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Mittwoch, 29. April 2026

Sven Haupt "Ein Übermaß von Welt"

Bücher von Sven Haupt zu besprechen, ist wahrlich nicht so leicht, wie man es vermuten möchte.
Eigentlich fällt einem schon beim Lesen des Textes etwas ein, was man unbedingt in der Rezension verarbeiten möchte, doch bei Sven Haupt ist das anders. Es gibt so viel zu entdecken, dass für jeden Leser etwas anderes wichtig und ausdrucksstark sein kann. Eine Wahl zu treffen, was dabei heraussticht, ist fast unmöglich. 

"Ein Übermaß von Welt" ist mit 172 Seiten ein schlankeres Werk des Deutschen Science Preis Trägers und doch umfasst so viele Themen wie seine anderen Romane.

Vornehmlich reist Thea mit Gale durch den sogenannten "Schacht". Es gilt Thea aus der Tiefe an die Oberfläche zu bringen, was sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne gemeint ist. Auf ihrer Reise muss sie Gefahren überstehen und Aufgaben meistern, während Gale ihr zur Seite steht. Schnell gewinnt man den Eindruck, dass Gale Thea ein Mentor ist, der mehr über den Schacht und seine Geschichte weiß, als er es Thea anvertraut. Sie muss sich selbst den Ereignissen stellen und jedes Mal entscheiden, was ihr individueller Wunsch ist, ohne sich von Gale abhängig zu machen.

Es wäre kein Roman von Sven Haupt, wenn Philosophie und im erweiterten Sinne auch Religion vernachlässigt würden. Warum sind wir Menschen, wie wir sind und warum handeln wir so? Gerade bei diesem Buch fand ich auch die psychologische Komponente stärker ausgeprägt und so ist die Reise natürlich nicht nur eine physische sondern auch eine psychische.

Alle Gedanken sind wohl platziert, wirken auch nicht überladen und doch hat man Tränen in den Augen, wenn man den Text nachhallen lässt. Sven Haupts Bücher kann man, bei aller Hektik, die wir im Alltag haben, nicht schnell lesen. Die Ideen und Gedanken brauchen Zeit, um sich zu setzen, zu wirken und ihre vollständige Kraft zu entfalten.

5 von 5 Schächten

Donnerstag, 12. März 2026

Beate Maly "Gold aus der Wiener Werkstätte"

Wien, 1906:
Während ein aufsehenerregender Prozess um ein Bordell die Schlagzeilen dominiert, wird einem Hotel eine Leiche gefunden. Auch sie hat früher in besagtem Bordell gearbeitet, doch nun ist sie mit edlem Schmuck bedeckt. Da bei dem Prozess auch die Polizei involviert ist, soll Max von Krause erst einmal Stillschweigen bewahren. Doch dies gestaltet sich schwierig, da der Schmuck aus den Wiener Werkstätten stammt und somit viel zu viele Menschen über den Schmuck und die dazugehörige Leiche Bescheid wissen. Ein Blick hinter die Fassade zeigt: Jeder hat mindestens ein Geheimnis, das für andere zur Gefahr werden könnte.

Dies ist bereits der zweite Band um Max von Krause und Lili Feigl. Ich habe zuvor den ersten Band nicht gelesen, kann aber sagen, dass man diesen nicht zwingend kennen muss, um der Handlung zu folgen. Die Autorin verwebt in ihrem Krimi Realität und Fiktion so gekonnt, dass man nur so durch die Seiten fliegt und wissen will, wie es weitergeht. Die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, ihre Vorurteile und Seilschaften bilden die Grundlage für einen spannenden Plot, er den Leser immer wieder in die Irre führt. Denn man fragt sich, wer hat was von den diversen Sticheleien und wer hat zum Schluss die Nase vorne? Denn nicht nur unter Gaunern gibt es Streitigkeiten auch bei der Polizei und im Privaten ist nicht alles rosarot. Durch die vielen "Angriffspunkte" schafft sie es viel Spannung und Neugier auf die Schauplätze zu legen. Mit ihren Protagonisten hat sie zwei Sympathieträger, die die Schlechtigkeit der anderen Figuren ausgleichen.
Das angedeutete Wienerisch zieht sich mal mehr, mal weniger durch den Text und lässt so ein harmonisches Bild im Kopf entstehen.

Die Auflösung kam mir persönlich am Ende ein bisschen zu abrupt, das mindert aber nicht die Begeisterung für den Text.
Sie verarbeitet arm und reich, Mann und Frau, gut und böse so gut, dass ich den ersten Band demnächst nachholen und ihre andere Reihe unbedingt fortsetzen möchte.

4,5 von 5 Schmuckstücken

Dienstag, 3. März 2026

Nicholas Meyer "Sherlock Holmes und das Phantom der Oper"

Man nehme Sherlock Holmes und das Phantom der Oper. Was soll bei den Protagonisten schon schief gehen?
Spoiler: Einiges.
Doch beginnen wir am Anfang.
Sherlock Holmes hat die Reichenbachfälle überlebt und reist durch Europa, um seinen Tod noch eine Eile zu vertuschen.
Um nicht immer wieder seinen Bruder um Geld zu bitten, nimmt er eine Anstellung als Geiger in der Pariser Oper an und trifft somit auch auf die Geschichte rund um das dort lebende Phantom.
Warum es wie handelt, lässt sich nach kurzer Zeit erahnen und Holmes versucht so wenige Menschen wie möglich zu schaden kommen zu lassen. Doch die Ohren der neuen Direktoren sind taub für seine Warnungen. Als schließlich das Unheil angerichtet ist, ist es Holmes, der sich verteidigen muss, denn seine Kombinationsgabe wird gegen ihn verwendet.
Wer die Pastiches von Nicholas Meyer kennt, weiß, dass er sie als "direkte Texte" von Watson ausgibt und er selbst lediglich editorische Notizen hinzufügt. Die Idee und auch die Umsetzung ist auch bei dem dritten Band sehr gelungen und durch den Schreibstil, in dem Holmes Watson direkt anspricht, wird man in das Geschehen gezogen.

Was mir in diesem Band nur überhaupt nicht gefallen hat, war die Figur Sherlock Holmes. Auch wenn er in Paris vermeintlich in Urlaub ist, kann man seine stümperhaften Ermittlungen und seine Begriffsstutzigkeit in vielen Szenen einfach nicht nachvollziehen. Vergleicht man die Ermittlung sowohl mit den beiden vorigen von Meyer als auch mit dem Kanon, hat man mehrfach das Gefühl, der großartige Detektiv stolpert blind und mit einer Hand auf den Rücken gebunden durch den Fall. Zu viele Hinweise, die Meyer auch explizierter beschreibt als Doyle, lässt Holmes liegen, um hinterher erstaunt auf des Rätsels Lösung zu blicken.

Weiterhin bedient der Text viele der Touristenattraktionen, Eifelturm, die Oper und deren unterirdirsche Gänge. Ein Streifzug durch die Stadt, bei dem sich Holmes auch noch direkt verläuft.

Wer Meyer in seiner Höchstform lesen will, sollte zu "Sherlock Holmes und die Theatermorde" oder auch noch "Kein Koks für Sherlock Holmes" greifen, dieser Band wird weder Holmes noch Meyer gerecht.

3 von 5 Opern 

Freitag, 27. Februar 2026

Agatha Christie "Das krumme Haus"

Ein verschachteltes Haus mit Aufgängen, Ecken, Winkeln und Treppen.
Unübersichtlich und immer mal wieder angebaut, wie auch die Familie, die in diesem Anwesen lebt. Als der Vater stirbt, wirken alle aufgescheucht und ruhig zugleich, denn es kann ja nur die neue Frau gewesen sein. Wer sonst hätte ein Interesse daran, den gutmütigen Mann der Familie zu entreißen? Oder ist dies alles nur ein trügerisches Bild und in Wirklichkeit ist wieder nichts so wie es scheint?

Agatha Christie hat unzählige Kriminalgeschichten geschrieben. Neben ihren "Hauptermittlern" Miss Marple und Monsieur Poirot gibt es auch einzelne Fälle, wie diesen, in denen keiner der bekannten Ermittler vorkommt und sie eine komplett neue Szenerie mit gänzlich neuem Personal auffährt. Wer die Autorin und ihre Techniken kennt, weiß, dass für sie die Fälle im Vordergrund standen und sie die Ermittler entsprechend angepasst hat.
So ist es auch ihr zu verdanken, dass alte, klassische Vorgehensweise in Kriminalgeschichten nach und nach verwässert und der Leser auch wieder überrascht werden kann. 

Ein gediegenes Setting. Ein Familie. Reich. Eigentlich scheint alles gut und doch schafft es die Autorin mit kleinen, feinen Spitzen Zwietracht und Unruhe zu sähen. Wer hat wen beobachtet, wer gönnt dem anderen nichts …

Ihr gelingt es, die Menschen so menschlich, so unaufgesetzt wirken zu lassen, dass man sehr lange benötigt, um hinter die Fassade zu blicken. Mit ihren Mitteln kreiert sie menschliche Abgründe und hält den Spannungsbogen über den ganzen Krimi konstant hoch.


4 von 5 Häusern

Mittwoch, 11. Februar 2026

Nathan Winters "Der Schatten von Avamoore"

Eigentlich könnte alles so schön sein. Elisabeth hat in William Pickett den Mann fürs Leben gefunden und will den Rest ihrer Tage mit ihm verbringen. Doch was sich im ersten Moment wie eine klassische Liebesgeschichte anhört, bekommt eine dramatische Wendung.
Denn William geht nach Schottland - genauer gesagt nach Avamoore - um zu jagen. Doch aus dem Moor kehrt er nicht zurück.

Elisabeth reist mit Williams Bruder Alexander in die unwirkliche Gegend und stößt auf Missgunst und Ablehnung. Denn William ist nicht der erste, der verschwand, aber er ist der erste, nach dem gesucht wird. Elisabeth und Alexander reden mit allen im Dorf und auch mit seiner Lordschaft, bis eine Suche im Moor Dinge zu Tage führt, die selbst die hartgesottenen Einwohner nicht kalt lässt.

Wer bereits klassische Gruselgeschichten wie Northanger Abbey, Das Bildnis des Dorian Gray oder Dr Jekyll und Mr Hyde gelesen hat, weiß, wie schwer es ist, einen guten Gruselroman zu schreiben. Die Balance zwischen Spannung und langsamen Aufbau einer Geschichte beherrschen nicht viele so gut, dass man sich nicht nach einer gewissen Zeit langweilt.

Nathan Winters kann sich mit diesen Klassikern messen. Denn nicht nur die Länge der Kapitel variiert, er begleitet auch unterschiedliche Charaktere, verwebt Vergangenes und manchmal auch Fantastisches, um den Leser wie bei einem Krimi ein ums andere Mal in die Irre zu führen.

Angesiedelt in der Viktorianischen Zeit kann er aus einer unglaublichen Fülle an Möglichkeiten schöpfen, denn selten haben Technik, Medizin und Wissenschaft einen solchen Sprung gemacht wie zu dieser Zeit. Dinge, die einst unmöglich schienen, werden hier als neue Wahrheiten präsentiert und sowohl die Dorfbewohner als auch die Leser wundern sich. 

Nathan Winters schafft es, ein dichtes Werk zu schreiben, ohne dabei den Leser durch die Fülle an Informationen zu verlieren. Und doch weiß man nach der Lektüre soviel mehr über die Zeit, auch wenn es nur ein Roman ist.

Optisch ist das Buch eine Augenweide und gibt den einen oder anderen Hinweis, wie sich die Erzählung im düsteren Schottland entwickelt und doch sieht man die Lösung lange nicht kommen. Sie wartet hinter den Spinnweben und dem Skelett auf dich ...


4,5 von 5 Schatten

Montag, 26. Januar 2026

Jan Beinßen "Der Wintermordclub"

Ein kleines, aber feines Hotel an der Küste Frankreichs kurz vor Weihnachten.
Ein Gruppe älterer Menschen treffen sich einmal jährlich und veranstalten ein Krimidinner. Ihr Hintergrund: Sie waren früher alle bei der Polizei oder bei ähnlichen Instituten angestellt. Alles scheint wie immer, doch plötzlich gibt es eine echte Leiche und es ist einer der Senioren. Was ist passiert und vor allem: Warum?

Jan Beinßen liefert einen richtig gelungenen Kriminalfall ab. Mit jedem Kapitel ändert er die Erzählperspektive und begleitet so alle ehemaligen Ermittler durch die Geschichte. Er deutet ihre Geheimnisse und auch die Beziehungen untereinander an und erzählt in Rückblenden, wie sie sich bei ihrem großen Fall kennengelernt haben.
Alle haben etwas zu verlieren und doch wirkt kein Charakter unsympathisch. Über 350 Seiten schafft es der Autor den Leser mal mehr, mal weniger an der Nase herumzuführen, denn schuldig können sie alle sein.

Ein großartiger Krimi im Stil des Golden Age, der zeigt, mutige Entscheidungen erschaffen beeindruckende Bücher.

5 von 5 Interpolagenten  

Sonntag, 30. November 2025

Mary Shelley "Frankenstein"

Einen Klassiker zu lesen, hat immer etwas Befremdliches.
Man hat schon soviel über das Buch, seine Einschätzung und gegebenenfalls seine Wichtigkeit für die Literatur gehört, sodass man das Buch kaum unbefangen lesen kann.
Was mich bei Frankenstein zu erst verwundert, ist, dass die Erschaffung des Monsters direkt zu Anfang des Textes stattfindet. Denn ich hatte vermutet, dass die Kreation des Monsters das zentrale Thema des Buches ist und nicht das Leben und oder vielmehr der Fluch dessen. Denn ein Monster zu sein, was sogar von seinem eigenen Schöpfer verstoßen wird, das ist schon ein hartes Los.
Doch es ist auch so, dass die beiden sich, was ihre Bösartigkeit angeht, gut das Wasser reichen können. Beide suchen die Schuld in anderen und selten bei sich selbst, wobei Frankenstein sich noch mehr bemitleidet, als es das Monster tut.
Hatte ich wirklich immer Respekt vor dem Grusel, der mich in diesem Text erwartet, so ist es eher die Psychologie, die hier das treibende Element ist. 
Die Erzählung ist zeitgleich eine Reise durch das Europa und die Kultur der damaligen Zeit. Mary Shelley hat es mit ihren jungen Jahren geschafft, alle Charaktere und Gefühlsebenen zu berühren und die Menschen entsprechend ihrer gesellschaftlichen Stellung zu spiegeln.
Der Text ist so ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt habe und doch beeindruckt er mich tief.
In der Ausgabe von MinaLima ist das Buch zudem auch ein Fest für die Augen, da die beiden es wieder geschafft haben, die Illustrationen perfekt auf den Text und die Stimmung anzupassen.

5 von 5 Monstern

Samstag, 22. November 2025

Matthias A. K. Zimmermann "Kryonium 2.0"

Was erwartet man, wenn ein Buch "neu" erzählt wird?
Ist man neugierig?
Ist man skeptisch?
Bis zum Schluss kann ich diese Frage bei dem Buch nicht für mich beantworten.

Aber zum Anfang …
"Kryonium", dem aufmerksamen Leser dürfte das Buch bekannt vorkommen. Bereits vor fünf Jahren erschien das Buch und wurde zum Preisträger des Deutschen Verlagspreises. Eine Welt in einer Welt, in der nichts so ist, wie es im ersten Moment scheint.
Doch man kann die Geschichte auch anders erzählen: Ritter und Burgfräulein eröffnen die zweite Version und der Ich-Erzähler steht unter Betäubung. Wer ist er? Wo ist er? Und warum ist er überhaupt dort?
Viele Fragen überfluten den Leser und auch die Figur, wenn es heißt den Ausbruch zu starten und das Leben hinter dem Schloss zu suchen.

Während des Lesens habe ich immer versucht, mich an die erste Fassung zu erinnern. Wie war es hier? Was ist geändert? Das nahm mir ziemlich den Spaß beim Lesen. Doch wenn man den Gedanken loslässt und sich auf die Verschachtelungen des Autoren einlässt, fällt man nahezu in das berühmte Loch aus den Büchern von "Alice im Wunderland". Immer wieder wechselt der Autor den Ansatz und fordert die volle Konzentration des Lesers. Denn durch die verschiedenen Verweise und Gedanken ist das Buch genauso komplex wie die erste Fassung.

Doch bleibt für mich die erste Fassung, die die mir mehr gefällt.
Warum?
Das weiß ich gar nicht so recht. Vielleicht, weil mich die Vorstellung ein zweites Mal tausend Kraniche zu falten ein bisschen abschreckt. 😉

4 von 5 Kranichen

Danke an den Autor für das Rezensionsexemplar.

Dienstag, 18. November 2025

Robert Louis Stevenson "Dr. Jekyll & Mr. Hyde"

Hört man den Namen Robert Louis Stevenson denkt man als erstes an "Die Schatzinsel" und an "Dr. Jekyll & Mr. Hyde".
Schon diese beiden Geschichten zeigen, welche Bandbreite man von dem Autoren erwarten kann.
Während "Die Schatzinsel" die Piratengeschichte an sich ist, zeigt "Dr. Jekyll & Mr. Hyde", wie es ist, für die Zwänge der Gesellschaft ein Ventil zu finden.

In dieser Schmuckausgabe bildet "Dr. Jekyll & Mr. Hyde" das zentrale Thema. Mit dunklen Seiten und grüner Schrift, vermeintlich handgeschriebenen Briefen und den für diese Ausgabenreihe bekannten Extras wird die Erzählung hervorragend untermalt. Die Gänsehaut kriecht hinauf, während man Dr. Jekyll bei seinem Verderben beobachtet. Die Erzählperspektive und auch die Stimmung des Textes spiegelt die innere Zerrissenheit und den Wunsch des Ausbruches einzigartig wieder und man will gar nicht aufhören, in die Geschichte weiter einzutauchen.

Neben dieser Erzählung umfasst die Schmuckausgabe fünf weitere Kurzgeschichten. Keine reicht für mich an "Dr. Jekyll & Mr. Hyde" heran, aber das muss es auch nicht zwangsläufig. Vielmehr zeigen die Texte ein Spektrum der Möglichkeiten und auch, was Menschen schon immer interessiert. Während "Die Versprengte" in die alte Sagenwelt eintaucht, macht man bei "Der Flaschenteufel" einen Ausflug in die hintersinnigen Gedanken, wie viel Ruhm und Ehre man erwartet, um dafür dem Teufel zu begegnen.

"Der Leichenräuber" zeigt die damalige Angst und Gedankenwelt rund um die Grabräuberei und den Diebstahl von Leichen im Dienste der Wissenschaft.

Bei allen Texten schafft es Stevenson eine eigene Note zu treffen und trotzdem ist allen Geschichten ein leichter Schauer gemein.

Die Leichtigkeit, mit der man diesen Klassiker liest, spricht auch dafür, dass die Themen, wenn auch in abgewandelter Form, heute immer noch präsent sind.


4,5 von 5 Verwandlungen

Freitag, 12. September 2025

Akram El-Bahay "Die Buchreisenden - Ein Weg aus Tinte und Magie"

Stell dir vor, du kannst im wahrsten Sinne des Wortes in dein Lieblingsbuch eintauchen. Du kannst eine Reise zwischen die Zeilen buchen. Die Schlacht bei Mordor betrachten, mit dem verrückten Hutmacher einen Tee trinken oder bei dem Sultan nach fliegenden Teppichen Ausschau halten. Das alles und noch viel mehr kannst du buchen. In einem kleinen Laden in der Charing Cross Road. Zwischen all den Buchläden befindet sich Libronautic Inc., ein Laden, der keine Bücher verkauft, sondern sie zugänglich macht.

Adam ist hier aufgewachsen. Endlich darf er eine eigene Reise betreuen und muss nicht mehr an die Hand genommen werden. Doch alles geht schief. Der Besucher verschwindet zwischen den Zeilen und eine Tür taucht auf. Während Adam von dem Geschehen völlig überfordert ist, sind die anderen Mitarbeiter der Meinung, er sei einfach noch nicht soweit. Doch die heile Welt hat einen Knacks bekommen und der Riss wird mit jedem gemurmelten Wort größer.

Akram El-Bahay zeigt in dem ersten Band seiner Dilogie, dass er es schafft, bekannte Geschichten mit seinen eigenen Erzählungen zu verweben. Passagen, die uns Werken der Weltliteratur bekannt sind, werden hier adaptiert und die Figuren auf seinen eigenen Text in ihrem Wesen und Verhalten angepasst. Er spinnt seinen eigenen Text so geschickt um die Worte anderer, dass ein Text entsteht, in den man im wahrsten Sinne des Wortes eintauchen kann.

Viele Informationen hält er, manchmal auch zu lange, zurück, um eine weitere Spannung aufzubauen, die das Buch eigentlich nicht nötig hat. Die Figuren bleiben dadurch in ihrem Verhalten und ihren Ambitionen ein wenig grau und zurückhaltend. Die großen Rätsel werden am Ende des ersten Bandes zumeist nicht beantwortet und es bleibt abzuwarten, wie sich die Ereignisse im zweiten Band entwickeln.

4 von 5 Buchreisenden

Samstag, 16. August 2025

Olivia Monti "Die Toten von nebenan"

Frau Löffler ist gestorben. Nicht, dass sie das im ersten Moment bemerkt. Allerdings sieht sie auf einmal ihre tote Großmutter und andere Bewohner der Straße, die nicht mehr auf der Erde weilen. Wenn man das überhaupt so nennen kann. Denn die Toten teilen sich mit den Lebenden die Straße und die Wohnungen. Was zu manchem Gerangel führt. Da kommt Herr Tober den Toten gerade recht. Er will die Straße von den Lebenden befreien und sie nur für die Toten lebenswert machen.
Es beginnt ein Machtkampf zwischen Lebenden und Toten, Tober und den Toten und ...

Wer mit wem gegen wen und vor allem warum?
Ränkespiele zeichnen sich immer wieder durch wechselnde Konstellationen der Beteiligten auf und das ist auch hier der Fall.
Während Herrn Tober schnell böse Absichten unterstellt werden können, sind die Toten der Straße einem oftmaligen Hin und Her unterworfen, wie es auch im wahren Leben oft so spielt. Die Toten unterliegen dabei den gleichen Gefühlen wie die Lebenden und so sind Hass, Neid und auch Vorurteile im vermeintlichen Jenseits an der Tagesordnung.
Mit sehr kurzen Kapiteln hält die Autorin zusätzlich die Spannung hoch und die Situationswechsel erinnern an einen modernen Actionfilm.
Immer wieder ist es an den Figuren, Stellung zu beziehen, sich dem Bösen entgegen zu stellen und trotzdem das eigene Leben nicht aus den Augen zu verlieren. Hier bleibt die Autorin vage und lässt keine Figur über das gesellschaftliche "Richtig" und "Falsch" urteilen, was man zwischendrin annehmen könnte.
Ein Buch, was die Lesenden über Ungerechtigkeiten und Verhaltensweisen sinnieren und über den eigenen Umgang mit anderen nachdenken lässt.

4 von 5 Flüchen

Danke an die Autorin für das Rezensionsexemplar

Montag, 16. Juni 2025

Nicholas Meyer "Sherlock Holmes und Sigmund Freud"


Wenn der größte Detektiv und der größte Therapeut des 19. Jahrhunderts aufeinandertreffen, kann das nur eine interessante Begegnung werden.Nicholas Meyer setzt in diesem Band auf Sherlock Holmes' Kokainsucht. Watson erzählt viele Jahre nach der Handlung, wie er es mit Mycroft vollbrachte, Holmes zu Freud zu locken. Denn die Geschehnisse um die Reichenbachfälle sind alle nur Fassade.In Wirklichkeit haben sie sich gar nicht zugetragen und Sherlock war zur Therapie. Natürlich nicht nur, denn er wäre nicht Sherlock Holmes, wenn es nicht auch ein Rätsel zu lösen gäbe. Und selbstverständlich hängt das Schicksal von Europa von der Lösung dieses Falles ab.Meyer bedient sich eines Sherlock Holmes', der seine Sucht auf Grund seiner Vergangenheit nicht im Griff hat, so deduziert es gegen Ende des Buches zumindest Sigmund Freud.
Seine Denkmaschinerie funktioniert einwandfrei, doch er darf eben nie nichts zu tun haben, sonst ...

Meyers Holmes ist in diesem Fall zerbrechlich und riskiert sein Leben, um ein anderes zu schützen. Dies gab es auch schon im originalen Kanon, doch wird es in diesem Band, gerade mit den Verfolgungsszenen, ein wenig auf die Spitze getrieben. Man hat manchmal das Gefühl, einen Hollywood-Film verschriftlicht zu lesen, als einen klassischen Kriminalfall zu ergründen.
Allein das Kräftemessen zwischen Holmes und Freud hätte gereicht, um dem Buch die Würze und auch die entsprechende Tiefe zu geben.
Interessant ist bei Meyer allerdings, wie er historische Fakten mit der Erzählung verwebt, um Holmes realistischer scheinen zu lassen. Eine gute Idee.

4 von 5 Reichenbachfällen

Donnerstag, 5. Juni 2025

Micke Bayart "Als Pippi nach Deutschland kam"

Sollte man zwei Sachbücher über Astrid Lindgren kurz hintereinander lesen?
Vor einigen Wochen hatte ich "Die unbekannte Astrid Lindgren" gelesen, in dem es hauptsächlich um ihre Tätigkeit als Herausgeberin und Verlagsmitarbeiterin ging. Spannend geschrieben wollte ich mehr über die Autorin hinter den Büchern erfahren und nahm "Als Pippi nach Deutschland kam" zur Hand. Nach den ersten ein, zwei Kapiteln hatte ich den Eindruck erneut "Die unbekannte Astrid Lindgren" zu lesen, da viele Inhalte, nicht Formulierungen, sehr dem ersten Buch glichen. Da ich das Buch mit einer Freundin zusammen las und mich mit ihr darüber unterhielt, las ich weiter und erkannte, dass nur die einleitenden Kapitel Überschneidungen besitzen, sich die Bücher danach aber inhaltlich und strukturell sehr unterscheiden.
Der Autor lässt viele Beteiligte aus den Verfilmungen zu Wort kommen und erklärt sowohl die historischen als auch kulturellen Hintergründe. Immer untermalen Astrid Lindgrens eigene Worte die Texte und auch die Zusammenarbeit mit dem Oetinger Verlag wird immer wieder herausgehoben.
Von den Versuchen Pippi in ihrer Art und Weise zu verändern, damit sie in der DDR veröffentlicht werden konnte, über die Dreharbeiten, bis hin zu den verschiedenen Darstellern von Pippi und anderen Verfilmungen wie Michel oder Ronja Räubertochter, ist auch dieses Buch ein Zeitdokument.
Es zeigt die Unterschiede in der Kindererziehung in Schweden, Deutschland und der DDR. Es zeigt, wie sehr darum gekämpft wurde, Kindern schöne und wohlwollende Literatur zugänglich zu machen und dabei auch das aufkommende Fernsehen zu integrieren.
Wer mehr über Pippi, Astrid Lindgren und die Nachkriegszeit erfahren will, sollte zu diesem und auch zu "Die unbekannte Astrid Lindgren" greifen.

4,5 von 5 kleinen Onkeln 

Sonntag, 20. April 2025

Walter Moers "Der Bücherdrache"

Der Buchling Hildegunst Zwei will unbedingt zu den Ormlingen gehören, so erzählt er es im Zwiegespräch mit Hildegunst von Mythenmetz. Um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, muss er zum Ormsumpf reisen und dem Bücherdrachen Nathaviel eine seiner Bücherschuppen klauen. Sozusagen als Beweis, dass er ihn getroffen hat. Weiterhin soll er ihm eine Frage stellen.
Doch das Gespräch artet ein wenig aus, denn nachdem der Hype um den Bücherdrachen nachgelassen hat, seine Angewohnheit Buchlinge zu verschlingen, fanden nicht alle so passend, ist er froh über ein bisschen Gesellschaft. Hildegunst Zwei und der Bücherdrachen sprechen über Gott und die Welt, doch dann will der Drache ihn nicht gehen lassen. Zu viele Geheimnisse hat er ihm anvertraut und so bleibt ihnen keine Wahl ...

Wer schon Bücher von Walter Moers gelesen hat, weiß, dass man sie nicht mit anderen Werken vergleichen oder gar messen kann. Der Autor hat mit seinen Welten und dem Erzähler Hildegunst von Mythenmetz ein eigenes Universum geschaffen. Seine Kreativität, sein Humor, seine Bibliophilie und die  Illustrationen erwecken jede einzelne Geschichte so zum Leben, wie ich es selten erlebt habe. Man taucht direkt in die Geschichte ein und es selbstverständlich, dass der Drache spricht, gebildet und belesen ist. Walter Moers schafft es, alles ganz natürlich wirken zu lassen, sodass die Bücher ein Art "nach Hause kommen" darstellen und man seine Texte ungern verlassen will. Viel Charme, eine gehörige Portion Witz und ganz viel Liebe zum Details runden dieses vermeintlich kurze Werk um die Buchlinge und den gebildeten Bücherdrachen ab.

4 von 5 Bücherschuppen

Dienstag, 15. April 2025

Kamome Shirahama "Atelier of Witch Hat 5"

Prüfungen haben die Angewohnheit nicht so zu verlaufen, wie sie zu Anfang geplant waren. Und so finden sich die Mitglieder des Ateliers an verschiedenen Stellen mit unterschiedlichen Verletzungen wieder. Jede kämpft so gut sie kann und jeder versucht die anderen zu beschützen. Doch ist es nicht die schiere Gewalt, die den Band dominiert. Zusammen gelingt es den Lehrern und Schülern sich aus der Dunkelheit zu befreien - doch zu welchem Preis?

Mit jedem Band wird die Nähe zu Sagen, Mythen, Redewendungen und auch Sprichwörter offensichtlicher. Jede Seite, jeder platzierte Vorwurf, jede Demütigung und jede Lüge sind fein gewebt, wenn es um die Welt der Magier und Zauberer geht. Dabei schwebt in diesem Band die Magie über den Prüflingen, die nicht mehr genutzt werden darf. Schon vor Zeiten wurde sie reglementiert und die so berühmte "dunkle" Seite versucht, die Prüflinge zu instrumentalisieren.

Kommt euch bekannt vor? Sicherlich, der Plot und die Herangehensweise ist nicht wirklich neu, aber die Welt, in der "Atelier of Witch Hat" spielt, unterscheidet sich doch sehr von den Texten, die ich bisher gelesen habe.
Mein liebster Band war dies sicherlich nicht, aber ich bewundere, wie durch die Zeichnungen und den Text eine immer größere Sogwirkung aufgebaut wird und man unbedingt weiter lesen möchte.

4 von 5 Ateliers

Samstag, 12. April 2025

Bernhard Kellermann "Der Tunnel"

Amerika. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mac Allan hat sich langsam, aber stetig, die Karriereleiter hochgearbeitet. Sein neuestes Projekt: ein Tunnel zwischen Amerika und Europa. Doch bevor er mit den Arbeiten beginnen kann, muss er das Kapital heranschaffen. Im Lauf des Buches zeigt sich, dass das nicht die gewaltigste Aufgabe war und Mac ganz andere Schwierigkeiten zu meistern haben wird.

Mit Klassikern ist es bekanntlich immer so eine Sache, ob sie einem gefallen oder aber nicht. 
Während ich für Krimiklassiker schwärme, war "Der Tunnel" ein hartes Stück Arbeit für mich.
Bei Krimiklassikern liebe ich es, wenn der Autor es über Seiten schafft, eine gewisse Atmosphäre und ein Gefühl für die Charaktere aufzubauen, hier war ich stellenweise nur genervt. Bis die Handlung erstmal wirklich in Schwung kam, waren an die einhundert Seiten schon vorüber und der Gedanke, das Buch doch beiseite zu legen, war allgegenwertig. 
Doch ich wurde belohnt: der langsame Aufbau entfaltet sich im Lauf des Buches zu einer Dramatik, wie ich sie selten gelesen habe. Schicksalsschläge, Rückschritte, niederdrückende Gedanken, Seite um Seite zieht das Buch den Leser in den Bann und zeigt seine Stärken. 
Aus psychologischer Sicht ist das Buch ein wirklicher Meilenstein. Macht, Machtmissbrauch, Absturz und Resignation. Alle Themen werden in diesem Science Fiction Klassiker beleuchtet und durch Andreas Eschbach im Vorwort und Hans Frey im Nachwort abgerundet und in der heutigen Zeit verordnet. Denn vieles, was damals galt, ist auch heute noch aktuell. 
Ein moderner Klassiker, bei dem sich "dranbleiben" lohnt.

4 von 5 Tunnelmen

Donnerstag, 13. Februar 2025

Kamome Shirahama "Atelier of Witch Hat 4"

Ok, hatte ich etwas von "einfach" gesagt?

Da hat mich der vierte Band doch wirklich kalt erwischt. Düster geht es zu, wenn zwei der Schützlinge sich auf eine Prüfung begeben, die nicht nur sie fordert, sondern auch die Prüferin. Dunkel sind die Seiten und die Zeichnungen wechseln schnell von euphorisch zu betrübt. Ränke werden geschmiedet und nicht nur die Prüflunge werden angegriffen … Man muss sich beim Lesen wirklich zwingen, die Bilder genau zu betrachten, damit man die Feinheiten wahrnimmt und sie nicht in der Hektik überblättert. 

Natürlich drängen sich Sagen oder andere Erzählungen auf, in denen es um Prüfungen oder auch direkt um Leben oder Tod geht, doch diese Reihe hat ihren sehr eigenen Stil. Sicherlich ist es zum einen der Ausdrucksweise des Mangas geschuldet, doch viele Szenen sind nicht so schwarz und weiß, wie es bei anderen Epen gerne der Fall ist.

Dunkelheit, Angst und Chaos dominieren diesen Band und der Cliffhanger zum Schluss lässt den besten Thriller alt aussehen.

5 von 5 Ateliers

Sonntag, 29. Dezember 2024

Kamome Shirahama "Atelier of Witch Hat 3"

Selten habe ich es bei anderen Reihe erlebt, dass mich die jeweils neuen Bände mit so unterschiedlichen Gedanken zurücklassen. Der erste hat mich begeistert, der zweite hat mich gelinde gesagt ein wenig irritiert, und der dritte fängt mich jetzt wieder ein.
Neben Coco taucht noch ein weiterer Charakter auf, Tatha, der nicht in die Welt zu passen scheint, wenn auch aus anderen Gründen.
In einem Moment der Not halten die beiden zusammen und es begibt sich, dass die beiden gerade durch ihre sonstige Ablehnung einen Weg finden, wie sie zusammenzuarbeiten können. Was dem einen oder anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Gut und böse wechseln sich in diesem Band noch stärker ab als in den vorigen und der Zeichenstil passt sich den jeweiligen Situationen an.
Weniger "große Augen" erleichtern mir den Lesefluss und gleichzeitig gefällt mir der Band mehr als vorige.
Ob die Geschichte so einfach bleibt, wie es momentan den Anschein hat, ist sicherlich fraglich, aber da noch viele Bände folgen, wird sich der Autor noch einige Irrungen und Wirrungen überlegt haben.

4,5 von 5 Ateliers

Dienstag, 10. Dezember 2024

Kamome Shirahama "Atelier of Witch Hat 2"

Nachdem mich der erste Band sehr für Mangas - oder zumindest für diese Reihe eingenommen hat - lässt mich der zweite Band ein bisschen nachdenklich zurück.
Die Handlung wird schlüssig voran getrieben und doch merkt man, dass die Personen gerade ein wenig stagnieren. Die Beziehungen sind noch nicht entwickelt und ein leichtes Hin und Her lotet noch aus, wer mit wem hinterher kann und wer eben einfach nicht. 
Zeichnerisch sind viele "große Augen" in diesem Band vertreten, was nicht so meine "cup of tea" ist.
Doch der liebgewonnene Hauptcharakter entdeckt die weiterhin für sie noch unbekannte Welt und es ist spannend, sie dabei zu begleiten.
Auch die Magie wird liebevoll weiterentwickelt und lässt den Leser in eine Welt voller Fantasie und Ideenreichtum eintauchen.
Mir fehlen allerdings immer noch ein wenig die, ich nenne sie einmal, Erklärboxen aus den Comics, in denen ein bisschen Rahmenhandlung und Hintergrundinfos eingestreut werden.
Vielleicht gibt es die im nächsten Band.

4 von 5 Ateliers

Sonntag, 8. Dezember 2024

Rebecca Maly "Der Weihnachtsfriede"

Der Weihnachtsfrieden von 1914 um die Stadt Ypern (Belgien) ist wohl eines der merkwürdigsten Ereignisse in der Geschichte.
Im ersten Kriegsjahr stehen sich zumeist Deutsche und Engländer auf belgischen Gebiet gegenüber, als plötzlich am Weihnachtsabend Weihnachtslieder gesungen werden. Historisch belegt, steigt die Autorin kurz vor den Gesängen ein und schildert, wie sich in einer ganz obskuren Situation Deutsche und Engländer im Niemandsland treffen, zusammen trinken und essen, um im Anschluss Fußball zu spielen.
Franz berichtet diese Ereignisse seiner Schwester und kann sein Glück kaum fassen. Doch die Ruhe währt nur kurz. Bald fliegen die Geschosse wieder tief und treffen ihre Ziele.
Der Engländer Arthur, mit dem Franz sich gut versteht, schreibt ebenfalls Briefe und es entwickelt sich eine Brieffreundschaft.
Flüssig geschrieben, konzentriert sich die Autorin in der ersten Hälfte des Buches zumeist auf die Kriegspause und nicht auf die Schrecken davor und danach. Sie zeichnet ein warmes, geselliges Bild von der Stimmung und den Gesprächen zwischen den Menschen. Abgekapselt von den erlebten Schrecken strahlen die Taten während der Weihnachtstage in meinen Augen ein bisschen weniger hell, als sie es in der historischen Realität tun.
Was mich aber ziemlich erstaunt, ist der zweite Teil des Buches. Ich möchte glauben, dass es solche Begebenheiten gegeben hat, allerdings hatte ich eine solche Wendung bei dem Klappentext überhaupt nicht erwartet und war enttäuscht, dass der erste Abschnitt so kurz gehalten wurde.
Inhaltlich und strukturell ist das Buch stimmig erzählt, nur ist es nicht das, was ich erwartet habe, daher:

3 von 5 Tannenbäumen