Montag, 14. September 2026

Anna Moretti "Effi liest"

Effi gilt als schwierig. Allerdings heißt das in den 1840er Jahren in Deutschland nicht viel. Anstelle im Mädchenpension zu lernen, wie man sich als zukünftige Ehefrau zu verhalten hat, ist sie immer in der Nähe, wenn es Unruhe gibt. So ist das Maß voll, als sie am Fluss ein "gefährliches" Buch findet und bestreitet, etwas damit zu tun zu haben.
Kurzerhand fliegt sie aus dem Pensionat und so ist es an ihrem Vater und ihrer Tante, sie für die Gesellschaft zu formen. Was allerdings kein leichtes Unterfangen ist. Schon auf der Zugfahrt nach Hause unterhält sie sich mit einem jungen Arzt darüber, ob Männer und Frauen sich das gleiche Wissen aneignen dürfen, denn das besagte "gefährliche" Buch lässt Effi nicht mehr los.

Man mag es kaum glauben, dass die Grundlage dieser Geschichte erst gute einhundertsiebzig Jahre her ist. Wie die Autorin im Nachwort erläutert sind mehrere Personen (z.B. Sigmund Freud) historisch und die Grundidee ist nahe dem, wie Frauen zu dieser Zeit gesehen wurden. Sie sollten lediglich Ehefrauen sein und alleinstehende Frauen, wie die erste Bibliothekarin, wurden argwöhnisch beäugt. Hysterie war das Wort und der vermeintliche Gemütszustand der Frau zu dieser Zeit. Dazu das Hin und Her, die Missverständnisse durch die aufstrebende Medizin, all das schlägt sich in diesem Roman nieder.

Der Roman lässt sich trotz des zuweilen schwierigen Hintergrunds flüssig lesen und man fiebert sowohl mit Effi als auch mit dem jungen Arzt Max mit. Dessen Briefe an seinen Bruder zeigen wunderschön seine Gedanken und später auch seine aufkommenden Zweifel. 

Lediglich die Figur des Vaters bleibt ein wenig blass, doch seine Aufgeschlossenheit zur Bildung seiner Tochter macht ihn sehr sympathisch.

In meinen Augen ist es ein gutes Werk, um sich mit dem Thema Bildung, Medizin und Frauen in der Gesellschaft zu beschäftigen.

5 von 5 Büchern

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