt einer Reihe, um Simon Strasser, einem Einsiedler, der im Grunde seines Herzens gar keiner sein will.

4,5 von 5 Gewässern

Dienstag, 31. März 2026

Sibylle Kappel "Rosenkrieg"

Es soll der Tag aller Tage werden, doch leider endet er mit einer Leiche. Während Francesca auf der Suche nach dem richtigen Brautkleid ist, wird auf der Mainau eine tote Braut gefunden.
Ein Zeichen?
Zumindest insoweit, als dass Francesca die Anprobe unterbrechen und zur Mainau fahren muss. Vor Ort herrscht Trubel, denn auch die Hochzeitsgäste sind schon da. Sie zählen zu den Reichen und Schönen und wollen nichts mit einem Mord zu tun haben.
Schnell zeigt sich, innerhalb von ein paar Stunden ist die Ermittlung nicht erledigt und so bleibt sie mit ihrem Kollegen Thomas, den Gästen und dem Mörder auf der Insel.

Ein Hoch auf das Lokalkolorit. Man riecht die Blumen, man sieht die Schmetterlinge, man schweift über die Insel. Wer sie kennt, kann der Autorin während der ganzen Geschichte folgen. Szenenwechsel um die Dynamik und Spannung aufrecht zu halten, dazu eine bunte Mischung an Charakteren, fertig ist der Plot. Erfahrene Krimileser kommen schnell auf die Fährte, wohin die Reise gehen soll und daran merkt man, dass es sich um einen cosy crime handelt. Es ist kein Thriller, es ist kein Rätselkrimi. Es ist ein Unterhaltungskrimi.

Die Probleme der Ermittlern bekommen den gleichen Stellenwert wie die der Verdächtigen und ein paar Lacher hat die Autorin auch bewusst eingebaut.

Ein nettes Buch für zwischendurch und es macht Lust, die Insel Mainau zu besuchen.

3,5 von 5 Blumen

Montag, 30. März 2026

Ronald D. Gerste "Wie Krankheiten Geschichte machen"

Was wäre, wenn …
Eine Frage, die gerade im geschichtlichen Zusammenhang immer wieder fällt. Denn es gibt Daten und Ereignisse in der Geschichte, bei denen man annimmt, dass sie völlig anders verlaufen wären, wenn …

Der Autor Ronald D. Gerste nimmt den Leser in seinem Buch "Wie Krankheiten Geschichte machen" erneut mit auf eine Zeitreise. In sehr unterschiedlich langen Kapiteln erörtert der Autor z.B., was in England passiert wäre, hätte Mary Tudor Kinder bekommen und Elisabeth I. wäre nicht auf den Thron gekommen. Neben der glorreichen Zeit unter Elisabeth I. steht die Frage, wie sich der Glauben in England ohne sie entwickelt hätte.
Weitere Zeitabschnitte und große Herrscher, die er bespricht, sind: die Cäsaren, Alexander der Große, Heinrich XIII., Friedrich Ebert, Friedrich der Große, Lenin, Stalin und wie viele mehr.

Neben einzelnen Persönlichkeiten schreibt er ebenfalls über die großen Epidemien der Zeit, wie z.B. die Spanische Grippe, die Pocken oder auch die Cholera.

Neben den eigentlichen Krankheitsbilder beschreibt er auch die jeweils aktuellen Lebensumstände und zeigt damit auf, warum es Krankheiten so einfach hatten oder warum sie auch "chic" waren.
Natürlich haben Krankheiten auch in der jeweiligen Zeit Einzug in die Literatur gehalten, allerdings sind diese Beispiele eher in der Minderzahl.

Ob kurz oder lang in den Abschnitten des Buches vermittelt der Autor eine Menge Wissen über die Zeit. Sollte man speziell an den Krankheiten interessiert sein, so sei allerdings erwähnt, dass der informative Anteil über diese sehr stark in den einzelnen Abschnitten schwankt. Manchmal ist es nur eine Randnotiz und man hätte sich gerade bei der Person mehr gewünscht.

Doch alles im allem bin ich immer wieder erstaunt, wie es der Autor vermeintlich spielend schafft, durch seine Wortwahl und die passenden Bezüge die Inhalte schon beim ersten Lesen im Gedächtnis zu verankern. Eine große Leistung für ein Sachbuch.


4 von 5 Krankheiten

Freitag, 27. März 2026

Anja Goerz und Eric Niemann "grün, tot, weiß"

Eine kleine Insel mitten in der Nordsee, geprägt von Idylle und Abgeschiedenheit, wird Schauplatz eines tödlichen Unfalls. Der Schriftsteller Christian Gröger liegt eines Morgens am Fuße der Hummerklippen und die Inselgemeinschaft von Helgoland ist in Aufruhr. Denn einem kleinen Dorf gleich gibt es auch hier Menschen, die alles über die anderen wissen oder es zumindest meinen. Kleine Bistrogardinen wackeln, wenn andere sich auf der Straße treffen, um was zu tun?

Die Inselpolizei kann nicht mit so einem wichtigen Fall betraut werden und so kommen zwei Ermittler vom Festland herüber. Beide haben ihre Vorgeschichte und so ist es anfangs sehr schwierig einen gemeinsamen Nenner zu finden, damit die Arbeit nicht leidet.

Wie es bei Krimis inzwischen üblich ist, geht es nicht nur um ein gekonntes Katz-und-Maus-Spiel mit den Verdächtigen, sondern es geht auch um den Hintergrund der jeweiligen Ermittler.

Das Autorenduo Goerz und Niemann schafft mit seinen Ermittlern Herma und Jan zwei Figuren, die sich mit ihrer Lebenserfahrung und teilweise mit der Suche nach ihrem Platz darin (weit nicht so esoterisch, wie es hier gerade vielleicht klingen mag) sehr gut in das Geschehen einpassen. Andere Figuren spiegeln diese Eigenschaften und so sind empathische Szenen weit weniger gestellt, als es in anderen Büchern der Fall ist.

Parallel zu den beiden nimmt auch ein kleiner Junge die Untersuchung auf. Ganz im Stil von Sherlock Holmes sichert er Fingerabdrücke, begutachtet den Tatort und zieht Rückschlüsse, die gar nicht so verkehrt sind.

Der Plot an sich ist einem cosy crime ähnlich. Nicht sehr blutrünstig gestaltet, geht es um Kombinationsgabe und Ausschlussprinzip. Mit zahlreichen, realistischen Wendungen bleibt der Krimi bis zum Ende spannend und das eingeflochtene Lokalkolorit rundet die Erzählung gelungen ab.


4,5 von 5 Inseln

Mittwoch, 25. März 2026

Autoreninterview Maya Malou

Hallo zusammen.
Wer kennt Maya und ihr Zwergenkompendium denn nicht? Wie höre ich da gegenteilige Äußerungen? Dann mal fix das Interview gelesen. :-)

(Bild: Maya Malou (privat), Grafik: Maximilian Wust)


Wie ist dein Kinderbuch entstanden?
Mera und das Herz des Waldes, mein Debüt, entstand 2020 aus der Idee heraus, einen Adventskalender für meine Tochter zu schreiben. Allerdings ist mir dann schnell klar geworden, dass es mehr als 24 kleine Kapitel werden und so schrieb ich mein erstes Buch. Zum damaligen Zeitpunkt hätte ich mir niemals vorstellen können, dass es ein Jahr später tatsächlich einen Verlagsvertrag erhält und veröffentlicht wird. Ehrlich gesagt kann ich mir das nach wie vor bei keinem meiner Projekte vorstellen und bin immer maximal geflasht, wenn sie dann einen erhalten und ich sie als gedrucktes Buch in der Hand halten darf. Das hat auch nach mittlerweile vier Veröffentlichungen und drei Anthologien, an welchen ich mitwirken durfte, nichts von seinem Zauber verloren.

Welche Aufgaben machen dir bei der Entstehung eines Buches am meisten Spaß?
Beim Schreiben der Kinderbücher genieße ich es sehr Szenen einzubauen, die mich selbst und (hoffentlich auch) meine LeserInnen zum Lachen bringen, sowie die magischen Bilder, die sich in meinem Kopf abspielen in Worte zu fassen, um sie dadurch in andere Köpfe »zu zeichnen«.
Aktuell arbeite ich aktiv an einem Projekt für ältere LeserInnen und hier macht es mir total Spaß, die Charaktere auszuarbeiten und die Vibes zwischen den verschiedenen Protagonisten rüberzubringen. Aber auch das Zusammenführen aller losen Fäden innerhalb der Story, die dann irgendwann ein Ganzes ergeben, bereitet mir enorme Freude beim Schreiben. Es ist schon ein lustiges Gefühl, wenn man als Autorin die ganze Zeit weiß, was in einer Szene gerade »Off-screen« geschieht und dann im weiteren Verlauf immer wieder kleine Hinweise einbaut, bis man zu der Schlüsselszene kommt, welche den Lesenden, den »Aha-Moment« bringt. Ich freue mich dann schon im Voraus wie ein kleines Kind auf die Reaktion meiner TestleserInnen.

Wie hast du dich auf die Leipziger Buchmesse vorbereitet?
Ich habe tagtäglich mehrere Liter Kaffee getrunken, geübt mindestens zwanzigtausend Wörter pro Tag zu reden, und mich nicht länger als 10 Minuten hinzusetzen. ;-)
Spaß beiseite, so wirklich darauf vorbereitet habe ich mich nicht, da ich ja das Glück habe, dass die Verlage sich um die Präsentation der Bücher kümmern. Ich hatte nur die Aufgabe meine Postkarten und Visitenkarten rechtzeitig zu bestellen (was beinah auch noch schief gegangen wäre) und mir Zugverbindungen herauszusuchen und zu überlegen wie ich alles in meinen großen Rucksack bekomme.

Worum geht es in deinem neuen Buch »Mera und die Farben des Waldes«?
Es ist das zweite, unabhängig lesbare Abenteuer meines lustigen Trios, bestehend aus Mera, einem Menschenmädchen, Tirothemius, einem Pan und Mink, einem Mondhasen. Tirothemius und Mink haben Mera eingeladen, um ihre einjährige Freundschaft zu feiern, aber statt gemütlich Rumpelkekse zu naschen, erwarten die drei Freunde aufgeregte Uppie-Wuppies, ein wirklich einzigartiges Zwergenvölkchen, und eine seltsame Farblosigkeit, die sich im Wald ausbreitet. Natürlich machen sich die drei Freunde auf die Suche nach der Ursache und einer Lösung für den Farbverlust des Waldes. Dabei stoßen sie auf ein ganz besonderes magisches Wesen, von deren Existenz sogar die Bewohner des Waldes hinter dem Nebel überrascht sind und begeben sich mit einer Gruppe Zwerge auf die Spuren einer uralten Zwergenlegende.
Alles in allem wird es also wieder sehr magisch und lustig, es tauchen wieder einige schräge Wesen auf und Themen wie Freundschaft und Mut spielen eine große Rolle.

Die Buchbranche ist oftmals ein schwieriges Pflaster. Was fehlt der Branche aus deiner Sicht?
Eindeutig Ruhe und Gelassenheit sowie der Fokus auf Qualität statt Quantität. Ich habe das Gefühl, es geht nur noch darum alle paar Wochen einen neuen »Bestseller« rauszuhauen und das überzeugendste Cover und den auffälligsten Farbschnitt zu machen. Dabei bleiben die Qualität der Geschichten und die Individualität absolut auf der Strecke. Ein Grund, weshalb ich gar nicht mehr bei großen Verlagen einkaufe.
Besuche in der Buchhandlung empfinde ich schon seit längerer Zeit nur noch ernüchternd, da man auf dem ersten Blick vom bunten Angebot erschlagen wird und bei genauem hinsehen wirken alle Cover und Klappentexte ähnlich. Dadurch geht in meinen Augen einiges an Herzblut verloren, dass AutorInnen in ihre Geschichten stecken, wenn sie sich die Zeit nehmen können, um ihre Geschichte zu schreiben.
Aktuell suggeriert der Buchmarkt uns AutorInnen, dass wir nie schnell genug sind, und setzt Schreibende enorm unter Druck, denn wenn du nicht »schnell genug nachlieferst«, bist du schon in der nächsten Woche Schall und Rauch. Da will und kann ich nicht mitmachen, auch wenn das bedeutet, dass ich es nicht mit meinen Titeln in die großen Buchhandlungen schaffe.

Wie kann man sich deinen Alltag als Autorin vorstellen?
Einen wirklichen Alltag als Autorin habe ich nicht, da ich das Schreiben in meiner oft sehr knapp bemessenen Freizeit betreibe. Wenn ich in meinem Brotjob frei habe und die Kinder außer Haus sind, dann setzte ich mich mit einer Tasse Kaffee oder Tee an meinen Schreibtisch, höre leise Instrumentalmusik und tippe in die Tasten.
Oft liege ich aber auch abends ewig bei der Einschlafbegleitung und gehe meine Storys im Kopf durch und tippe dann nur schnell Stichworte oder kurze Sätze in mein Handy, damit ich es nicht vergesse.
Tatsächlich schreibe ich viel am Handy in den Notizen, weil ich das im Alltag einfach immer dabei habe und bringe das dann später in »Schönform« am Laptop.
Auf Kommando kreativ sein ist für mich sehr schwierig, oft überrollen mich Szenen und Ideen in den unpassendsten Momenten :D die Reime für »Aufregung im Zwergendorf« kamen mir zum Beispiel um drei Uhr morgens, als ich im Bett lag und partout nicht einschlafen konnte. Am nächsten Tag war ich dementsprechend müde, aber hey, ich hatte die Geschichte für ein Bilderbuch! :D

Mit welchem deiner Bücher sollte man beginnen?
Wenn man dem Alter nach geht, mit dem Bilderbuch »Aufregung im Zwergendorf«, dann »Mera und das Herz des Waldes«, gefolgt von »Mera und die Farben des Waldes« und dann das »Zwergenkompendium«, sowie meine diversen Kurzgeschichten.
Aber eine wirkliche Reihenfolge, aber dennoch kann man in allen Geschichten kleine Eastereggs zu den jeweils anderen finden, da ich großen Spaß daran habe mir ein eigenes Multiversum aufzubauen. So finden sich z.B. im Zwergenkompendium »Uppie-Wuppies« oder der Märchenerzähler Birk wieder, welche die Lesenden in »Mera und die Farben des Waldes« wieder treffen. In »Aufregung im Zwergendorf« verstecken sich Tirothemius & Mink in zwei der Illustrationen und es gibt einen Wegweiser, der nach Teichstadt und zu den Rumpelhöhlen weist, welche man in »Mera und das Herz des Waldes« besucht und in einer meiner Kurzgeschichten, die in der Anthologie »Ignis Lucidus« beim Carpathia Verlag erschienen ist, lernt man die Protagonistin meines aktuellen Projektes kennen.


Wer neugierig ist, kann hier mehr über Maya erfahren:
tintenklecks-und-seitenzauber.de
instagram.com/tintenklecks_und_seitenzauber
facebook.com/profile


Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.

Sonntag, 22. März 2026

Dieter Nuhr "Gut für dich!"

Missmutig, missgestimmt, schlecht gelaunt, immer das Negative sehen. 
Viele Ausdrücke, die alle den gleichen Zustand beschreiben: den gemeinen Deutschen.
In seinem bereits 2019 erschienen Buch "Gut für dich!" geht Dieter Nuhr auf eine Spurensuche der besonderen Art und versucht Licht in das Dunkel zu bringen, warum es oftmals die Deutschen sind, die Zukunftsängste haben und nicht genießen können, was sie gerade haben.
In vier 'Büchern' nähert er sich in seiner bekannten Art dem Thema und stellt fest, dass es die Außenwirkung ist, die uns die Laune verdirbt. Natürlich ist man daran selbst schuld, denn man könnte auch einfach zufrieden sein, aber dafür sind wir deutsch.
Ein Beispiel? Gerade hat man sich einen neuen Fernseher gekauft, als neuer mit noch mehr Funktionen erscheint. Schon freut man sich nicht mehr, dass man ein einsatzfähiges Gerät zuhause hat, sondern man schaut, was an dem eigenen schlechter ist. Natürlich bezieht sich das nicht für alle Menschen auf den Fernseher sondern auch auf Autos, Handys, Urlaube etc etc.
Was neben seinem schwarzen Humor immer wieder durchscheint, ist der Wunsch, dem Leser zu vermitteln, dass Glück und Zufriedenheit auch aus dem Inneren kommen.
Praktische Alltagstipps und Möglichkeiten aus den Gedankenschliefen auszubrechen, liefert er genauso, wie den Wunsch dem Leser seine Thesen näher zu bringen.
Wie immer kann man nicht alles auf sich selbst beziehen, doch er liefert einen Einstieg, wie man das fortwährende Vergleichen mit anderen abschütteln kann.

4 von 5 Hilfestellungen

Freitag, 20. März 2026

Ingrid Weißmann "Rotlicht, Blaulicht und Henrike"

Rotlicht, Blaulicht und Henrike führt den Leser nach Hamburg in die siebziger Jahre. Die Menschen sind auf dem Kiez sind beeinflusst von Drogen und der Käuflichkeit. Schlimm wird es, wenn junge Mädchen sich auf der Suche nach der großen Freiheit hierher verirren und an einen Luden geraten. Denn diese denken nur an das eine: Geld und die Maximierung dessen.
Henrike hat gerade ihre Ausbildung beendet, um in den Polizeidienst zu wechseln. Es ist eine Zeit, in der die Frauen oft zur Unterstützung mitgehen und selten allein für eine Ermittlung verantwortlich sind.
Bei Henrike kommt eine private Bekanntschaft eine Überwachung in die Quere und so gelangt sie emotional viel tiefer in den Fall als es ursprünglich gedacht war.

Man benötigt einige Kapitel um sich an den Schreibstil zu gewöhnen. Die Kapitel sind kurz, wechseln zwischen den Protagonisten hin und her und vermitteln aus den Perspektiven ein sehr unterschiedliches Bild vom Kiez.
Der Fall entwickelt sich nach und nach zu etwas großen und so zeigt die Autorin, wie verschiedene Abteilungen miteinander arbeiten müssen, um sich der Lösung zu nähern.

Lokalkolorit und aus heutiger Sicht "historische" Polizeiarbeit fließen ebenso in den Text ein wie eine leichte Gesellschaftskritik.
Trotz allem war es nicht ganz der Krimi, den ich erwartet habe. Für Fans des Lokalkolorits und der Polizeiarbeit aber definitiv einen Blick wert.


3 von 5 Polizisten

Mittwoch, 18. März 2026

Agatha Christie "N oder M?"

England befindet sich mitten im Krieg. Die Angriffe der Deutschen werden häufiger, die Zerstörungen nehmen zu. Menschen flüchten aus London auf's Land, während die Jungen versuchen das Land zu schützen. Doch auch an die ältere Generation wird gedacht und so steht an einem Tag jemand bei Tommy im Wohnzimmer und heuert ihn für eine waghalsige Mission an. Denn, nicht nur die Deutschen sollen die Engländer unterwandern, auch eine Gruppe Engländer soll sich gegen das eigene Land stellen. Doch da unklar ist, wie hoch die Verschwörung reicht, soll Tommy, wohl gemerkt ohne Tuppence, ermitteln. Die Bedingungen vor Ort gestalten sich von Anfang an schwierig und so rücken nacheinander alle Mitbewohner in Tommys Fokus. Zu recht oder zu unrecht, das bleibt lange im Dunkeln.

Man bemerkt in den Texten aus den Kriegsjahren öfters die Wut der Autoren und den Wunsch, die Welt in einem Schwarz-weiß sehen zu wollen. Wer ist gut, wer ist böse, das ist in der Realität oft nicht ganz so einfach auszumachen. Doch im Krimi gibt es keinen Platz für grau.
Die Mischung aus dem Duo Tommy und Tuppence, was immer schon für das eine oder andere Augenrollen gereicht, da sie zu überzeichnet wirken, und dem Wechsel zwischen "Fritz" und dessen Einstellung dominiert den Krimi.
Der Gedanke, dass es eine Unterwanderung innerhalb der eigenen Reihen gibt, ist durchaus gelungen, doch die Umsetzung bleibt an vielen Stellen hinter den Möglichkeiten zurück. 
Lose Enden gibt es bei Agatha Christie natürlich nie, doch ist es um die Varianz und die Plotbunnies nicht gut bestellt.
Sicherlich ist das Buch auch als eine Art Zeitzeuge zu sehen, doch die literarischen Tricks, die Agatha Christie bei Monsieur Poirot und Miss Marple nutzt, kommen hier nicht zur Geltung. 

Schade, da gerade bei dem Setting viele Ideen die Geradlinigkeit des Textes hätten unterbrechen können.

3 von 5 Spionagen

Freitag, 13. März 2026

Katharina Henz "Validieren: Wie echtes Erkennen und Anerkennen Beziehungen transformiert ..."

Vieles ist in der heutigen, hektischen Zeit schwerer geworden. Aktives Zuhören ist eine wichtige Sache, die wir zunehmend verlernen.
Eine besonders aufmerksame Form des Zuhörens ist das Validieren. In acht Kapiteln bringt die Autorin dem Lesenden den Unterschied zwischen Zuhören, aktivem Zuhören und Validieren sachkundig bei.

Was sich im ersten Moment wie eine Mammutaufgabe anhört, ist im Kern eigentlich recht simpel, wenn man einmal den Zugang hierzu gefunden hat.
Mit Situationen aus der psychologischen Praxis erläutert sie die Unterschiede und zeigt, warum die Menschen sich oft bevormundet fühlen.

Ein kleines Beispiel? 

Niemand, wirklich niemand, kann sich zu einhundert Prozent in einen anderen Menschen hineinversetzen. Somit sind sämtliche Ratschläge, wie "Ich würde das so und so angehen" hinfällig.
Denn keiner kann sich wirklich in die Lage des anderen versetzen. Warum? Das erklärt die Autorin an mehreren Sachverhalten. Zum einen lassen wir unser Gegenüber selten ausreden, bevor wir eine Diagnose stellen. Wir fahren dem anderem über den Mund, weil wir sein Leid mindern wollen, doch oft wird er gegenteilige Effekt ausgelöst.

Durch die Beispiele, die sich auf Arbeitskollegen, Kinder, Kranke, Eltern und Vorgesetzte beziehen, ist das Thema bei weitem nicht so abstrakt, wie es zuerst den Anschein hat.

Man lernt, Menschen besser zu verstehen, man lernt einen neuen Umgang miteinander. Ob man ihn täglich und gerade in Stresssituationen immer anwenden kann, ist für mich im Moment noch fraglich, doch zeigt dieses Buch, dass psychologische Themen greifbar sind, wenn sie gut und eingängig formuliert werden.

Die Kapitel haben jeweils einen Themenschwerpunkt und an Ende eines jeden werden die Kernaussagen mit Stichworten zusammengefasst. Optische Einrückungen und Kästen heben Themen und Beispiele zur besseren Lesbarkeit hervor.

Ein großes Lob an die Autorin, die das Thema für mich sehr verständlich und interessant dargelegt hat.

5 von 5 Sitzungen


Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Donnerstag, 12. März 2026

Beate Maly "Gold aus der Wiener Werkstätte"

Wien, 1906:
Während ein aufsehenerregender Prozess um ein Bordell die Schlagzeilen dominiert, wird einem Hotel eine Leiche gefunden. Auch sie hat früher in besagtem Bordell gearbeitet, doch nun ist sie mit edlem Schmuck bedeckt. Da bei dem Prozess auch die Polizei involviert ist, soll Max von Krause erst einmal Stillschweigen bewahren. Doch dies gestaltet sich schwierig, da der Schmuck aus den Wiener Werkstätten stammt und somit viel zu viele Menschen über den Schmuck und die dazugehörige Leiche Bescheid wissen. Ein Blick hinter die Fassade zeigt: Jeder hat mindestens ein Geheimnis, das für andere zur Gefahr werden könnte.

Dies ist bereits der zweite Band um Max von Krause und Lili Feigl. Ich habe zuvor den ersten Band nicht gelesen, kann aber sagen, dass man diesen nicht zwingend kennen muss, um der Handlung zu folgen. Die Autorin verwebt in ihrem Krimi Realität und Fiktion so gekonnt, dass man nur so durch die Seiten fliegt und wissen will, wie es weitergeht. Die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, ihre Vorurteile und Seilschaften bilden die Grundlage für einen spannenden Plot, er den Leser immer wieder in die Irre führt. Denn man fragt sich, wer hat was von den diversen Sticheleien und wer hat zum Schluss die Nase vorne? Denn nicht nur unter Gaunern gibt es Streitigkeiten auch bei der Polizei und im Privaten ist nicht alles rosarot. Durch die vielen "Angriffspunkte" schafft sie es viel Spannung und Neugier auf die Schauplätze zu legen. Mit ihren Protagonisten hat sie zwei Sympathieträger, die die Schlechtigkeit der anderen Figuren ausgleichen.
Das angedeutete Wienerisch zieht sich mal mehr, mal weniger durch den Text und lässt so ein harmonisches Bild im Kopf entstehen.

Die Auflösung kam mir persönlich am Ende ein bisschen zu abrupt, das mindert aber nicht die Begeisterung für den Text.
Sie verarbeitet arm und reich, Mann und Frau, gut und böse so gut, dass ich den ersten Band demnächst nachholen und ihre andere Reihe unbedingt fortsetzen möchte.

4,5 von 5 Schmuckstücken

Mittwoch, 11. März 2026

Makoto Yukimura "Vinland Saga 3"

Neben "Atelier of Witch Hat" ist über Umwege auch eine zweite Mangaserie bei mir auf dem SUB eingezogen. Während AoWH sich mit Zauberei, Büchern und verschiedenen Welten auseinandersetzt, mutet die "Vinland Saga" fast wie ein Geschichtsbuch im Mangaformat an.

Seit dem zweiten Band sind einige Jahre vergangen und England leidet unter den Überfällen der Wikinger. Immer mehr Menschen werden getötet, Dörfer geplündert oder ganz zerstört. Doch auch unter den Wikinger herrscht keine Einigkeit mehr und so kommt es bei London zu einem Kampf zwischen zwei Wikingern, der aber erstmal unentschieden ausgeht.
Doch die nächste Schlacht ist nicht fern und so sind es zunehmend "Glutnester", an denen immer wieder Kämpfe aufflammen und die Menschen in Angst und Schrecken versetzen.
Währenddessen halten die Wikinger-Frauen zuhause alles in Schuss, aber sie müssen immer fürchten, dass ihre Männer nicht wiederkommen. So ist das Leben auch für sie geplagt von Arbeit und Zweifeln und ein Ende der Kämpfe ist nicht in Sicht.


Mit Karten und Schaubildern unterscheidet sich dieser Band von seinen Vorgängern. Die Angriffe werden hier genau mit Jahreszahlen verzeichnet und dieser Band spielt an verschiedenen Plätzen in England. Die Nähe zu der Geschichte wird an mehreren Stellen untermauert und gibt den Lesern eine Einordnung, wie Manga und Realität übereinstimmen.

Wie schon in den vorigen Bänden werden die Kampfeshandlungen sehr plakativ dargestellt, sodass die Farbgebung die Dramatik intensiviert. Man lernt, dass auch unter Eroberern nicht immer die gleiche Meinung herrscht und obwohl "nicht viel anderes passiert", ist der Band nicht langweilig.
Geschichte als Manga. Ein gelungenes Konzept.


4 von 5 Drachenköpfen

Dienstag, 3. März 2026

Nicholas Meyer "Sherlock Holmes und das Phantom der Oper"

Man nehme Sherlock Holmes und das Phantom der Oper. Was soll bei den Protagonisten schon schief gehen?
Spoiler: Einiges.
Doch beginnen wir am Anfang.
Sherlock Holmes hat die Reichenbachfälle überlebt und reist durch Europa, um seinen Tod noch eine Eile zu vertuschen.
Um nicht immer wieder seinen Bruder um Geld zu bitten, nimmt er eine Anstellung als Geiger in der Pariser Oper an und trifft somit auch auf die Geschichte rund um das dort lebende Phantom.
Warum es wie handelt, lässt sich nach kurzer Zeit erahnen und Holmes versucht so wenige Menschen wie möglich zu schaden kommen zu lassen. Doch die Ohren der neuen Direktoren sind taub für seine Warnungen. Als schließlich das Unheil angerichtet ist, ist es Holmes, der sich verteidigen muss, denn seine Kombinationsgabe wird gegen ihn verwendet.
Wer die Pastiches von Nicholas Meyer kennt, weiß, dass er sie als "direkte Texte" von Watson ausgibt und er selbst lediglich editorische Notizen hinzufügt. Die Idee und auch die Umsetzung ist auch bei dem dritten Band sehr gelungen und durch den Schreibstil, in dem Holmes Watson direkt anspricht, wird man in das Geschehen gezogen.

Was mir in diesem Band nur überhaupt nicht gefallen hat, war die Figur Sherlock Holmes. Auch wenn er in Paris vermeintlich in Urlaub ist, kann man seine stümperhaften Ermittlungen und seine Begriffsstutzigkeit in vielen Szenen einfach nicht nachvollziehen. Vergleicht man die Ermittlung sowohl mit den beiden vorigen von Meyer als auch mit dem Kanon, hat man mehrfach das Gefühl, der großartige Detektiv stolpert blind und mit einer Hand auf den Rücken gebunden durch den Fall. Zu viele Hinweise, die Meyer auch explizierter beschreibt als Doyle, lässt Holmes liegen, um hinterher erstaunt auf des Rätsels Lösung zu blicken.

Weiterhin bedient der Text viele der Touristenattraktionen, Eifelturm, die Oper und deren unterirdirsche Gänge. Ein Streifzug durch die Stadt, bei dem sich Holmes auch noch direkt verläuft.

Wer Meyer in seiner Höchstform lesen will, sollte zu "Sherlock Holmes und die Theatermorde" oder auch noch "Kein Koks für Sherlock Holmes" greifen, dieser Band wird weder Holmes noch Meyer gerecht.

3 von 5 Opern 

Montag, 2. März 2026

Tommaso Vitiello "Oscar Wilde - die Comic-Biografie"

Als Ire im Viktorianischen England hat man es nicht leicht. Wenn man den Engländern dann noch auf ihre sprichwörtlichen Füße tritt, kann das zunehmend zu Problemen führen. Oscar Wilde war vieles, doch definitiv nicht gesellschaftlich angepasst. Er hatte seinen eigenen Kopf, den er nicht nur einmal mit Gewalt durchsetzen wollte.

Die Graphic Novel steigt in sein Leben ein, als er in Amerika an seinen schriftstellerischen Vorstellungen feilt. Sollen es weitere Essays, Romane oder doch Theaterstücke sein? Das Publikum ist (in mehrfacher Hinsicht) nicht bereit für seine Texte und so nagt die Unzufriedenheit an ihm. Er, der von seinem Umfeld immer als grandioser Künstler dargestellt wird, hat nicht den Erfolg, den er sich wünscht. Als sich das Blatt gerade ein wenig wendet, kommt seine Affäre mit Bosie an die Öffentlichkeit. Die Gesellschaft ist entsetzt und so wird aus einem Prozess um üble Nachrede ein Prozess, der ihn ins Gefängnis bringt.
Die Comic Biografie hält sich sehr dicht am Lebenslauf von Oscar Wilde. Das einzige, was mir ein wenig zu kurz kam, war, warum die Menschen seine Texte nicht mochten und wie er sie zunehmend anstößig formuliert hat.

Das Buch unterteilt sich in mehrere Abschnitte, die spezielle Zeitpunkte (z.B. den Prozess und die Gefangenschaft) in Wildes Leben beleuchten und in denen auch seine Wirkung im Ausland thematisiert wird.
Die Zeichnungen sind weich gehalten. Sie wirken wie eine Hommage an Wildes frühe Frisur. Die Zeichnungen kommen ohne viele Details aus, zudem sind die Figuren manchmal vage gehalten, ebenso wie die Hintergrundgestaltung. Meinen Geschmack trifft dies nicht, aber es passt zum Inhalt der Biografie.
Unterschiedlich große Zeichnungen, auch mal als Platzhalter für längere Texte verwendet, führen dazu, dass das Auge nicht abschweift und man die unterschiedlichen Stimmungen innerhalb der Biografie wahrnimmt. Nichts wird beschönigt, aber auch nichts verrissen.

4 von 5 Dramatikern

Samstag, 28. Februar 2026

Susanne Matthiessen "Ozelot und Friesennerz"

Mondän. Das ist das erste Wort, das einem einfällt, wenn man an Sylt denkt.
Zumindest in heutiger Zeit. Den Schönen und den Reichen gehörte die Insel, bevor das Deutschlandticket spruchreif wurde.
Aber stimmt das wirklich? Denn eigentlich gehören die 99 Quadratkilometer den Insulaner, doch diese gibt es immer weniger. Nicht nur, weil sie sich die Häuser kaum mehr leisten können, sondern auch weil die Insel keine Geburtenstation mehr besitzt. 
Doch die Geschichte beginnt in den sechziger Jahren. Die Protagonistin lebt mit ihren Eltern in Westerland und Pelze sind ihr Lebensunterhalt. Die Schönen und Reichen kommen zu ihnen, um sich beraten zu lassen und anschließend dem Kaufrausch zu verfallen, denn seien wir mal ehrlich, wer einen Pelz hat, kann auch einen zweiten gebrauchen.
Neben dem Alltag im Laden und zuhause mit den Übernachtungsgästen erzählt sie auch von den anderen Kindern, die ebenfalls mit dem Tourismus zu tun haben. Denn nach dem Krieg floriert dieser auf der Insel. Zu Beginn sind die Unterbringungsverhältnisse vielleicht noch spartanisch, doch auch hier zieht das Niveau immer weiter an. Ebenso wie die Ansprüche der Gäste, denn nichts ist in ihren Augen zu viel verlangt und nichts dürfen die Insulaner ihnen ablehnen, schließlich sind sie zahlende Gäste.

Nicht nur auf Sylt sondern auch in anderen Feriengebieten breitet sich in den letzten Jahren die Problematik aus, dass die Einheimischen dort nicht wohnen können und außerhalb des Tourismus keine anderen Jobs zur Verfügung stehen. Von anderen Menschen oft verpönt, ist es wirklich schwer, sich in die Einwohner hineinzuversetzen, da sie Stück für Stück ihre Heimat und ihre Kultur verlieren. Zudem kommt bei der Familie der Autorin der Wandel zum Tragen, dass ihr Broterwerb ersatzlos weggefallen ist. Sicherlich schwingt der Unmut darüber im Buch mit und auch die fehlende Beachtung dessen, was die Insulaner in der Saison leisten, doch ist das Buch auch ein Stück deutsche Geschichte, da es zeigt, wie Deutschland sich in den sechziger und siebziger Jahren wieder aufgebaut hat und was den Menschen in ihrem Alltag wichtig ist. Das Wechselspiel zwischen arm und reich bildet hierbei einen weiteren Reiz.

3,5 von 5 Fellen

Freitag, 27. Februar 2026

Agatha Christie "Das krumme Haus"

Ein verschachteltes Haus mit Aufgängen, Ecken, Winkeln und Treppen.
Unübersichtlich und immer mal wieder angebaut, wie auch die Familie, die in diesem Anwesen lebt. Als der Vater stirbt, wirken alle aufgescheucht und ruhig zugleich, denn es kann ja nur die neue Frau gewesen sein. Wer sonst hätte ein Interesse daran, den gutmütigen Mann der Familie zu entreißen? Oder ist dies alles nur ein trügerisches Bild und in Wirklichkeit ist wieder nichts so wie es scheint?

Agatha Christie hat unzählige Kriminalgeschichten geschrieben. Neben ihren "Hauptermittlern" Miss Marple und Monsieur Poirot gibt es auch einzelne Fälle, wie diesen, in denen keiner der bekannten Ermittler vorkommt und sie eine komplett neue Szenerie mit gänzlich neuem Personal auffährt. Wer die Autorin und ihre Techniken kennt, weiß, dass für sie die Fälle im Vordergrund standen und sie die Ermittler entsprechend angepasst hat.
So ist es auch ihr zu verdanken, dass alte, klassische Vorgehensweise in Kriminalgeschichten nach und nach verwässert und der Leser auch wieder überrascht werden kann. 

Ein gediegenes Setting. Ein Familie. Reich. Eigentlich scheint alles gut und doch schafft es die Autorin mit kleinen, feinen Spitzen Zwietracht und Unruhe zu sähen. Wer hat wen beobachtet, wer gönnt dem anderen nichts …

Ihr gelingt es, die Menschen so menschlich, so unaufgesetzt wirken zu lassen, dass man sehr lange benötigt, um hinter die Fassade zu blicken. Mit ihren Mitteln kreiert sie menschliche Abgründe und hält den Spannungsbogen über den ganzen Krimi konstant hoch.


4 von 5 Häusern

Donnerstag, 26. Februar 2026

Autoreninterview Britta Röder

Hallo zusammen.
Britta Röder kennt ihr bereits aus einem Interview, das sie mir zur Riedbuchmesse gegeben hat. Nun hat sie sich erneut Zeit genommen und mir Fragen über ihr eigenes Schreiben beantwortet.

(Bild: Britta Röder (privat), Grafik: Maximilian Wust)

Du bist seit vielen Jahren in der Literaturszene unterwegs. Wie hat sich die Szene in dieser Zeit verändert?
Gleich so eine Hammer-Frage am Anfang, wow, das ist ein extrem komplexes Thema. Dazu könnte man ganz allein schon eine komplette Interview-Reihe machen.
Mein erster Roman erschien 2011, also vor 15 Jahren. Mein damaliger Verlag gab mir einen Leitfaden mit Tipps zum Thema Umgang mit Social Media mit. Für mich war das ganze Social Media Ding noch völlig neu. Also habe ich mir erst einmal einen Facebook Account eingerichtet, der Insta-Account kam er einige Jahre später hinzu, und habe versucht mich zurechtzufinden.
Was mir damals jedoch schnell klar wurde: Ohne Social Media läuft in Sachen Vermarktung gar nichts. Während der letzten 15 Jahre hat sich dieser Eindruck noch mehr verstärkt – im Guten wie leider auch im Schlechten.
Das Gute: Social Media Marketing ist etwas, das jeder selbst in die Hand nehmen kann. Egal, ob du im Selfpublishing unterwegs bist oder als Autor:in eines kleinen Indieverlags, du kannst direkt Einfluss nehmen auf deinen digitalen Auftritt, Social Networking betreiben, digitale Marketingkampagnen lancieren etc.

Mit Bookstagram hat sich in den letzten Jahren auf Insta eine stabile Community entwickelt, in der man sich einen Namen machen kann. Besonders für „kleine“ Autor:innen ist das eine reale Chance, sich eine bescheidene Reichweite aufzubauen.
Damit kommen wir direkt zur Schattenseite des Ganzen: Ein vernünftiger Social Media Auftritt kostet enorm viele Ressourcen, sprich: vor allem Zeit. Auf einmal befindet man sich als Autorin in der Situation, mehr Zeit und Kraft in das Erstellen von Posts und Reels verwenden zu sollen als ins Schreiben oder in andere Autorentätigkeiten. Ein Mega-Problem, da Zeit für die meisten von uns, die wir ständig zwischen Brotjob und Schreiben jonglieren, von jeher sowieso die knappste Ressource ist.

Ich will Autorin sein, will meine kreative Energie ins Schreiben lenken und nicht als Entertainerin auf Tik Tok oder Influencerin performen.

Wenn du dich mit einem Manuskript bei einem Verlag bewirbst, fällt durchaus ins Gewicht, wie gut du in Sachen Social Media bist. Nicht nur die Qualität deines Textes wird geprüft, auch die Anzahl deiner Follower spielt eine Rolle, und unter Umständen zählt auch, ob du als Person interessant genug bist, um social media konform vermarktet zu werden.

Das alles hat mit Literatur überhaupt nichts zu tun. Meiner Meinung nach, wird es immer schwieriger, literarische Qualität zu platzieren. Hinzu kommt, dass sich das Leseverhalten durch die exzessive Nutzung von Social Media enorm verändert, weg von langen nachhaltigen Texten, hin zu kürzeren, schnelllebigeren Formaten. Die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen lässt nach.

Eine weitere Entwicklung, die wachsenden Einfluss auf den Lese-/Büchermarkt ausübt. Der Selfpublishingmarkt hat während der letzten Jahre enorm an Bedeutung gewonnen. Das ist eigentlich etwas sehr Wunderbares, weil es natürlich gerade in diesem Bereich sehr viele innovative, großartige Autor:innen gibt, die phantastischen Lesestoff liefern. Selfpublishing ist schon lange kein Synonym mehr für billig gemachte, schnell hingeworfene Selfmade-Bücher. Auch im Selbstverlag entstehen hochwertige Bücher. Doch man muss zur Kenntnis nehmen, dass es bei dieser Zunahme an Angeboten für die Lesenden noch schwerer geworden ist, ihre Lektürewahl zu treffen. Für die Verlage und Autor:innen bedeutet das: Sichtbarkeit ist eine kostbare und sehr heiß umkämpfte Währung. Der Druck auf alle, die Bücher machen, ist enorm gestiegen. Und zugleich geht die Anzahl der potentiellen Leser:innen stetig zurück.

Eine weitere Entwicklung, nicht weniger dramatisch, bezieht sich auf die finanzielle Situation, in der sich der Literaturbetrieb in Deutschland befindet. Als vor 15 Jahren mein Debütroman erschien, bestand wenigstens theoretisch die Chance von dem einen oder anderen Kulturbüro für eine Lesung gebucht zu werden. Inzwischen werden Kulturbudgets reihenweise gestrichen, Lesungen finden kaum noch gegen adäquate Bezahlung statt. Förderprogramme erreichen nur wenige vereinzelte Akteure.

Wir erleben aktuell ein großes Verlagssterben, wobei es am häufigsten die „Kleinen“, die Unabhängigen trifft. Immer mehr geben auf. Das Jahr 2026 ist noch keine drei Monate alt und wir wissen bereits: Der Leykam Verlag stellt sein Belletristik Programm ein, der Kanon Verlag ist vom Kampa Verlag gekauft worden, der renommierte Berenberg Verlag stellt Ende März 2026 seinen Betrieb völlig ein – ein Verlag, der drei Mal mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet wurde, dessen Autorin Christine Wunnicke erst 2025 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand. Das sind jetzt nur drei bekannte Namen, es gibt noch so viel mehr und die meisten sterben ganz still.

Doch genau diese kleinen, unabhängigen Verlage bilden das Fundament der Literaturlandschaft, ohne die es nur drögen Mainstreambrei gäbe. Die „Kleinen“ sind die Basis von Unabhängigkeit und Vielfalt in der Literatur. Die Wertschätzung Kultur und Literatur gegenüber hat von staatlicher Seite enorm nachgelassen. Sie war noch nie sehr groß, die Corona-Jahre haben das leider schon gezeigt, aber das, was aktuell passiert ist, ist eine Katastrophe von enormem Ausmaß, dessen gesellschaftliche Auswirkungen noch gar nicht absehbar sind.
Wir leben in einer Zeit, in der sich eine Stadt wie Kultur- und Literatur-Leipzig fragt, ob sie sich ein Literaturhaus noch leisten will. Wohin soll das führen?

Nach mehreren Romanen hast du jetzt einen Erzählband veröffentlicht. Welche Geschichten erwarten die Leser?
Mein Erzählband heißt FLIEHKRAFT und ist im Verlag edition federleicht erschienen. Das sind sieben Erzählungen, bei denen Figuren an einem Wendepunkt stehen, an dem sie die Richtung selbst bestimmen können, wenn sie sich nur trauen. Es geht um den Mut, man selbst zu sein. Freiheit contra vermeintliche Sicherheit durch Gewohnheit. Beziehungen werden hinterfragt, auch die Beziehung zu sich selbst.

Was ist der Unterschied zwischen dem Konzepieren eines Romans und eines Erzählbandes?
Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Einen Roman muss ich konzipieren. Die Erzählungen entstehen einfach. Für meine Romane habe ich mir immer einen Plan gemacht. Ich hatte meine Grundidee, die alles trägt, auch mich, weil das Schreiben an einem langen Text Ausdauer verlangt.
Die Erzählungen sind nicht nach einem Plan entstanden. Sie standen auch anfangs nicht in einem Verhältnis zueinander. Ich habe über einen längeren Zeitraum immer mal wieder eine Erzählung geschrieben, weil ich einen passenden Einfall hatte, oder weil ich gerade zwischen zwei Buchprojekten stand, oder weil ich damit gerade eine Phase überbrücken konnte, in der ich relativ wenig kreativ war. Schreiben ist mein Normalzustand, aber nicht immer ist dieses Schreiben auf ein größeres Projekt konzentriert und dann kommen solche Geschichten dabei heraus.

Das Witzige ist, als ich eine ganze Reihe von Erzählungen zusammen hatte, so über einen Zeitraum von vielleicht zehn Jahren, und ich den Wunsch hatte, diese in einem Erzählband zusammenzubringen und einem Verlag anzubieten, da spätestens habe ich ein Konzept gebraucht.

Ein Erzählband braucht einen Titel. Ein Titel, in dem sich abbildet, was den Erzählungen gemeinsam ist. Das war der Moment, in dem ich mir die Texte aufmerksamer angeschaut habe. Um festzustellen, dass die Texte sehr wohl etwas miteinander zu tun haben. Der Buchtitel FLIEHKRAFT beschreibt das sehr gut.

Es gibt dieses Zitat: „Der Text ist klüger als sein Autor“  und in diesem Zusammenhang bewahrheitet sich das. Das eigene Schreiben gehorcht sehr oft einer übergeordneten Agenda. Mit etwas Abstand wird diese sichtbar.

Was ist dir beim Schreiben wichtig?
Ruhe. Zeit. Alleinsein. Alles andere findet sich.

Woher nimmst du die Ideen für deine Texte?
Die nehme ich nicht. Die kommen oder sind schon da. Das Schreiben öffnet ihnen die Tür.

Planst du schon deine nächste Veröffentlichung?
Na klar. Am nächsten Roman schreibe ich bereits eine Weile. Aber einen konkreten Termin habe ich noch nicht. Das einzige, was ich schon verraten möchte: Er wird politischer sein als alle vorherigen Bücher.

Bei deinen Lesungen wirst du oftmals musikalisch begleitet. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Hans-Werner Brun ist hier in Südhessen kein Unbekannter. Als Songpoet tritt er regelmäßig bei verschiedenen Anlässen auf. Wir kannten uns schon vor unserer Zusammenarbeit lose über den Kultur-Stammtisch. Das ist ein regionales Netzwerk von Kulturschaffenden, die sich ab und an im historischen Museum in Groß-Gerau zum Austausch treffen. Daher der Name „Stammtisch“.
Auf der Riedbuchmesse in Stockstadt habe ich ihn spontan angesprochen, ob er sich vorstellen könnte, mit mir zu meiner Roadstory „Zwischen den Atemzügen“ ein gemeinsames Programm zu entwickeln. Ich drückte ihm das Buch in die Hand. Drei Tage später rief er an, morgens um acht, er hatte den Roman gelesen und war total begeistert. Die Pandemie hat uns dann etwas ausgebremst. Wir mussten etwas warten bis zum ersten Arbeitstreffen, sind aber im Kontakt geblieben. Sobald es möglich war, trafen wir uns, bei offenen Fenstern und mit Sicherheitsabstand und nach nur zwei Stunden stand unser Programm zum ersten Lesekonzert. Es war ein absoluter Selbstläufer.

Inzwischen hat Hans-Werner drei meiner Bücher begleitet, zuletzt den Erzählband FLIEHKRAFT.

Wer neugierig ist, kann hier mehr über Britta erfahren:
britta-roeder.de
instagram.com/xlcoffeequeen
instagram.com/brittaroeder_autorin


Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.

Dienstag, 24. Februar 2026

Céline Pardi "Die Glücksagenten"

Perrine hat ihren Job als Buchhalterin verloren. Mit über fünfzig ist der Arbeitsmarkt nicht mehr von ihr angetan und so fristet sie ein Leben ohne Beschäftigung. Antrieblos und missgelaunt geht sie kaum noch vor die Tür und die Stimmung zwischen ihr und ihrem Mann wird immer schlechter.
Als sie sich doch noch einmal aufraffen kann und einen Spaziergang macht, findet sie einen verletzten Hund und es scheint ihre Aufgabe zu sein, diesem Hund ein neues Zuhause zu geben. Schon bei den ersten Spaziergängen mit dem Hund bemerkt sie, wie sie auch andere Menschen mit dem Anblick des Hundes glücklich machen kann und schnell findet sich die Idee, dass sie zur Glücksagentin werden will.

Auch wenn die französische Literatur oftmals nicht nach meinem Geschmack ist, hat sie ein Gespür dafür, schwere Themen in wunderschönen Geschichten zu verpacken. Wir alle kennen das Gefühl, dass wir ausgelaugt sind oder uns unverstanden oder gar nicht gesehen fühlen.
Viele alltägliche Dinge werden einfach nur abgespult und man läuft mit Scheuklappen durch das Leben. Die kleinen Dinge des Lebens findet gar keine Beachtung und werden oft nicht wahrgenommen. So ist es auch im Roman. Die ersten Glücksmissionen sind kleine Aufmerksamkeiten, ein Kompliment, ein Lächeln, nichts womit irgendjemand überlastet wäre. Und doch wir kennen es, es kommt uns im Alltag kaum über die Lippen.
Das Buch ist lebensbejahend und zeigt, dass auch in schlechten Zeiten man den Kopf über Wasser halten kann, wenn man die richtige Einstellung dazu hat. Natürlich ist dies keine Lösung für alle, doch zeigt das Buch wunderschön, wie man sich in seiner Haut wieder wohler fühlen kann, wenn man die richtige Chance ergreift.

"Die Glücksagenten" ist ein Buch, was die Seele in dunklen Zeiten wärmt und beim Lesen ein Lächeln in das Gesicht zaubert, denn Hoffnung und Zuversicht sind neben Liebe und Zuneigung die stärksten Gefühle.

5 von 5 Glücksagenten  

Montag, 23. Februar 2026

Gregor Jungheim (Hrsg) "Der Sammler glücklicher Tage"

Ein kitzelnder Windhauch, der Eindruck eines Blickes, es gibt viele Momente im Leben, die surreal wirken, obwohl wir uns in unserer Realität befinden und doch … Es gibt dieses Element, was uns aufhorchen lässt, das uns in unserem Alltag stocken lässt, weil es nicht ganz real scheint. Dieses Genre hat einen eigenen Namen "Magischer Realismus". Abseits der ausgetretenen Pfade der Genres erlebt der "Magische Realismus" in den letzten Jahren eine Renaissance.
Denn er spiegelt das vermeintlich Beste aus beiden Welten wider, wobei der Autor jeweils selbst entscheidet, wie stark das Fantasy-Element in seiner Geschichte ausgeprägt ist.

In dieser Anthologie zeigt der Herausgeber wie facettenreich das doch eng gesteckte Thema wirklich ist. Denn viele Probleme unserer Welt: Neid, Mobbing, Trauer, Macht über andere und weitere Themen werden in den einzelnen Erzählungen beleuchtet. Allen gemein ist die Tatsache, dass es leise Geschichten sind. Sie kommen ohne cineastische Elemente aus und bestechen durch ihren Tiefgang und ihren Drang, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen. Denn gerade das magische Element hat für mich eine katalytische Wirkung. Es unterstreicht den Kern des Textes und wirkt länger nach, als es bei mir andere Fantasy-Kurzgeschichten tun.
Dem Herausgeber ist zudem eine Mischung gelungen, die ebenfalls abseits der gängigen Probleme havariert und somit Einblicke in menschliche Lebenssituationen gibt, die bisher verborgen blieben.

Mit 330 Seiten hat die Anthologie einen durchschnittlichen Umfang und wie immer gilt, bei Kurzgeschichtenbänden hat man seine Lieblingstexte und eben solche, die man lediglich gut findet. Kurze und länger Erzählungen wechseln sich wie auch die Themen ab, sodass sich eine gute Mischung ergibt.

4 von 5 magischen Elementen

Freitag, 20. Februar 2026

Jorn Lier Horst "Clue 2. Jagd auf die Juwelendiebe"

Bereits zum zweiten Mal sind Celina, Une und Leo auf ein Rätsel gestoßen. Warum versucht jemand nachts in Celinas Zimmer zu kommen und viel wichtiger, warum liest jemand eine Zeitung, die über ein Jahr alt ist?
Schnell stellt sich heraus, dass vor einem Jahr ein Juwelier ausgeraubt wurde und ein ehemaliger Bewohner der Skutebucht zurückgekehrt ist.
Doch hat das alles etwas mit dem Tod von Celinas Mutter zu tun? Ein wenig lichtet sich auch hier das Dunkel.
Sicherlich kann man den zweiten Band auch ohne Kenntnis des ersten lesen. Die wichtigsten Personen und Begebenheiten werden wiederholt und so kommt man gut in die Geschichte.
Wie schon bei dem ersten Band bin ich der Meinung, dass nur Kinder mit Leseerfahrung an diesem Buch schon ihren Spaß haben werden.
Denn neben der gut durchdachten Detektivgeschichte hat der Autor dieses Mal Fragen zum Thema "Zeit" mit eingebaut. Was ist Zeit? Wie viel Zeit hat man? Oder auch die Frage, warum vergeht Zeit unterschiedlich schnell?
Weiterhin hat er den Ort der Handlung in die Nähe von Bunkeranlagen gelegt, sodass er hier ebenfalls einen geschichtlichen Exkurs machen kann.
Es ist wieder ein rundherum gelungenes Kinder-Detektivbuch geworden. Man verschlingt die Seiten und ist sowohl von der Geschichte als auch von den anderen Informationen schlicht gefesselt.
Ich freue mich schon auf den dritten Band.

4,5 von 5 Rätseln

Donnerstag, 19. Februar 2026

Christian Hardinghaus "Die Spionin der Charité"

Die Zeiten im Widerstand sind hart. Laufend werden Verletzte hereingebracht und nur in Sekunden muss entschieden werden, ob ihnen noch zu helfen ist. Doch das ist nicht die einzige Sorge von Professor Sauerbruch und seinen Mitarbeitern. Denn es gilt den Wunsch an ein freies Deutschland hochzuhalten und sich nicht unterkriegen zu lassen. Sauerbruch und einige seiner Mitarbeiter, u.a. Lily, gelten als Spione oder Gegner des derzeitigen Regimes. Als um 1944 die ersten Versuche eines Wechsels scheitern, fühlen auch sie sich immer weiter an die Wand gedrängt und der Alltag besteht aus Hoffen und Bangen.

Lily erzählt ihre Geschichte und die von Fritz Kolbe Jahre später einem amerikanischen Journalisten in einem Interview. Doch je länger er bei ihr ist, desto mehr wird ihr siebter Sinn aktiv. Irgendetwas stimmt mit diesem Mann nicht, doch was?

In zwei ineinander verschachtelten Geschichten führt uns der Autor zwei sehr verschiedene historische Ereignisse vor Augen, die er ein wenig an seine Erzählung angepasst hat. Die Rückblicke in den Zweiten Weltkrieg sind den Lesern vielleicht vertrauter als die Geschichte rund um das Interview, doch beide Texte haben ihren Reiz und auch ihre Überraschungen.
Ein Blick in die Vergangenheit, der noch nicht so oft in Büchern thematisiert wurde und daher sehr spannend zu lesen war.

Der Autor schafft es, die Menschen zu beschreiben, ohne sie per se zu verurteilen und gibt der Erzählung somit einen sehr gelungenen Rahmen.
Wer sich für diese Zeit der Weltgeschichte interessiert, dem sei das Buch sehr ans Herz gelegt.


4,5 von 5 Operationen

Dienstag, 17. Februar 2026

Keris Stainton "Was in den Träumen steht"

Eigentlich ist Beas Plan ein ganz einfacher. Jede Nacht träumt sie von ihrem Traummann und trifft ihn in einem Park. Also packt sie ihre Sachen, zieht nach London in die Nähe des Parks und schaut immer wieder vorbei, ob der Traummann nicht doch einmal in real auf der Bank sitzt. Berieselt von RomComs und Liebesgeschichten hat sie gar keine Zweifel, dass der Mann im Park der Mann für ihr Leben sein muss.
Zwischen der Arbeit in einer Buchhandlung, den Querelen eines WG-Lebens und einem plötzlichen Familiendrama versucht Bea zu erkennen, was sie wirklich will und was ihr gegebenenfalls die Literatur oder eben auch ihr Traum vorgaukeln will.

Eine fluffige Geschichte unterlegt mit Liebesfilmen aus den 90iger-Jahren und dem Wissen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Die Autorin schafft es, eine gewisse Leichtigkeit in den Text einfließen zu lassen, obwohl die angesprochenen Themen mitnichten leicht sind. Die Träume und die daraus resultierende Liebesgeschichte sind nur ein Teil des Ganzen. Es geht auch viel um Freundschaft, eigene Identität und der Frage, was muss ich tun, um ich selbst zu sein (ohne Räucherstäbchen).

Vor der Kulisse Londons ist es ein gutes Buch für alle, die Notting Hill lieben.

4 von 5 Filmklassikern

Montag, 16. Februar 2026

Kristyna Litten "Ivy und Bärlock Holmes. Fall 1: Die rätselhafte Blume"

Bärlock Holmes hat sich in Bärona den Titel des besten Detektivs erarbeitet und er ist nicht der Einzige in der Familie, der eine feine Spürnase besitzt. Seine Enkelin Ivy ist ebenso auf einem guten Weg in die Fußstapfen ihres Opas zu treten.
In ihrem ersten gemeinsamen Fall ermitteln sie, wohin eine besondere Blume verschwunden ist. Sie war kurz davor zu blühen, als jemand sie entführt hat. Verdächtigte gibt es einige, denn die Blume ist von unschätzbarem Wert. Aus ihr kann man einen besonderen Honig kreieren, welcher sich teuer verkaufen lässt. Ein spannendes Abenteuer erwartet die beiden Ermittler.

Oftmals wird Sherlock Holmes in zahlreichen Synonymen verwendet, wenn man eine Detektivreihe vorstellen will. Zu sehr ist er immer noch in den Köpfen der Leser präsent, doch selten erreichen die neuen Adaptionen den Scharfsinn ihres Vorbildes. 

Bärlock Holmes schlägt eine wunderbare Brücke. Die Figur ist zum Bär geworden, die Weisheit des großen Detektives ist noch immer vorhanden, doch seine spitze Zunge wurde für das jüngere Publikum entschärft. Er erklärt geduldig, wie z.B. Honig hergestellt wird und zeigt seiner Enkelin, wie sie am besten mit den Rätseln beginnt. Die gelungene Comicumsetzung hilft, die Geschichte auch in den Bildern nachzuverfolgen und bietet somit den Einstieg zwischen Vorlesen und eigenem Lesen.

Große Bilder und zahlreiche Rätsel bieten Spaß für Klein und Groß und wecken den Spaß, Dingen auf den Grund zu gehen.
Ein wunderschönes Buch, sowohl inhaltlich als auch optisch.
In meinen Augen ist es ab fünf Jahren geeignet.

5 von 5 Honigbienen

Freitag, 13. Februar 2026

André Groenewoud "Das wollte ich Ihnen noch sagen"

Ein Jahrhundert in Interviews.
Nicht alle Menschen sind zum Helden geboren, bei vielen ergeben sich die Umstände entsprechend.
André Groenewoud hat Menschen zum Gespräch gebeten, die man kennt oder vielleicht auch nicht.
Denn nicht jeder Mensch liebt die Öffentlichkeit und ihr entsprechendes Interesse.
So unterschiedlich die Menschen sind, so verschieden waren auch ihre Leben.
Was sie eint, ist das Wissen, dass sie bei besonderen Ereignissen der Weltgeschichte dabei waren.

Der Autor hat sich bemüht, einen Querschnitt an Interviewpartnern zu finden.
Da gibt es den letzten Überlebenden des Ersten Weltkrieges, die letzte Überlebende des Titanic-Unglücks. Er trifft eine Regisseurin, die um ihren Ruf kämpfte, und Frauen, deren Männer Diktaturen vorstanden.
Er spricht mit Kindersoldaten und Geflohenen, er unterhält sich mit Politikern und einer Sekretärin.

Was ihm damit unglaublich gut gelingt, ist, dass man wirklich viele Perspektiven der Geschichte erkennt. Gerade wenn er zwei Lebensläufe in einem Jahrzehnt gegenüberstellt, schafft er es Unterschiede, Vorurteile und Gemeinsamkeiten zu beleuchten.

Zu den jeweiligen Interviews erzählt er, in welchem Lebensabschnitt sich der Gesprächspartner gerade befindet, wodurch er oder sie sich auszeichnet und erklärt auch die Umstände des Interviews.

Das Buch ist ein Zeitdokument, weil es beweist: Jeder Mensch ist ein Sandkorn, das den Lauf der Weltgeschichte unter den richtigen Bedingungen verändern kann.

4 von 5 Gesprächen

Donnerstag, 12. Februar 2026

Autoreninterview James Goodwin

Wer meinem Account schon länger folgt, weiß, dass ich bereits die Romanfigur Mr. Tingwell bei der Veröffentlichung des ersten Bandes interviewen durfte. Nun hat sich der Autor selbst Zeit genommen und beantwortet meine Fragen.

Willkommen in der Zukunft und im Internet, Mr. Goodwin.

(Cover: digital publishers, Grafik: Maximilian Wust)

Am 20.1.26 erschien dein zweiter Band um den Ermittler Arthur Tingwell. Doch eigentlich ist dieser kein Polizist. Wie kamst du auf den Gedanken, einen Bibliothekar als Ermittler einzusetzen?
Ich wollte einen Ermittler erschaffen, der eine positive Weltsicht hat, jemand, der aus einer großen Leidenschaft Kraft gewinnt. Und die Liebe zu Büchern und der Literatur im Allgemeinen erschien mir da am Naheliegendsten. Im Lesen steckt ja auch etwas Intimes, was Arthur Tingwell ermöglicht, verborgene Dinge über seine Mitmenschen zu erfahren.
Beispielsweise über ihre Sehnsüchte oder ihre Fantasien. Außerdem bieten Bücher eine gute Gelegenheit, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

In diesem Band bindest du den historischen Postraub mit in die Handlung ein. Wie wichtig sind dir historische Ereignisse in deinen Geschichten?
Der berühmteste Zugraub in Englands Geschichte fand im Jahr 1963 statt. Ich nahm dieses Ereignis als Schablone für meinen Kriminalfall und verlegte es nach 1950. Die Hintergründe zu dem Postraub werden umfassend in dem Buch „Der große Zugraub“ von John Gosling und Dennis Craig dargestellt.
Daneben bemühe ich mich, das Zeitgeschehen in die Geschichte mit einfließen zu lassen. Es bietet mir einen Rahmen, der mir beim Schreiben auch Sicherheit verschafft.

Was war beim zweiten Band am schwersten?
Es ist mit zweiten Bänden immer so einen Sache. Einerseits will man es vermeiden, sich zu wiederholen, andererseits sollen neue Leser und Leserinnen nicht erst extra den ersten Band lesen müssen. Im Grunde muss man das Pferd von der anderen Seite aufsatteln. Mit dem dritten Band wird es dahingehend leider nicht einfacher.

Arthur Tingwell schreibt Briefe an Agatha Christie. Wenn du die Möglichkeit hättest, ihr einen Brief zu schreiben, welchen Rat würdest du dir von ihr wünschen?
Ganz einfach: Ich würde sie fragen, wie sie das Leben als Autorin und das als Mutter, Frau, Reisende und Person der Öffentlichkeit unter einem Hut bekam. Wie sie dennoch Jahr für Jahr einen Roman veröffentlichen konnte.

Möchtest du ein paar Worte zu dem Inhalt des zweiten Krimis verlieren?
In „Der Tote in der Church Lane“ geht es um einen geheimnisvollen Major, der sich ausgerechnet in der Church Lane, einer verschmähten Straße in Little Barkham, niederließ.
Das allein wäre noch kein Auslöser für einen Krimihandlung. Nein, darüber hinaus wird dieser Major mit einer Stricknadel im Hals aufgefunden. Arthur Tingwell gerät ins Visier des Inspectors und muss nun auf eigene Faust ermitteln. Und so ganz nebenbei bemerkt: Obendrein steht ein Besuch von Queen Elisabeth II an.

Welcher Charakter ließ sich am schwierigsten schreiben?
Für mich ist Arthur Tingwell, also der Held der Reihe, der schwierigste Charakter. Immer wieder. Denn ich neige dazu, Menschen als Angsthasen darzustellen. Vielleicht weil ich selbst kein Ausbund an Verwegenheit bin. Aber allzu furchtsame Charaktere sind in der Unterhaltungsliteratur selten beliebt. Leider. Denn wir mögen eher die Unerschrockenen, die Abenteuerlustigen, eben Menschen der Tat. Arthur gehört nicht zu dieser Sorte Mensch, aber er liest gern von ihnen.

Wird es einen dritten Band geben? 
Ich hoffe 😊.
Die Idee ist bereits da.

Neugierig geworden? Dann schaut hier vorbei:
digital-publishers.com/de/romane/der-tote-in-der-church-lane-historisch-cosy-crime-ebook

Mittwoch, 11. Februar 2026

Nathan Winters "Der Schatten von Avamoore"

Eigentlich könnte alles so schön sein. Elisabeth hat in William Pickett den Mann fürs Leben gefunden und will den Rest ihrer Tage mit ihm verbringen. Doch was sich im ersten Moment wie eine klassische Liebesgeschichte anhört, bekommt eine dramatische Wendung.
Denn William geht nach Schottland - genauer gesagt nach Avamoore - um zu jagen. Doch aus dem Moor kehrt er nicht zurück.

Elisabeth reist mit Williams Bruder Alexander in die unwirkliche Gegend und stößt auf Missgunst und Ablehnung. Denn William ist nicht der erste, der verschwand, aber er ist der erste, nach dem gesucht wird. Elisabeth und Alexander reden mit allen im Dorf und auch mit seiner Lordschaft, bis eine Suche im Moor Dinge zu Tage führt, die selbst die hartgesottenen Einwohner nicht kalt lässt.

Wer bereits klassische Gruselgeschichten wie Northanger Abbey, Das Bildnis des Dorian Gray oder Dr Jekyll und Mr Hyde gelesen hat, weiß, wie schwer es ist, einen guten Gruselroman zu schreiben. Die Balance zwischen Spannung und langsamen Aufbau einer Geschichte beherrschen nicht viele so gut, dass man sich nicht nach einer gewissen Zeit langweilt.

Nathan Winters kann sich mit diesen Klassikern messen. Denn nicht nur die Länge der Kapitel variiert, er begleitet auch unterschiedliche Charaktere, verwebt Vergangenes und manchmal auch Fantastisches, um den Leser wie bei einem Krimi ein ums andere Mal in die Irre zu führen.

Angesiedelt in der Viktorianischen Zeit kann er aus einer unglaublichen Fülle an Möglichkeiten schöpfen, denn selten haben Technik, Medizin und Wissenschaft einen solchen Sprung gemacht wie zu dieser Zeit. Dinge, die einst unmöglich schienen, werden hier als neue Wahrheiten präsentiert und sowohl die Dorfbewohner als auch die Leser wundern sich. 

Nathan Winters schafft es, ein dichtes Werk zu schreiben, ohne dabei den Leser durch die Fülle an Informationen zu verlieren. Und doch weiß man nach der Lektüre soviel mehr über die Zeit, auch wenn es nur ein Roman ist.

Optisch ist das Buch eine Augenweide und gibt den einen oder anderen Hinweis, wie sich die Erzählung im düsteren Schottland entwickelt und doch sieht man die Lösung lange nicht kommen. Sie wartet hinter den Spinnweben und dem Skelett auf dich ...


4,5 von 5 Schatten

Sonntag, 8. Februar 2026

Ingrid Kaltenegger "Das Glück ist ein Vogerl"

Eigentlich ist es für den Franz ein ganz normaler Tag. Er ist genervt von der Arbeit, die Straßen sind voll und er will nur noch nach Hause. Doch aus irgendeinem Grund will der Opa neben ihm sich einfach reindrängeln. Franz schließt die Lücke immer wieder, bis die Ampel rot und das Auto von dem Opa durch einen LKW touchiert wird.
Ein paar Tage später ist Franz mit seiner Frau Linn bei einem Achtbarkeitsseminar, als der Geist des Opas in Franz' großem Traum auftaucht. Zufall oder Absicht?
Fortan hat Franz immer den Egon bei sich, was zu lustigen aber auch zu unangenehmen Situationen führt.
Midlifecrisis trifft Unerledigtes. Mit einem so kurzen Statement kann man das Buch knapp zusammen-fassen und doch steckt viel mehr. Denn in der heutigen Zeit der stetigen Selbstoptimierung und den fortwährenden "Was wäre Szenarien", den Lifecoaches und Vergleichen steht immer noch im Hintergrund, was will man selbst. Denn oft ist es nicht der eigene Wunsch, der zählt, sondern eher der Gedanke, was andere meinen, was man selbst möchte.
Schier endlose Reihen an Ratgeber spielen mit dieser Unsicherheit, die auch immer wieder in dem Roman ans Licht kommt. Denn kein Leben, keine Entscheidung ist schwarz oder weiß. Vielfach dominiert ein Grau, denn man trifft selten Entscheidungen, die nur einen selbst betreffen.
Die Linn ist unglücklich, der Franz eigentlich nicht. Aber weil die Linn unglücklich ist, muss der Franz auch unglücklich sein. Und der Egon sowieso. Ein Reigen an Vorwürfen und Vorhaltungen trifft Leben, die vor sich hingeplätschert sind und die große Chance fast verpasst zu haben scheinen, wenn nicht jetzt was geschieht.
Ein Buch über zweite Chancen, den Sinn des Lebens (allerdings ohne erhobenen Zeigefinger) und die Einsicht, dass Glück nicht für jeden das gleiche ist.
Formuliert in angehauchter Salzburger Sprache findet man sich schnell in einer anderen Welt wieder, die einem trotzdem ziemlich bekannt vorkommt.

4 von 5 Vogerln

Donnerstag, 5. Februar 2026

Silke Rotmund "Epigenetik verstehen: Eine Einführung für Neugierige"

"Das liegt an meiner DNA. Ich kann nichts dafür!" - Egal, in welchem Zusammenhang dieser Satz früher fiel, man glaubte ihm. Die Gene - dagegen machte man nichts.
Doch so einfach ist es inzwischen nicht mehr. Die Forschung hat sich weiter entwickelt und siehe da, es sind nicht die Gene ... zumindest ist das nicht die ganze Wahrheit.
Silke Rotmund nimmt den Leser auf 124 Seiten mit, um die noch relativ junge Forschungsreise in die Epigenetik anzutreten.
Eine gut strukturierte Einführung hilft dem Leser sich in das Thema DNA, Gene, Proteine usw. hineinzuversetzen. Denn ohne die Grundlage versteht man im Folgenden nur Fachchinesisch.
Was sind die Gene? Was ist ihre Aufgabe? Was ist ein Protein und wofür ist es gut?
Das sind nur einige der Fragen, denen die Autorin auf den Grund geht.
Danach erklärt sie, was die Aufgabe und das Ziel der Epigenetik ist. Hier wurde es thematisch für mich ein bisschen schwieriger. Sie bemüht sich durch zahlreiche Wiederholungen und auch anhand von Beispielen, die Wirkungsweise zu erläutern, trotzdem blieb es hier für mich ein wenig abstrakt.
Die Übergänge zwischen Kurz- und Langfristigkeit, der Wechsel von Epigenetik auf DNA, vieles ist heute auch noch nicht abschließend erforscht.
Die Autorin lockert die Texte mit Abschnitten wie "Wussten Sie schon?" und "Denkanstöße für Neugierige" auf und bietet einen Ausblick auf den Tätigkeitsbereich der Epigenetik.
Mit einem abschließenden Glossar und weiterführender Literatur wird das Sachbuch gut abgerundet.
Allerdings hätte ich unter einer Einführung doch einen etwas leichter zu verstehenden Text erhofft, der auch mit mehr Schaubildern arbeitet. Man kann dem Text und den Inhalten folgen, doch ich finde es für die langfristige Erinnerung angenehmer, wenn das Buch verschiedene Präsentationen (Text, Schaubild, Grafik) nutzt.
Es ist ein spannendes Thema, dem durchaus von jedem Beachtung geschenkt werden sollte, da es auch Nutzen für den Alltag bereithält.

4 von 5 DNA-Strängen

Mittwoch, 4. Februar 2026

Pascal Mercier "Der Fluss der Zeit"

Die meisten kennen Pascal Mercier durch seinen Roman "Nachtzug nach Lissabon", doch der vorliegende Band zeigt, dass er seine philosophischen Gedanken auch in kürzeren Erzählungen aufleben lassen kann.
"Der Fluss der Zeit" umfasst fünf Kurzgeschichten. Jede für sich ist eine Perle und zeigt, wie gut der Autor Menschen und ihre Emotionen verstehen konnte. Dabei sind die Gedanken nicht verkopft oder wie man sonst Philosophie empfinden kann.
Es sind alltägliche Situationen, in denen er die Wärme, den Unmut, die Angst, die Nostalgie und die Gereiztheit nicht nur skizziert, sondern sie trotz der Kürze der Texte auch ebenfalls ergründet.

- Ein alter Mann verkauft sein Haus.

- Ein Klavierspieler bekommt eine Wohnung geschenkt.

- Ein Mann wartet auf seinen Befund.

- Ein Mann will nicht mehr leben.

- Ein Mann überdenkt sein Leben.

So unterschiedlich die Themen sind, Mercier schafft es mit jeder Geschichte etwas im Leser zu rühren. Jeder kennt diese Gefühle, auch wenn sie im eigenen Leben vielleicht in anderen Situationen aufgetreten sind.

Die Geschichten sind leise - ohne Vorwurf. Vielfach sind sie Reflexionen und zeigen das Geschehnis von beiden Seiten. Denn es ist, wie es ist, man sieht immer nur seine eigene Seite und nie komplett die des Gegenübers.
Ein Kurzgeschichtenband, der einen wie eine warme Decke umschließt und Nichtigkeiten verblassen lässt.


5 von 5 Flüssen

Samstag, 31. Januar 2026

Saskia Karges "Amatea"

Ruth hat einen Traum. Den Traum einer eigenen Stadt. Einer Stadt, die autark sein soll, auch wenn sie sich der Begrifflichkeit und der weitreichenden Folgen mit ihren gerade einmal zwölf Jahren noch nicht bewusst ist. Seitdem sie mit Bauklötzen spielt, will sie bauen. Türme, Brücken, Häuser. Architektur bedeutet ihr alles. Nur mit den Menschen hat sie es nicht so. Sie sind ihr rätselhaft und Ruth findet nur wenige Menschen, mit denen sie sich austauschen kann.
Während die Weltbevölkerung steigt, Krankheiten aussterben, baut sie weiter an ihrem Traum. Sie kommt auf eine Schule, wo ihr Talent entdeckt und sie gefördert wird. Doch mehrere Schicksalsschläge lassen sie ihr Projekt aufgeben. Zu tief sitzt der Schmerz, sodass sie ihr Leben umgestaltet und ihren Traum ausschließt. Erst an der Uni bemerkt sie, dass ihr Traum sich ohne sie weiterentwickelt hat. Plötzlich ist sie wieder mittendrin und ist sich der Ausmaße ihrer Idee noch immer nicht klaren, bis die Welt, wie sie sie kannte, zusammenbricht.
Wer schon einmal eine Dystopie gelesen hat, weiß, dass es um die großen Fragen geht. Klimawandel, Überbevölkerung, Verarmung oder Stromausfälle sind nur einige der möglichen Themen, die dieses Genre aufgreift. Saskia Karges beschränkt sich nicht auf einen Teilbereich dessen, sondern sie geht das große Ganze an. Anhand von Ruths Leben zeigt sie auf, wie sich die Lebensbedingungen innerhalb einer Generation ändern können. Wie Menschen, die einem nah scheinen, in dieser Zeit eine ganz andere Vorstellung der Zukunft entwickeln können und sich dabei auch Extremen zuwenden.
Die Geschichte von Ruth zeigt vieles. Individuelle Entwicklung, Gruppenzwang und auch die damit einhergehende Abhängigkeit. Sie zeigt, dass es durch Globalisierung und Vernetzung viel leichter ist, Dinge zu ändern, sowohl zum Positiven als auch zum Negativen.
Doch Saskia schreibt es ruhig. Die Geschichte kommt fast ohne cineastische Action aus, denn die Taten der Protagonisten sprechen für sich. Die Dystopie nähert sich in ihrer Umsetzung einem Familienroman, da im Zentrum immer Ruth und um ihr Umfeld stehen und auch die kleinen Dramen genauso wichtig sind wie die großen Veränderungen. An einigen Stellen greift die Autorin auch ein und gibt einen Ausblick auf zukünftige Geschehnisse, was für mich ein bisschen den Überraschungseffekt mindert.
Doch zeigt gerade der Schluss, dass sie bei mancher Vorhersehbarkeit ein Ass im Ärmel hat und die Geschichte anders endet, als man es lange Zeit vermutet.
Eine Dystopie, die sich nicht nur auf Krankheit und Tod stützt, sondern auch sehr auf Moral und menschliche Hingabe zielt. Die zeigt, dass Ideen gut gemeint, aber hinterhältig umgesetzt werden können. Ein Buch, welches Konsequenzen aufzeigt, die andere Dystopien ausblenden. 

4 von 5 "Traum"städten

Freitag, 30. Januar 2026

Sara Dellabella "Die Irrfahrt der St. Louis"

Es gibt Geschichten, die sind so unglaublich, dass man kaum fassen kann, dass sie wahr sind.

Es war einmal ein Schiff, das machte sich 1939 in Richtung Kuba auf, um 937 Menschen in ihre neue Heimat zu bringen. Doch die Welt hatte anderes mit der St. Louis und ihren Passagieren vor. Denn kaum waren sie dort angekommen, wurde ihnen die Einreise trotz zuvor gültiger Visa verwehrt. Ein Tauziehen zwischen der Schifffahrtsgesellschaft, dem Kapitän und mehreren großen Ländern begann, nur damit die St. Louis bis auf wenige Ausnahmen alle Menschen wieder mit nach Europa nahm.

Was im ersten Moment durch die Graphic Novel als Erzählung anmuten könnte, ist die reale Geschichte um Sol Messinger und der anderen Passagiere der St. Louis, die Kapitän Gustav Schröder gesund ins neue Land bringen wollte.
Der geschichtliche Hintergrund ist in jedem Bild spürbar. Die Wut, die Aufregung, manchmal auch der Hass, werden durch die Farbgebung und die gezackten Zeichnungen verdeutlicht. Man fühlt die Situationen und man ist auch heute noch sprachlos, wenn man sich der Umstände bewusst ist. Die Autorin Sara Dellebella und der Zeichner Alessio Lo Manto halten die Waage und zeigen, wie es sich abgespielt haben könnte, ohne dabei den Spannungsbogen zu vernachlässigen.

Abgerundet wird die Graphic Novel durch mehrere Stellungnahmen z.B. von Sol Messinger und Justin Trudeau. Weiterhin gibt das Buch Lesetipps zum Thema und Auskunft über das Schicksal der Passagiere, soweit es bekannt ist.
Ein beklemmendes Buch, was für einen ganz anderen Aspekt des Zweiten Weltkrieges Zeugnis ablegt.

4 von 5 Schiffen

Donnerstag, 29. Januar 2026

Autoreninterview Anke Küpper

Hallo zusammen.
Ein neues Jahr und ein neues Interview habe ich für euch.
Anke Küpper dürften viele von euch kennen, wenn sie sich mit deutschen Kurzgeschichten und Kriminalromanen beschäftigten. Zuletzt erschien "Ein Huhn, ein Mord" mit vielen Kurzkrimis rund um das geliebte Federvieh. 

(Bild: Anke Küpper (privat), Grafik: Maximilian Wust)

Du hast in den letzten Jahren viele Krimianthologien herausgegeben. Was macht für dich den Reiz bei Kurzgeschichten aus?
Kurzkrimis sind für mich eine gute Möglichkeit, mal andere Subgenres usw. auszuprobieren. Ich kann cosy schreiben oder aus der Perspektive einer unzuverlässigen Erzählerin, ohne dass es gleich ein ganzer Roman in dem Stil werden muss. Generell schreibe ich gern auf den Punkt.

Zuletzt erschien "Ein Huhn, ein Mord". Wie bist du auf das Thema gekommen?
Ich habe selbst Hühner. Die sind sowieso immer Thema bei mir.

Bleiben wir noch einen Moment bei den Hühnern. Wie kann man sich die Arbeit an einer Anthologie vorstellen? Wie wählt man die Autoren und Autorinnen aus?
„Ein Huhn, ein Mord“ haben wir zu dritt herausgegeben. Von daher haben wir alle drei überlegt, wen wir gern dabeihaben möchten. Die Schnittmenge war sehr groß. Und fast alle, die wir gefragt haben, haben zugesagt. Mit uns sind allein neun Mörderische Schwestern dabei. Aber auch drei nette Männer 😊

Was macht eine Kurzgeschichte aus, damit sie dein Interesse erweckt?
Ein guter Kurzkrimi startet ohne langes Vorgeplänkel. Sowieso gilt für den ganzen Text: Kein Wort zu viel! Und am Ende sollte eine überraschende Wendung bzw. Auflösung das Gelesene noch mal in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Arbeitest du bereits an einer neuen Anthologie?
Aktuell nicht. Aber das kann sich erfahrungsgemäß schnell ändern 😉

Du gibst nicht nur Anthologien heraus, du schreibst auch selbst. Kommt von dir dieses Jahr auch ein neues Buch?
Dieses Jahr erscheinen bis jetzt zwei Kurzkrimis, mehrere Pixi-Bücher und zwei Quizze von mir. An einem neuen Kriminalroman arbeite ich.

Welches Buch liest du zur Zeit?
Gerade habe ich Susanne Tägders „Das Schweigen des Wassers“ ausgelesen. Großartig!


Wer neugierig ist, kann hier mehr über Anke erfahren:
anke-kuepper.de
instagram.com/anke_kuepper

Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.

Montag, 26. Januar 2026

Jan Beinßen "Der Wintermordclub"

Ein kleines, aber feines Hotel an der Küste Frankreichs kurz vor Weihnachten.
Ein Gruppe älterer Menschen treffen sich einmal jährlich und veranstalten ein Krimidinner. Ihr Hintergrund: Sie waren früher alle bei der Polizei oder bei ähnlichen Instituten angestellt. Alles scheint wie immer, doch plötzlich gibt es eine echte Leiche und es ist einer der Senioren. Was ist passiert und vor allem: Warum?

Jan Beinßen liefert einen richtig gelungenen Kriminalfall ab. Mit jedem Kapitel ändert er die Erzählperspektive und begleitet so alle ehemaligen Ermittler durch die Geschichte. Er deutet ihre Geheimnisse und auch die Beziehungen untereinander an und erzählt in Rückblenden, wie sie sich bei ihrem großen Fall kennengelernt haben.
Alle haben etwas zu verlieren und doch wirkt kein Charakter unsympathisch. Über 350 Seiten schafft es der Autor den Leser mal mehr, mal weniger an der Nase herumzuführen, denn schuldig können sie alle sein.

Ein großartiger Krimi im Stil des Golden Age, der zeigt, mutige Entscheidungen erschaffen beeindruckende Bücher.

5 von 5 Interpolagenten  

Sonntag, 25. Januar 2026

R. R. Stein "Runed 2"

Gerade sind die Kinder Rune, Willy und Julie aus der Anderswelt zurückgekehrt, als ihre eigene Welt aus den Angeln gehoben wird. Exeter hat es ebenso wie sie durch das Portal geschafft und zeigt an Halloween, dass er trotz seiner Einschränkungen noch genügend Macht hat, um die Menschen das Fürchten zu lehren. Schnell sehen die Kinder ein, dass sie ohne Hilfe nicht viel ausrichten können und fliehen so nach Mont St. Michel. Während Exeter erstmal nach Tintagel und Stonehenge aufbricht.
Das Buch ist bereits der zweite Teil um die Anderswelt und ihre Gefahren. Allerdings wird in diesem Teil immer nur von unserer Welt erzählt und es findet in der Anderswelt keine Handlung statt.
Die eingeflochtenen Informationen aus dem ersten Band helfen oftmals den zweiten Band zu verstehen, doch es bleiben einige Dinge im Dunklen, während andere fortwährend wiederholt werden. 
Die Heldengeschichte liest sich genau so, dass im Zentrum zuerst die drei Kinder und Exeter stehen, die nach und nach um Nebenfiguren und geschichtliche Zusammenhänge ergänzt werden. 
In sich bildet das Buch ein stimmiges Bild und gerade in der zweiten Hälfte kann es durch Tempo und Handlung überzeugen.
Was mich nicht so überzeugt, ist die Altersfreigabe ab zehn Jahren. Viele inhaltliche Sprünge und auch geschichtliche sowie sprachliche Finessen lassen mich daran zweifeln, dass die Jüngsten schon verstehen, warum die Handlung sich so abspielt. Schnelle Szenenwechsel, wie sie im Film heutzutage normal sind, führen in meinen Augen dazu, dass man schnell den Faden und somit auch das Interesse verlieren könnte. Ein optisches Highlight kommen die UV-Lampe und zahlreiche Bildern daher, um dem Text die letzten Geheimnisse zu entlocken.

3,5 von 5 Rätseln