Hallo zusammen,
heute stelle ich euch eine Autorin vor, die sich der Utopie verschrieben hat.
Wie bist zum Schreiben gekommen?
Ich habe schon als kleines Kind Bücher geliebt und wahnsinnig gern gelesen. Da ergab es sich von selbst, das ich mir selber Geschichten ausgedacht und aufgeschrieben habe. In der Mittel- und Oberstufe waren das kurze Geschichten, Gedichte, manchmal komödiantische Dialoge.
Als ich im Studium dann erlebt habe, wie mein damaliger Freund einen Roman geschrieben hat, dachte ich: Wenn der das kann, dann schaffe ich das auch. Und so habe ich mit meinem ersten Fantasy-Roman parallel zu meinem Einstieg in die Arbeitswelt begonnen.
Mein Geld verdiene ich übrigens tatsächlich mit Schreiben, aber das sind dann Sachtexte:
Gebrauchsanleitungen, Handbücher, bei meinem aktuellen Arbeitgeber auch Texte für UI (Software-Texte) und Marketing.
Mein erster Roman ist 2004 unter dem Titel „Die vergessenen Götter“ bei Blanvalet erschienen. Leider mit einem wirklich kitschigen Cover und mit Null Werbung für mich als unbekannte Autorin. Also kein wirklicher Erfolg. Und da ich keine Fortsetzung schreiben wollte und mein zweiter Roman nach Jahren des Schreibens und Umschreibens ein eher seltsames Buch wurde, konnte ich an meinen ersten Verlagsvertrag nicht anknüpfen. Aber das Schreiben von Romanen hat es mir seither angetan und ich habe nicht mehr damit aufgehört.
Bist du eher Team Utopie oder Dystopie? Was sind deine Gedanken zu den beiden Genres?
Inzwischen bin ich voll Team Utopie. Die Dystopien haben viel dazu beigetragen, dass wir die Gefahren sehen können, die auf uns zukommen. Sie haben nur leider nicht dazu geführt, dass wir uns wirksam dagegen zusammenschließen und wehren. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Die vielzitierten TechBros haben sich aus den Dystopien den Teil herausgepickt, vor dem die Schreibenden warnen wollten. Als ich vor Kurzem „1984“ von Orwell gelesen habe, ist mir klar geworden, dass Musk sich seinen Grok und vor allem das Grokipedia genau da abgeschaut hat: Beim Ministerium für Wahrheit, wo man die historischen Fakten einfach so lange umschreibt, bis es keine Quelle mehr gibt, mit der man das Gegenteil beweisen könnte. Von der vielfältigen Überwachung und Kunstproduktion der
KI mal ganz abgesehen.
Ich führe einen Großteil der Passivität und Teilnahmslosigkeit der Menschen in unserer aktuellen Welt darauf zurück, dass uns Ideen fehlen, wie es besser sein könnte. Dafür könnten Utopien sorgen. Wir scheinen ganz vergessen zu haben, dass die Welt eben nicht „schon immer“ so war. Jedes der Prinzipien und Systeme, in denen wir leben, hat sich jemand überlegt und dann sind andere gefolgt. Bis es sich so etabliert hat, dass man den Kindern beigebracht hat, dass so ein Leben auszusehen hat. Dabei ist uns das Wissen verlorengegangen, dass wir uns auch etwas anderes ausdenken können. Und sogar sollten, wenn die aktuellen Ideen uns wie jetzt in die falsche Richtung führen.
Am liebsten möchte ich Utopien schreiben, die den Lesenden mit ihrer Andersartigkeit Lust machen, sich für etwas Gutes und Schönes einzusetzen. Wenn ich mir nur anschaue, wie oft die Idee, Deutschland könne einen erheblichen Anteil seines Energiebedarfs durch Solar- und Windenergie decken, als utopische Spinnerei abgetan worden ist! Und trotzdem haben Menschen daran festgehalten. Genau diese Energie brauchen wir an allen Ecken und Enden.
Und an diesem Beispiel sehen wir auch, dass die Entmutigung guter Ideen oft aus verstecktem Eigeninteresse stammt. Also mehr träumen und mehr ausprobieren, anstatt auf die Unkenrufe zu hören.
Und was fasziniert dich an der Phantastik im Allgemeinen?
Die Phantastik ist eine großartige Spielwiese für Themen aller Art. Ehrlich gesagt finde ich viele Bücher der sogenannten „guten“ Literatur langweilig. Außerdem sind die Geschichten, die darin erzählt werden, oft bedrückend und fokussieren sich auf die Probleme und die tragischen Seiten der menschlichen Existenz. Obwohl das vielleicht nur ein Vorurteil ist: Ich lese nur „gute Bücher“, wenn ich dazu gezwungen werde.
Phantastische Geschichten können die erzählte Welt genau so anpassen, das darin eine Geschichte erzählt werden kann, die ein spezielles Thema besonders gut herausstellt. Schau dir Becky Chambers an, die in ihrem „Langen Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ so viele unterschiedliche Biologien, Kulturen und Lebensarten auffächert, die alle gelernt haben, gut miteinander auszukommen oder den „Planet der Habenichtse“, wo Ursula K. Le Guin erlebbar durchspielt, wie sich eine Gesellschaft ohne Hierarchie für eine Person anfühlt, die darin aufwächst. Und auch, wie sonderbar aus dieser Perspektive eine auf Hierarchie, Besitz und Konsum aufgebaute Gesellschaft wie unsere wirken muss.
Außerdem liebe ich es, dass ich in der Phantastik Abenteuer erleben kann, seltsame Wesen kennenlernen, neue Gedanken denken, das Unbekannte erforschen, das Bekannte neu werten. Es liegt eine fröhliche Freiheit darin, sich einfach was ausdenken zu können.
Das hat bestimmt auch was mit unserem Geschichtenerzähler-Erbe zu tun: In Kulturen, die Schrift nicht zur Wissensvermittlung verwenden, dienen Stories dazu, oft sehr spezifisches Wissen zu speichern. Dazu müssen die Geschichten spannend sein, grotesk, übertrieben, besonders, denn dann merkt man sie sich besser. Schon die Sagas der alten Wikinger waren mehr Fantasygeschichten als Tatsachenberichte, wie ja auch die homerischen Stoffe und die Epen um König Artur.
Woher nimmst du die Ideen für deine Texte?
Aus Themen, die mich beschäftigen. In der letzten Zeit sind das Probleme, denen wir als Menschheit gegenüber stehen, allen voran die Klimakrise. Aber auch Fragen wie: Was ist unser Wesen? Wie können wir ein besseres Leben schaffen? Wie verhindern wir, dass die Falschen an die Macht kommen (oder wie kriegen wir sie da weg, falls sie schon da sind)? Da arbeitet dann meine Fantasie, um Auswege und Lösungen zu finden und daraus entsteht dann eine Geschichte. Ich bin sehr breit interessiert und darum gibt es immer wieder Einsprengsel, in denen sich Informationen und Ideen wiederfinden, die aus Büchern kommen, die ich gelesen habe, oder auch nur von Schnipseln aus Social Media.
Warum beschäftigst du dich mit Anthropologie?
Ich bin in den 80er-Jahren aufgewachsen, einer Zeit, in der (in der westlichen Welt) der Egoismus des Menschen als Selbstverständlichkeit galt. Damit wollte ich mich nicht abfinden. Seither bin ich auf der Suche nach Informationen über „die Natur des Menschen“, falls es so etwas gibt. Zuerst habe ich viel über andere Tiere gelesen, da ging es oft um die evolutionäre Entwicklung von Empathie und Kooperation. Schließlich bin ich über irgendeine Fußnote (bei Sachbüchern, die ich gut finde, schaue ich gern zum Schluss noch das Literaturverzeichnis durch, da gibt es die besten Tipps zum Weiterlesen!) bei dem ersten spannenden Buch über ein anthropologisches Thema gelandet.
Inzwischen tröstet mich das Wissen, dass unser aktuelles Menschenbild auf einer Reihe von Missverständnissen und Verzerrungen beruht. Das hilft so erstmal nicht viel, weil es dennoch unsere Gesellschaft prägt, wenn uns immer wieder erzählt wird, dass wir egoistisch und im Kern gewalttätig sind und uns nicht zu trauen ist. Aber ich weiß inzwischen aus vielen Quellen, dass wir uns nur so weit ausbreiten konnten, weil wir Superspezialisten in Kooperation, Empathie und Anpassungsfähigkeit sind. Menschen haben in vielen, sehr unterschiedlichen Umständen gelebt und das zeigt doch auch, dass wir ungute Systeme auch verändern oder verlassen und uns was Besseres aufbauen könnten. Es entsetzt mich immer zu sehen, wie viele Menschen denken, es wäre „schon immer so gewesen“ wie in der Zeit, in der sie aufgewachsen sind. Das tötet jede Fantasie für die Auswege, die wir dringend brauchen.
Welche Texte liegen zur Zeit neben deinem Bett?
Ich fahre nächste Woche nach Halle, um mir die berühmte Schamanin von Bad Dürrenberg dort anzusehen, darum habe ich das Buch von Meller und Michel über sie angefangen. Mit meinem Bookclub lesen wir „Bitches, Witches und It-Girls“. Eine Freundin und ich haben uns verabredet, den „Neuromancer“ zu lesen, den habe ich aber noch nicht angefangen. Dann bin ich etwa in der Hälfte von „In Praise of Floods“ von James C. Scott, der ein sehr origineller und fächerübergreifender Denker war. Leider ist er letztes Jahr gestorben und dies ist sein letztes Buch. Auf den Kopfhörern habe ich jetzt (leider schon) den fünften Band von Terry Pratchetts Reihe über Tiffany Aching.
An welcher Geschichte arbeitest du aktuell?
Der Arbeitstitel ist „Asche steht für Anfang“ und das Thema hat mich aus einem Social- Media-Post angefallen. Das war eine Grafik, in der dargestellt war, dass 52 Prozent aller bebauten Fläche nur dazu dienen, die Tiere zu mästen, deren Fleisch wir essen. Da ich schon länger vorhabe, mal eine lupenreine Solarpunk-Geschichte zu schreiben (in der die Welt vorher nicht komplett vor die Hunde geht), habe ich dann darüber nachgedacht, was man mit all der Fläche anderes anstellen könnte. Und jetzt bin ich dabei, dazu eine möglichst spannende und unterhaltsame Near-Future Science Fiction-Geschichte zu schreiben.
Wer neugierig ist, kann hier mehr über Anette Schaumlöffel erfahren:
instagram.com/anetteschaumloeffel
anetteschaumloeffel.de
Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.
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