Hallo zusammen.
Britta Röder kennt ihr bereits aus einem Interview, das sie mir zur Riedbuchmesse gegeben hat. Nun hat sie sich erneut Zeit genommen und mir Fragen über ihr eigenes Schreiben beantwortet.
(Bild: Britta Röder (privat), Grafik: Maximilian Wust)
Du bist seit vielen Jahren in der Literaturszene unterwegs. Wie hat sich die Szene in dieser Zeit verändert?
Gleich so eine Hammer-Frage am Anfang, wow, das ist ein extrem komplexes Thema. Dazu könnte man ganz allein schon eine komplette Interview-Reihe machen.
Mein erster Roman erschien 2011, also vor 15 Jahren. Mein damaliger Verlag gab mir einen Leitfaden mit Tipps zum Thema Umgang mit Social Media mit. Für mich war das ganze Social Media Ding noch völlig neu. Also habe ich mir erst einmal einen Facebook Account eingerichtet, der Insta-Account kam er einige Jahre später hinzu, und habe versucht mich zurechtzufinden.
Was mir damals jedoch schnell klar wurde: Ohne Social Media läuft in Sachen Vermarktung gar nichts. Während der letzten 15 Jahre hat sich dieser Eindruck noch mehr verstärkt – im Guten wie leider auch im Schlechten.
Das Gute: Social Media Marketing ist etwas, das jeder selbst in die Hand nehmen kann. Egal, ob du im Selfpublishing unterwegs bist oder als Autor:in eines kleinen Indieverlags, du kannst direkt Einfluss nehmen auf deinen digitalen Auftritt, Social Networking betreiben, digitale Marketingkampagnen lancieren etc.
Mit Bookstagram hat sich in den letzten Jahren auf Insta eine stabile Community entwickelt, in der man sich einen Namen machen kann. Besonders für „kleine“ Autor:innen ist das eine reale Chance, sich eine bescheidene Reichweite aufzubauen.
Damit kommen wir direkt zur Schattenseite des Ganzen: Ein vernünftiger Social Media Auftritt kostet enorm viele Ressourcen, sprich: vor allem Zeit. Auf einmal befindet man sich als Autorin in der Situation, mehr Zeit und Kraft in das Erstellen von Posts und Reels verwenden zu sollen als ins Schreiben oder in andere Autorentätigkeiten. Ein Mega-Problem, da Zeit für die meisten von uns, die wir ständig zwischen Brotjob und Schreiben jonglieren, von jeher sowieso die knappste Ressource ist.
Ich will Autorin sein, will meine kreative Energie ins Schreiben lenken und nicht als Entertainerin auf Tik Tok oder Influencerin performen.
Wenn du dich mit einem Manuskript bei einem Verlag bewirbst, fällt durchaus ins Gewicht, wie gut du in Sachen Social Media bist. Nicht nur die Qualität deines Textes wird geprüft, auch die Anzahl deiner Follower spielt eine Rolle, und unter Umständen zählt auch, ob du als Person interessant genug bist, um social media konform vermarktet zu werden.
Das alles hat mit Literatur überhaupt nichts zu tun. Meiner Meinung nach, wird es immer schwieriger, literarische Qualität zu platzieren. Hinzu kommt, dass sich das Leseverhalten durch die exzessive Nutzung von Social Media enorm verändert, weg von langen nachhaltigen Texten, hin zu kürzeren, schnelllebigeren Formaten. Die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen lässt nach.
Eine weitere Entwicklung, die wachsenden Einfluss auf den Lese-/Büchermarkt ausübt. Der Selfpublishingmarkt hat während der letzten Jahre enorm an Bedeutung gewonnen. Das ist eigentlich etwas sehr Wunderbares, weil es natürlich gerade in diesem Bereich sehr viele innovative, großartige Autor:innen gibt, die phantastischen Lesestoff liefern. Selfpublishing ist schon lange kein Synonym mehr für billig gemachte, schnell hingeworfene Selfmade-Bücher. Auch im Selbstverlag entstehen hochwertige Bücher. Doch man muss zur Kenntnis nehmen, dass es bei dieser Zunahme an Angeboten für die Lesenden noch schwerer geworden ist, ihre Lektürewahl zu treffen. Für die Verlage und Autor:innen bedeutet das: Sichtbarkeit ist eine kostbare und sehr heiß umkämpfte Währung. Der Druck auf alle, die Bücher machen, ist enorm gestiegen. Und zugleich geht die Anzahl der potentiellen Leser:innen stetig zurück.
Eine weitere Entwicklung, nicht weniger dramatisch, bezieht sich auf die finanzielle Situation, in der sich der Literaturbetrieb in Deutschland befindet. Als vor 15 Jahren mein Debütroman erschien, bestand wenigstens theoretisch die Chance von dem einen oder anderen Kulturbüro für eine Lesung gebucht zu werden. Inzwischen werden Kulturbudgets reihenweise gestrichen, Lesungen finden kaum noch gegen adäquate Bezahlung statt. Förderprogramme erreichen nur wenige vereinzelte Akteure.
Wir erleben aktuell ein großes Verlagssterben, wobei es am häufigsten die „Kleinen“, die Unabhängigen trifft. Immer mehr geben auf. Das Jahr 2026 ist noch keine drei Monate alt und wir wissen bereits: Der Leykam Verlag stellt sein Belletristik Programm ein, der Kanon Verlag ist vom Kampa Verlag gekauft worden, der renommierte Berenberg Verlag stellt Ende März 2026 seinen Betrieb völlig ein – ein Verlag, der drei Mal mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet wurde, dessen Autorin Christine Wunnicke erst 2025 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand. Das sind jetzt nur drei bekannte Namen, es gibt noch so viel mehr und die meisten sterben ganz still.
Doch genau diese kleinen, unabhängigen Verlage bilden das Fundament der Literaturlandschaft, ohne die es nur drögen Mainstreambrei gäbe. Die „Kleinen“ sind die Basis von Unabhängigkeit und Vielfalt in der Literatur. Die Wertschätzung Kultur und Literatur gegenüber hat von staatlicher Seite enorm nachgelassen. Sie war noch nie sehr groß, die Corona-Jahre haben das leider schon gezeigt, aber das, was aktuell passiert ist, ist eine Katastrophe von enormem Ausmaß, dessen gesellschaftliche Auswirkungen noch gar nicht absehbar sind.
Wir leben in einer Zeit, in der sich eine Stadt wie Kultur- und Literatur-Leipzig fragt, ob sie sich ein Literaturhaus noch leisten will. Wohin soll das führen?
Nach mehreren Romanen hast du jetzt einen Erzählband veröffentlicht. Welche Geschichten erwarten die Leser?
Mein Erzählband heißt FLIEHKRAFT und ist im Verlag edition federleicht erschienen. Das sind sieben Erzählungen, bei denen Figuren an einem Wendepunkt stehen, an dem sie die Richtung selbst bestimmen können, wenn sie sich nur trauen. Es geht um den Mut, man selbst zu sein. Freiheit contra vermeintliche Sicherheit durch Gewohnheit. Beziehungen werden hinterfragt, auch die Beziehung zu sich selbst.
Was ist der Unterschied zwischen dem Konzepieren eines Romans und eines Erzählbandes?
Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Einen Roman muss ich konzipieren. Die Erzählungen entstehen einfach. Für meine Romane habe ich mir immer einen Plan gemacht. Ich hatte meine Grundidee, die alles trägt, auch mich, weil das Schreiben an einem langen Text Ausdauer verlangt.
Die Erzählungen sind nicht nach einem Plan entstanden. Sie standen auch anfangs nicht in einem Verhältnis zueinander. Ich habe über einen längeren Zeitraum immer mal wieder eine Erzählung geschrieben, weil ich einen passenden Einfall hatte, oder weil ich gerade zwischen zwei Buchprojekten stand, oder weil ich damit gerade eine Phase überbrücken konnte, in der ich relativ wenig kreativ war. Schreiben ist mein Normalzustand, aber nicht immer ist dieses Schreiben auf ein größeres Projekt konzentriert und dann kommen solche Geschichten dabei heraus.
Das Witzige ist, als ich eine ganze Reihe von Erzählungen zusammen hatte, so über einen Zeitraum von vielleicht zehn Jahren, und ich den Wunsch hatte, diese in einem Erzählband zusammenzubringen und einem Verlag anzubieten, da spätestens habe ich ein Konzept gebraucht.
Ein Erzählband braucht einen Titel. Ein Titel, in dem sich abbildet, was den Erzählungen gemeinsam ist. Das war der Moment, in dem ich mir die Texte aufmerksamer angeschaut habe. Um festzustellen, dass die Texte sehr wohl etwas miteinander zu tun haben. Der Buchtitel FLIEHKRAFT beschreibt das sehr gut.
Es gibt dieses Zitat: „Der Text ist klüger als sein Autor“ und in diesem Zusammenhang bewahrheitet sich das. Das eigene Schreiben gehorcht sehr oft einer übergeordneten Agenda. Mit etwas Abstand wird diese sichtbar.
Was ist dir beim Schreiben wichtig?
Ruhe. Zeit. Alleinsein. Alles andere findet sich.
Woher nimmst du die Ideen für deine Texte?
Die nehme ich nicht. Die kommen oder sind schon da. Das Schreiben öffnet ihnen die Tür.
Planst du schon deine nächste Veröffentlichung?
Na klar. Am nächsten Roman schreibe ich bereits eine Weile. Aber einen konkreten Termin habe ich noch nicht. Das einzige, was ich schon verraten möchte: Er wird politischer sein als alle vorherigen Bücher.
Bei deinen Lesungen wirst du oftmals musikalisch begleitet. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Hans-Werner Brun ist hier in Südhessen kein Unbekannter. Als Songpoet tritt er regelmäßig bei verschiedenen Anlässen auf. Wir kannten uns schon vor unserer Zusammenarbeit lose über den Kultur-Stammtisch. Das ist ein regionales Netzwerk von Kulturschaffenden, die sich ab und an im historischen Museum in Groß-Gerau zum Austausch treffen. Daher der Name „Stammtisch“.
Auf der Riedbuchmesse in Stockstadt habe ich ihn spontan angesprochen, ob er sich vorstellen könnte, mit mir zu meiner Roadstory „Zwischen den Atemzügen“ ein gemeinsames Programm zu entwickeln. Ich drückte ihm das Buch in die Hand. Drei Tage später rief er an, morgens um acht, er hatte den Roman gelesen und war total begeistert. Die Pandemie hat uns dann etwas ausgebremst. Wir mussten etwas warten bis zum ersten Arbeitstreffen, sind aber im Kontakt geblieben. Sobald es möglich war, trafen wir uns, bei offenen Fenstern und mit Sicherheitsabstand und nach nur zwei Stunden stand unser Programm zum ersten Lesekonzert. Es war ein absoluter Selbstläufer.
Inzwischen hat Hans-Werner drei meiner Bücher begleitet, zuletzt den Erzählband FLIEHKRAFT.
Wer neugierig ist, kann hier mehr über Britta erfahren:
britta-roeder.de
instagram.com/xlcoffeequeen
instagram.com/brittaroeder_autorin
Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.