Freitag, 13. Februar 2026

André Groenewoud "Das wollte ich Ihnen noch sagen"

Ein Jahrhundert in Interviews.
Nicht alle Menschen sind zum Helden geboren, bei vielen ergeben sich die Umstände entsprechend.
André Groenewoud hat Menschen zum Gespräch gebeten, die man kennt oder vielleicht auch nicht.
Denn nicht jeder Mensch liebt die Öffentlichkeit und ihr entsprechendes Interesse.
So unterschiedlich die Menschen sind, so verschieden waren auch ihre Leben.
Was sie eint, ist das Wissen, dass sie bei besonderen Ereignissen der Weltgeschichte dabei waren.

Der Autor hat sich bemüht, einen Querschnitt an Interviewpartnern zu finden.
Da gibt es den letzten Überlebenden des Ersten Weltkrieges, die letzte Überlebende des Titanic-Unglücks. Er trifft eine Regisseurin, die um ihren Ruf kämpfte, und Frauen, deren Männer Diktaturen vorstanden.
Er spricht mit Kindersoldaten und Geflohenen, er unterhält sich mit Politikern und einer Sekretärin.

Was ihm damit unglaublich gut gelingt, ist, dass man wirklich viele Perspektiven der Geschichte erkennt. Gerade wenn er zwei Lebensläufe in einem Jahrzehnt gegenüberstellt, schafft er es Unterschiede, Vorurteile und Gemeinsamkeiten zu beleuchten.

Zu den jeweiligen Interviews erzählt er, in welchem Lebensabschnitt sich der Gesprächspartner gerade befindet, wodurch er oder sie sich auszeichnet und erklärt auch die Umstände des Interviews.

Das Buch ist ein Zeitdokument, weil es beweist: Jeder Mensch ist ein Sandkorn, das den Lauf der Weltgeschichte unter den richtigen Bedingungen verändern kann.

4 von 5 Gesprächen

Donnerstag, 12. Februar 2026

Autoreninterview James Goodwin

Wer meinem Account schon länger folgt, weiß, dass ich bereits die Romanfigur Mr. Tingwell bei der Veröffentlichung des ersten Bandes interviewen durfte. Nun hat sich der Autor selbst Zeit genommen und beantwortet meine Fragen.

Willkommen in der Zukunft und im Internet, Mr. Goodwin.

(Cover: digital publishers, Grafik: Maximilian Wust)

Am 20.1.26 erschien dein zweiter Band um den Ermittler Arthur Tingwell. Doch eigentlich ist dieser kein Polizist. Wie kamst du auf den Gedanken, einen Bibliothekar als Ermittler einzusetzen?
Ich wollte einen Ermittler erschaffen, der eine positive Weltsicht hat, jemand, der aus einer großen Leidenschaft Kraft gewinnt. Und die Liebe zu Büchern und der Literatur im Allgemeinen erschien mir da am Naheliegendsten. Im Lesen steckt ja auch etwas Intimes, was Arthur Tingwell ermöglicht, verborgene Dinge über seine Mitmenschen zu erfahren.
Beispielsweise über ihre Sehnsüchte oder ihre Fantasien. Außerdem bieten Bücher eine gute Gelegenheit, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

In diesem Band bindest du den historischen Postraub mit in die Handlung ein. Wie wichtig sind dir historische Ereignisse in deinen Geschichten?
Der berühmteste Zugraub in Englands Geschichte fand im Jahr 1963 statt. Ich nahm dieses Ereignis als Schablone für meinen Kriminalfall und verlegte es nach 1950. Die Hintergründe zu dem Postraub werden umfassend in dem Buch „Der große Zugraub“ von John Gosling und Dennis Craig dargestellt.
Daneben bemühe ich mich, das Zeitgeschehen in die Geschichte mit einfließen zu lassen. Es bietet mir einen Rahmen, der mir beim Schreiben auch Sicherheit verschafft.

Was war beim zweiten Band am schwersten?
Es ist mit zweiten Bänden immer so einen Sache. Einerseits will man es vermeiden, sich zu wiederholen, andererseits sollen neue Leser und Leserinnen nicht erst extra den ersten Band lesen müssen. Im Grunde muss man das Pferd von der anderen Seite aufsatteln. Mit dem dritten Band wird es dahingehend leider nicht einfacher.

Arthur Tingwell schreibt Briefe an Agatha Christie. Wenn du die Möglichkeit hättest, ihr einen Brief zu schreiben, welchen Rat würdest du dir von ihr wünschen?
Ganz einfach: Ich würde sie fragen, wie sie das Leben als Autorin und das als Mutter, Frau, Reisende und Person der Öffentlichkeit unter einem Hut bekam. Wie sie dennoch Jahr für Jahr einen Roman veröffentlichen konnte.

Möchtest du ein paar Worte zu dem Inhalt des zweiten Krimis verlieren?
In „Der Tote in der Church Lane“ geht es um einen geheimnisvollen Major, der sich ausgerechnet in der Church Lane, einer verschmähten Straße in Little Barkham, niederließ.
Das allein wäre noch kein Auslöser für einen Krimihandlung. Nein, darüber hinaus wird dieser Major mit einer Stricknadel im Hals aufgefunden. Arthur Tingwell gerät ins Visier des Inspectors und muss nun auf eigene Faust ermitteln. Und so ganz nebenbei bemerkt: Obendrein steht ein Besuch von Queen Elisabeth II an.

Welcher Charakter ließ sich am schwierigsten schreiben?
Für mich ist Arthur Tingwell, also der Held der Reihe, der schwierigste Charakter. Immer wieder. Denn ich neige dazu, Menschen als Angsthasen darzustellen. Vielleicht weil ich selbst kein Ausbund an Verwegenheit bin. Aber allzu furchtsame Charaktere sind in der Unterhaltungsliteratur selten beliebt. Leider. Denn wir mögen eher die Unerschrockenen, die Abenteuerlustigen, eben Menschen der Tat. Arthur gehört nicht zu dieser Sorte Mensch, aber er liest gern von ihnen.

Wird es einen dritten Band geben? 
Ich hoffe 😊.
Die Idee ist bereits da.

Neugierig geworden? Dann schaut hier vorbei:
digital-publishers.com/de/romane/der-tote-in-der-church-lane-historisch-cosy-crime-ebook

Mittwoch, 11. Februar 2026

Nathan Winters "Der Schatten von Avamoore"

Eigentlich könnte alles so schön sein. Elisabeth hat in William Pickett den Mann fürs Leben gefunden und will den Rest ihrer Tage mit ihm verbringen. Doch was sich im ersten Moment wie eine klassische Liebesgeschichte anhört, bekommt eine dramatische Wendung.
Denn William geht nach Schottland - genauer gesagt nach Avamoore - um zu jagen. Doch aus dem Moor kehrt er nicht zurück.

Elisabeth reist mit Williams Bruder Alexander in die unwirkliche Gegend und stößt auf Missgunst und Ablehnung. Denn William ist nicht der erste, der verschwand, aber er ist der erste, nach dem gesucht wird. Elisabeth und Alexander reden mit allen im Dorf und auch mit seiner Lordschaft, bis eine Suche im Moor Dinge zu Tage führt, die selbst die hartgesottenen Einwohner nicht kalt lässt.

Wer bereits klassische Gruselgeschichten wie Northanger Abbey, Das Bildnis des Dorian Gray oder Dr Jekyll und Mr Hyde gelesen hat, weiß, wie schwer es ist, einen guten Gruselroman zu schreiben. Die Balance zwischen Spannung und langsamen Aufbau einer Geschichte beherrschen nicht viele so gut, dass man sich nicht nach einer gewissen Zeit langweilt.

Nathan Winters kann sich mit diesen Klassikern messen. Denn nicht nur die Länge der Kapitel variiert, er begleitet auch unterschiedliche Charaktere, verwebt Vergangenes und manchmal auch Fantastisches, um den Leser wie bei einem Krimi ein ums andere Mal in die Irre zu führen.

Angesiedelt in der Viktorianischen Zeit kann er aus einer unglaublichen Fülle an Möglichkeiten schöpfen, denn selten haben Technik, Medizin und Wissenschaft einen solchen Sprung gemacht wie zu dieser Zeit. Dinge, die einst unmöglich schienen, werden hier als neue Wahrheiten präsentiert und sowohl die Dorfbewohner als auch die Leser wundern sich. 

Nathan Winters schafft es, ein dichtes Werk zu schreiben, ohne dabei den Leser durch die Fülle an Informationen zu verlieren. Und doch weiß man nach der Lektüre soviel mehr über die Zeit, auch wenn es nur ein Roman ist.

Optisch ist das Buch eine Augenweide und gibt den einen oder anderen Hinweis, wie sich die Erzählung im düsteren Schottland entwickelt und doch sieht man die Lösung lange nicht kommen. Sie wartet hinter den Spinnweben und dem Skelett auf dich ...


4,5 von 5 Schatten

Sonntag, 8. Februar 2026

Ingrid Kaltenegger "Das Glück ist ein Vogerl"

Eigentlich ist es für den Franz ein ganz normaler Tag. Er ist genervt von der Arbeit, die Straßen sind voll und er will nur noch nach Hause. Doch aus irgendeinem Grund will der Opa neben ihm sich einfach reindrängeln. Franz schließt die Lücke immer wieder, bis die Ampel rot und das Auto von dem Opa durch einen LKW touchiert wird.
Ein paar Tage später ist Franz mit seiner Frau Linn bei einem Achtbarkeitsseminar, als der Geist des Opas in Franz' großem Traum auftaucht. Zufall oder Absicht?
Fortan hat Franz immer den Egon bei sich, was zu lustigen aber auch zu unangenehmen Situationen führt.
Midlifecrisis trifft Unerledigtes. Mit einem so kurzen Statement kann man das Buch knapp zusammen-fassen und doch steckt viel mehr. Denn in der heutigen Zeit der stetigen Selbstoptimierung und den fortwährenden "Was wäre Szenarien", den Lifecoaches und Vergleichen steht immer noch im Hintergrund, was will man selbst. Denn oft ist es nicht der eigene Wunsch, der zählt, sondern eher der Gedanke, was andere meinen, was man selbst möchte.
Schier endlose Reihen an Ratgeber spielen mit dieser Unsicherheit, die auch immer wieder in dem Roman ans Licht kommt. Denn kein Leben, keine Entscheidung ist schwarz oder weiß. Vielfach dominiert ein Grau, denn man trifft selten Entscheidungen, die nur einen selbst betreffen.
Die Linn ist unglücklich, der Franz eigentlich nicht. Aber weil die Linn unglücklich ist, muss der Franz auch unglücklich sein. Und der Egon sowieso. Ein Reigen an Vorwürfen und Vorhaltungen trifft Leben, die vor sich hingeplätschert sind und die große Chance fast verpasst zu haben scheinen, wenn nicht jetzt was geschieht.
Ein Buch über zweite Chancen, den Sinn des Lebens (allerdings ohne erhobenen Zeigefinger) und die Einsicht, dass Glück nicht für jeden das gleiche ist.
Formuliert in angehauchter Salzburger Sprache findet man sich schnell in einer anderen Welt wieder, die einem trotzdem ziemlich bekannt vorkommt.

4 von 5 Vogerln

Donnerstag, 5. Februar 2026

Silke Rotmund "Epigenetik verstehen: Eine Einführung für Neugierige"

"Das liegt an meiner DNA. Ich kann nichts dafür!" - Egal, in welchem Zusammenhang dieser Satz früher fiel, man glaubte ihm. Die Gene - dagegen machte man nichts.
Doch so einfach ist es inzwischen nicht mehr. Die Forschung hat sich weiter entwickelt und siehe da, es sind nicht die Gene ... zumindest ist das nicht die ganze Wahrheit.
Silke Rotmund nimmt den Leser auf 124 Seiten mit, um die noch relativ junge Forschungsreise in die Epigenetik anzutreten.
Eine gut strukturierte Einführung hilft dem Leser sich in das Thema DNA, Gene, Proteine usw. hineinzuversetzen. Denn ohne die Grundlage versteht man im Folgenden nur Fachchinesisch.
Was sind die Gene? Was ist ihre Aufgabe? Was ist ein Protein und wofür ist es gut?
Das sind nur einige der Fragen, denen die Autorin auf den Grund geht.
Danach erklärt sie, was die Aufgabe und das Ziel der Epigenetik ist. Hier wurde es thematisch für mich ein bisschen schwieriger. Sie bemüht sich durch zahlreiche Wiederholungen und auch anhand von Beispielen, die Wirkungsweise zu erläutern, trotzdem blieb es hier für mich ein wenig abstrakt.
Die Übergänge zwischen Kurz- und Langfristigkeit, der Wechsel von Epigenetik auf DNA, vieles ist heute auch noch nicht abschließend erforscht.
Die Autorin lockert die Texte mit Abschnitten wie "Wussten Sie schon?" und "Denkanstöße für Neugierige" auf und bietet einen Ausblick auf den Tätigkeitsbereich der Epigenetik.
Mit einem abschließenden Glossar und weiterführender Literatur wird das Sachbuch gut abgerundet.
Allerdings hätte ich unter einer Einführung doch einen etwas leichter zu verstehenden Text erhofft, der auch mit mehr Schaubildern arbeitet. Man kann dem Text und den Inhalten folgen, doch ich finde es für die langfristige Erinnerung angenehmer, wenn das Buch verschiedene Präsentationen (Text, Schaubild, Grafik) nutzt.
Es ist ein spannendes Thema, dem durchaus von jedem Beachtung geschenkt werden sollte, da es auch Nutzen für den Alltag bereithält.

4 von 5 DNA-Strängen

Mittwoch, 4. Februar 2026

Pascal Mercier "Der Fluss der Zeit"

Die meisten kennen Pascal Mercier durch seinen Roman "Nachtzug nach Lissabon", doch der vorliegende Band zeigt, dass er seine philosophischen Gedanken auch in kürzeren Erzählungen aufleben lassen kann.
"Der Fluss der Zeit" umfasst fünf Kurzgeschichten. Jede für sich ist eine Perle und zeigt, wie gut der Autor Menschen und ihre Emotionen verstehen konnte. Dabei sind die Gedanken nicht verkopft oder wie man sonst Philosophie empfinden kann.
Es sind alltägliche Situationen, in denen er die Wärme, den Unmut, die Angst, die Nostalgie und die Gereiztheit nicht nur skizziert, sondern sie trotz der Kürze der Texte auch ebenfalls ergründet.

- Ein alter Mann verkauft sein Haus.

- Ein Klavierspieler bekommt eine Wohnung geschenkt.

- Ein Mann wartet auf seinen Befund.

- Ein Mann will nicht mehr leben.

- Ein Mann überdenkt sein Leben.

So unterschiedlich die Themen sind, Mercier schafft es mit jeder Geschichte etwas im Leser zu rühren. Jeder kennt diese Gefühle, auch wenn sie im eigenen Leben vielleicht in anderen Situationen aufgetreten sind.

Die Geschichten sind leise - ohne Vorwurf. Vielfach sind sie Reflexionen und zeigen das Geschehnis von beiden Seiten. Denn es ist, wie es ist, man sieht immer nur seine eigene Seite und nie komplett die des Gegenübers.
Ein Kurzgeschichtenband, der einen wie eine warme Decke umschließt und Nichtigkeiten verblassen lässt.


5 von 5 Flüssen

Samstag, 31. Januar 2026

Saskia Karges "Amatea"

Ruth hat einen Traum. Den Traum einer eigenen Stadt. Einer Stadt, die autark sein soll, auch wenn sie sich der Begrifflichkeit und der weitreichenden Folgen mit ihren gerade einmal zwölf Jahren noch nicht bewusst ist. Seitdem sie mit Bauklötzen spielt, will sie bauen. Türme, Brücken, Häuser. Architektur bedeutet ihr alles. Nur mit den Menschen hat sie es nicht so. Sie sind ihr rätselhaft und Ruth findet nur wenige Menschen, mit denen sie sich austauschen kann.
Während die Weltbevölkerung steigt, Krankheiten aussterben, baut sie weiter an ihrem Traum. Sie kommt auf eine Schule, wo ihr Talent entdeckt und sie gefördert wird. Doch mehrere Schicksalsschläge lassen sie ihr Projekt aufgeben. Zu tief sitzt der Schmerz, sodass sie ihr Leben umgestaltet und ihren Traum ausschließt. Erst an der Uni bemerkt sie, dass ihr Traum sich ohne sie weiterentwickelt hat. Plötzlich ist sie wieder mittendrin und ist sich der Ausmaße ihrer Idee noch immer nicht klaren, bis die Welt, wie sie sie kannte, zusammenbricht.
Wer schon einmal eine Dystopie gelesen hat, weiß, dass es um die großen Fragen geht. Klimawandel, Überbevölkerung, Verarmung oder Stromausfälle sind nur einige der möglichen Themen, die dieses Genre aufgreift. Saskia Karges beschränkt sich nicht auf einen Teilbereich dessen, sondern sie geht das große Ganze an. Anhand von Ruths Leben zeigt sie auf, wie sich die Lebensbedingungen innerhalb einer Generation ändern können. Wie Menschen, die einem nah scheinen, in dieser Zeit eine ganz andere Vorstellung der Zukunft entwickeln können und sich dabei auch Extremen zuwenden.
Die Geschichte von Ruth zeigt vieles. Individuelle Entwicklung, Gruppenzwang und auch die damit einhergehende Abhängigkeit. Sie zeigt, dass es durch Globalisierung und Vernetzung viel leichter ist, Dinge zu ändern, sowohl zum Positiven als auch zum Negativen.
Doch Saskia schreibt es ruhig. Die Geschichte kommt fast ohne cineastische Action aus, denn die Taten der Protagonisten sprechen für sich. Die Dystopie nähert sich in ihrer Umsetzung einem Familienroman, da im Zentrum immer Ruth und um ihr Umfeld stehen und auch die kleinen Dramen genauso wichtig sind wie die großen Veränderungen. An einigen Stellen greift die Autorin auch ein und gibt einen Ausblick auf zukünftige Geschehnisse, was für mich ein bisschen den Überraschungseffekt mindert.
Doch zeigt gerade der Schluss, dass sie bei mancher Vorhersehbarkeit ein Ass im Ärmel hat und die Geschichte anders endet, als man es lange Zeit vermutet.
Eine Dystopie, die sich nicht nur auf Krankheit und Tod stützt, sondern auch sehr auf Moral und menschliche Hingabe zielt. Die zeigt, dass Ideen gut gemeint, aber hinterhältig umgesetzt werden können. Ein Buch, welches Konsequenzen aufzeigt, die andere Dystopien ausblenden. 

4 von 5 "Traum"städten

Freitag, 30. Januar 2026

Sara Dellabella "Die Irrfahrt der St. Louis"

Es gibt Geschichten, die sind so unglaublich, dass man kaum fassen kann, dass sie wahr sind.

Es war einmal ein Schiff, das machte sich 1939 in Richtung Kuba auf, um 937 Menschen in ihre neue Heimat zu bringen. Doch die Welt hatte anderes mit der St. Louis und ihren Passagieren vor. Denn kaum waren sie dort angekommen, wurde ihnen die Einreise trotz zuvor gültiger Visa verwehrt. Ein Tauziehen zwischen der Schifffahrtsgesellschaft, dem Kapitän und mehreren großen Ländern begann, nur damit die St. Louis bis auf wenige Ausnahmen alle Menschen wieder mit nach Europa nahm.

Was im ersten Moment durch die Graphic Novel als Erzählung anmuten könnte, ist die reale Geschichte um Sol Messinger und der anderen Passagiere der St. Louis, die Kapitän Gustav Schröder gesund ins neue Land bringen wollte.
Der geschichtliche Hintergrund ist in jedem Bild spürbar. Die Wut, die Aufregung, manchmal auch der Hass, werden durch die Farbgebung und die gezackten Zeichnungen verdeutlicht. Man fühlt die Situationen und man ist auch heute noch sprachlos, wenn man sich der Umstände bewusst ist. Die Autorin Sara Dellebella und der Zeichner Alessio Lo Manto halten die Waage und zeigen, wie es sich abgespielt haben könnte, ohne dabei den Spannungsbogen zu vernachlässigen.

Abgerundet wird die Graphic Novel durch mehrere Stellungnahmen z.B. von Sol Messinger und Justin Trudeau. Weiterhin gibt das Buch Lesetipps zum Thema und Auskunft über das Schicksal der Passagiere, soweit es bekannt ist.
Ein beklemmendes Buch, was für einen ganz anderen Aspekt des Zweiten Weltkrieges Zeugnis ablegt.

4 von 5 Schiffen

Donnerstag, 29. Januar 2026

Autoreninterview Anke Küpper

Hallo zusammen.
Ein neues Jahr und ein neues Interview habe ich für euch.
Anke Küpper dürften viele von euch kennen, wenn sie sich mit deutschen Kurzgeschichten und Kriminalromanen beschäftigten. Zuletzt erschien "Ein Huhn, ein Mord" mit vielen Kurzkrimis rund um das geliebte Federvieh. 

(Bild: Anke Küpper (privat), Grafik: Maximilian Wust)

Du hast in den letzten Jahren viele Krimianthologien herausgegeben. Was macht für dich den Reiz bei Kurzgeschichten aus?
Kurzkrimis sind für mich eine gute Möglichkeit, mal andere Subgenres usw. auszuprobieren. Ich kann cosy schreiben oder aus der Perspektive einer unzuverlässigen Erzählerin, ohne dass es gleich ein ganzer Roman in dem Stil werden muss. Generell schreibe ich gern auf den Punkt.

Zuletzt erschien "Ein Huhn, ein Mord". Wie bist du auf das Thema gekommen?
Ich habe selbst Hühner. Die sind sowieso immer Thema bei mir.

Bleiben wir noch einen Moment bei den Hühnern. Wie kann man sich die Arbeit an einer Anthologie vorstellen? Wie wählt man die Autoren und Autorinnen aus?
„Ein Huhn, ein Mord“ haben wir zu dritt herausgegeben. Von daher haben wir alle drei überlegt, wen wir gern dabeihaben möchten. Die Schnittmenge war sehr groß. Und fast alle, die wir gefragt haben, haben zugesagt. Mit uns sind allein neun Mörderische Schwestern dabei. Aber auch drei nette Männer 😊

Was macht eine Kurzgeschichte aus, damit sie dein Interesse erweckt?
Ein guter Kurzkrimi startet ohne langes Vorgeplänkel. Sowieso gilt für den ganzen Text: Kein Wort zu viel! Und am Ende sollte eine überraschende Wendung bzw. Auflösung das Gelesene noch mal in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Arbeitest du bereits an einer neuen Anthologie?
Aktuell nicht. Aber das kann sich erfahrungsgemäß schnell ändern 😉

Du gibst nicht nur Anthologien heraus, du schreibst auch selbst. Kommt von dir dieses Jahr auch ein neues Buch?
Dieses Jahr erscheinen bis jetzt zwei Kurzkrimis, mehrere Pixi-Bücher und zwei Quizze von mir. An einem neuen Kriminalroman arbeite ich.

Welches Buch liest du zur Zeit?
Gerade habe ich Susanne Tägders „Das Schweigen des Wassers“ ausgelesen. Großartig!


Wer neugierig ist, kann hier mehr über Anke erfahren:
anke-kuepper.de
instagram.com/anke_kuepper

Nächsten Monat gibt es ein neues Interview.

Montag, 26. Januar 2026

Jan Beinßen "Der Wintermordclub"

Ein kleines, aber feines Hotel an der Küste Frankreichs kurz vor Weihnachten.
Ein Gruppe älterer Menschen treffen sich einmal jährlich und veranstalten ein Krimidinner. Ihr Hintergrund: Sie waren früher alle bei der Polizei oder bei ähnlichen Instituten angestellt. Alles scheint wie immer, doch plötzlich gibt es eine echte Leiche und es ist einer der Senioren. Was ist passiert und vor allem: Warum?

Jan Beinßen liefert einen richtig gelungenen Kriminalfall ab. Mit jedem Kapitel ändert er die Erzählperspektive und begleitet so alle ehemaligen Ermittler durch die Geschichte. Er deutet ihre Geheimnisse und auch die Beziehungen untereinander an und erzählt in Rückblenden, wie sie sich bei ihrem großen Fall kennengelernt haben.
Alle haben etwas zu verlieren und doch wirkt kein Charakter unsympathisch. Über 350 Seiten schafft es der Autor den Leser mal mehr, mal weniger an der Nase herumzuführen, denn schuldig können sie alle sein.

Ein großartiger Krimi im Stil des Golden Age, der zeigt, mutige Entscheidungen erschaffen beeindruckende Bücher.

5 von 5 Interpolagenten