Samstag, 8. Juli 2023

Philip Kerr "Game Over"

"Der Grill" wie ihn Neider nennen, soll das neue Gebäude in Los Angeles werden. Vollgestopft mit technischen Spielereien soll es die anderen Gebäude in den Schatten stellen und zugleich die Macht des Yu Konzerns demonstrieren. Nur Tage vor der Übernahme durch den Inhaber gehen die Architekten und Konstrukteure durch das Gebäude und was sie vorfinden, hat nichts mit der Wirklichkeit der Erbauer zu tun. Denn die geplante KI ist viel tiefer im Gebäude integriert, als es zu diesem Zeitpunkt der Fall sein sollte. Ob es das fehlende Feng Shui ist? Oder kommt doch die Gewalt von außen? Vieles ist unsicher, doch eins ist klar: Es gibt den ersten Toten.
1995 erschien bereits dieser Roman, der einem oftmals das Blut in den Adern gefrieren lässt. Intelligente Menschen bauen ein intelligentes Gebäude, doch sie hatten nicht einmal eine Ahnung von dem, was sie erschaffen würden.
Mit menschlichem Versagen und Ängsten bedient sich das Buch eines eher gemäßigten Einstiegs, nur um sich Seite für Seite aufzubäumen und den Leser neugierig und zugleich ungläubig durch die Seiten fliegen zu lassen. Hätte man das Buch zu seiner Zeit gelesen, hätte man vielfach noch mehr mit dem Kopf geschüttelt, als ich es jetzt schon getan habe, denn vieles mag damals weithergeholt gewirkt haben und doch ist manches davon heute Realität. Der stete Wechsel zwischen Roman, Krimi und Science Fiction hält den Leser neben den vielen anderen kleinen Problemen beim Lesen auf Trab und gönnt dem Verstand keine Pause. Doch wird es gerade zum Ende ein bißchen zu viel und das Buch verliert zum Ende hin ein wenig von seiner Strahlkraft.
Das Buch weist den Leser ein ums andere Mal daraufhin, wie sehr wir uns heute auf Technik verlassen und dass es auch gerade heute wichtig ist, sein Gehirn zu gebrauchen und nicht blindlinks zu vertrauen, wenn der Computer uns etwas sagt.

4,5 von 5 Programmzeilen

Donnerstag, 6. Juli 2023

#AutoralsDetektiv: Norbert Schäfer


Hallo zusammen.
Zur Veröffentlichung meiner ersten Anthologie "En Passant - Die Reisen des Sherlock Holmes" habe ich mir in Zusammenarbeit mit Christoph Grimm und dem Burgenwelt-Verlag eine Sonderausgabe von #AutoralsLeser ausgedacht. Einmal in der Woche folgen nach der Veröffentlichungswoche die weiteren Interviews.

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Welche Sherlock Holmes Geschichte von Arthur Conan Doyle hat dich in die Welt des Detektivs geführt und was hat dir an ihr gefallen?
Ich kann mich nicht an meine erste Sherlock Holmes-Geschichte erinnern, habe allerdings die komplette Sammlung der Fälle des Detektivs mehrmals gelesen. Am besten gefallen mir die Fälle, die sich vornehmlich auf die analytischen Fähigkeiten des Protagonisten stützen und auf Mord und Totschlag sowie Dramatik um hochrangige Persönlichkeiten verzichten. Exemplarisch würde ich den Fall „Das gelbe Gesicht“ nennen, mit überraschendem Ende und der meines Wissens einzigen Fehleinschätzung des berühmten Detektivs.  

Sherlock Holmes hat im Laufe der Jahre viele Veränderungen in den Pastiches durchgemacht. Welchen Holmes magst du am liebsten?
Tatsächlich bin ich ein großer Fan der BBC-Krimireihe „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle. Ein in meinen Augen sehr gelungener Transfer des Sherlock Holmes-Kanons in die Gegenwart unter Beibehaltung der Charaktereigenschaften der Protagonisten und Anlehnung an die bekannten Fälle von Arthus Conan Doyle. Im Gegensatz zur viktorianischen Behäbigkeit extrem temporeich, dabei durchgehend spannend und immer mit subtilem Witz.

Hand aufs Herz: Was zeichnet deine Holmes Geschichte in der Anthologie aus?
(Ich erspare mir mal den Hinweis darauf, dass ich es eigentlich nicht gewohnt bin, mich positiv über meine Geschichten zu äußern. Das dürfen gerne andere machen oder auch lassen. Hilft aber vermutlich bei der Frage nicht weiter.)
Nicht zuletzt aus Respekt vor dem Werk von Arthus Conan Doyle bemühe ich mich, „meine“ Sherlock Holmes-Fälle sehr eng an den Stil des großen Autors zu halten. Das Eintauchen in die Atmosphäre des viktorianischen Englands, die frühzeitige Einführung der scharfen Beobachtungsgabe und Analyse des Meisterdetektivs gepaart mit einem kniffligen Fall, dessen Auflösung die eine oder andere Überraschung bereithält aber nie den Pfad der Logik verlässt. Und idealerweise auf Mord und Totschlag verzichtet. Ich glaube, dass mir das mit der vorliegenden Geschichte „Der weiße König“ ganz gut gelungen ist, überlasse die Verifikation aber gerne den Lesern.   

Nächste Woche stellt ein weiterer Autor seine Antworten zu Sherlock Holmes vor.

Freitag, 30. Juni 2023

Ulla Coulin-Riegger "Es wird so unbemerkt zu spät"

Eine oder vielmehr "die" neue Krankheit zu erforschen, das sieht Dr. Rafael Lenz als seine Aufgabe an. Neben all der Theorie begibt er sich selbst Tag für Tag in die Gruppensitzungen und versucht mit seinen drei Fragen die Menschen zu heilen. Wenn alle anderen schlafen, schlägt er sich nach der Sitzungen noch die Nächte um die Ohren, um mit Artikeln und Interviews die Presse, die Rentenkasse und auch die Arbeitgeberverbände vor dem drohenden Arbeitnehmerschwund zu warnen. Doch so richtig ernst nehmen sie ihn nicht. Vielmehr befürchten sie, dass die Aufmerksamkeit das Problem eher verstärkt, als das es gelöst wird. Doch wer am Ende Recht behalten wird, bleibt lange Zeit fraglich.

Ulla Coulin-Riegger studierte Psychologie und arbeitet seit 1996 als Verhaltenstherapeutin. Warum ich das erwähne? Weil man beim Lesen immer wieder merkt, dass die Geschichte sehr nah am Alltag und den damit verbundenen Problemen geschrieben ist. Nicht, dass ich den Alltag einer Therapeutin kenne, aber in der heutigen Zeit sind auch in der Arbeitswelt psychische Krankheiten und deren jeweilige Auswirkungen zwangsläufig ein Thema.

Ungeschönt, dabei aber nicht brutal, zeigt die Autorin, was Probleme mit Menschen machen und auch, wie der Therapeut durch die Sitzungen beeinflusst wird. Helfen oder helfen lassen, aufstehen oder liegen bleiben, viele Probleme, die anfangs klein erscheinen, bekommen gerade durch ihre Fortdauer eine enorme Macht über den Geist und es ist bedrückend, wie man als Leser manche Verhaltensmuster vorhersehen kann. 

Dabei ist das Buch nicht pessimistisch, es ist sehr rational geschrieben. Schildert Probleme, zeigt Auswege, die mal genommen, mal umgangen werden und weisen somit auch dem Leser auf, dass man immer eine Wahl hat. Man muss sich nur entsprechend entscheiden.

Mit gut 200 Seiten hat das Buch genau die Länge, um sich dem Thema mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zu widmen, ohne sich dabei zu sehr zu wiederholen.

Ein Buch, dass die Augen öffnet und den Leser anschließend bewusster durch den Alltag gehen lässt.

4,5 von 5 Therapiesitzungen

Zeitschrift des Monats "Veilchen"

Zumeist sind es Bücher, die einem als Leser ins Auge springen, dabei gibt es wahrlich viele andere Möglichkeiten an Texte, Berichte und Geschichten zu kommen. Dieses Jahr nehme ich euch einmal im Monat in die Welt der Zeitschriften mit. Die Zeitschriften umfassen die verschiedenen Genres wie Krimis, Fantasy, Science-Fiction oder bilden ein buntes Crossover. Von Printausgaben über Downloads, von kostenlosen Exemplaren bis hin zum Hochglanzmagazin ist so manches dabei, was das Leserherz höher schlagen lassen kann. So genug der Einleitung, schauen wir uns die sechste Zeitschrift an:


Name: Veilchen
Turnus: alle drei Monate
Preis: E-Book/Magazin 3,50 Euro (Abopreis)
Bezugsadresse: geschichten-manufaktur.de
Seitenumfang: bis zu 40 Seiten

Bei dem Veilchen handelt es sich um eine kleine, dafür feine Literaturzeitschrift. Sie besticht durch diverse Kürzest- oder Kurzgeschichten aus den verschiedensten Genres. Zumeist lassen sich hier auch neue Autor:innen entdecken, da die Herausgeberin auf Geschichten nicht auf Namen setzt. 
Bei den Texten handelt es sich oftmals um leise Geschichten, die sich erst nach und nach bei Kopf des Lesers entfalten und somit ihre Kraft und Stärke ausdrücken. Gegenwartsliteratur, Glossen und Satiren sind in dieser Zeitschrift oftmals zu finden.
Untermalt werden die Geschichten durch Gedichte, Rezensionen und durch einen Wettbewerbskalender, in dem kommende Ausschreibungen mit ihren Vorgaben aufgelistet werden.

Hier geht es zur Webseite: geschichten-manufaktur.de

Die nächste Ausgabe erscheint voraussichtlich im Juli 2023.

Donnerstag, 29. Juni 2023

#AutoralsDetektiv: Anke Elsner


Hallo zusammen.
Zur Veröffentlichung meiner ersten Anthologie "En Passant - Die Reisen des Sherlock Holmes" habe ich mir in Zusammenarbeit mit Christoph Grimm und dem Burgenwelt-Verlag eine Sonderausgabe von #AutoralsLeser ausgedacht. Einmal in der Woche folgen nach der Veröffentlichungswoche die weiteren Interviews.

Weiter geht's mit: Anke Elsner

Welche Sherlock Holmes Geschichte von Arthur Conan Doyle hat dich in die Welt des Detektivs geführt und was hat dir an ihr gefallen?
Keine Ahnung, ist zu lange her; ich mag am liebsten „Der Hund von Baskerville“ und „Das gefleckte Band“. Die beiden Geschichten sind so schön hinterhältig.

Sherlock Holmes hat im Laufe der Jahre viele Veränderungen in den Pastiches durchgemacht. Welchen Holmes magst du am liebsten?
Kann ich nicht sagen, ich kenne nur die Fernsehfassung mit Benedict Cumberbatch, und da finde ich die ersten Folgen total genial in ihrer Verknüpfung von Jetztzeit und Holmes-Geschichte.

Hand aufs Herz: Was zeichnet deine Holmes Geschichte in der Anthologie aus?
Der Plot ist spannend, der Stil entspricht dem Conan Doyles und die beiden Protagonisten zeichnen sich durch genau die Eigenarten aus, die man auch in den originalen Holmes-Geschichten findet. Also für Holmes-Liebhaber eine fesselnde Lektüre - hat man mir gesagt ;-)

Nächste Woche stellt ein weiterer Autor seine Antworten zu Sherlock Holmes vor.

Mittwoch, 28. Juni 2023

Diana Wynne Jones "Aya und die Hexe"

Aya geht es im Waisenhaus St.-Morwald eigentlich sehr gut, alles hört auf ihr Kommando und daher kann sie gar nicht verstehen, was es für einen Vorteil bringen sollte, wenn sie jemand mit nach Hause nähme. Einzig der Gedanke, dass eine mächtige Hexe sich ihrer annehmen würde, das könnte Ayas kleines Herz durchaus etwas schneller schlagen lassen. Auch wenn sie dafür ihren besten Freund Pudding verlassen müsste.
Doch nichts ist so einfach wie es scheint und die Hexe Bella Yaga hat durchaus ihre eigenen Pläne mit Aya, das diese so gar nichts mit Ayas Vorstellungen zu tun haben, darüber kommt es über kurz oder lang zu Reibereien.
Mit knapp 110 Seiten ist dies eine kleines Buch für zwischendurch, was einen immer wieder schmunzeln lässt. Zwar ist die Idee eines kleinen, aufmüpfigen Mädchens nicht neu (man denke an Pippi Langstrumpf oder ähnliche Figuren), aber das Zusammenspiel zwischen Aya, Bella Yaga, Mandrakus und Thomas sind äußerst unterhaltsam.
Besonders gelungen ist die Interaktion zwischen den Worten und den Illustrationen. Mal als kleines Detailbild, mal als ganzseitige Bibliothek versprühen die Darstellungen ihren eigenen Charme und untermalen zugleich die jeweilige Stimmung des Kapitels. Eine perfektes Zusammenspiel und ein Augenschmaus für den Leser.

4 von 5 Hexen

Sonntag, 25. Juni 2023

Verity Bright "Ein allzu englischer Mord"

Eigentlich hat es Eleanor als Frau in den 1920-er Jahren ganz gut getroffen. Sie reist um die Welt, auf der Suche nach neuen Reiserouten für den zunehmend erstarken Tourismus.
Doch als ihr Onkel stirbt, muss sie nach England zurückkehren und sowohl den Titel als auch das Herrenhaus übernehmen, denn sie ist die letzte ihrer Familie. Empfangen wird sie von nunmehr ihrem eigenwilligen Personal, mit dem ihr Onkel zuvor ein doch eher freundschaftliches Verhältnis zu haben schien. Gerade deswegen scheint das versnobte Verhalten des Butlers umso aufdringlicher und sie entflieht in einer regnerischen Nacht dem häuslichen Druck und beobachtet nicht weit entfernt einen Mord. Als sie kurze Zeit später am Ort des Geschehens auftaucht, gibt es allerdings keine Leiche sondern nur eine Blutlache. Was tun? 
Die Polizei ist schnell außen vor, ohne Leiche kein Verbrechen und Lady Eleanor sieht sich gezwungen den Fall selbst in die Hand zu nehmen.
Wieder einmal eine neue Cosy crime Serie, die um die Leserschaft buhlt. Wieder einmal sind die 1920-er Jahre der Handlungszeitpunkt. Ist diese neue Serie, denn es stehen die nächsten Bände schon zur Veröffentlichung bereit, eine Serie, die man lesen sollte?
Die Werbung verspricht das Lesevergnügen einer Agatha Christie und das Buch kann dem Vergleich durchaus stand halten. Zwar merkt man dem Buch an, dass es das erste der Reihe ist, viele Sachverhalte werden zu oft wiederholt und einige Dinge zu plakativ unterstrichen, doch die Serie punktet dafür an mehreren anderen Stellen. Gut gefiel mir vor allem das Verhältnis zwischen ihr und der Dienerschaft, man muss sich aneinander gewöhnen und doch ist es gerade diese Zeit, in der alte Muster aufbrechen und man an einem anderen Umgang miteinander arbeitet.
Die Beziehung zwischen Eleanor und ihrem Butler erinnert ein wenig an Jeeves und Wooster, der Butler wirkt oftmals ein wenig naseweis, da er die Menschen und Umstände besser kennt, als seine neue Herrin, es hat gerne einmal etwas Herablassendes, was aber durch ihre Reaktion schon fast charmant wirkt. 
Der Mordfall ansich ist überschaubar, was aber die Krimis dieser Zeit ausmacht. Es sind nicht die großen Rätsel und nicht achtzig Verschlingungen sind notwendig um zur Festnahme zu gelangen.
Ein kurzweiliger Zeitvertreib, der zu einer Wiederholung ermutigt.

4 von 5 Landpartien

Donnerstag, 22. Juni 2023

#AutoralsDetektiv: Richard Fliegenbauer


Hallo zusammen.
Zur Veröffentlichung meiner ersten Anthologie "En Passant - Die Reisen des Sherlock Holmes" habe ich mir in Zusammenarbeit mit Christoph Grimm und dem Burgenwelt-Verlag eine Sonderausgabe von #AutoralsLeser ausgedacht. Einmal in der Woche folgen nach der Veröffentlichungswoche die weiteren Interviews.

Weiter geht's mit: Richard Fliegenbauer

Welche Sherlock Holmes Geschichte von Arthur Conan Doyle hat dich in die Welt des Detektivs geführt und was hat dir an ihr gefallen?
Ich gebe zu, ich weiß es nicht mehr. Aber Sherlock Holmes war schon von Kindesaugen an mein Held unter allen Detektiven. Weil er mit Köpfchen arbeitete und kein so kleines Detail übersah. Das imponierte mir als Knirps unendlich und ich versuchte, bei einigen Geschichten selbst auf den Kniff zu kommen, mit dem der Täter überführt werden könnte. Heute ist mein Liebling „Das Geheimnis von Boscombe Valley“, weil es so spannend in der Auflösung ist.

Sherlock Holmes hat im Laufe der Jahre viele Veränderungen in den Pastiches durchgemacht. Welchen Holmes magst du am liebsten?
Hier kommt meine Liebe zu Indien zum Vorschein, da kann es nur um die „Missing Years“ gehen, also die Zeit, die Holmes im Exil war. „Das Mandala des Sherlock Holmes“ ist einfach eine wunderbare Verknüpfung der westlichen und fernöstlichen Welt.

Hand aufs Herz: Was zeichnet deine Holmes Geschichte in der Anthologie aus?
Es ist immer schwer, die eigene Geschichte zu bewerten und einzuordnen. Mein Fokus lag bei „Gin“ auf zwei Punkten: Zum einen das Eintauchen in das London um die Zeit von 1900. Zum anderen ging es mir darum, die akribische Arbeit und die logischen Zusammenhänge von Holmes herauszustellen. Ohne Gen-Analyse und Rasterelektronenmikroskop, nur durch die cleveren grauen Zellen des Detektives wird der Fall gelöst, den die Polizei schon längst abgelegt hatte.

Nächste Woche stellt eine weitere Autorin ihre Antworten zu Sherlock Holmes vor.

Mittwoch, 21. Juni 2023

Manuel Otto Bendrin "Legende eines Helden"

Elben, Zwerge, Menschen ... Auf den anfänglichen Seiten des Erstlings von Manuel Otto Bendrin könnte man meinen, man hätte sich in eine Fortsetzung von Tolkien oder einem anderen Fantasy-Autor verirrt.
Doch schnell wird klar, dass er mit seinen Protagonisten Seìko und Īsarnaro führt er direkt zwei Charaktere ein, die zeigen, dass bei weitem um mehr geht als die schlichte Geschichte von Elben, Zwergen, Menschen und Magiern geht, die mal wieder in den Krieg ziehen.
Nicht missverstehen, es geht um Krieg, es geht um Herrschaft, es geht um Macht - die großen Dinge, die in der Fantasy eine Rolle spielen, doch es geht um mehr.
Sprachlich differenziert und den jeweiligen Gruppierungen ihre eigene Sprache gebend, baut Manuel in seinem Worldbuilding eine Welt, in der es alles andere als gerecht zugeht. Völker werden verdammt, menschliche Bande zerstört und über all dem schwebt das Unheil, das schon vor Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten in die Welt gekommen ist.
Auf knapp 400 Seiten erführt der Autor und in eine Welt, in der es mächtige Frauen, wankelmütige Helden und böse Wesen gibt und es ist eine wahre Freude, dieses Fantasy-Epos zu lesen, denn auf diesen Twist kommt man nicht allzu schnell. Ein toller Erstling, der nachhallt und es der folgenden Fantasyliteratur schwer macht, mich zu überraschen.

4,5 von 5 Welten 

Montag, 19. Juni 2023

Anja Baumheier "Die Buchverliebten"

Sich in Büchern verlieren zu können, ist eine Kunst, die Gesa nach einem schweren Schicksalsschlag verloren hat. Noch vor Jahren war die Literatur alles für sie, nur um danach ins Dunkel der Vergessenheit gestoßen zu werden und in einer Phobie zu enden.
Bei Ole ist das Gegenteil der Fall. Gerade der Schicksalsschlag und die sich daraus ergebende Arbeitslosigkeit zwingt ihn, sich mit der Welt der Bücher eingehender zu beschäftigen und die kleine Buchhandlung in Lübeck unter seiner Wohnung zu übernehmen.
Zwei Menschen, deren Leben unterschiedlicher nicht sein könnte, treffen aufeinander, als es darum geht, Gesas Arbeitsplatz zu sichern. Ole, charmant und belesen, und Gesa, die zurückgezogen ihr Leben in einer Blase lebt, sind beide über ihre Lebensmitte hinaus, als sie sich das erste Mal sehen. Beide haben sich mit ihrem Leben und den entsprechenden Umständen arrangiert, als ihr Treffen ihre Leben in den Grundmauern erschüttert. Denn ihre Begegnung ist noch die harmloseste Begebenheit in ihrer beider Zukunft.

Was für ein Buch!
Bücher über Buchläden hat es in der letzten Zeit vermehrt gegeben, daher war ich zu Anfang ein wenig skeptisch, doch spätestens ab Seite 20 entwickelt das Buch eine solche Sogwirkung, dass man als Leser einfach immer weiter lesen muss. Beide Hauptcharaktere sind eigenwillig und auf solch liebevoll Art gezeichnet, dass man ihre Gefühlswelt mit jeder Faser nachfühlen kann. Dabei schafft es die Autorin den Plot so mit dem modernen Zeitgeist von Buchbloggern, Instagram und Co zu verweben und gleichzeitig, das Lokalkolorit von Lübeck vor dem geistigen Auge auferstehen zu lassen. Das Buch hat dabei die richtige Mischung aus Humor, Drama und Charme, dass man beim Lesen viele Taschentücher braucht: für die Tränen, aber auch für die Freudentränen. Ein Buch, bei dem man bedauert, dass es zu Ende ist, aber gleichzeitig mit einem wohligen Gefühl in den Alltag entlassen wird.
Braucht ihr noch mehr Lesemotivation? Das Buch ist gespickt mit Zitaten aus anderen Büchern und passend zum Buchladen werden immer wieder andere Bücher erwähnt ... 

5 von 5 Buchläden