Dienstag, 31. Oktober 2023

Philip Kerr "1984.4"

Jeder Schreiberling hat ein Werk, das ihn beeindruckt und vielleicht auch selbst zum Schreiben animiert hat. Sich selbst hinzusetzen und die eigene Version des geliebten Buches zu schreiben, kann ein Glücksgriff werden oder aber ein Fehlgriff.
Ich schwanke immer noch mit meinem Urteil, während ich diese Zeilen schreibe.
Ich hatte das Original extra zuvor gelesen, weil es in meiner Erinnerung nicht mehr präsent genug war, um die beiden Bücher vergleichen zu können. Denn das ist es, was ein Autor mit der eigenen Version erreicht. Er wird mit dem Original verglichen. Ob bewusst oder unbewusst spielt dabei keine Rolle, er muss sich dem Vergleich stellen.

Philip Kerr siedelt seine Version "1984.4" im Jahr 2034 an. Die "freiwillige" Euthanasie ist vorgeschrieben und wird rigide durch den Senior Service kontrolliert. Florence schafft es aus dem Volk zum Service und wird zur besten Schülerin, die der Service je hatte, bis ihre eigene Mutter vorzeitig erkrankt und Florence sich bei einer Verfolgung in einem alten Kino widerfindet.

Ich mag Philip Kerrs Art zu schreiben, doch ... ich weiß nicht, wie ich das Buch bewerten soll. Das Buch ist in so vielen Punkten dem Original ähnlich, dass es kaum eine eigene Dynamik entwickelt. Die Personen bleiben grau und man hat das Gefühl, eine Kopie des Originals zu lesen, welches lediglich in ein paar Punkten modernisiert wurde. Man leidet nicht so sehr mit den Protagonisten, man hat kaum eine Bindung zu ihnen.
Das Buch als Abklatsch zu bewerten, würde allerdings dem Autoren auch nicht gerechnet. Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass das Buch posthum veröffentlicht und er keine eigene Überarbeitung mehr vornehmen konnte, was die blasse Art des Autors in dem Buch erklären könnte.
Trotzdem war das Buch es für mich als Lektion das Lesen wert. Manche großen Texte gehören unangetastet. Man kann bei einer Neuadaption so oder so nur verlieren.

Eine Sternebewertung kann ich aus den oben genannten Gründen dieses Mal nicht vornehmen.

Zeitschrift des Monats "Totenschein"

Zumeist sind es Bücher, die einem als Leser ins Auge springen, dabei gibt es wahrlich viele andere Möglichkeiten an Texte, Berichte und Geschichten zu kommen. Dieses Jahr nehme ich euch einmal im Monat in die Welt der Zeitschriften mit. Die Zeitschriften umfassen die verschiedenen Genres wie Krimis, Fantasy, Science-Fiction oder bilden ein buntes Crossover. Von Printausgaben über Downloads, von kostenlosen Exemplaren bis hin zum Hochglanzmagazin ist so manches dabei, was das Leserherz höher schlagen lassen kann. So genug der Einleitung, schauen wir uns die zehnte Zeitschrift an:


Name: Totenschein
Turnus: ein- bis zweimal jährlich
Preis: Printausgabe 2,90 Euro
Bezugsadresse: carstenschmitt.com/totenschein-story-zine/
Seitenumfang: circa 8 Seiten

Neben dem eigenwilligen Namen fällt die Zeitung auch mit ihrer besonderen Optik auf. Gedruckt im für Zeitungen üblichen Format und Schriftbild besticht sie gerade durch ihrer Kürze. Ein Gedicht findet sich neben versetzt gedruckten Kurzgeschichten von Carsten Schmitt und Tanja Karmann, hier eine kleine "Werbung", dort ein Memento Mori ist diese Zeitung für Fans der unheimlich-phantastischen Literatur ein wahrer Augenschmaus. Als Duo-Projekt angelegt stellen nur Tanja Karmann und Carsten Schmitt die Texte aus und sorgen damit für eine ausgesprochene Authentizität.

Aktuell ist die fünfte Ausgabe erschienen, die man über die Internetseite beziehen kann. Als "Dauertotenschein" ist die Zeitung auch als Abonnement erhältlich.

Hier geht es zur Webseite: carstenschmitt.com/totenschein-story-zine/

Sharon Gosling "Lighthouse Bookshop"

Ein Leuchtturm voller Bücher - ein Traum für Rachel, nachdem sie ihr Heim verlassen musste. In einem kleinen schottischen Dorf kommt sie zur Ruhe und findet in den Bewohnern die Familie, die sie niemals hatte. Doch als der Besitzer des Leuchtturmes stirbt, kommen viele Dinge ans Tageslicht. Manche hätten verborgen bleiben sollen und bei anderen bedauert man, dass sie nicht schon eher zutage gekommen sind.
Bücher.
Leuchtturm.
Konfliktlösungen.

Das Buch bietet alles, was Bücherliebhaber brauchen. Die Handlung bindet das Thema Bücher, Bücher sammeln und Bücher pflegen in einer Intensität ein, wie ich es selten bei einem Roman erlebt habe. Dabei ist es wie mit den Büchern selbst, sie drängen sich nicht auf. Sie sind geduldig und warten auf ihre jeweilige Zeit. Keines drängelt sich vor und alle warten, bis sie in der Handlung ihren Platz haben, um ihre Kraft zu entfalten.
Die Figuren sind liebevoll und detailliert ausgestaltet und man ist traurig, wenn man diese Gemeinschaft auf der letzten Seite verlassen muss.
Denn während des gesamten Buches wächst der Wunsch in einem Leuchtturm zu wohnen und dort die eigene Bibliothek aufzubauen.

Wären da nicht die Treppen ...

5 von 5 Leuchttürmen

Montag, 30. Oktober 2023

Sven Nieder (Hrsg) "Planta Nubo"

Wie könnte eine neue Welt aussehen, nachdem wir sie ausgebeutet haben? 
Diese spannende Frage haben sich die Herausgeber Sven Nieder und Andi Bottlinger in "Planta Nubo" gestellt. Sie schaffen ihre eigene Welt mit Baumgiganten, sogenannten Arboren, auf denen die Menschen mit den Fragmenten der früheren Zivilisation leben und versuchen eine neue Gemeinschaft anzusiedeln.
20 Autor:innen haben ihre Zukunftsvision in das vorgebenene Setting eingepflanzt und so streifen die Lesenden durch eine vermeintlich konstante und doch jeweils individuelle Welt. Probleme gibt es selbst nach dem Zusammenbruch zuhauf, denn man schafft nicht einmal eben eine neue Welt.
Die Umwelt leidet immer noch und Menschen gehen auch in der vermeintlich neuen und somit besseren Welt verloren. Somit handeln die Texte von ähnlichen Themen, wie es andere Zukunftsanthologien tun, doch die Aussicht ist durch den Solarpunk eher positiv gestimmt. Besinnung auf natürliche Ressourcen, das Nutzen von bereits vorhandenen Techniken und das heute noch stiefkindliche Thema Recycling oder auch das Reparieren von Dingen rückt in den Mittelpunkt des Interesses.
Natürlich liegt den einzelnen die eine oder andere Geschichte mehr als die andere und manche Inhalte haben größere Schnittmengen als andere, doch zeichnet die Anthologie ein optimistischeres Bild einer Vision als manch andere Zukunftsbücher.
Optisch hochwertig aufgemacht, ist zu dem Buch ein Brettspiel erschienen, welches die Welt von "Overgrown" visualisiert und spielerisch erfahrbar macht.
In einer Welt, in der die Natur im Mittelpunkt steht und der Mensch seinen Platz akzeptiert, findet die Solarpunk-Anthologie ihren Platz und lässt trotz aller jetzigen Widrigkeiten leise auf die Zukunft hoffen.

4 von 5 Luftschiffen

Danke an den Verlag für das Rezi-Exemplar.

Sonntag, 29. Oktober 2023

Tim Collins "Meisterdetektiv Sherlock Bones: Die Jagd nach den Kronjuwelen"

Sherlock Holmes ist wahrsten Sinne des Wortes "auf den Hund gekommen". Im ersten Band von Tim Collins' Reihe über Sherlock Bones wird der bekannte Detektiv zum Hund und Dr. Watson wird zur Katze Dr. Catson. Die Handlung bliebt in London, doch werden die Straßennamen angepasst. So residieren die beiden in der Barker Street oder das vornehme Viertel nennt sich Belling Hill. Neben kleinerer Diebstähle wurden die Kronjuwelen der Mops-Königin gestohlen und Inspektor Bluthund kann mit seiner Einheit von Hundewelpen den Fall nicht allein lösen. Somit ist es an dem großen Detektiv, dessen Lupe und seiner Chronistin sich des Falles anzunehmen und ihn zu lösen.
Neben der eigentlichen Geschichte gilt es für den Leser 30 Rätsel zu lösen. Bilderrätsel, versteckte Nachrichten, Vergleichsbilder, dem Rätselfreudigen stehen die verschiedenen Rätsel zur Auswahl und begleiten die Kapitel. 
Wie schon in den originalen Texten sind die Hierarchien auch in dieser Kinder-Rätsel-Geschichte offensichtlich: Sherlock Bones ist der große Held und Dr. Catson und Inspektor Bluthund sind die Nebencharaktere, die ohne den großen Detektiv den Fall nicht lösen würden.
Neben den Rätseln laden seitengroße Bilder zum Erforschen des etwas anderen Holmes/Bones-Universum ein und dem Autor gelingt es den charmanten Spagat zwischen Original und eigener Interpretation zu meistern. Der Fall ansich ist für einen erwachsenen Leser schnell gelöst und doch liest man die Geschichte auf Grund ihres Charmes gerne zu Ende.
Ein gelungener Start in eine neue, etwas andere Sherlock Holmes, ich meine, Sherlock Bones Reihe.

4,5 von 5 Hundeknochen 

Montag, 16. Oktober 2023

Laura Vinogradova "Wie ich lernte, den Fluss zu lieben"

Wieviel kann ein Mensch ertragen, bis er unter seinen Sorgen zusammenbricht?

Rute hatte es nie leicht im Leben. Die Mutter, eine Vagabundin, zerrte Rute mit ihrer Schwester von Mann zu Mann und ihre Wahl war dabei nie sonderlich glücklich.
Als Rutes Vater stirbt, fällt sie in einen unsagbar tiefes Loch. Die Mutter im Gefängnis, die Schwester seit Jahren verschwunden. Obwohl Rute ihren Vater nicht kannte, macht sie sich auf, um sein kleines Haus am Fluss zu besuchen und bleibt dort länger, als sie ursprünglich geahnt hätte.

Wo andere Bücher auf die Tränendrüse drücken, lässt sich die Autorin in ihrem Erstling Zeit die Stimmung und die Zerrissenheit ihrer Protagonistin aufzubauen, was ihr auf 124 Seiten gut gelingt. Ähnlich einem Krimi, bekommt man immer nur einzelne Versatzstücke und wundert sich anfangs, wie und warum sie sich so verhält.
Rute ist dabei nicht zu stereotypisch, wie es bei anderen Bücher dieses Genres oft der Fall ist.

Die Autorin zeichnet wunderschön die zerrissene Frau, die in ihrem Leben eigentlich alles hat und trotzdem unsagbar traurig ist.
Sie schafft es Gefühle in Worte zu packen, sie so zu drehen, dass auch Menschen, die diese Zerrissenheit nicht kennen, sich ein Bild dieser Schwere machen können.
Ohne zu überzeichnen, gelingt es ihr, das Leben einer jungen Frau zu zeigen und zu beweisen, dass jeder nur einen Schritt von seinem eigenen Fluss entfernt ist.

Ein starkes Debut, was neugierig auf weitere Werke macht.

5 von 5 Flüssen 

Danke an Schönebücher Magazin und Paperento für das Rezensionsexemplar.

Donnerstag, 12. Oktober 2023

Piper Digital "Weihnachtsduft und Erfindergeist"

Adventskalender gibt es viele -  aber dieses Buch ist etwas ganz besonderes.
Während andere "Buch-Adventskalender" eine Geschichte erzählen oder man bei der Geschichte zum Mitraten animiert wird, bietet dieses Buch Einblicke in 26 andere Bücher.
Wie das sein kann? 

Der Verlag hat verschiedene Autorinnen gebeten, kleine Weihnachtsgeschichten zu ihren bereits veröffentlichten Büchern über 26 berühmte Frauen zu schreiben.

So reist man durch die verschiedenen Jahrhunderte und in die unterschiedlichsten Länder, wobei man dort jeweils an einer Weihnachtssequenz teilnimmt. Abgerundet werden die Texte mit einer kleinen Biografie über die ausgewählte Dame. Und manchmal bekommt man einen Hinweis darauf, ob die erzählte Geschichte auf einer wahren Begebenheit fußt oder ob die Autorin kreativ ihre Geschichte in die Historie eingebettet hat. Abschließend erfährt man, in welchem Roman die Lebensgeschichte der berühmten Frau geschildert wird.

Das Buch ist eine sehr interessante Art einen Adventskalender zu gestalten. An jedem Tag lernt man eine mal mehr, mal weniger bekannte Persönlichkeit kennen und man kann, wie eine Art Leseprobe, ausprobieren, welcher Schreibstil der Autorinnen einem zusagt. Gleichzeitig ist das Buch wie ein großer Wunschzettel, bei dem man nach und nach abhaken kann, über welche Frau man mehr erfahren möchte.

Ein tolles Buch, perfekt für die Vorweihnachtszeit.

4 von 5 Adventskalendern

Samstag, 7. Oktober 2023

Anke Küpper & Franziska Henze (Hrsg) "Tee. Matcha. Mord"

Eine gute Tasse Tee ...
So bekannt die Weisheit ist, desto mehr hinterfragt man sie, wenn man diese Anthologie beendet hat. Denn, soviel sei gesagt, auch wenn der Tee natürlich nicht immer die Ursache ist, das wäre schlichtweg zu einfach, so spielt er in der jeder der zwanzig Kurzgeschichten eine zentrale Rolle. 
Anke Küpper und Franziska Henze beweisen nach ihren Anthologien Tatort Nord und Tatort Nord 2 erneut ein wahnsinniges Gespür für gute Geschichten. Denn bedenkt man, wie literarisch eng das Thema für die Kurzgeschichtensammlung gesteckt ist, überrascht auch diese Anthologie mit ihrer Themenvielfalt und den sehr unterschiedlichen Herangehensweisen.
Mal historisch, mal zur See, mal im Garten und mal, nein noch mehr verrate ich nicht.
Die Geschichten laden alle zum Miträtseln ein und man kann seine Menschenkenntnis ein um das andere Mal testen.
Dabei handeln die Geschichten nicht nur in Deutschland. Auch hier schöpfen die Herausgeberinnen aus den Vollen und die Krimis führen uns in fremde Länder und somit auch an andere Sitten heran, was den Rätselspaß erhöht.
Ganz nebenbei lernt man viel über Tee. Seine Geschichte, seine Zubereitung und den jeweiligen Charakter der einzelnen Sorten.
Spannend sind die Erzählungen bis zur jeweils letzten Seite und man fragt sich, wie die beiden Herausgeberinnen die drei Anthologien toppen wollen.

5 von 5 Teekannen

Donnerstag, 5. Oktober 2023

Autoreninterview Birgit Böllinger

Hallo zusammen.
Wieder habe ich mich auf die Suche nach einer interessanten Autorin gemacht und habe jemand Nettes gefunden, die mir meine Fragen beantworten möchte. Wobei Autorin es diese Woche erneut nicht trifft. Birgit Böllinger arbeitet hinter den Kulissen, als Pressesprecherin für unabhängige Verlage. Was es damit auf sich hat? Lest selbst: 

Birgit Böllinger (privat)

Wie bist du in die Verlagswelt gekommen?
Bis 2020 hatte ich einen ganz „normalen“ Job als Pressesprecherin bei einer überregionalen Behörde.
In der Freizeit betrieb ich jedoch einen Blog, damals hieß er „Sätze & Schätze“ – gelesen habe ich immer schon viel und der Blog war eine wunderbare Möglichkeit, mich mit anderen auszutauschen, aber auch Literatur kennenzulernen, die mir in der Buchhandlung möglicherweise nicht begegnet wäre: Die ganze Bandbreite toller Veröffentlichungen der unabhängigen Verlage. Das Bloggen nahm immer mehr Zeit ein in meinem Leben und auch der Wunsch, mit Mitte 50 vielleicht beruflich noch etwas anderes zu tun. Als mich eine Kollegin aus einem unabhängigen Verlag fragte, ob ich mir vorstellen könnte, nebenberuflich ihren Job zu übernehmen, zögerte ich nicht lange. Inzwischen bin ich selbständig und habe mich auf die Pressearbeit für unabhängige Verlage und im Auftrag von Autor*innen spezialisiert. Und ich kann nach drei Jahren sagen: Es war die richtige Entscheidung.

Wie kann man sich deinen Arbeitsalltag vorstellen?
Weniger glamourös, wie manche vielleicht meinen 😊. Ich lese natürlich viel, die Verlage, für die ich tätig bin, schicken mir in der Regel schon vor Erscheinen die Manuskripte der Bücher, die ich bewerben soll. Dann entwickle ich ein Konzept: Wen könnte das Buch interessieren, welche Kritiker*innen, Journalist*innen und Blogger*innen soll ich ansprechen? Als nächstes folgt der Entwurf einer Pressemitteilung, die hoffentlich neugierig macht, dann die Aussendung per Mail und telefonisches Nachhaken. Wichtig ist natürlich die Präsenz auf den beiden Messen, um Kontakte zu knüpfen zu Multiplikator*innen oder diese eben frisch zu halten.

Unterscheidet sich deine private Lektüre von dem, was du arbeitstechnisch lesen musst?
Privat nehme ich mir immer mal wieder Leseprojekte vor – das heißt, ich lese mehrere Bücher einer Autorin, eines Autors, die mich interessieren, hintereinander. Das sind dann oftmals Klassiker*innen. Diesen Sommer habe ich mich durch die halbe Maigret-Reihe von Georges Simenon gelesen, das hat einfach Spaß gemacht.

Hat man auch nach Jahren in der Branche und trotz aller Professionalität Lieblingsbücher, bei denen man sich besonders freut, dass man sie bei der Veröffentlichung begleiten darf?
Das kann ich eigentlich so nicht sagen. Oftmals sind es ja auch mir völlig unbekannte Autor*innen, die ich für die unabhängigen Verlage betreue. Da staune ich immer wieder über die Vielfalt und den Reichtum, den diese engagierten Verleger*innen entdecken. Ich würde es eher so formulieren: Durch die Edition Faust habe ich erst einen Zugang zu Graphic Novels gefunden, die STROUX edition hat mir die Vielfalt der nordischen Literatur eröffnet und über den axel dielmann verlag habe ich herrlich schräge Romane, beispielsweise von Michael Wäser, entdeckt, um nur einige Beispiele zu nennen.

Was ist deine Lieblingsaufgabe in deinem Job?
Das „Einsammeln“ schöner Rezensionen. Ich freue mich einfach, wenn ich merke, dass die Bücher auch bei anderen gut ankommen.

Gibt es Autoren, die du besonders gerne einmal persönlich kennenlernen würdest?
Sehr schwierige Frage! Es gäbe so viele, aber ich hätte vermutlich einen riesigen Bammel davor, doofe Fragen zu stellen 😊 Nun ja, Wilhelm Genazinos Bücher liebe ich durch die Bank. Ich konnte ihn noch bei einer Lesung erleben, er war so bescheiden und sympathisch. Mit ihm hätte ich gerne noch einen langen Spaziergang durch Frankfurt gemacht.

Welches Buch liegt aktuell auf deinem Nachttisch?
Noch eines von Georges Simenon: „Maigret und die junge Tote“. Dann ist es aber auch gut mit der Krimi-Phase.

Nachdem ihr wisst, was Birgit für die Buchbranche auf die Beine stellt, könnt ihr hier mehr über sie erfahren:

In diesem Sinne, fröhliches Lesen und freut euch, wenn es demnächst ein weiteres Interview gibt. 

Dienstag, 3. Oktober 2023

Theodor Fontane "Auf der Suche"

Kurzgeschichten sind keine moderne Erfindung und sie sind nur bedingt eine Erfindung der englischen Literatur. Denn auch wenn die Engländer sie bis heute besser zu wissen schätzen als die Deutschen, gab es auch schon vor über hundert Jahren Deutsche die Kurzgeschichten schrieben.
Der vorliegende Band von Theodor Fontane fasst erstmals sechs seiner Kurzgeschichten in Buchform zusammen und zeigt, dass auch er schon wusste, was eine gute Kurzgeschichte ausmacht. 
Stimmung, Atmosphäre und gegebenenfalls auch Moral und Anstand in einen kurzen Text zu packen, das kann bekanntlich nicht jeder und so ist ein Fest diese wundervollen, atmosphärisch dichten Texte zu lesen. Sie wirken heute ein bißchen aus der Zeit gefallen, da es viele Dinge aus Fontanes Zeit nicht mehr gibt, aber spätestens der Anhang zeigt, wo damals in den Texten die unterschiedliche Brisanz lag (Stichwort: Kuppelei oder auch Laborant). 
Beim Lesen muss man sich anfänglich auf die Sprache einstellen, denn der Verlag hat glücklicherweise darauf verzichtet, den Text zu modernisieren. Eine Tatsache, die ich bei älteren Texten durchaus begrüße. Man taucht dadurch noch mehr in die vergangene Zeit, ihre Werte und ihre Vorstellungen ein und ist dabei in einer kleinen Zeitkapsel gefangen, die man erst beim Schließen des Buches wieder verlassen muss.
Ein fortwährendes Carpe diem liest sich zwischen den Zeilen und man ist erstaunt, wieviel Anmut in den Zeilen steckt. 
Wer Fontane bereits kennt, findet sehr deutlich seine Art der Kritik wieder und wer ihn nicht kennt, kann ihn in sechs Geschichten kennenlernen.

5 von 5 short stories