Montag, 18. Mai 2026

Blanca Imboden "heimelig"

Eigentlich fühlt sich Nelly mit ihren siebenundsiebzig Jahren viel zu jung für das Altersheim. Doch nachdem ihr Mann verstorben ist, treibt ihre Tochter sie aus dem alten Haus, um ein neues bauen. Eins ohne Seele, wie Nelly findet, weshalb sie keinen anderen Ausweg als das Heim sieht. Doch recht schnell wird ihr klar, dass sie noch viel zu agil ist, um die ganze Zeit in den vier Wänden zu bleiben. So schmiedet sie mit den anderen Bewohnern einen Plan. Sie will einmal das Alphabet bereisen. Das heißt, sie plant für jeden Buchstaben einen Ausflug. Ihre erste Reise bringt sie nach Ascona und sie spürt, auch wenn sie traurige Erinnerungen an den Ort hat, ist es das Unterwegssein, was ihr fehlt.

Es ist nicht nur die Handlung, die dieses Buch besonders macht, es sind auch die Zwischentöne. Die Autorin schafft es, die unterschiedlichen Perspektiven einzunehmen, auch wenn sie sich zumeist an Nelly orientiert. Denn als Mensch, der in den eigenen vier Wänden lebt, ist es schwer vorstellbar, wenn man im Alter, wenn jede Veränderung schwer ist, das Zuhause verlassen muss. Man muss sich kleine Räume mit anderen teilen, ist auf Menschen angewiesen, die wenig Zeit haben und zumeist tut einem irgendwas weh. Die Autorin schafft es mit Feingefühl, diese Gefühle zu fassen und auch wirklich alle Kehrseiten zu begreifen. Sie beleuchtet an einzelnen Neuankömmlingen, dass immer eine Geschichte hinter dem Einzug steckt und dass es nie leicht ist.

Sie verwebt zahlreiche Handlungsstränge und schafft für ihre Protagonistin eine Zukunft, die weit rosiger ist, als die der meisten. Gleichzeitig schärft sie das Verständnis für andere, wobei ihr dies mit einem sanften Ton gelingt.

4 von 5 Koffern

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