Montag, 21. März 2022

#AutoralsAlienkenner: Sven Haupt




Hallo zusammen. Zur Veröffentlichung der neuen Anthologie "Alien Contagium" habe ich mir in Zusammenarbeit mit dem Eridanus-Verlag eine Sonderausgabe von #AutoralsLeser ausgedacht. Sieben Tage lang, stellen sich sieben Autoren den drei Fragen zu #AutoralsAlienkenner. Jeden Tag gibt es einen Beitrag mit einem Autor der Anthologie.

Heute mit dabei: Sven Haupt

Welches Klischee zum Erstkontakt kannst du nicht mehr lesen?
Erstkontakt-Geschichten gehören heutzutage zu den anspruchsvollsten Setups der Science-Fiction, da jeder Leser über einen gewaltigen Fundus an Motiven verfügt, welchen er sich aus unzähligen Filmen, Serien und Büchern zusammengesammelt hat. Ich lese seit 35 Jahren Science-Fiction und fürchte mich deswegen regelrecht vor ein paar dieser Setups, welche schon lange tot im Graben liegen und besser nicht mehr verwendet werden sollten. Dazu gehören Aliens, die planen die Menschheit zu vernichten, um die Rohstoffe der Erde zu plündern, und/oder die Menschheit versklaven, essen oder als Haustier halten wollen.
Nicht viel besser sind Aliens, welche gottgleich und weise sind, aber an unserer Gier und Dummheit scheitern.

Welche bekannte Erstkontakt-Geschichte kannst du wieder und wieder lesen?
Ich vermute jetzt einfach, dass diese Frage sich auch auf Werke jenseits der Anthologie beziehen soll. Mein Favorit ist „Blindsight“, ein Science-Fiction Roman des kanadischen Autors Peter Watts aus dem Jahre 2006. Der Roman beschreibt den ersten Kontakt der Menschheit zu einer außerirdischen Intelligenz und hier lässt der Autor alle anderen Werke in diesem Genre meilenweit hinter sich. Watts hat es als einziger Autor geschafft in seinem Werk die Kontaktaufnahme der Menschheit zu einer außerirdischen Intelligenz auf eine Weise zu beschreiben, die mich vollkommen überzeugt hat. Die Begegnung ist fremdartig, vollständig unverständlich und zutiefst verstörend.

Was macht deine Erstkontakt-Geschichte aus?
Ich verstehe die Frage leider nicht. Ich beantworte stattdessen die Frage wie die Geschichte entstanden ist, weil das (glaube ich) in eine ähnliche Richtung zielt:

Oft bin ich (gerade für Anthologien) mit Themen beschäftigt, zu denen mir absolut nichts einfällt. In einem solchen Fall ist es nicht schlecht eine Strategie zu haben. Wenn ich nicht weiß, was ich machen soll, frage ich mich gerne, wie es wäre, wenn ich das exakte Gegenteil von dem mache, was von mir verlangt wird. Was also, wenn ich nicht über einen ersten Kontakt schreibe, sondern über einen letzten? Macht erstmal keinen Sinn. Wann sollte das passieren? Nun, am Ende allen Seins. Wer würde einen letzten Kontakt zum ersten Mal aufnehmen, wenn sowieso alles zu einem Ende kommt? Nun, vielleicht jemand, der das Ende nicht akzeptieren will. Aber was würde man retten wollen, wenn alles endet? Nun, wahrscheinlich das Wichtigste. Was ist den bitte das Wichtigste? Nun, was wäre denn für die Menschheit das Allerwichtigste, und wo wir gerade dabei sind, was wäre das Gegenteil davon? Das führte mich zu der Frage, wie jemand, der mich überhaupt nicht versteht und mich niemals treffen wird, herausfinden soll, was für mich das Wichtigste ist. Der Rest ergab sich dann von selbst. 

Morgen gibt es schon das letzte Interview dieser Reihe.

Samstag, 19. März 2022

#AutoralsAlienkenner: Detlef Klewer


Hallo zusammen. Zur Veröffentlichung der neuen Anthologie "Alien Contagium" habe ich mir in Zusammenarbeit mit dem Eridanus-Verlag eine Sonderausgabe von #AutoralsLeser ausgedacht. Sieben Tage lang, stellen sich sieben Autoren den drei Fragen zu #AutoralsAlienkenner. Jeden Tag gibt es einen Beitrag mit einem Autor der Anthologie.

Heute mit dabei: Detlef Klewer

Welches Klischee zum Erstkontakt kannst du nicht mehr lesen?
Ist jetzt nicht unbedingt ein Klischee, aber ich reagiere allergisch auf den Satz: "... nach Hause telefonieren."

Welche bekannte Erstkontakt-Geschichte kannst du wieder und wieder lesen?
Eine meiner all-time-favourites ist immer noch Alan Dean Fosters "Alien" - nach dem Drehbuch von Dan O' Bannon. Daher landet natürlich auch die Verfilmung von Ridley Scott immer mal wieder im Player.


Was macht deine Erstkontakt-Geschichte aus?
Nun, ich habe versucht dem Ganzen eine satirische Note abzugewinnen. Denn wahrscheinlich sind Außerirdische - wenn sie denn existieren - weder die Guten (die in einer beleuchteten Christbaumkugel als Heilsbringer erscheinen), noch die Bösen (die uns mit Todesstrahlen verdampfen wollen), sondern ganz normale Wesen mit den gleichen Fehlern wie wir Menschen ...

Morgen stellt ein weiterer Autor seine Antworten zum Erstkontakt vor.

Freitag, 18. März 2022

#AutoralsAlienkenner: Michael G. Spitzer



Hallo zusammen. Zur Veröffentlichung der neuen Anthologie "Alien Contagium" habe ich mir in Zusammenarbeit mit dem Eridanus-Verlag eine Sonderausgabe von #AutoralsLeser ausgedacht. Sieben Tage lang, stellen sich sieben Autoren den drei Fragen zu #AutoralsAlienkenner. Jeden Tag gibt es einen Beitrag mit einem Autor der Anthologie.

Heute mit dabei: Michael G. Spitzer

Welches Klischee zum Erstkontakt kannst du nicht mehr lesen?
Einen genervten Augenverdreher kann man bei mir sehen, wenn die ersten Worte des "Ankömmlings" lauten: Wir kommen in Frieden!
Da klappen bei mir die Zehnägel hoch *lach*

Welche bekannte Erstkontakt-Geschichte kannst du wieder und wieder lesen?
Du meinst, außer meiner? *lach*
Ich muss gestehen, dass ich neben Dystopien bisher nur SciFi-Bücher gelesen habe, die schon mitten in der Handlung sind und der Erstkontakt längst stattgefunden hat oder gar keine "Aliens" vorkommen. Daher hat es mich auch gereizt, eine solche Geschichte zu schreiben. Meine Erfahrungen bezüglich Erstkontakten resultieren ausschließlich aus Filmen und Serien.

Was macht deine Erstkontakt-Geschichte aus?
Dass das Ergebnis zunächst eindeutig erscheint, jedoch immer wieder kippt. Der Leser begleitet ausschließlich eine einzige Person in ihrem Handeln. Und diese ist sich darin alles andere als sicher.

Morgen stellt ein weiterer Autor seine Antworten zum Erstkontakt vor.

Donnerstag, 17. März 2022

#AutoralsAlienkenner: Sebastian Schaefer

Hallo zusammen. Zur Veröffentlichung der neuen Anthologie "Alien Contagium" habe ich mir in Zusammenarbeit mit dem Eridanus-Verlag eine Sonderausgabe von #AutoralsLeser ausgedacht. Sieben Tage lang, stellen sich sieben Autoren den drei Fragen zu #AutoralsAlienkenner. Jeden Tag gibt es einen Beitrag mit einem Autor der Anthologie.

Heute mit dabei: Sebastian Schaefer

Welches Klischee zum Erstkontakt kannst du nicht mehr lesen?
Eigentlich gibt es für mich kein unlesbares „Klischee“ als solches, kein tatsächliches Ausschluss-Motiv, auch wenn natürlich auch bei mir manches mehr Interesse als anderes weckt. Ich glaube, es geht mir eher um die jeweilige Ausführung, die Art und Weise der Darstellung, die Charaktere, die individuellen Konstellationen und, nicht zu vergessen, sondern sehr wichtig, den Schreibstil. Wir haben natürlich auch gerade bei dem Thema Erstkontakt Wiederholungen. Dies liegt allerdings schon ein wenig in der Natur der Sache und vielleicht insbesondere in zwei Dingen begründet.

Zum einen haben wir da die Begegnung mit Unbekanntem. Fremdes trifft auf Fremdes. Daraus ergeben sich für beide Seiten doch immer auch ähnliche Fragen: „Gefällt mir, was ich sehe? Verstehe ich es? Ist es gefährlich? Was will es? Interessiert mich das überhaupt?“ oder vielleicht auch einfach schlicht und ergreifend: „Kann man das essen?“

Zum anderen entdeckt man bei den Distanzen in den sprichwörtlichen unendlichen Weiten des Weltalls zumeist auch nicht so ganz leicht außerirdisches Leben, wenn es nicht gerade in Form kleiner grüner Männchen in der erreichbareren Nachbarschaft auf dem Mars beheimatet ist oder vielleicht seit Urzeiten verborgen im Inneren der Erde auf seinen großen Auftritt wartet.

Das führt in klassischen Geschichten häufig dazu, dass eine der beiden Parteien (oder auch eine dritte Partei, auf deren Werk und Wissen zurückgegriffen wird) weit fortgeschritten und zumindest technisch immens überlegen ist. Man trifft den jeweils anderen einfach sehr selten ohne Wurmloch, Warpantrieb oder Metaraumer.

Grundsätzlich ist das alles nicht schädlich und kein wirklicher Hinderungsgrund für eine gute Geschichte, wie ich finde, sondern birgt hingegen doch auch Vorteile. Wenn der Schreibende es als Herausforderung gesehen, angenommen und tatsächlich gemeistert hat, kann er so den geneigten Leser mit Unerwartetem und überraschendem Lesevergnügen belohnen.

Welche bekannte Erstkontakt-Geschichte kannst du wieder und wieder lesen?
Hier muss man sich ganz generell schon etwas Zeit nehmen, weil der Begriff „Erstkontakt-Geschichte“ im Sinne der Begegnung mit Außerirdischen eigentlich mehr “Material“ umfasst, als man zunächst annehmen mag. H. P. Lovecrafts Erzählungen der Horrorliteratur um den sogenannten Cthulhu-Mythos handeln nicht etwa von Teufeln und Dämonen, sondern von uralten, außerirdischen Wesen. Der unbezwingbare Namensgeber der Superman-Comics stammt vom Planeten Krypton und beim Erstkontakt als Säugling seinen Zieheltern aus dem Himmel in den Schoß und selbst Der kleine Prinz, dem der Erzähler im Werk von  Antoine de Saint-Exupéry nach seinem Flugzeugabsturz in der Wüste begegnet, ist letzten Endes ein Außerirdischer, der von einem kleinen Asteroiden stammt, der kaum größer als ein Haus ist. Sie sind also überall.

Meine persönliche Wahl fällt jedoch auf das Buch "Die dreibeinigen Monster", den Sammelband, der die drei Romane "Dreibeinige Monster auf Erdkurs", "Das Geheimnis der dreibeinigen Monster" und "Der Untergang der dreibeinigen Monster" von John Christopher vereint. (Eigentlich findet der richtige Erstkontakt zur Menschheit in dem später von Christopher geschriebenen Prequel "Die Ankunft der dreibeinigen Monster" statt, aber mir reichen die ursprünglichen Teile für die Entscheidung vollkommen aus.) Als Kind habe ich schon die zwei Staffeln umfassende BBC-Serie geliebt und gemeinsam mit dem Kauf des Sammelbandes, der das aus Kostengründen und wegen mangelnder Quote unverfilmte dritte Buch umfasst, hat mich die Geschichte begeistert und wahrscheinlich auch geprägt. Ich möchte trotz der Bekanntheit nicht spoilern, aber der Erstkontakt der Protagonisten findet streng genommen sogar zweimal statt. Äußeres und Inneres…

Ich gebe eine klare Leseempfehlung auch für Erwachsene ab.

Was macht deine Erstkontakt-Geschichte aus?
Auch hier versuche ich wieder, nicht zu viel zu verraten. Ich habe in meiner Geschichte „Von dieser Welt“ versucht, ein für das Thema „Erstkontakt“ nicht zu “gewöhnliches“ Setting auszuwählen und bei der eigentlichen Handlung auch keinen ausgetretenen, geraden Pfad zu beschreiten. Wäre der Titel der Anthologie nicht „Alien Contagium“ könnte man beim Lesen anfänglich erst einmal etwas ganz anderes vermuten, eine andere Geschichte, als diejenige, die einen wirklich erwartet. Wie auch sonst lege ich wie auch in meinen Romanen weiter großen Wert auf meinen eigenen Stil mit besonderem Augenmerk auf Wortwahl und Sprache, auf bildhafte Beschreibungen und besondere Charaktere. Aber was soll ich noch groß reden: Einfach selber lesen und sich ein Bild machen.

Morgen stellt ein weiterer Autor seine Antworten zum Erstkontakt vor.

Mittwoch, 16. März 2022

#AutoralsAlienkenner: Manuel Otto Bendrin


Hallo zusammen. Zur Veröffentlichung der neuen Anthologie "Alien Contagium" habe ich mir in Zusammenarbeit mit dem Eridanus-Verlag eine Sonderausgabe von #AutoralsLeser ausgedacht. Sieben Tage lang, stellen sich sieben Autoren den drei Fragen zu #AutoralsAlienkenner. Jeden Tag gibt es einen Beitrag mit einem Autor der Anthologie.

Heute mit dabei: Manuel Otto Bendrin
 
Welches Klischee zum Erstkontakt kannst du nicht mehr lesen?
Alle Aliens sprechen Englisch.
 
Welche bekannte Erstkontakt-Geschichte kannst du wieder und wieder lesen?
Ich muss hier gestehen, dass ich kein SciFi-Leser bin, mit nur wenigen Ausnahmen. SciFi ist für mich untrennbar mit Filmen verbunden. Von daher ist die Liste von "Erstkontakt-Geschichten" echt überschaubar und keine davon würde ich als "bekannt" einstufen. Aber eine Geschichte, die mich sehr beeindruckt hat, wegen ihres unorthodoxen Umgangs mit dem Thema, ist "Die Fremden" von Gordon R. Dickson.

Was macht deine Erstkontakt-Geschichte aus?
Ich denke, meine Geschichte macht aus, dass sie sich nicht ganz ernst nimmt. Es gibt einiges Vertrautes, einiges, was die Vorstellungskraft herausfordert. Aber ich bin mir sicher, dass die meisten Leser über die Alltäglichkeit der Probleme schmunzeln können.

Morgen stellt ein weiterer Autor seine Antworten zum Erstkontakt vor.

Dienstag, 15. März 2022

#AutoralsAlienkenner: Nele Sickel


 
 
Hallo zusammen. Zur Veröffentlichung der neuen Anthologie "Alien Contagium" habe ich mir in Zusammenarbeit mit dem Eridanus-Verlag eine Sonderausgabe von #AutoralsLeser ausgedacht. Sieben Tage lang, stellen sich sieben Autoren den drei Fragen zu #AutoralsAlienkenner. Jeden Tag gibt es einen Beitrag mit einem Autor der Anthologie.

Den Anfang macht: Nele Sickel

Welches Klischee zum Erstkontakt kannst du nicht mehr lesen?
Geschichten, in denen Aliens die Menschheit ohne Vorwarnung angreifen und vernichten wollen, bloß um die Rohstoffe der Erde in Besitz zu nehmen, habe ich sowas von über. Erstens: Rohstoffe gibt es auch auf unbewohnten Himmelskörpern. Das wäre für alle einfacher. Zweitens: In solchen Geschichten treten die Aliens meist nur als austauschbare Monster auf, die es zu töten gilt. Da gibt es kaum echten Kontakt.

Welche bekannte Erstkontakt-Geschichte kannst du wieder und wieder lesen?
Ich liebe John Scalzis „Agent der Sterne“. Ist das bekannt genug? Die Idee, dass Aliens PR-Services in Anspruch nehmen, um einen gelungenen Erstkontakt mit den Menschen zu bewerkstelligen, finde ich jedenfalls großartig. Ansonsten bin ich der Meinung, dass unabhängig davon, was man von Orson Scott Card menschlich halten mag, die verschiedenen Erstkontakte in seiner „Ender‘s Game“-Reihe wahnsinnig interessant gestaltet sind.

Was macht deine Erstkontakt-Geschichte aus?
Meine Geschichte „Werdendes Leben“ spielt mit der Wahrnehmung der Perspektivträgerin und wirft die Frage auf, was Menschen ausmacht und ob wir auch etwas Neues werden könnten.

Morgen stellt ein weiterer Autor seine Antworten zum Erstkontakt vor.

Montag, 14. März 2022

Christoph Grimm "Alien Contagium"

Man nehme ein Thema. Ein ganz beliebiges. Man bitte Autoren darum, hierzu eine Geschichte zu schreiben. Erstaunlicherweise kommt es trotz des vorgegebenen Themas dazu, dass die Autoren völlig unterschiedliche Texte einreichen. Nicht nur inhaltlich wird das Thema verschieden interpretiert, sondern auch die jeweiligen Umstände werden in der Anthologie auf eine Bandbreite aufgefächert, die erstaunlich ist.
Denn:
Wer sagt zum Beispiel, dass uns der Erstkontakt erst noch bevorsteht?
Wer sagt denn, dass wir die gebildetere Spezies sind?
Wer sagt, dass wir erkennen, dass uns nicht ein Mensch gegenüber steht?
Wie schon in den vorigen Anthologien, da wiederhole ich mich gerne, sind die 23 Geschichten individuell. Keine Geschichte greift das inhaltliche Thema einer anderen auf, alle haben ihre Sprache. Einige sind philosophisch angehaucht, einige sind ernst, einige sind witzig und einige lassen den Leser die eine oder andere Träne vergießen (vor Rührung oder Trauer müsst ihr schon selbst herausfinden).
So oft das Thema in Filmen, allerdings in meinen Augen weniger in Büchern, schon vorkam, so schafft es Christoph Grimm mit dieser Anthologie wieder jeden Leser abzuholen. Denn in der Anthologie ist, da lehne ich mich aus dem Fenster, für jeden Leser eine Geschichte dabei, die ihn oder sie berührt. Selbst für Leser, die wie ich nicht allzu viel Science Fiction lesen, finden sich Geschichten, bei denen es mehr um das "Zwischenmenschliche", wenn man das in Zusammenhang mit Alien so sagen darf, als um die Technik dahinter geht.
Die Geschichten bilden zusammen einen Spannungsbogen, wie eine gut zusammengestellte CD, die den Hörer bzw in diesem Falle Leser durch alle Gefühle steuert, um zum Schluss mit einem Paukenschlag abzuschließen.

4,5 von 5 Erstkontakten

Petra Johann "Der Buchhändler"

Auch wenn der Umzug für Erik Lange eher überstürzt daher kommt, die Buchhandlung in dem kleinen bayerischen Dorf ist ein Traum. Vieles kann er von dem Vorbesitzer übernehmen und doch gelingt es ihm mit ein paar kleinen Veränderungen dem Laden seine individuelle Note einzuhauchen. Die Wohnung über dem Laden kann er auch direkt mieten. Wenn der Grund für seinen Umzug nicht so traurig wäre, könnte er sich hier noch wohler fühlen.
Viele Dorfbewohner besuchen seinen Buchladen und kaufen auch bei ihm. Die Volleyballtruppe nimmt ihn in ihre Reihen auf und der anschließende wöchentliche Ratskellerbesuch darf auch nicht fehlen. Eingeladen zu Geburtstagsfeiern fühlt er sich von der Gemeinschaft aufgenommen, bis...
Bis ein kleines Mädchen verschwindet. Ist sie weggelaufen? Was ist mit ihr passiert? Menschen, die sich jahrelang kennen, können sich auf einmal nicht mehr in die Augen schauen, denn ist der Zweifel erst einmal gesät...
Das Thema, welches die Autorin mit dem Verschwinden eines kleinen Mädchens aufgreift, ist in vieler Hinsicht ein sehr sensibles. Was Eltern in diesen Situationen durchmachen müssen, wie die Polizei versucht mit Feingefühl nicht von Anfang an den Teufel an die Wand zu malen. Wie eine Gemeinschaft von Freunden binnen Stunden zerbrechen kann, all das beschreibt die Autorin mit soviel Feingefühl, dass man als Leser in der Lage ist, die Schwere dieser Thematik auszuhalten.
Jede Figur erfüllt ihren Zweck, jede noch so kleine Nebenhandlung schließt sich in das komplette Bild ein. Nichts ist zufällig. Viele Schicksale prallen aufeinander und wie so oft, ist nichts so, wie es am Anfang scheint. 
Wem wird Unrecht getan? Was ist Unrecht? Allein darüber nachzudenken könnte man weitere Bücher füllen, denn darf man einen Menschen dafür verurteilen, was er ist oder muss man ihn nach seinem Handeln beurteilen?

4 von 5 Geständnissen

Mittwoch, 9. März 2022

Sophie Cleverly "Violet und Bones"

Eigentlich ist Violet Victoria Veil ein ganz normales junges Mädchen. Aber auch nur eigentlich. Denn ihr Vater ist Bestatter und Violet lebt mit ihrer Familie direkt neben dem Seven Gates Friedhof. Somit ist Violet an den Tod in jeglicher Form gewohnt, zumal sie auch ab und zu das Gefühl hat, dass die Geister des Friedhofs zu ihr flüstern.
Doch ist es eine ganz andere Erfahrung, wenn plötzlich ein vermeintlich Totgeglaubter aus der Leichenhalle stolpert. Doch der junge Mann, Oliver, kann sich nicht erinnern, wie er in die Leichenhalle kam und dass er bereits der fünfte ungewöhnliche Tote sein soll, scheint ihm schier unglaublich.
Doch die Ereignisse überschlagen sich und als die Polizei die falsche Fährte einschlägt, ist es an Violet die wahren Ereignisse auf und um den Friedhof zu ergründen, denn es steht viel auf dem Spiel.
Im viktorianischen England eine junge Ermittlerin einzuführen, erfordert schon eine gewisse Portion Courage. Aber gerade das ist es auch, womit dieser Jugendkrimi immer wieder spielt. Konventionen auf der einen Seite, auf der anderen Seite die schiere Wand der Fassungslosigkeit und Bürokratismus. Nein, ein Mädchen darf nicht im Geschäft helfen, nein, ein Mädchen macht sich nicht die Finger schmutzig und nein, Geister hören, gibt es nicht. Eines der häufigsten Wörter das Violet begegnet ist "Nein" und dies in jeglicher Fasson. Dabei ist sie es, die ruhig bleibt, wenn es hektisch wird, die nicht zur Hysterie neigt, wenn es aussichtslos scheint. 
Der Handlungsspielort und auch der Beruf des Vaters spielen eine zentrale Bedeutung für das Buch und man setzt sich dadurch viel mit dem Thema "Tod" auseinander. Das Buch ist dabei aber nicht nur melancholisch. Es hat auch seine lustigen Seiten. Der Hund Bones, der ebenso wie sein Frauchen, zu einem übersinnlichen Gespür neigt, der junge Oliver, der sich erst nach und nach in seine Rolle einfindet. Jede Figur sitzt am richtigen Platz und obwohl das Buch sich an ein jüngeres Publikum richtet, hat mir die Lektüre sehr gut gefallen.

4,5 von 5 Mausoleen 

Sonntag, 6. März 2022

Dirk Husemann "Die Beute - Auf der Flucht mit der Mona Lisa"

Pierre Delort will diese Aufgabe nicht. Nicht nachdem was in Madrid geschehen ist und doch holen ihn die Ereignisse ein, als er mit seinem Vorgesetzten im Jahr 1939 den Louvre betritt. Es geht um nichts Geringeres, als den Louvre zu evakuieren. Die Gemälde, die Skulpturen, die Teppiche, alles soll an einen oder mehrere sichere Orte in Frankreich gebracht werden, um die Kunst zu schützen. Sie soll nicht während des bevorstehenden Krieges beschädigt. geraubt und damit auch verschleppt werden. 
Alle Planungen und alle Vorbereitungen kommen allerdings zum Erliegen, als der Krieg schneller ausbricht, als alle Beteiligten es befürchtet hatten. Alle Ideen, Besprechungen und versprochenen Hilfen fallen fast ersatzlos weg, weil ein anderes Ziel in den Mittelpunkt des Interesses rückt: die Landesgrenzen zu schützen. So kommt es, wie es kommen muss, mit kleiner Besetzung und geringstmöglichen Equipment wird der Louvre leergeräumt und dies ist nur der Anfang der Geschichte.
Während die Welt im Chaos versinkt, ist es an einer kleinen Gruppe von Menschen, die Kultur und das Rückgrat des nationalen Verständnisses zu sichern. Dabei stellt sich gerade die Hauptfigur fortwährend die Frage, was ist wichtiger; Menschenleben zu retten oder die Kultur des Landes zu schützen. Denn was ist eine Nation ohne ihre Kultur? Darf man das überhaupt denken? Darf man irgendwas über eines anderen Menschen Leben stellen? Wie darf man entscheiden? Wen darf man ins Vertrauen ziehen?
Das Buch ist dabei allerdings nicht so philosophisch angehaucht, wie es im ersten Moment erscheinen mag, doch spielen alle diese Fragen nahezu fortwährend eine Rolle, da sie immer wieder die Aktionen des Hauptcharakters Pierre Delort beeinflussen.
Neben seiner Geschichte wird auch die Geschichte von Raoul erzählt. Ein junger Mann, vertrieben mit seinen Eltern aus dem besetzten Madrid. Ein Mann in seiner Findungsphase. Ein Mann, bei dem der Wunsch nach eigenem Glück, oftmals das Glück von anderen überschattet.
Ein Buch, so nah an der Realität, dass man manche Seiten nur schweren Herzens lesen kann.
Ein Buch, was eine ganze andere Seite des Krieges beleuchtet.
Ein Buch, welches auf Grund seiner vielen Facetten zeigt, wie das Leben während des Krieges war.
Ein Buch, welches den Leser auf viele Arten berührt.
So sollte ein Buch sein.

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